Liebe Martina (3)

Liebe Martina,

es ist schon eine ganze Weile her, dass wir voneinander gehört haben und es gibt einiges zu berichten.

Das Wichtigste zuerst: der schwarze, unregelmäßige Leberfleck war gutartig. Also kein Krebs. Jetzt komme ich mir ein bisschen blöd vor, weil ich wirklich wochenlang Angst hatte. Nachdem ich das Ergebnis hatte, habe ich dann doch ‚malignes Melanom‘ gegoogelt und sofort schoss mir wieder die Angst ein: „Was, wenn die im Labor einen Fehler gemacht haben?“ oder „was, wenn ich noch mehr solcher Flecke habe und einer davon ist bösartig?“

Ich gebe zu, ich habe Angst vor Krankheiten. Vielleicht sogar irrationale Angst. Zum Glück gelingt es mir immer wieder, mich zu beruhigen. Das Leben ist nun mal ständig vom Tode bedroht. Jeden Morgen, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre, könnte mir etwas passieren. Ich könnte im Sturm von einem Ast getroffen werden, oder ausrutschen und eine Treppe hinunterstürzen. In meinem Körper könnte unbemerkt ein Tumor wachsen oder ein Aneurysma entstehen.

Niemand von uns hat die Garantie, 90 Jahre alt zu werden, egal wie viel Superfoods wir in uns hineinstopfen und wie viel Sport wir treiben. Ich glaube ja ohnehin, dass dieser Superfood Hype eine kollektive Abwehrreaktion auf die Angst vor Alter und Tod ist. Egal, ob Visite, die Ernährungsdocs, im Internet oder in Zeitschriften, überall Ratschläge und Informationen, wie wir unsere Gesundheit optimieren und Krankheiten verhindern können. Wenn man das alles umsetzen will, könnte man den ganzen Tag mit Sport, Entspannungsübungen und dem Einkauf und der Zubereitung gesunder Nahrung verbringen. Eine Garantie für ein langes, beschwerdefreies Leben wäre dies trotzdem nicht. Schließlich gibt es auch Einflüsse aus unserer Umwelt und dann noch Gene, die durchaus die Veranlagung zu der einen oder anderen Krankheit in sich tragen.

Schlimm ist nur, dass dank all der Gesundheitsratgeber chronische Erkrankungen schnell als Versagen des Betroffenen aufgefasst werden können. Dann muss sich der Kranke nicht nur mit seinem Leiden, sondern auch noch mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen herumplagen.

Weißt Du, Martina, über dieses Thema kann ich mich über Stunden aufregen. Auf der Arbeit ist es nicht mehr möglich, zum Geburtstag einen Kuchen zu backen. Die eine verträgt kein Gluten, die andere hat eine Glukoseintoleranz, die nächste lebt vegan, sodass der Kuchen keine Eier enthalten darf, die nächste reagiert auf Nüsse und Körner allergisch und dann macht noch irgendjemand eine low carb Diät.

Ich hab als Kind unendlich viele Würmer gegessen, wenn ich die Himbeeren vom Strauch direkt in den Mund gepflückt habe, habe die Möhren aus der Erde gezogen und ungewaschen mitsamt dem Sand gegessen, und wir haben nur einmal in der Woche gebadet, weil der Wasserkessel noch mit Kohle beheizt wurde. Immer samstags war bei uns Badetag. Erst mein Bruder, dann ich, und Sonntag zogen wir dann unsere besten Kleider an, statt den ganzen Tag in Jogginghosen herumzulungern. Im Winter hatten wir morgens Eisblumen an den Fenstern und wir waren bei Wind und Wetter draußen. Jetzt höre ich mich wirklich schon an, wie eine alte Frau, nicht wahr, und doch glaube ich, dass unser überhaupt nicht gesundheitsbewusstes Leben letztendlich gesünder war, als das so viel komfortablere und hygienischere Leben unserer Kinder heute.

Ach liebe Martina, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Dabei wollte ich Dir eigentlich noch von unserem Weihnachtsfest berichten und von den neusten Fortschritten beim Haus restaurieren. Aber ich muss mich sputen, ich bin heute zum Mittagessen bei Nils eingeladen und freu mich schon riesig auf die bezauberndste aller Enkeltöchter.

Das Leben ist schön! Lass es uns leben.

Liebe Grüße,

Deine Trina

Selbstbetrug und Größenwahn

„Der Schlüssel zum Scheitern
ist der Versuch, es allen recht zu machen.“ (Bill Cosby)

Das weiß doch jeder, dass man es nicht allen recht machen kann. Aber wieso soll es denn zum Scheitern führen, wenn man versucht, es allen recht zu machen? Sollen wir nicht unseren Nächsten lieben wie uns selbst?

Ich gebe mir große Mühe, den Menschen in meiner Umgebung meine Liebe zu zeigen und sie so gut ich kann zu unterstützen.  Auf der Arbeit bekomme ich viel Lob und Anerkennung von meiner Geschäftsleitung. Sie heben meine Einsatzbereitschaft hervor und übertragen  mir gern alle möglichen Sonderaufgaben, weil sie wissen, dass ich viel kann. Immer wieder sagen sie mir, dass ich wirklich eine Stütze des Unternehmens bin. Meine Chefin erwähnt immer wieder, wie toll sie es fand, dass ich trotz einer fetten Bronchitis zur Arbeit gekommen bin. Schließlich ist es ja egal, ob man sich zuhause oder im Büro schlecht fühlt, oder?

Meine Mitarbeiter schätzen es, dass ich ihnen stets nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat zur Seite stehe und nehmen meine Hilfe gern an. Sie haben ja auch noch nicht so viel Erfahrung wie ich, und da helfe ich ihnen gern, den schwierigen Klienten zu besänftige oder den kniffligen Bericht zu schreiben. Irgendwie kriege ich meine Abteilung immer in den Griff, da packe ich auch gern selbst mit an, wenn Not am Mann ist.

Meine Familie weiß, dass ich immer für sie da bin. Meine Mutter darf jederzeit ihr Herz bei mir ausschütten und ich begleite sie gern, wenn sie irgendwo nicht allein hingehen mag. Schließlich hat sie ja auch immer alles für mich getan. Deshalb gehe ich auch zu jeder Familienfeier, weil ich weiß, wie wichtig es für sie ist, ihre Familie um sich zu haben. Ich lobe die Sahnetorte von meiner Schwägerin, auch wenn sie mir Sodbrennen bereitet und esse auch wirklich von jedem Kuchen ein Stück, damit sie nicht denkt, es würde mir nicht schmecken.

Selbstverständlich unterstütze ich meine Freunde, wenn ein Umzug ansteht oder jemand einen Rat braucht. Auch sie dürfen mir ihr Herz ausschütten und sie bekommen jederzeit tatkräftige Unterstützung von mir.

Für meinen Liebsten erledige ich nebenbei mal schnell die eine oder andere Übersetzung und natürlich bin ich sofort verfügbar, wenn er mich braucht. Er ist ja auch für mich da.

Die Kinder  sind ausgezogen, aber wenn sie mal kommen, dann stelle ich alles andere zurück, um ihnen eine schöne Zeit zu machen. Wenn mein Partner sich dann vernachlässigt fühlt, dann mache ich das hinterher mit besonders viel Aufmerksamkeit und seinem Lieblingsessen wieder gut.

Am Samstag mache ich den Gehweg sauber und arbeite im Garten. Das machen alle anderen auch und ich möchte ja nicht schlecht auffallen, sondern eine gute Nachbarin sein. Wenn man mich bittet, in der Urlaubszeit den Briefkasten zu leeren und den Garten zu wässern, dann tue ich das natürlich auch.

Ja, ich gebe mir wirklich viel Mühe, es allen recht zu machen und fahre gut damit. Ich habe einen Job, einen Partner, eine Familie, die zusammen hält, ein Haus und einen Garten und die Nachbarn grüßen mich alle freundlich. Da bin ich doch nicht gescheitert! Ich habe doch ein gelungenes Leben, oder?

Gut, es gibt da ein paar Sachen, über die ich mich manchmal ärgere, aber die Welt ist nun mal nicht gerecht und man kann auch nicht erwarten, dass andere es einem immer recht machen.

Meine Kollegin hat einfach nach einer Gehaltserhöhung gefragt, obwohl die Geschäftsleitung doch bekannt gegeben hat, dass die Umsätze zurückgegangen sind und hat sie auch gekriegt. Manchmal denke ich auch, dass die jungen Leute heute einfach nicht mehr so belastbar sind wie wir.  Ständig sind sie oder ihre Kinder krank und es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, auch mal ein bisschen mehr zu tun als sie müssen, damit der Laden läuft. Dann wollen sie gleich mehr Geld oder Freizeitausgleich.

Und richtig enttäuscht war ich, als die Nachbarn im Sommer ein Gartenfest gefeiert haben und wir waren nicht eingeladen, während die Leute von gegenüber, die immer so laut sind, da waren.  Na ja, man kann ja nicht immer Dankbarkeit von allen erwarten.

Meine Gesundheit macht mir ein bisschen Sorgen. Mein Blutdruck ist zu hoch, meine Blutfettwerte sind schlecht und ich habe 20 kg Übergewicht. Mein Mann mag mich aber trotzdem, er findet, es ist wichtiger, das Leben zu genießen, als ständig auf seine Gesundheit zu achten. Mein Arzt meint, ich sollte mehr Sport treiben und besser auf mich achten. Aber mal ganz ehrlich, wie soll das denn gehen? Ich habe schließlich eine Menge zu tun.

Hauptsache, alle sind glücklich und wenn ich nicht dafür sorge, wer sollte es denn dann tun?  Wo kamen wir denn hin, wenn jeder nur an sich denken würde!