Sinnliches

Vor einigen Jahren habe ich einen Klienten betreut, dessen Geruchsnerv bei einem Unfall zerstört wurde.  Unglücklicherweise war dieser Mensch Koch, ein sehr guter sogar, der ein bekanntes Restaurant geführt hatte. Wie ihr sicherlich wisst, hängt unsere Fähigkeit zu schmecken eng mit dem Geruchssinn zusammen. Denkt nur mal dran, wie schal alles schmeckt, wenn wir einen dicken Schnupfen haben.  Was der Verlust des Geschmackssinn für diesen Koch bedeutet hat, könnt ihr Euch sicher ausmalen.

Für uns alle ist es selbstverständlich, zu riechen und zu schmecken. Wir genießen unser Essen so sehr, dass es kein Fest und kein Ereignis gibt, das nicht durch kulinarische Genüsse aufgewertet wird. Wir empfinden Ekel, wenn wir vergammeltes Essen sehen und riechen sofort, wenn die Erbsensuppe im Topf anbrennt.

Könnt ihr Euch ein Leben ohne Riechen und Schmecken vorstellen? Es gibt Menschen, ganz wenige nur, die ohne Geschmacks- und Geruchssinn geboren werden. Seit einigen Wochen schreibt  einer von ihnen einen Blog auf WordPress:

Sinnesgeschichten von Jan Phillip Lehmker

Die Beschreibung seiner Erfahrungen sind hochinteressant,  nachdenklich stimmend und unterhaltsam.

Guckt mal rein, es lohnt sich wirklich!

 

Das Leben mit Theo geht weiter

Die ersten Tage, die ich mit Theo verbrachte, waren voller Unsicherheit. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, weil ich Angst hatte, dass etwas passieren könnte. Ich fühlte mich komplett für sein Wohlergehen und seiner Sicherheit verantwortlich. Da ich ihn kaum kannte, wusste ich nicht, was ich ihm zutrauen kann und ließ ihn keine Minute aus den Augen. Da er mir sehr dünn und ausgemergelt erschien, setzte ich alles daran, ihn möglichst gesund zu ernähren und zum Trinken zu bewegen. Ich schmierte seine Brote, stellte ihm geschältes Obst vor die Nase und drängte ihn, die Teetasse zu leeren. Mein Mann und ich verbrachten Stunden damit, immer wieder den gleichen Geschichten von früher zu lauschen.

Anfangs schien Theo die Aufmerksamkeit zu genießen. Nach ein paar Tagen begann er, seine Frau zu vermissen. Immer wieder verließ er das Haus, um sie zu suchen. Mein Mann und ich machten uns Sorgen, dass ihm draußen was passieren könnte. Zweimal brachten Nachbarn ihn nach Hause, weil er ziellos herumirrte. Wir versuchten, ihn noch mehr zu kontrollieren,  ihn immer im Blick zu haben, ohne dass er es bemerkte.

Theo zeigte bald Anzeichen dafür, dass unsere Anwesenheit im Haus ihn störte. Er schimpfte, wenn das Essen nicht so war, wie er es gewohnt war. Das Bellen unseres Hundes störte ihn und er ließ uns immer wieder wissen, dass er gesund sei und allein zurecht käme. Diese Phasen wechselten mit Stunden, in denen er uns nicht von der Seite wich, in denen es unmöglich schien, zu lesen, miteinander zu reden oder den Haushalt zu machen. Unentwegt sprach Theo uns  an, stand alle paar Minuten vor uns und wir fühlten uns verpflichtet, jedes Mal auf seinen Wunsch nach Aufmerksamkeit einzugehen.

Für mich war die Situation einfacher, denn den größten Teil des Tages verbrachte ich auf der Arbeit. Mein Mann war in dieser Zeit mit Theo allein und nach einer Woche komplett überfordert. Nun verbringt er die Wochenenden in unserem eigenen Haus, um ein bisschen Zeit für sich und Abstand zu Theo zu finden.

Mir half eine Broschüre über Demenzerkrankte, die mir eine Kollegin gab und die Tipps von Erdbeermüsli. Ich hörte auf, ihm die Brote zöpft ist, springe ich nicht mehr auf, um es „ordentlich“ zu machen. An guten Tagen lasse ich ihn auch einmal eine Stunde allein zuhaus, an schlechten Tagen, an denen er mit mir schimpft und mich verdächtig, ihn zu berauben, sage ich mir, dass hier die Krankheit und nicht Theo spricht.Gestern ist Theo durchs Haus gewandert, saß mal hier und mal dort, döste oder guckte Fernsehen. Zwischendurch wechselten wir ein paar Worte. Die Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam ein und er hat dann meine/unsere volle Aufmerksamkeit.

Ich war bei einer Beratungsstelle und Theo wird eine Pflegestufe bekommen und ist für die Tagespflege angemeldet. Alma ist jetzt aus dem Krankenhaus entlassen und bis zu ihrer vollkommenen Genesung in einer Pflegeeinrichtung.  Wir wissen, dass wir langfristig für Theo und sie eine Lösung finden müssen und informieren uns weiter über Betreuungsmodelle für Demenzkranke.

Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich wieder mein eigenes Leben aufnehme. Natürlich hat sich auf der Arbeit nichts geändert, aber ich beginne meinen Garten, die Landschaft um unseren Ort, mein Zimmer, meine Filme und meine Gewürze zu vermissen. Theo möchte jeden Tag Kartoffeln, Soße und Fleisch und wird sehr ungehalten, wenn er dies nicht bekommt, sodass ich mich zurzeit auch ganz anders ernähre als sonst. Bin gespannt, was meine Waage zuhause sagt.