Eine ganz normale Konferenz

Heute stand eine große Schüssel mit Schokoladenbonbons und eine große Schüssel mit Mini-Schokoriegeln auf dem Konferenztisch. Dazu gab es eine Platte mit Brötchen. Diese waren mit Eiersalat, Mett, Käse, Schinken, Wurst und Fleischsalat belegt.

Die Konferenz dauerte fast drei Stunden. In diesen drei Stunden hatte ich mindestens siebenmal den Impuls in die Schüssel mit Schokoriegeln zu greifen. Und ich hab’s sein lassen. Ich habe nur ein halbes Brötchen mit gekochtem Schinken gegessen und auch diesem wirklich leckeren Eiersalat widerstanden.

Gut, nicht wahr?

Ich versuche, nicht mit meinem Verlangen nach Süßem zu kämpfen, sondern es einfach nur wahrzunehmen und anzunehmen, und meine Aufmerksamkeit dann auf etwas anderes zu richten. So, wie ich mit meinen Jieper auf Zigaretten mache, der mich auch nach mehr als 5 Jahren Abstinenz hin und wieder noch überfällt. Es hilft, und ich bin sicher, dass ich bei der nächsten Konferenz höchstens noch fünfmal den Impuls haben werde, in die Schüssel mit Süßigkeiten  greifen zu wollen.

Früher und Heute

Früher  musste ich sehr viel essen, um zuzunehmen.

Heute nehme ich rasend schnell zu. Manchmal nehme ich sogar zu, obwohl ich Kalorien gezählt und auf ausreichend Bewegung geachtet habe. .

Früher bereitete es mir keine Schwierigkeiten, abzunehmen. Wenn ich abnehmen wollte, machte ich entweder eine Diät oder ich aß weniger. Manchmal nur 3 Äpfel bis zum Abendessen und ich fühlte mich trotzdem leistungsfähig. Allerdings rauchte ich damals noch und kompensierte  viel Stress damit.

Heute ist das ganz anders.  Ich halte es nicht mehr aus, hungrig zu sein oder mich durch zu wenig Nahrung zu kasteien. Ich fühle mich dann den Anforderungen auf der Arbeit oder in der Familie nicht mehr gewachsen. Meine Konzentration lässt nach, ich werde nervös und rastlos.

Früher war mir mein Aussehen sehr wichtig. Ich habe viel Zeit und Energie in das richtige Make-up, in Shopping und Körperpflege investiert. Schlank sein stand dabei für Attraktivität. Ich fühlte mich anderen Frauen überlegen, wenn diese deutlich dicker waren als ich, und ich fühlte mich anderen Frauen unterlegen, wenn ich ein paar Kilos mehr auf die Waage brachte.

Heute haben die Verpflichtungen in Arbeit und Familie absoluten Vorrang. Im Alltag bleibt wenig Zeit, ans Aussehen zu denken. Allerdings vergleiche ich mein Aussehen immer noch mit dem anderer Frauen und dann tröstet es mich, zu sehen, dass es auch in meinem Alter viele schlanke Frauen gibt. Das gibt mir Hoffnung, denn es zeigt mir, dass älter werden nicht zwangsläufig dick werden bedeutet.

Früher hatte ich unendlich viel Energie. Manchmal wird mir ganz schwindlig, wenn ich daran denke, was ich als allein erziehende, voll berufstätige Mutter alles geschafft habe. Joggen, bevor ich die Kinder weckte, Frühstück für sie machen, zur Kita im Eilschritt, in letzter Minute auf der Arbeit erscheinen, im Eilschritt zur Kita, Judo, Schwimmen, Fußballtraining, einkaufen, Haushalt, Elternabende, die Kinder zu Freunden bringen und sie abholen, selbst die Wohnung voller Kinder haben, den Alltagskram organisieren und am Wochenende bis 04.00 Uhr morgens auf die Piste gehen, wenn sie mal beim Vater übernachten durften.

Heute komme ich von der Arbeit nach Hause,  sage meinem Lebensgefährten Hallo, mache die Runde mit dem Hund, bereite das Abendessen zu, und kämpfe darum, wenigstens bis 22.30 Uhr wach zu bleiben, bevor ich ins Bett falle. Alle weiteren Aktivitäten empfinde ich als höchst anstrengend. Auf das Wochenende freue ich mich vor allem, weil ich endlich ausschlafen kann.

Früher war ich fit und gelenkig. Beim Yoga kam ich mühelos in alle Positionen, konnte stundenlang wandern, schwimmen oder Rad fahren.

Heute bin ich nach einem zweistündigen Spaziergang erschöpft. Ich bin steif und unbeweglich. Das liegt zum Teil an meinem Gewicht, zum Teil an meiner Arthrose.

Früher war ich fest davon überzeugt, dass ich durch Abnehmen nicht nur meine Pfunde, sondern auch die meisten meiner Probleme loswerden könnte.

Heute weiß ich, dass ich meine Probleme lösen muss, wenn ich abnehmen will.

Müde, aber zufrieden

Ich bin gern ein paar Tage für mich allein. Aber heute morgen erschien mir das Wochenende endlos. Meine beste Freundin verreist, mein Lebensgefährte immer noch bei seiner Familie, meine Söhne weit weg und dann noch Regen, Regen, Regen. Nach dem Hundespaziergang saß ich mit einem Becher Kaffee vor meinem Rechner, las die Nachrichten und surfte umher, und fühlte mich immer mürrischer und lustloser. Es gipfelte darin, dass ich eine Runde Spider Solitär nach der anderen spielte.

Vielleicht war es die Sonne, die langsam raus kam, vielleicht der Briefträger, der etwas in den Briefkasten warf, aber gegen  11.30 Uhr  gelang es mir schließlich  mich von meinem Stuhl zu erheben, zum Briefkasten zu gehen und einen Haufen Reklame und eine Rechnung reinzuholen. Ich hatte meinen Hintern hochgekriegt und entschloss mich, wenigstens die Küche aufzuräumen.

Zuerst räumte ich ziemlich lustlos das Geschirr in den Geschirrspüler, dann begann ich zu wischen und plötzlich war ich mittendrin. Aus Unlust und Missmut entstand ein Energieschub. Hausputz! Gut 4 Stunden habe ich Spinnweben von der Decke geholt, Staub gesaugt und gewischt, geschrubbt und poliert. Danach habe ich draußen weiter gemacht. Laub geharkt, Blumenkübel weggeräumt, den Gehweg gefegt.

Bin  mit dem Hund zum See gefahren und bis  zum Einbruch der Dunkelheit spazieren gegangen. Auf dem Rückweg waren wir  Einkaufen und jetzt sitze ich hier. Alles ist sauber und aufgeräumt und ich fühle mich müde, aber zufrieden. Den ganzen Tag bis zum Einkaufen habe ich nicht an Essen gedacht!

Gleich werde ich mir Tiefseegarnelen braten, mit viel Knoblauch und Chili, mir Kohlrabi und Möhren klein schneiden, ein paar Reiswaffeln dazu legen. Ich werde ein paar Kerzen anzünden, einen Film schauen und mich freuen, dass mir dieser Tag gut gelungen ist.