Brief an Martina (2)

Liebe Martina,

ich freu mich, dass das mit Deiner Reise nach Chile nun in die Planung geht. Und wie schön, dass Lena nun endlich eine Wohnung gefunden hat. Wann zieht sie ein? Die Preise in Hamburg sind ja astronomisch hoch, aber Berlin ist auch nicht besser. Markus hat fast 3 Monate gesucht und zahlt fast 900 Euro für 2 Zimmer in einem nicht angesagten Viertel.

Ich habe gerade mal wieder ein Schreiben von der Rentenversicherung bekommen, in dem sie mir mitteilen, wie viel Rente ich zu erwarten habe.  Ganz ehrlich, wenn ich von dem Betrag noch Steuern und Krankenversicherung zahlen soll, bleibt nicht mehr viel. Große Sprünge machen ist damit nicht drin. Nichts mit Reisen und genießen. Wir Frauen sind immer noch angeschmiert, besonders wir ehemals Alleinerziehenden. Jetzt rächt es sich, dass ich wegen der Kinder  fast 6 Jahre nur Teilzeit gearbeitet habe und nach dem Studium damals Ende der 80iger Jahre nur so wenig verdient habe. 1800 DM brutto habe ich in meinem ersten Job bekommen, dafür, dass ich versucht habe, Aussiedlern und Asylbewerbern die deutsche Sprache beizubringen. Und eine Witwenrente hab ich auch nicht zu erwarten, Peter war immer selbstständig und wir sind ja nicht verheiratet.

Neulich hab ich Jens  getroffen, erinnerst Du Dich, der damals immer davon sprach, irgendwann ein Buch schreiben zu wollen, der arbeitet jetzt  als Dozent bei Bildungsträgern, in so Maßnahmen für langzeitarbeitslose Jugendliche.  Weißt Du, dass die mittlerweile für 15 Euro die Stunde arbeiten? Und das ohne Festanstellung, jagen sie von einem Träger zum anderen.  Und die Auftraggeber dieser Träger sind unsere Institutionen:  Rentenversicherung, Arbeitsamt, Job Center.  Alle wollen sparen, und das tun sie konsequent. Bei Ausschreibungen entscheidet die Wirtschaftlichkeit und um die zu erreichen, müssen die Träger die Lohnkosten niedrig halten und wenn dann jemand wie Jens  arbeitslos wird, muss er gleich auf Hartz IV, weil er ja freiberuflich schuftet.  Der ist ganz schön frustriert, aber jetzt mit Ende 50 werden die Möglichkeiten für ihn auch immer weniger.

Da kommt noch richtig was an Altersarmut auf uns zu. All die Menschen, die in den 80iger und 90iger Jahren immer wieder arbeitslos oder in Maßnahmen waren. Die Leute, die in Zeitarbeitsfirmen für 6,80 € gewerblich geschuftet haben und all die Frauen natürlich, die wegen der Kinder lange zuhause waren.  Erinnerst Du Dich, wie viele der Frauen, die wir kannten, als unsere klein waren, damals nicht gearbeitet haben. Krippenplätze gab es damals ja auch so gut wie noch gar nicht. Wer da keinen Mann mit gutem Einkommen hat, macht am Ende eine lange Nase. In meinem Malkurs ist so eine Frau. Ihr Mann hat sie verlassen, als sie 54 war. Während ihrer Ehe hat sie sich um die vier Kinder, seine Eltern und seine Tante gekümmert, alle gepflegt  und ihm den Rücken freigehalten. 3 Jahre muss er ihr Unterhalt zahlen, dann muss sie auf eigenen Füßen stehen. Was hat sie da denn für Möglichkeiten? Sie war ja nie berufstätig. Wäre sie schlau gewesen, hätte sie die Scheidung verweigert. Dann hätte er weiter für sie zahlen müssen. Stattdessen freut sich jetzt seine Neue. Klar, durch den  Versorgungsausgleich kriegt sie später eine Rente, aber wie viel wird das sein? Wenn es ihr nicht gelingt einen Job zu finden, landet sie in Hartz IV. Dass die Frau nicht gut gelaunt ist, kann ich echt verstehen.

Aber genug Gemecker. Ich hab’s geschafft, den Termin beim Hautarzt auf Anfang Januar zu legen. Immer noch lange hin, aber vier Wochen früher als ursprünglich geplant. Wahrscheinlich lässt sich mittlerweile mit Schönheitschirurgie und Faltenreduzierung mehr verdienen als mit Medizin, auf jeden Fall war auch bei anderen Ärzten kein früherer Termin zu kriegen. Entweder nehmen die nur  Privatpatienten oder sind über Monate ausgebucht.

Bist Du schon in Weihnachtsstimmung? Ich finde, der Dezember ist immer so voll mit allen möglichen Terminen und bei uns auf der Arbeit kriseln ganz viele Patienten, Weihnachtszeit eben, und dann muss ich diesen Monat noch zum Zahnarzt und  die Operation von Lilly steht an.

Dienstag haben wir Termin beim Tierarzt. Die Herztabletten schlagen gut an, sie ist wieder viel munterer und die Tierärztin ist zuversichtlich, dass sie nach der Entfernung des Tumors wieder ganz gesund wird.

Dann muss ich noch meine Steuererklärung noch machen und  mit meiner Mutter ins Theater, die Weihnachtsfeier ist auch noch diesen Monat  und wir sind heute mit Dörte und Max zum Weihnachtsmarkt verabredet.

So, und jetzt muss ich erst mal die Küche aufräumen und mit dem Hund raus. Nachher kommt Nils mit der Kleinen vorbei, ich freu mich schon. Mach’s gut liebe Martina und ich hoffe, dass Du nächstes Jahr endlich mal wieder in den Norden kommst.

Bis ganz bald, liebe Martina,

Deine Trina

Als ich heute Morgen mit meinem Hund spazieren ging,….

… die Sonne strahlte, die Vögel zwitscherten und mir gut gelaunte Menschen mit Brötchentüten entgegen kamen, ging es mir durch den Kopf, wie gut ich es eigentlich habe. 

  • seit 57 Jahren lebe ich in Frieden und kenne Krieg nur aus den Erzählungen meiner Großeltern und aus den Medien,
  • ich habe immer ein Dach über den Kopf gehabt und in einem warmen Bett geschlafen, friere nur, wenn ich mich zu dünn anziehe und kenne Hunger nur aus  Zeiten, als ich noch blödsinnige Hungerkuren machte  (z. B. die Sherry-Käse-Diät)
  • es gibt Menschen, die ich liebe, meine Söhne, ihre Freundinnen und meine bezaubernde Enkelin und meinen Partner
  • es gibt viele Menschen in meinem Leben, die ich mag und schätze, mit denen ich mich austauschen kann und die mein Leben bereichern,
  • ich durfte die Schule besuchen und die Universität abschließen und habe eine gute Bildung, die es mir erlaubt, einen Beruf auszuüben, den ich mag, und die mir hilft, mein Leben bewusst zu leben,
  • ich habe bislang alle Krisen gemeistert, egal, ob es wirtschaftliche Probleme waren, Scheidung, gesundheitliche Sorgen oder einfach nur Lebensfrust, und ich bin durch jede schwierige Zeit stärker geworden und habe daraus gelernt (hoffe ich jedenfalls :-))
  • Malen, Schreiben, im Garten arbeiten, mit dem Hund durch den Wald gehen, stricken, Zeitung lesen, mich mit Krimis gruseln, neue Rezepte ausprobieren, alte Filme gucken, Norwegisch lernen – es gibt viele Dinge, die ich gern tue, die mich interessieren und die mein Leben bereichern und ich habe die Möglichkeit, all das auch zu tun,
  • ich lebe in Freiheit, darf sagen und schreiben, was ich denke, darf reisen, wohin ich mag, kann selbst entscheiden, ob und wie viel ich arbeite, wie ich mich kleide und mit wem ich zusammen bin.

Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint und ich bin dankbar dafür.

 

Liebe ich?

Ganz ehrlich, ich finde dieses Thema ‚Liebe‘, das ich mir ja selbst ausgesucht habe, ganz schön anstrengend. Liebe hat so viele Aspekte und Bedeutungen, und egal, ob Bibel oder ‚Brigitte‘, sie ist ein zentrales Thema der Menschheit.

Liebe ich?

Ja, ich liebe meine Söhne aus ganzem Herzen. Wenn ich mit ihnen telefoniere oder sie sehe, dann bin ich einfach von einem ganz, ganz starken Gefühl der Freude erfüllt. Ich freue mich einfach, dass es sie gibt und bin dankbar, dass ich ihre Mutter sein darf. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Für mich sind sie perfekt, die tollsten Menschen der Welt und ich bete dafür, dass es ihnen immer gut gehen wird.

Ich liebe meine Mutter, auch wenn mich manches, was sie sagt oder tut, an die Decke gehen lässt. Mutter – Tochter – Geschichten können kompliziert sein und unsere ist es, auch wenn nur ich das so empfinde. Meine Mutter, das weiß ich, liebt mich so, wie ich meine Kinder liebe, während ich, (wahrscheinlich wie meine Kinder), einige Auseinandersetzungen mit meiner (inneren) Mutter auszutragen hatte und manchmal noch habe.

Ich kann nicht sagen, ob ich meinen Vater liebe, denn er war nur selten anwesend. Jetzt, als Greis, empfinde ich eine Art Mitleid mit ihm, möchte, dass es ihm gut geht, kann rückblickend auch seine guten Seiten erkennen. Er rührt mich und ja,  ich denke, auch das ist eine Form der Liebe.

Auch für meinen Hund empfinde ich Liebe. Manchmal, wenn sie so vor mir herläuft empfinde ich sie wie ein Wunder, die Geschmeidigkeit ihrer Glieder, diese samtweichen Ohren und ich empfinde ganz viel Dankbarkeit und Glück, dass der liebe Gott so ein perfektes Geschöpf geschaffen hat. Ich sorge gern für meinen Hund und will, dass sie es gut hat. Ich füttere sie, lasse sie impfen, gehe täglich mit ihr spazieren und lasse sie, wenn möglich, nicht allein und es macht mir nichts aus, ihretwegen Umstände zu haben.

Ich sage oft, dass ich meine Arbeit liebe. Liebe ich meine Arbeit? In gewisser Weise schon. Natürlich gibt es auch bei uns anstrengende Zeiten und manchmal möchte ich unsere Geschäftsleitung und eine bestimmte Kollegin zum Mond schießen, aber die Aufgabe, das, wofür ich verantwortlich bin, ist mir wichtig, dafür brenne ich und dafür lege mich gern ins Zeug. Ich finde es toll, dass ich immer wieder dazu lernen kann, dass ich auch immer wieder mit mir selbst, meinen Stärken und Schwächen konfrontiert werde, und so an meinen Aufgaben wachsen kann.

Ich liebe das Leben. Auch wenn ich manchmal wütend und traurig bin, weil es nicht immer so gelaufen ist und läuft, wie ich es haben wollte, bin ich doch glücklich, am Leben zu sein, teilhaben zu können, an all dem Wunderbaren. Ich liebe es, den Wind zu spüren, mich lebendig zu fühlen. Ich empfinde Glück, wenn ich mich beim Spazierengehen austobe, die warme Sonne genießen kann. Kultur, all die tollen Dinge, die Menschen mit ihrer Kreativität schaffen, bringt mich immer wieder zum Staunen, genauso wie ich die vielen technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, einfach genial finde und dankbar dafür bin. Ja, ich liebe das Leben in all seiner Vielfalt, und selbst seine dunklen, schrecklichen Seiten halten mich davon nicht ab.

Bedeutet Liebe also, dass wir etwas oder jemanden ganz tief zugeneigt sind, dass bei der Begegnung mit diesen Menschen oder Dingen Freude und Glücksgefühle ausgelöst werden?

Ist es Liebe, wenn wir mitleiden und bereit sind, ganz viel oder sogar alles, was wir haben, zu geben, wenn der andere das braucht? Ist es Liebe, wenn die Menschen, die mir nahe sind, für mich perfekt sind, auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass sie Schwächen und Fehler haben. Bedeutet Liebe, das ganze Paket an Stärken, Schwächen, Positivem und Negativem anzunehmen? Den anderen in seiner Entwicklung zu fördern, auch wenn diese nicht so ist, wie man sie gern hätte? Ich nenne es Liebe, wenn ich ein ganz tiefes Gefühl der Verbundenheit spüre, geradezu platzen könnte vor Glück und Dankbarkeit dafür, dass es diesen Menschen gibt. Wie alle Gefühle, breitet es sich immer nur für einen kurzen Moment in mir aus, bevor ich durch den Alltag wieder abgelenkt werde. Dann spüre ich die Liebe zwar nicht so intensiv, aber sie ist trotzdem noch da und in mir. Sie zeigt sich darin, dass ich für sie da sein will, wenn sie mich brauchen, und dass ich es wo immer möglich vermeide, ihnen Schmerzen oder Enttäuschungen zu bereiten. Die Menschen, die ich liebe, haben Priorität. Dafür vernachlässige ich dann auch mal meine Arbeit.

Ich habe es noch nicht ganz durchdacht, aber ich glaube, dass das Leben an sich und auch Aufgaben oder Dinge, die wir mit Hingabe tun,  Gefühle der Verbundenheit, des Glücks und der Dankbarkeit hervorrufen und dass es eine Art der Liebe ist, wenn ich dies spüre, einfach weil der Himmel so blau ist und die Vögel zwitschern und die Sonne in mein Gesicht scheint, oder mich ein Mensch anlächelt und ich mich plötzlich als Teil des Ganzen fühle und nicht nur als Individuum. Oder was meint ihr?