Jahrestage

Trinas Welt von A – Z: J wie Jahrestage

 Sie machen mich ein bisschen wehmütig, die Jahrestage. Je älter ich werde, desto mehr gibt es davon. Heute, z. B. ist es 17 Jahre her, dass ich meinem Lebensgefährten das erste Mal begegnete. Das war auf dem Hamburger Flughafen und wir verstanden uns sofort so gut, dass wir noch am gleichen Abend zusammen am Hafen zum Essen waren, bei einem Portugiesen. Wir haben uns eine Fischplatte für zwei bestellt und zwei Karaffen Vinho Verde getrunken. Danach waren wir auf dem Kiez, in der Paloma Bar und dann verschwimmt die Erinnerung. Am nächsten Tag haben wir uns gleich wieder gesehen, sind spazieren gegangen und haben noch mehr geredet. Danach haben wir uns mehrere Wochen nicht gesehen, denn zu dem Zeitpunkt war mein Lebensgefährte noch als Service Ingenieur unterwegs und war immer mehrere Wochen am Stück auf der Arbeit. Das nächste Mal haben wir uns in Norwegen getroffen, wo er lebte und wo ich ihn besuchte. Danach waren wir ein Paar.

Aber am 7. August bin ich 10 Jahre Nicht-Raucherin, darauf bin ich stolz. Ich gebe zu, hin und wieder packt mich noch mal die Lust auf eine Zigarette, aber ich werde mich hüten, dieser Versuchung nachzugeben, ich bin Suchtraucher, da bleibt es leider nicht bei einer Zigarette hin und wieder…

Im März war es 9 Jahre her, dass mein älterer Sohn ausgezogen ist und im November ist es 7 Jahre her, dass mein Kleiner in eine andere Stadt zog.  Ich fand es total blöd, als meine Kusine mal zu mir sagte, dass sie alles dafür geben würde, ihre Tochter noch mal für ein paar Stunden wieder als kleines Kind zu haben, aber plötzlich konnte ich sie verstehen. Fast zwei Jahre lebte ich zwischen Euphorie über die vielen neuen Freiräume, das Glücksgefühl, sie großgekriegt zu haben, und die Trauer darüber, dass es nie wieder so sein würde wie früher.

Fast jeden Monat gibt es einen oder zwei Jahrestage. Einige sind traurig, wie die Todestage lieber Menschen oder der Jahrestag meiner Scheidung. Andere sind belanglos, wie z. B. der 38. Jahrestag meines Abiturs in ein paar Tagen.

Jahrestage markieren den Lebensweg, aber sie sind nicht immer die entscheiden Tage im Leben. Ich habe mir nicht gemerkt, wann mir klar war, dass meine Ehe zerbrochen ist und der Tag, an dem ich die Zusage für meinen Job in den USA bekam war wichtiger als der Tag, in dem ich abgereist bin.

Ich führe keinen Kalender mit meinen Jahrestagen, aber heute, am Muttertag, als meine Söhne anriefen und ich meiner Mutter, die nun 80 wird, zum Kaffeetrinken war und wir über alte Zeiten sprachen, da wurde mir plötzlich bewusst, wie viele Jahre manche Dinge schon zurückliegen und wie sehr der eine oder der andere Tag in meinem Leben einen Wendepunkt markiert hat.  

Doch damit genug von der Vergangenheit:

Es gibt einen Spruch von Marianne Williamson, den ich sehr schätze:

„We do not heal the past by dwelling there. We heal the past by living in the present“

Sinngemäß: wir heilen die Vergangenheit nicht, indem wir dort verweilen. Wir heilen die Vergangenheit, indem wir in der Gegenwart leben.

Begehren

Wir haben einen neuen Ergotherapeuten in unserer Einrichtung und der sieht richtig gut aus. Immer wieder erwische ich mich dabei, ihn anzustarren, kann mich gar nicht satt sehen an seinen hübschen runden Po, seinen kräftigen Oberschenkel, den gut definierten Muskeln an den Armen, seinen sensiblen Hände, seinen weiten Mund und den leuchtenden Augen. Am liebsten würde ich ihm so nah kommen, dass ich ihn riechen kann, ihn einatmen, seine Haut berühren, die so weich und klar aussieht.

Wie habe ich mich früher über diese älteren Männer lustig gemacht, die mir als junge Frau auf den Po starrten, die ich leicht um den Finger wickeln konnte (und das auch getan habe). Ich habe mich geschmeichelt gefühlt und die Macht der Jugend genossen. Als schon etwas reifere Frau habe ich mich manchmal über meinen Mann geärgert, wenn er jungen Frauen hinter her schaute, irgendwie anders zu ihnen war als zu meinen Freundinnen.

Seit ein paar Tagen verstehe ich ihn. Ich kann meinen Blick kaum abwenden, wenn unser junger Ergo in der Nähe ist. Er hat Pluspunkte bei mir, bevor er gezeigt hat, was er wirklich kann. Nicht gut, ich weiß, aber ich bin menschlich.

Will ich eine Affäre mit ihm? Nein, definitiv NEIN. Das würde alles kaputt machen. Nein, eine reale Affäre mit ihm wäre nicht in meinem Sinne. Die würde mir ja die Realität um die Ohren hauen. Nein, eine Affäre mit einem jungen Mann will ich nicht. Ich will nichts über ihn wissen, ihn nicht kennen lernen. Vor allem will ich meinen vom Leben gezeichneten Körper nicht mit einem jungen und knackigen Körper vereinen, denn das würde mir deutlicher als alles andere machen, dass ich mich zwar jung fühle, es aber definitiv nicht mehr bin. Nein, ich will ihn einfach nur angucken und mich an seiner Perfektion erfreuen!

Der Anblick dieses jungen Mannes bringt mir die Erinnerung daran zurück, wie es war, jung zu sein, wie sich ein junger Körper anfühlt, wie es war, als mein Mann so jung war wie er, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie schön es war, so jung, ohne Kinder, ohne Verantwortung, einfach nur den Sommer genießen, halbnackt in der Sonne zu liegen, Liebe zu machen, bevor „Rücken“  und Arthrosen, Müdigkeit und Gewohnheit sich in die Beziehung schlichen. Unser junger Ergo bringt mich wieder in Kontakt mit der jungen Frau, die ich einmal war und die noch immer in mir schlummert.

Also begegne ich unserem neuen Ergo mit der gebührenden Professionalität und gönne mir nur hin und wieder, wenn es keiner merkt, einen langen Blick auf ihn, erfreue mich am Spiel seiner Muskeln, die Bewegungen seines Körpers, hoffe, dass der Herbst mit seinen Wollpullovern mir dieses Bild nicht allzu schnell zerstört.

Ob es Männern in meinem Alter auch so geht? Sie sich gar nicht für die jungen Frauen an sich erfreuen, sondern einfach nur dieses Gefühl, wieder im Kontakt mit der eigenen Jugend zu sein, genießen. Egal, ich fühle mich diesen Männern jetzt näher, habe ein bisschen mehr Verständnis dafür, wenn sie von einer jungen Frau  verzaubert sind.

Es geht ja nicht um die Person des jungen Menschen, nein, das Begehren richtet sich auf seine Jugend, seine Sinnlichkeit und Lebenskraft. Für einen kurzen Moment legen wir unsere Lebenserfahrung, unsere Zipperlein und Müdigkeit ab und spüren wieder wie es ist ganz jung, am Anfang und voller Verlangen nach Leben zu sein.

Wie die Zeit vergeht

Oh je, mit Schrecken stelle ich fest, dass ich den ganzen Februar über nichts geschrieben habe und wir nun schon Mitten im März sind. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, dass die Zeit mit zunehmenden Alter immer schneller zu vergehen scheint. Dafür ist unser Gedächtnis verantwortlich. Neue und emotionale Situationen und Erlebnisse prägen sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Neues wir erleben und je emotionaler unsere Erfahrungen sind, desto mehr erinnern wir und desto länger kommt uns die Zeitspanne vor. Routinen, feste Abläufe und Langeweile hingegen mögen sich im Moment wie eine Ewigkeit anfühlen, aber sie hinterlassen keine tiefen Spuren im Gedächtnis und irgendwann stellen wir fest, dass Weihnachten schon wieder eine Ewigkeit her ist und Ostern vor der Tür steht.

Ich weiß nicht, ob diese Theorie, die der Psychologe Marc Wittmann vertritt, auf jeden Menschen zutrifft. Schaue ich mir die letzten Wochen an, dann ist bei mir viel passiert. Aber natürlich, ich bin schon älter, und anders als bei einem Kind, für das noch ganz viel neu ist, habe ich ähnliche Situationen schon oft erlebt. Wieder mal hat ein Mitarbeiter gekündigt, ein Klient sich beschwert und die doofe Kollegin aus dem 2. Stock eine neue Intrige angezettelt. In der Familie gab es Krach, es gab Besuch, es gab Familienfeiern, und ich hatte zwei Wochenendseminare. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und für meine Blogs blieb keine Zeit.

Obwohl es auch mir so erscheint, als verstreiche mein Leben in Windeseile, macht mir vor allem das Gefühl zu schaffen, nie genug Zeit zu haben. Ich frage mich, wie ich früher Kinder, Haus, Vollzeitjob, Hund, Mann, Sport, Freundschaften und Hobbys unter einen Hut gebracht habe.

Heute komme ich nach Hause, gehe eine Runde mit dem Hund, erledige das Einkaufen und Kochen und danach ruft das Sofa. Nach 12 Stunden außer Haus fehlt mir die Energie für andere Aktivitäten. Klar, hin und wieder treffe ich nach der Arbeit noch eine Freundin, und ich gehe regelmäßig zum Sport. Aber das ist es dann auch.

Dann kommen die Wochenenden. Endlich Zeit für all das, was mir so richtig Spaß macht. Ich habe Lust auf 1000 Sachen: am Blog arbeiten, im Garten was gestalten, ein neues Bild anfangen, mich mit Fotografie beschäftigen, mal neue Rezepte ausprobieren, Ausflüge machen, Zeit mit meinem Mann verbringen, mit Freunden und Familie zu telefonieren, einen Waldspaziergang mit dem Hund machen, einen Film sehen, in eine Ausstellung gehen, die Hausaufgaben für den Sprachkurs machen, und, und, und…..

Es gibt so viele Dinge, die ich gern tun möchte, aber die Zeit ist zu knapp für alles. Und dann gibt es ja auch noch Pflichten und Notwendigkeiten, wie neue Schuhe kaufen, zum Frisör gehen, Fenster putzen und Familienfeiern.

Also, Frust akzeptieren, Prioritäten setzen.

Aber ach, das fällt mir so schwer. Ich mag all diese Dinge und ich möchte auf nichts verzichten. Und deshalb habe ich für mich damit arrangiert, dass ich an jedem Wochenende zwei oder drei dieser Dinge wähle, meist Wetter abhängig,  und sie dann mit ganzem Herzen mache. So treffe ich mich eben nur alle paar Wochen mit meiner Lehrerin zum Malen und schreibe nur alle vier Wochen einen Artikel für diesen Blog, dann darf der Garten manchmal ein bisschen verwildern und bis ich fließend Norwegisch spreche, werden wohl auch noch ein paar Jahre vergehen. Dafür habe ich jedes Wochenende etwas getan, was mir Freude macht.

Die Zeit vergeht dabei immer noch wie im Fluge, aber ich tröste mich damit, dass ich, so Gott will, irgendwann ins Rentenalter eintrete. Da verstreicht die Zeit für viele Menschen nämlich wieder langsamer. Wer diesen Lebensabschnitt nutzt, um bislang unbekannte Erfahrungen zu sammeln oder sich politisch oder sozial für eine Sache zu engagieren, der hat viele neue und emotionale Erlebnisse und die Zeit vergeht wieder langsamer. Bei allem Neuen bleibt dann immer noch Zeit für die vielen zu kurz gekommenen Hobbys. Ja, so stelle ich mir das vor, wenn ich mal nicht mehr arbeite und bis dahin mache ich aus der kostbaren freien Zeit eben das Beste.