Eine Liebesgeschichte

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit kreativem Schreiben. Hier eine der Geschichten, die im Rahmen eines VHS-Kurses entstanden sind.

„Oma, was ist in dieser Tüte?“ Maja hielt eine unscheinbare braune Papiertüte hoch.

„Wo hast Du die denn her?“

„Die war ganz unten in dem Karton. Guck mal, Oma, da sind Spielsachen drin!“

Sie griff in die Tüte.

„Der ist ja hübsch! Ein kleiner Papierschirm!“

Nach und nach holte das Kind weitere Schätze aus der Tüte hervor und während es jeden neuen Gegenstand aufgeregt ankündigte, erschienen lang verschüttete Bilder vor Lydias Augen:

Der bunte Papierschirm – der zierte den Cocktail, den er ihr in der Bar ausgegeben hatte, in der sie sich das erste Mal begegnet waren.

Der Kugelschreiber – den hatte sie als Trostpreis gewonnen, als sie bei ihrer ersten Verabredung über den Jahrmarkt bummelten.

Die Streichhölzer – die edle Schachtel hatte sie aus dem feinen Restaurant mitgenommen, in dem er ihr gesagt hatte, dass ihre Augen das Schönste seien, was er je gesehen hatte.

Der Korken – den Rotwein hatten sie an einem warmen Augustabend am Elbstrand getrunken. An diesem Tag hatten sie sich zum ersten Mal geküsst.

Die Vanilleduftkerze – die hatte er ihr in den Adventskalender gesteckt, den er für sie gebastelt hatte.

Der kleine Teddy – den hatte er ihr als Trost geschenkt, als sie solche Angst vorm Zahnarzt hatte.

Die Schachtel mit den kleinen Figuren – die hatte er ihr auf dem Weihnachtsmarkt heimlich in die Manteltasche gesteckt. Er hatte einen Ring in ihr versteckt.  

Das Herz aus rotem Glas – sein Herz würde für immer ihr gehören, hatte er am Flughafen gesagt, bevor er in das Flugzeug stieg, das nie landen sollte. . 

„Oma, warum weinst Du denn?“ fragte das kleine Mädchen, während von unten eine ungeduldige Stimme polterte.  

„Lydia, wo bleibst Du denn schon wieder. Das Abendessen hätte schon vor 5 Minuten auf dem Tisch stehen müssen! Komm jetzt endlich da runter!!“

Lydia umarmte das kleine Mädchen. „Das sind keine Spielsachen, Süße. Das sind Erinnerungen daran, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden.“ Sie tat die Dinge behutsam in die Tüte zurück, aber statt sie wieder in die Kiste zu legen, nahm sie sie an sich.

Wenige Minuten später stand sie mit einer Tasche und dem Mädchen an der Hand in der Tür. Ihr Mann blickte kaum auf.

„Gerhard, ich bringe die Kleine jetzt nach Haus. Mach dir doch bitte dein verdammtes Essen selbst. Ich werde heute Abend am Elbstrand einen Rotwein trinken.“

Sonntagsgedanken: Bin ich eine Heldin?

„Sei die Heldin deines Lebens, nicht das Opfer.“
Nora Ephron (Schriftstellerin)

Manche Dinge muss ich hinnehmen, weil ich sie nicht ändern kann. Ich kann niemanden gesund machen und auch niemanden dazu bringen, das zu tun, was ich will, wenn er selbst es nicht auch will. Manche Dinge geschehen einfach und ich habe keine Macht über sie. Bin ich dann ein Opfer?

Ich entscheide darüber, wie ich mit den Dingen umgehe. Bleibe ich oder gehe ich? Wehre ich mich oder schlucke ich es, wenn jemand meine Grenzen überschreitet? Glaube ich alles, was ich höre und lese, oder mache ich mir selbst Gedanken.

Handle ich oder reagiere ich nur? Tue ich das, was ich möchte, oder das, was andere von mir erwarten?

Bin ich in Kontakt zu mir oder habe ich meine Hoffnungen und Träume dem Alltag unterworfen?

Bin ich die Heldin meines Lebens?

Alltagssplitter: Zurück ins Hamsterrad

Montag:

2. Tag der Rückreise. Von Südnorwegen durch Schweden und Dänemark. Gegen Mitternacht zuhause.

Dienstag:

Der letzte Urlaubstag und der erste Tag zuhause. Auto leer räumen, Koffer auspacken. Drei Maschinen Wäsche, Einkaufen, Haus lüften, Post sichten,  schnell die wichtigsten Menschen besuchen und mich fürs Haus hüten bedanken. So richtig angekommen bin ich noch nicht.

Mittwoch:

„Wir warten im Konferenzraum auf Sie!“. Es ist die erste Email, die ich nach meinem Urlaub lese. Schnell blicke ich in den Kalender, und, tatsächlich, für 08.30 ist eine Besprechung geplant. Jetzt ist es 08.38. Es ist Zeit, aus der Tiefenentspannung zurück in den Alltag zu kehren. Aber immerhin habe ich jeden im Team begrüßt und ein paar Worte gewechselt.

Alles wie immer, nichts passiert, der ganz normale Alltag. Wie konnte ich nur denken, dass sich jemand für meine Urlaubsfotos interessiert?

Ein Anruf aus der Personalabteilung, als ich gerade den Rechner runterfahre: „Die Bewerberin ist jetzt da.“ Ich bin begeistert und hätte mich gefreut, wenn ich vorher gewusst hätte, dass noch ein Vorstellungsgespräch ansteht. Ich weiß nicht mal, um welche Position es geht. Egal, ich werde es ja rauskriegen und die Bewerberin erweist sich als aufgeschlossene, kompetente und überaus sympathische junge Frau. Ergotherapeutin.

Donnerstag:

Heute gelingt es mir, meinen guten Vorsatz umzusetzen und halbwegs pünktlich nach Haus zu fahren. Morgen soll es regnen und während des Urlaubs ist aus unserem Rasen eine Wiese mit kniehohem Gras geworden. Fast zwei Stunden brauche ich, bis ich mich da durchgearbeitet habe.

Freitag:

Es regnet. Es ist Freitag. Wochenende!

Ich schaffe es tatsächlich, drei Punkte von meiner Prioritätenliste abzuarbeiten und habe das Gefühl, viel geschafft zu haben. Nachmittags erwartet mich ein weiteres Vorstellungsgespräch, dreißig Minuten vor Ende meiner regulären Arbeitszeit. Der Bewerber erweist sich als langatmig, ausschweifend und detailverliebt. Wahrscheinlich will er uns mit seinen Schilderungen beeindrucken. Auf mich wirkt er müde und ein wenig verzweifelt, dem Lebenslauf entnehme ich, dass er die letzten zwei Jahre als psychologischer Berater selbständig war, mit anderen Worten,  er war arbeitslos und braucht diesen Job dringend.

Eine Stunde später als geplant stehe ich im Stau auf den Elbbrücken. Gegen 18.00 Uhr bin ich endlich zuhause, immerhin habe ich unterwegs schon die Lebensmittel eingekauft. Das Wochenende kann beginnen.

Samstag:

Warum nur war ich so blöd, vor dem Urlaub einen Termin um 09.00 Uhr bei der Fußpflege zu vereinbaren? Ich hätte so gern ausgeschlafen. Die Umstellung von 8 Stunden Schlaf im Urlaub auf knapp 6 Stunden im Alltag fällt mir schwer. Ich fühle mich wie gerädert.

Mein Großneffe wird heute konfirmiert. Es regnet immer noch, deshalb sind wir Corona bedingt vom Gottesdienst ausgeschlossen. Statt im Pfarrgarten findet er nun in drinnen statt. Um 13.00 Uhr hole ich meinen großen Sohn vom Bahnhof ab, er zieht sich bei uns um, dann fahre ich ihn zur Kirche. Als Pate hat er Zutrittsrecht.

Danach schnell nach Hause, bügeln, mich selbst ein bisschen fein machen Muttern abholen und dann geht’s weiter zur Konfirmationsparty. Der Konfirmand hat heute grüne Haare und trägt einen Anzug. Er kann es kaum erwarten, dass er alle Gäste begrüßt hat. Danach darf er seinen Anzug gegen Alltagskleidung tauschen.

Sonntag: 10 Stunden durchgeschlafen. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch. Sonntag. Ruhetag. Ein bisschen leben wie im Urlaub.