Mitarbeiter

 

Alltagswelt von A – Z:  M für Mitarbeiter

Ich bin begeistert von meinen neuen Mitarbeiterinnen. Mitte, Ende zwanzig kommen sie gut ausgebildet von den Universitäten. Sie haben ein breites Fachwissen, sind klar, strukturiert und abgegrenzt in ihrer Arbeit. Sie verfügen über eine Selbstsicherheit, von der ich als junge Frau nur träumen konnte. Sie wissen, was sie wollen und was ihnen zusteht und sie fragen danach. Höflich, aber beharrlich. Sie sind zielstrebig. Sie wissen, was sie im Leben erreichen wollen und verfolgen ihre beruflichen Ziele konsequent.

Sie sehen gut aus und kleiden sich sachlich.  Sie zeigen weder Interesse an Gewerkschaft, noch an Betriebsrat, aber sie stehen für ihre Interessen ein. Sie kommen pünktlich und gehen pünktlich, wenn sie mehr arbeiten, fragen sie nach Ausgleich. Sie gehen weder über ihre Grenzen noch unterschreiten sie diese.

Sie sind fachlich fit. Verstehen schnell, worum es geht, arbeiten konsequent am Ziel mit, aber sie grenzen sich ab.

Sie sind professionell.

Sie legen viel Wert auf Teamarbeit. Man beobachtet sie fast nie bei einem privaten Plausch. Sie mögen Besprechungen. Sie kritisieren, zwar leise, aber eindringlich, wenn eine Konferenz länger dauert als angesagt. Sie bleiben beim Thema. Es sind die Alten, die abschweifen, vom Hundertsten ins Tausendste kommen und gern den Satz „…eigentlich müssten wir mal….“ in den Mund nehmen, um dann mit Veränderungsvorschlägen endlose pädagogische Diskussionen in Gang setzen. Die Neuen sind klar.

Keine dieser jungen Frauen wird lange bleiben. Fast alle machen eine Zusatzausbildung. Sie wollen Therapeutinnen werden und sich fachlich weiterbilden. Nicht eine, die im Vorstellungsgespräch nicht nach Fortbildung gefragt hätte.

Zwei bis drei Jahre schätze ich, dann werden sie mehr Geld verdienen wollen. Da es bei uns kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt, werden sie nach Abschluss ihrer Therapieausbildung in Kliniken oder Praxen wechseln. Ein neues Team wird sich bilden, und neue Hochschulabsolventen werden in unserer schlecht bezahlten Branche den Einstieg suchen.

Ja, wir zahlen schlecht. Nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Wir haben staatliche Auftraggeber und die vergeben ihre Aufträge nach Wirtschaftlichkeit. Trotzdem werden ein hohes Maß an Kompetenz auf Seiten der Mitarbeiter und gute Ergebnisse bei der Integration unserer Klienten erwartet.

Die jungen Psychologen gewinnen bei uns Erfahrungen in der Arbeit mit psychischen Erkrankungen. Wir kommen ihnen entgegen, indem wir sie für Fortbildungen frei stellen und akzeptieren, dass fast alle nur an vier Tagen in der Woche arbeiten. Nur eine unserer jungen Mitarbeiterinnen hat ein Kind. Alle anderen sind verpartnert. Kinder sind kein Thema, zunächst einmal geht es darum, die beruflichen Ziele zu erreichen

Ich bin tief von ihnen beeindruckt. Anfangs hatte ich fast Angst vor ihnen. Fühlte mich inkompetent, nicht mehr auf dem Laufenden. Doch ihre Professionalität und Fachlichkeit stößt bei uns an Grenzen. Die Lebenswelt  ihrer oftmals viel älteren Klienten oder sozial weit von ihrem Herkunftsmilieu entfernten Menschen ist ihnen fremd. Es läuft nur selten so, wie es die Theorie verspricht.

Hier werden unsere älteren Mitarbeiter zu Übersetzern. Sie wissen, welche Werte die älteren Klienten geprägt haben. Sie verstehen,  wie schnell ein Mensch ins soziale Aus geraten kann. Sie kennen sich aus im Dschungel unserer Sozialgesetzgebung, dem Arbeitsrecht und dem Gesundheitssystem. Sie haben Lebenskrisen selbst durchlebt.

Ich bin überzeugt, dass sie alle einmal richtig gute Therapeutinnen werden. Sie beherrschen ihr Fach. Bei uns lernen sie, wie die Arbeitswelt und unsere Gesellschaft funktionieren.  Sie werden sich nicht nur in die Seele, sondern auch in das Alltagsleben ihrer Klienten einfühlen können.

Vertrauensarbeitszeiten

Zurzeit klingelt bei mir auf der Arbeit das Telefon besonders häufig. Wir suchen einen neuen Sozialpädagogen.

Nun muss man wissen, dass unsere Sozialpädagogen auch Bewerbungscoaching machen sollen. Das  ist ausdrücklich im Stellenangebot aufgeführt. Umso erstaunlicher finde ich deshalb das Verhalten einiger Bewerber.

Dienstag rief eine Frau an, die offensichtlich viel unterwegs ist. Im Hintergrund hörte ich das Kreischen bremsender Züge. Bei dem Lärm verstand ich weder ihren Namen noch ihre erste Frage. Sie verstand auch meine Antwort nicht, denn just in dem Moment informierte uns die deutsche Bahn, dass der ICE nach München über Hannover, Fulda, Würzburg heute von Gleis 4 fährt. Da habe ich aufgelegt.

Nicht viel später fiel die nächste Bewerberin gleich mit der Tür ins Haus. Sie nannte ihren Namen und teilte mir in einem Atemzug mit, dass sie zwar grundsätzlich an dem Job interessiert sei, aber, bevor sie weiter frage, erst mal wissen wolle, wie viel wir denn zahlen. Nun, schlechter Einstieg in ein Gespräch, ich habe ihr freundlich mitgeteilt, dass die Stelle bereits besetzt ist.

Den Knüller erlebte ich jedoch am Donnerstag, kurz vor halb sechs. Als ich aus dem Büro trat, stand da ein Mann in den Vierzigern vor mir. Blonde, halblange Haare, Halstuch, abgewetzte Lederjacke, ein bisschen Typ ewiger Student. Eigentlich recht sympathisch und absolut von sich überzeugt. Er wolle zu Frau D., also zu mir, sagte er und sei Herr K., dem ich ja schon mal auf Mailbox gesprochen hätte.“ Ah“, dachte ich, „bestimmt ein Klient, der mich telefonisch nicht erreicht hat und nun persönlich kommt, um einen Termin zu machen.“  Also, bat ich ihn kurz rein, und während ich noch auf dem Schreibtisch nach meinem Kalender kramte, saß er auch schon entspannt zurückgelehnt auf meinem Besucherstuhl.

Er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern fragte ohne Punkt und Komma ob Voll- oder Teilzeit, welchen Tarif wir verwenden, was wir denn für Klienten hätten und wie das Team aufgestellt sei. Völlig überrumpelt beantwortete ich ihm sogar einige Fragen, bevor mir einfiel, dass dies mein Büro ist und er ein unangemeldeter Bewerber mit schlechten Manieren. Um ihn zu unterbrechen, fragte ich ihn nach seiner Qualifikation.

“Musiker und Stillpädagoge”, kam zur Antwort. Leicht irritiert fragte ich noch mal nach. “Stillpädagoge??????” “Ja, Stillpädagoge.“

Ich hab gar nicht weiter nachgefragt, was das denn sein soll, wollte nur noch meinen Feierabend retten und, um ihn schnell los zu werden, bat ich ihn, doch einfach eine schriftliche Bewerbung an Frau B, unserer Personalleiterin, zu richten. Ob die denn noch im Haus sei, fragte er, dann könne er gleich noch mal zu ihr.  “Nein”, erwiderte ich, „die ist nicht mehr da. Unsere reguläre Arbeitszeit ist von 07.45 – 16.30 Uhr.“

Entsetzen in seinem Blick. “Feste Arbeitszeiten??? Das geht gar nicht. Ich hab‘ vier kleine Kinder, eines ist sogar noch in der Kita, da weiß man nie, was passiert. Da muss ich  Vertrauensarbeitszeiten in meinem Vertrag haben.“

Ganz ehrlich, ich bezweifle, dass der Mensch überhaupt schon mal einen Arbeitsvertrag hatte. Unsere jungen Mütter kommen jedenfalls alle bestens mit unseren Arbeitszeiten klar.