Neue Gewohnheiten

Seit meinem Umzug bin ich schreibfaul geworden.

Unser altes Haus war ein Bungalow und nach dem Auszug meiner Söhne richteten mein Mann und ich uns eigene Zimmer ein. Am Wochenende verbrachte jeder die ersten ein, zwei Stunden des Tages am eigenen Schreibtisch, um bei einer Tasse Kaffee Zeitung zu lesen, zu surfen, oder eben zu bloggen. Und wenn wir dann soweit waren, haben wir noch zusammen einen Kaffee getrunken oder sind zum Frühstücken in die Stadt gefahren. Das war so ein Ritual. Die  ersten Morgenstunden  gehörten  jedem ganz allein.

Im neuen Haus ist das anders. Da wir noch immer am Restaurieren und Renovieren sind, haben wir  noch keine eigenen  Zimmer für uns, so wie früher. Also trinken wir beide unseren Kaffee am Frühstückstisch und einer findet immer etwas in der Zeitung, das er dem anderen unbedingt erzählen muss und daraus werden dann schnell ein, zwei Stunden, bevor wir den Tag so richtig starten. Danach ist bei mir die Luft fürs Bloggen dann meistens raus.  

Ich schreibe am liebsten morgens. Die  Eindrücke vom Vortag habe ich im Schlaf verarbeitet und ich fühle mich klar, strukturiert und konzentriert. Meistens kommen mir die Ideen fürs Bloggen bei der Morgenrunde mit dem Hund und früher habe ich meist gleich losgelegt mit dem Schreiben.

Mit dem neuen Haus haben wir neue Rituale entwickelt. Seit ich nicht mehr 130 km von meiner Familie entfernt lebe, sehe ich sie viel öfter und eine alte Freundschaft ist wieder aufgelebt. Ich bin immer noch dabei, meine alte Heimatstadt neu zu entdecken und wir gehen nun am Wochenende öfter auch mal abends essen oder irgendwo ein Glas Wein trinken. Das war auf dem Lande nicht so einfach möglich. Mein Weg zur Arbeit ist deutlich kürzer und ich genieße es, früher zu Hause zu sein. In einigen Wochen beginne ich mit Malkursen an der Volkshochschule und ich liebäugle mit einem Kurs im kreativen Schreiben. Ja, mein Leben hat sich verändert und  damit auch meine Schreibgewohnheiten.

7 Jahre

Vor etwas mehr als 7 Jahren habe ich diesen Blog begonnen. Zu diesem Zeitpunkt war ich unzufrieden mit meinem Gewicht und wollte abnehmen. Der Blog sollte mich  bei der Stange halten, indem ich meine Gedanken und Einsichten zum Thema Essverhalten reflektierte. Natürlich wollte ich auch mit Erfolgen glänzen, aber das gelang mir nicht, ich wiege immer noch genau so viel wie vor 7 Jahren.  Statt dessen rückte das Thema „Selbstannahme“ und „Selbstliebe“ immer mehr in den Fokus meiner Beiträge. Ein schier unerschöpfbares Thema, das mich auch heute immer mal wieder bewegt. Irgendwann aber war ich es müde über dieses Thema zu schreiben. Mir fiel schlichtwegs nichts Neues und Interessantes mehr ein. Seither suche ich vergeblich nach „meinem Thema“.

Ich schreibe gern. Schreiben gibt mir Klarheit und verschafft mir so manches Mal Erleichterung, wenn ich mit mir und meinem Leben nicht im Reinen bin. Je länger ich blogge, desto höher sind aber auch meine Ansprüche an mich selbst geworden. Ich möchte mich nicht in Belanglosigkeiten ergehen, sondern wünsche mir, dass jeder Leser aus den Texten etwas mitnimmt oder sich vielleicht auch in dem, was ich schreibe, wiederfindet. Dem steht die Angst gegenüber, mich „nackt“ zu machen und damit angreifbar und verletztlich und die Sorge die Leser womöglich durch ständiges Jammern und Selbstreflektieren zu  nerven. Wahrscheinlich  blockiere ich mich selbst und finde kaum noch Ideen oder Inspirationen, worüber ich schreiben könnte.

Auch mein englischsprachiger Blog stagniert, dieser jedoch einfach nur deshalb, weil  sich meine Wochenenden seit meinem Umzug nach Lüneburg verändert haben. Statt Ausflüge und Norddeutschland entdecken, stehen nun Besuche im Baumarkt  und die Familie auf dem Programm.

Wie soll es nun mit dem Schreiben weitergehen?

Nun, ich werde das Bloggen nicht aufgeben. Im Gegenteil. Ich will den Mut finden, wieder über das zu schreiben, was mich bewegt. Egal, ob es jemanden interessiert oder nicht. Letztendlich ist mein Blog ein Ausdruck meiner Selbst, ein Ort, den ich nach Belieben gestalten und nutzen kann, um meiner Freude am Schreiben nachzugehen. Es geht hier nicht um Leistung und Wettbewerb, sondern darum, mich konstruktiv und mit Freude mit Themen auseinanderzusetzen, die mir wichtig sind.

 

 

Das schönste Geschenk

Writing101Day 6:

Where do you write? Do you prefer blogging on your laptop in a coffee shop? Are you productive in a quiet room, door closed, away from civilization? Today, describe the space where you write. Or, if you don’t have a dedicated place, what is your ideal setting?

Ich wuchs in einem Mehrgenerationenhaushalt auf. Platz war rar, und bis zu meinem 7. Lebensjahr schliefen mein Bruder und ich im Schlafzimmer meiner Eltern. Danach teilte ich mir ein Zimmer mit meinem Bruder. In den ersten Jahren ging das noch ganz gut, aber dann begann ich mich nach einem eigenen Zimmer zu sehnen. Einem Raum, indem ich mit meinen Freundinnen sitzen und über  Jungs kichern konnte, ohne dass mein kleiner Bruder mit großen Lauschohren dabei saß. Schließlich gab es in der Familie eine Einigung. Mein Bruder zog in den Raum, den wir zuvor als Küche genutzt hatten, meine Eltern teilten sich die Küche fortan mit der Großmutter, aber nur mittags und abends. Morgens wollte meine Oma ihre Ruh, und die Küche war gleich neben ihrem Schlafzimmer. Also durfte ich allein in meinem Zimmer wohnen, musste aber zulassen, dass meine Mutter morgens früh rein kam, um an die Steckdose neben der Tür zu kommen, damit sie den Kaffee im Flur kochen konnte.

Nachdem ich mein Elternhaus verlassen hatte, hatte ich ein eigenes Zimmer in den Familien, in denen ich als Au-pair tätig war und im Studentenwohnheim. Die Zimmer waren möbliert und unpersönlich, da halfen auch die Pflanzen, Fotos und Bücher nichts. Bald nachdem  ich den Vater meiner Söhne kennenlernt hatte, zog ich mit ihm und seinem Bruder in eine eigene Wohnung zog. Von da an gab es kein eigenes Zimmer mehr für mich, aber die Sehnsucht nach einem Ort, der nur mir gehörte, wo ich tun und lassen konnte, was ich will, der ist immer geblieben.

Als meine großer Sohn das Haus verließt, hinterließ er mir ein Geschenk: ein eigenes Zimmer. Ein Zimmer nur für mich.

Es ist nicht groß, aber hat einen schönen Blick in den Garten. Es gibt einen langen Tisch, der die ganze Längswand entlangläuft. An der linken Seite stehen mein Rechner und ein paar Bücher, die ich immer wieder gern zur Hand nehme. Auf der rechten Seite ist ein großer Teil mit Plastik abgedeckt. Hier male ich.

Sonst sind nur ein paar Regale im Zimmer und ein Sessel für Besucher. Der wird aber selten genutzt, denn auch mein Partner versteht, dass hier mein ganz persönlicher Raum ist.

Hier bin ich ganz ich selbst. Hier bewahre ich meine liebsten Erinnerungen auf, meine Fotos und Bilder, die vielen kleinen Dinge, die sich im Laufe eines Lebens ansammeln. All die Bilder und Basteleien, die ich zum Geburtstag und Muttertag, zu Weihnachten und Ostern von meinen Söhnen bekommen habe, meine Lieblingsbücher und auch die Liebesbriefe meines allerersten Freundes. Damals schrieb man wirklich noch richtige Briefe. In meinem Zimmer finden sich all die Dinge, die ich aus dem Leben mitgebracht habe, bevor ich meinen Partner kennen lernte. Dieses Zimmer bin ich, hier ist alles so, wie ich es mir wünsche, es ist egal, ob es meinem Partner oder sonst irgendjemanden gefällt oder nicht, hier bin ich zuhause und ganz bei mir selbst.

Ich wünsche jedem Menschen so ein Zimmer, es tut der Seele gut. Ich bin dankbar für diesen Raum in dem Haus, das für uns alle ist. Hier fasse ich meine Gedanken am liebsten in Worte.