Fachtag

„Hallo Trina, ich hab dich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es Dir?“

„Gut“ sage ich und merke im gleichen Moment, dass das nicht wahr ist. „Und du, wie geht es dir?“, frage ich diese Kollegin, die ich seit der letzten Fachtagung vor 2 Jahren nicht mehr gesehen habe. „Bist du noch bei der FfdB-Stiftung?“

Sie bejaht und wir lächeln uns zu.

„Ist ein interessantes Programm, findest du nicht?“

„Oh, ja und ich freue mich schon auf den Vortrag über ADHS, das wird bestimmt spannend.“

Ich weiß nicht so richtig, was ich noch sagen soll. Ich habe die Frau nie sonderlich gemocht, fand sie eher anstrengend. Ihr scheint es nicht viel besser zu gehen. Sie tritt von einem Fuß auf den anderen.

„Ich muss dann mal zu meinen Kolleginnen. Wir sehen uns später sicher noch mal.“ Mit diesen Worten zieht sie von dannen und ich spüre eine gewisse Erleichterung.

Ich hasse Fachtage. Sie werden von Kostenträgern und Kollegen besucht, wenn man Glück hat, gibt es interessante Vorträge, wenn man kein Glück hat, hört man zum 5. Mal einen Vortrag zum gleichen Thema. So wie heute. ADHS ist Dauerthema, stark im Trend.

Fünfeinhalb Monate noch, denke ich bei mir. Dann ist das alles nicht mehr deins.

Ich bewege mich auf das Buffett zu. Das ist immer das Beste an diesen Fachtagen. Ich nicke den Leuten im Raum zu, lächle, und stelle fest, dass die Garnelenspieße schon fast alle sind. Ich bin also nicht die Einzige, die gutem Essen nicht widerstehen kann. Ich greife mir den vorletzten Spieß, dazu noch einen Mini-Wrap mit Hummus. Blicke mich um im Raum und werde von der Seite von Ute angequatscht. Mit ihr habe ich mal zusammengearbeitet und ich freue mich, sie zu sehen.

„Na, hast du noch einen erwischt?“ Sie zeigt auf die Garnelenspieße. „Ich hatte schon drei davon und sie retten meinen Tag. Bei uns ist grade so viel los und das letzte, was ich gerade brauchen kann, ist ein Fachtag.“ Ich verstehe sie so gut und sage ihr das. Wir tauschen uns noch ein paar Minuten über alte Kollegen aus, lachen über alte Geschichten.

„Lass uns doch mal wieder zum Mittag treffen“, verabschiedet sie sich. Wir wissen beide, dass das nicht geschehen wird. Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, dass ich sie getroffen habe. Für dieses Jahr stehen keine Fachtage mehr an. Und nächstes Jahr, ja, da wird jemand anderes an meiner Stelle dabei sein.

Ich entschließe mich, den Tag zu genießen und blicke mich um, wen ich denn noch so kenne. So viele neue Gesichter. Jüngere Gesichter, sie wirken aufgeregt. Ich erinnere mich, dass es mir früher auch mal so ging. Fachtage, da versammelt sich die Leitungsebene und alle, die in der Branche was zu sagen haben. Eine Gelegenheit, sich Kostenträgern zu präsentieren. Was war ich stolz, als ich mit meiner damaligen Chefin zum ersten Mal zu einem Fachtag durfte. Borderline war das Thema, das erinnere ich noch. Mittlerweile habe ich selbst Vorträge auf Fachtagen gehalten und unsere Einrichtung präsentiert. Jetzt habe ich selbst zwei Mitarbeiterinnen, die um meine Nachfolge konkurrieren und die ich zum ersten Mal mitgenommen habe.

Ich beobachte, wie sie von Grüppchen zu Grüppchen gehen, sich angeregt unterhalten. Sie sind beide gut. Ich kann loslassen. Es fällt mir nicht leicht nach über 30 Jahren in dieser Einrichtung.

Werde ich all das hier vermissen? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Na ja, ein paar Stunden in der Woche will ich auch als Rentnerin noch machen, aber nur etwas, was mir Spaß macht. Fachtage werden nicht dazu gehören, dafür bin ich dann nicht mehr wichtig genug.

Sonntagsgedanken: Trampelpfade

Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern, aber du kannst jetzt anfangen und das Ende ändern“ (Maya Angelou, amerikanische Bürgerrechtlerin)

„Im Walde zwei Wege boten sich mir dar und ich ging den, der weniger betreten war – und das veränderte mein Leben“ – Walt Whitman (amerikanischer Lyriker des 19. Jh.)

Vor ein paar Tagen, auf einem Spaziergang, schoss mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass ich mich selbst nicht sonderlich ernst nehme. Ich war wieder einmal zur Arbeit gegangen, obwohl ich mich wegen einer Magenschleimhautentzündung schlapp und angeschlagen fühlte.

Die Erkenntnis ist nicht neu. So mache ich es seit Jahrzehnten. .

Ich höre nicht auf mich.. Bin Meisterin darin, meine Wünsche und Bedürfnisse zu ignorieren. Mich nicht wichtig zu nehmen. Oft anderen zuliebe, manchmal aus Bequemlichkeit. Was habe ich davon?

Kopf und Verstand sind gut entwickelt. Selbstachtung, Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge sind zugunsten von Anpassung und Gefallen-wollen verkümmert. Selbstausbeutung und manchmal auch ausgebeutet werden. Ein Leben, das sich in dunklen Momenten falsch anfühlt.

Daher sehe ich es als meine Lebensherausforderung zu lernen, auf mich selbst zu hören. Ich übe, wahrzunehmen, was ich fühle, was ich brauche, was ich mir wünsche, worauf ich Lust habe. Dafür mache ich Qi Gong, dafür lerne ich meditieren.

Wie immer habe ich den Anspruch, sofort großartig darin zu sein, und meine Verhaltensmuster binnen weniger Tage zu ändern.

Leider gelingt mir das nicht. Ich habe schon Schwierigkeiten wahrzunehmen, wozu ich eigentlich gerade richtig Lust habe.

Während ich dies schreibe, muss ich ein bisschen über mich selbst lachen. Habe ich doch jahrzehntelang meinen Klienten folgendes mit auf den Weg gegeben:

Discounterbesuch

„Ich will Birnen. Können wir die kaufen?“ Er mag vielleicht fünf sein, der kleine Junge, der seine Mutter bittend ansieht. Diese, schulterlanges braunes Haar, schmales Gesicht ohne Make-up, Jeans und hellgrünes T.Shirt, schüttelt den Kopf.

„Nein, Schatz. Das ist nicht die Jahreszeit dafür. Birnen sind jetzt nicht in der Saison.“ Dann erklärt sie dem Kleinen lang und breit, dass es gesünder und besser für die Natur ist, die Dinge zu essen, die gerade jetzt bei uns reif sind.

Eigentlich wollte ich genau diese Birnen gerade in meinen Einkaufswagen packen, aber nun regt sich mein Öko-Gewissen. Ich schäme mich ein bisschen, so gar nicht umweltgerecht einzukaufen und warte bis sie und der Junge nicht mehr zu sehen sind, bevor ich vier Birnen in meinen Einkaufskorb lege.

An der Kasse treffe ich die junge Mutter wieder. Ihr Mann, dezent nach einem teuren Männerparfüm duftend, und ein Mädchen, das vielleicht 10 Jahre alt ist, haben sich zu ihr gesellt. Ich kann es nicht lassen, und gucke in ihren Einkaufswagen. Unter einer großen Packung Klopapier sehe ich – Tiefkühlpizza, Kartoffelchips und Salzstangen. Daneben liegen ein paar traurige Radieschen. Ich bin ein wenig irritiert.

Auf dem Parkplatz stehen wir nebeneinander. Die Kinder sitzen schon im Auto und knabbern Kartoffelchips, der Mann lehnt an der Fahrertür und blickt auf sein Handy, dabei zieht er tief an einer Zigarette.

Hinten, am Kofferraum steht die junge Mutter. Sie verstaut den Inhalt des bis hoch oben beladenden Einkaufswagen, Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Tomaten und Gurken teilen sich den Platz mit Colaflaschen und Bratwurst. Sie sieht müde aus.

Mein Gott, schießt es mir durch den Kopf, die Arme, wollte sie etwa mich beeindrucken?