Mein Leben als Ja-Sager

Ihr ahnt es sicher schon, ich habe irgendwann vor ganz vielen Jahren einmal eine Therapie gemacht. Die wichtigste Erkenntnis, die ich daraus gewonnen habe, ist, dass ich erst dann beginne, mich zu verändern, wenn ich aufhöre, mich für meine Schwächen fertig zu machen und diese zu bekämpfen. Solange ich mit meinen Schwächen ringe, mich jedes Mal abwerte, wenn ich einen Kampf verloren habe, ändere ich mich nicht, sondern sorge nur dafür, dass mein Selbstwertgefühl und meine Selbstachtung weiter sinken.

Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Glaubenssätze, die wir über Jahre verinnerlicht haben, legen wir nicht über Nacht ab.

Der erste und wichtigste Schritt nach der Selbsterkenntnis besteht darin, mich so anzunehmen, wie ich bin. Mir klar zu machen, dass ich genau so, wie ich bin, ein liebenswerter Mensch bin. Ein liebenswerter Mensch, der genau wie alle anderen Menschen Schwächen hat und an eigene Grenzen stößt. Nicht nur mir fällt das ‚Nein-Sagen‘ schwer, im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen kennen gelernt oder beobachtet, denen ein ‚Nein‘ nur schwer über die Lippen kommt. Ich bin mit meiner Schwäche nicht einzigartig.

Seit ich mich als  Ja-Sager oder Geber akzeptiere, geht es mir besser. Wenn ich ‚Ja‘ sage, obwohl ein ‚Nein‘ durchaus in meinem Interesse wäre, weiß ich, was ich da tue und warum. Ich mache es mir nicht zum Vorwurf, wenn ich ‚Ja‘ gesagt habe, obwohl ich mir eigentlich ein ‚Nein‘ vorgenommen hatte, sondern nehme einfach an, dass in diesem Moment meine Stärke nicht ausgereicht hat. Beim nächsten Mal werde ich es besser hinkriegen. Und dann gucke ich, wie ich das Beste aus der Situation, die ich durch mein ‚Ja‘ hervorgerufen habe, machen kann. Nachdem ich der Kollegin Vortritt beim Urlaub gelassen hatte, machte ich mir klar, wie schön es ist, an dem Tag nicht mit ihr arbeiten zu müssen und dann freute ich mich auf den freien Tag in der Woche darauf.

Wenn ich um der Harmonie willen ‚Ja‘ sage, sehe ich zu, einen Ausgleich zu finden.

Ich kann gut damit leben, nicht zu der Gattung der scheinbar so selbstbewussten Menschen zu gehören, die sich vermeintlich immer durchzusetzen, jeden Konflikt sofort ansprechen, und sagen, was ihnen nicht passt. Ich habe gelernt, ‚Nein‘ auf meine eigene Weise zu sagen.

Ich richte meine Aufmerksamkeit und Energie darauf, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich wohl fühle und mich gut entwickeln kann. Dazu gehört es, Menschen zu meiden, die mich ausnutzen möchten und Menschen zu meiden, die ich als anstrengend und unangenehm empfinde. Ich übe, mit mir selbst in Kontakt zu sein. Inne zu halten und in mich hineinzuhorchen, wie es mir geht, was ich brauche, wie ich mich fühle, was ich will. Ich nehme mir ganz bewusst Zeit für mich selbst, um diesen Kontakt zu halten und mir meiner-selbst-bewusst zu werden. Das ist so wichtig, weil Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückstellen, sich selbst in ihrer Rolle verlieren. Wenn ich erkenne, wo meine Grenzen sind, dann weiß ich auch, wann ein ‚Nein‘ angesagt ist.

Ich habe auch gelernt, mit Schuldgefühlen umzugehen. Das Gefühl, nicht nur gebraucht, sondern für das Wohlergehen anderer verantwortlich zu sein, ist eine Facette des Größenwahns. Die meisten Menschen können sehr gut auf sich selbst achten (Kinder sind hier ausgenommen!). Schuldgefühle können entstehen, wenn uns früh vermittelt wurde, dass unser Verhalten für die Wut, Trauer oder schlimme Ereignisse ursächlich ist. „Mama wird ganz traurig, wenn du nicht aufisst“ oder „ich trinke, weil Du mich so unter Druck setzt“.

Ich mache mir immer wieder deutlich, wofür ich verantwortlich bin, nämlich meine Gedanken, meine Gefühle und wie ich mit ihnen umgehe, also für mein Verhalten. Der andere wiederum ist für seine Gefühle, Gedanken und Handlungen verantwortlich. Häufig haben wir Angst vor einem ‚Nein‘, weil wir in Gedanken schon die Gefühle des anderen vorwegnehmen. Dabei entscheidet doch unser Gegenüber, wie er mit unserem ‚Nein‘ umgeht. Wie er mit seinen Gefühlen umgeht, ist sein Sache. Unsere Sache ist es, dafür zu sorgen, dass wir im Gleichgewicht sind, dass wir gut zu uns sind und gut für uns sorgen. Dann wächst unser Selbstwertgefühl und unser Selbstbewusstsein und das ‚Nein-Sagen‘ fällt uns immer leichter.

Wenn ein großes ‚Nein‘ ansteht, dann hilft es oft, sich das schlimmste auszumalen, das passieren kann. Wird der andere uns verlassen? Nie wieder mit uns sprechen? Schlecht über uns reden? Und wie will ich dann damit umgehen bzw. weiterleben.

Es sind unsere „Kinderängste“ die da sprechen, in der Realität passiert meist nichts dergleichen. Im schlimmsten Fall ist jemand ein bisschen verstimmt. Es ist unwahrscheinlich, dass andere Menschen uns ablehnen, weil wir ihre Wünsche oder Erwartungen nicht erfüllen können. Schließlich tun wir ihnen nichts Böses, wir vertreten lediglich unsere eigenen Interessen und das ist das Recht eines jenen.

Im Berufsleben übrigens, führt ein ‚Nein‘ oft dazu, dass wir mehr respektiert werden. Der andere weiß dann, dass wir uns nicht alles bieten lassen.

Ein ‚Nein‘ darf durchaus auch nett verpackt sein. „Ich würde dir da wirklich gern entgegenkommen, aber mein Schreibtisch ist schon übervoll, da kann ich Dir leider nicht helfen.“

Ansonsten gibt es nur eine Möglichkeit, das ‚Nein-Sagen‘ zu erlernen: üben, üben, üben. Die feuchten Hände und das Herzklopfen akzeptieren, die Angst überwinden und das Wort ‚Nein‘ oder seine Umschreibungen „das geht jetzt leider nicht“, „da kann ich leider nicht weiterhelfen“, „das passt mir leider grade gar nicht“  usw. äußern. Hinterher sich ganz doll für seinen Mut loben und sich dann erlauben, sich über den Erfolg von ganzem Herzen zu freuen.

Meistens klingen die ersten ‚Nein‘ ein wenig leise und zaghaft, aber es wird besser. Am besten übt man erst mal dort, wo es einem nicht ganz so schwer fällt und steigert dann die Schwierigkeitsstufe. Es braucht Zeit, das ‚Nein‘ sagen zu lernen, aber mit ständigem Üben wird es besser.

Und wenn es nicht geklappt hat? Der Drang ‚Ja‘ zu sagen, übermächtig war? Dann bloß nicht mit sich selbst schimpfen, sondern sich Mut machen: beim nächsten Mal wird es besser laufen. Dann, wenn möglich, gucken, wie man aus der Situation trotzdem das Beste machen kann oder, wenn es sehr schmerzt, sich hinterher etwas Gutes tun und liebevoll mit sich selbst umgehen.

Ja-Sager: der Harmoniebedürftige: bloß keine Konflikte riskieren

Ja-Sager: der Harmoniebedürftige –  bloß keine Konflikte riskieren!

Mein Partner möchte, dass ich ihn am Wochenende zu einem Familienbesuch begleite? Aber sicher komme ich mit, auch wenn ich eigentlich gar keine Lust darauf habe und ahne, dass ich mich fürchterlich langweilen werde.

Meine Vertretung fragt, ob sie ausgerechnet an dem Freitag, an dem ich einen Urlaubstag nehmen wollte, frei haben kann. Klar, kann sie.

‚Ja-Sagen‘ ist oft der Weg des geringsten Widerstandes und ich versuche damit bewusst oder unbewusst Konflikte vermeiden. Es ist viel leichter ‚Ja‘ zu sagen, als mich mit meinem Partner über seine Famile zu streiten. Meiner Vertretung, zu der ich eh ein gespanntes Verhältnis habe, frei zu geben, als ihr Gemaule und langes Gesicht in den nächsten vier Wochen zu ertragen.

Das zu tun, was andere erwarten, vermeidet Irritationen und Auseinandersetzungen. Es gibt mir die Möglichkeit „nett“ und damit unangreifbar zu sein. Leider werde ich dadurch auch insgesamt wenig greifbar, denn wir definieren uns mit einem ‚Nein‘ sehr viel stärker als mit einem ‚Ja‘. Mit einem ‚Nein‘ setzten wir Grenzen, zeigen unseren Mitmenschen, wo für uns der Spaß aufhört, wo unsere Interessen liegen und was wir nicht mehr mit uns machen lassen. Wenn wir ‚Nein‘ sagen, müssen wir Farbe bekennen und uns dabei womöglich auch noch den Ärger des anderen anhören. Möglicherweise akzeptiert dieser auch kein ‚Nein‘ und wir müssen uns immer wieder auf die Auseinandersetzung einlassen. Das strengt an! Da ist ein ‚Ja‘ oft einfacher.

Als ich jung und frisch verliebt war, ging es mir wie so vielen jungen und frisch verliebten Menschen. Ich wollte meinem Freund gefallen und um dies zu erreichen, hörte er nie ein ‚Nein‘ von mir. Er war dann auch ziemlich schnell wieder weg, aber bei meinem 2. Freund funktionierte diese Haltung ganz phantatisch. . Ich passte mich an, sagte ‚Ja‘ zu allen Vorschlägen, stimmte ihm stets zu. Diese Beziehung endete nicht gut.

Irgendwann einmal kam der Punkt, an dem es nicht mehr ging und ich mein wahres Gesicht zeigte. Der arme Kerl fiel aus allen Wolken, als ihm klar wurde, dass ich überhaupt keinen Spaß an Fußball habe, es scheiße fand, jedes Wochenende in die gleiche Dorfdisco zu gehen und dass ich seine Freunde eigentlich nicht leiden konnte.

Im schlimmsten Fall kann ein zu spät geäußertes ‚Nein‘ Gräben aufreißen, die man nicht mehr schließen kann. Wenn der Partner (plötzlich) erkennen muss, dass wir gar sind, was wir zu sein vorgaben, ist es verständlich, dass er sich betrogen fühlt und das Vertrauen verliert.

Konflikte zu vermeiden und Gegensätze zu verschleiern stellt eine künstliche Harmonie her.  Je öfter ich ‚Ja‘ sage, desto bedrohlicher kann ein Nein sein.

Im schlimmsten Fall kann das  Ja-Sagen zu Beginn einer Liebesbeziehung ein ganzes Gerüst an Lebenslügen nach sich ziehen und ein einziges Nein kann das ganze Gerüst zum Einsturz bringen.

Ich war noch ziemlich jung, als ich diese Schwäche bei mir entdeckte. Das fatale ist nämlich, dass man sich als echter Harmoniesüchtiger oftmals gar nicht bewusst ist, dass das eigene ‚Ja‘ unehrlich ist. Nämlich dann, wenn wir schon früh gelernt haben, dass wir mehr geliebt werden, wenn wir anderen keine Schwierigkeiten bereiten. Vielen von uns fällt es schwer ‚Nein‘ zu sagen, weil wir uns unserer eigenen Position gar nicht mehr bewusst sind. Wir haben die Wünsche, Bedürfnisse und Ansprüche der anderen verinnerlicht und den Kontakt zu uns selbst verloren.

Dies entbindet uns als erwachsene Menschen jedoch nicht davon, das ‚Nein-Sagen‘ lernen zu müssen, wenn wir uns selbst und andere nicht ständig selbst betrügen wollen.

Leider wird ein ‚Ja-Sager‘nicht schlagartig zu einem aufrichtigen Menschen.

Mir kam das ‚Ja‘ immer wieder über die Lippen, vor einem ‚Nein‘ krampfte sich alles in mir zusammen, mein Herz schlug wie verrückt und ich bekam feuchte Hände. Mehr als einmal zog ich den Schwanz ein und sagte ‚Ja‘, obwohl ich mir geschworen hatte, standfest zu bleiben. . Dafür  empfand ich mich als Weichei, als feige, rückgratlos, als Versager und minderwertig. Immer wieder versuchte ich es, und manchmal gelang es mir auch. Dann kämpfte ich hinterher mit Schuldgefühlen, sorgte mich, den anderen verletzt zu haben oder, im Falle von Partnerschaft, womöglich gar zu verlieren. Natürlich passierte meist gar nicht, es kam nicht einmal zu dem gefürchteten Streit. Es war trotzdem ein furchtbar langer Weg, das ‚Nein-Sagen‘ zu lernen und bis heute bevorzuge ich das ‚Ja‘ und die Harmonie.

Ich sage ‚Nein‘, wenn es um wirklich Wichtiges, Grundsätzliches geht, wenn es für die Partnerschaft oder für das Gelingen meiner Arbeit notwendig ist. Jedes ‚Nein‘ kostet mich Anstrengung, aber ich drücke mich nicht mehr davor. Das hat meiner Selbstachtung gut getan.

Nein-Sagen hat viel mit Selbstwertgefühl zu tun. Viele harmoniebedürftige Menschen sind eher selbstunsicher und ängstlich und können nur schlecht mit der (meist gar nicht realen) Gefahr umgehen, zurückgewiesen zu werden oder den Groll anderer auf sich zu ziehen.

Es gibt im Übrigen Situationen, da wird das ‚Ja-Sagen’ um jeden Preis zur gesellschaftlichen Gefahr. Es gibt Gruppen, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufbauen,  indem sie andere Gruppe entwerten, gering schätzen und erniedrigen. Damit meine ich nicht nur politische Parteien, dies kann auch im Sportverein oder in der Familie geschehen. Wer dann zustimmt, nur um dazu zu gehören oder einem anderen zu gefallen, der wird zum Mitläufer, der fördert womöglich Rassismus, Sexismus und andere extreme oder menschenverachtende Gesinnungen.

Es ist wichtig, sich seiner Grenzen bewusst zu sein. Zu wissen, wo ich mich nicht weiter öffnen, sondern mich verschließen will und mich gegen etwas stellen muss, um meinen Werten und mir selbst treu zu bleiben. Darüber mehr in der nächsten Woche.

Ja-Sager: der Helfer – eigentlich ein netter Mensch

Mein Chef fragt mich, ob ich noch ein weiteres Projekt übernehme, obwohl ich mein Arbeitspensum jetzt schon kaum mehr schaffe? Kein Problem! Das kriege ich schon irgendwie hin.

Was, meine Freundin möchte übers Wochenende verreisen und ihre Kinder bei uns lassen? Selbstverständlich können sie übers Wochenende zu uns kommen. Das mache ich doch gern!

Ich kann nur schwer eine Bitte ausschlagen. „Ja, klar mache ich das“, „Ja, das ist überhaupt kein Problem“ „Ja,  mache ich doch gern“,  kommen ganz selbstverständlich aus meinem Munde. Schlimmer noch, meist muss man mich gar nicht erst bitten. Ich nehmen jeden Appell sofort wahr und biete meine Hilfe oder Mitwirkung von allein an. Egal, ob auf der Arbeit oder zuhause. Ich sage ‚Ja‘ ohne darüber nachzudenken, ob ich die Aufgabe wirklich bewältigen kann oder den Gefallen wirklich tun möchte. Die Bedürfnisse der anderen stehen in solchen Momenten vor meinen eigenen. Und da ich ungern schlechte Arbeit mache oder einen Menschen enttäusche, mache ich meine Sache in den allermeisten Fällen auch gut.

Früher, als mir noch nicht klar war, dass ich ein ‚Ja-Sager‘ bin, hielt ich mich für selbstlos, weil ich andere immer wichtiger nahm als mich und meinte, besonders liebevoll und verständnisvoll zu sein, da ich ja immer verfügbar war. Entsprechend erhoffte ich mir aber auch Anerkennung, Zuwendung und Lob für meine vermeintliche Güte. Die ich meist auch erhielt, denn die meisten Menschen sind tatsächlich freundlich und schätzen die Unterstützung und die anderen haben ein feines Gespür dafür, wie sie den Ja-Sager in seiner Position bestärken können, um weiter von seinem ‚Nicht-Nein-Sagen-Können‘ profitieren zu können.

Als ich jünger war, hatte ich ein ausgeprägtes „Helfersyndrom“. Hinter dem „Nicht-Nein-Sagen-Können“ standen meist die Angst vor Ablehnung und der Wunsch nach Anerkennung, also ganz selbstbezogene Bedürfnisse. Als Ja-Sager hoffte ich, für meine Handlungen belohnt zu werden. Da ging es beim Ja-Sagen weniger um den anderen, als um Vermeidung und Sicherung eigener Bedürfnisse. Ich definierte mich über die Anerkennung anderer und stellte dafür meine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund.

Als ich mir selbst auf die Schliche kam, schämte ich mich erst einmal. Damals, in den 80iger Jahren waren die Wörter Co-Abhängigkeit und Helfersyndrom aktuell und ich verschlang Selbsthilfeliteratur ohne Ende. Ich wollte ein unabhängiger, selbstbewusster Mensch sein, der genau das tat, was er wollte. Ich bewunderte Menschen, die ‚Nein‘ sagen konnten, fürchtete sie auch ein bisschen und fühlte mich ihnen maßlos unterlegen. Das ‚Ja‘ kam mir auch weiterhin automatisch über die Lippen, egal, wie oft ich mir vornahm, endlich einmal selbstbewusst ‚Nein‘ zu sagen.

Im Laufe der Jahre lernte ich, mein Helfersyndrom gelassener zu betrachten, es als Teil von mir zu akzeptieren. Ich tat ja nichts Schlechtes und verletzte niemanden. Ich konnte und kann nur einfach schwer ‚Nein‘ sagen. Ich bin von Natur ein hilfsbereiter Mensch. Ich helfe gern. Auch meinem Chef. Und ich mag Menschen. Dazu stehe ich.

Das ‚Ja-sagen‘ hat mich schon vor so manche Herausforderung gestellt. Ich habe Aufgaben bewältigt, für die ich eigentlich gar nicht qualifiziert war, ich habe Dinge gestemmt, die enorm viel Kraft gekostet haben und Ängste überwunden. Dadurch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich belastbar bin, über viel mehr Kraft und Fähigkeiten verfüge, als ich glaubte.  Dadurch, dass ich nicht ‚Nein‘ sagen konnte, habe ich auf der Arbeit tatsächlich mehr geleistet, als so mancher Kollege, aber ich habe dadurch auch materielle und nichtmaterielle Anerkennung bekommen und viel Selbstvertrauen gewonnen.

Auch wenn ich Selbstwertgefühl aus meiner Helferrolle ziehe, also keinesfalls selbstlos bin, finde ich das in Ordnung, solange dies nur eine von vielen Quellen ist, aus denen ich Selbstwertgefühl beziehe  und solange ich dafür sorge, mich selbst nicht zu überfordern.

Menschen, die oft und gern ‚Ja‘ sagen, wenn man sie um Hilfe oder Mitwirkung bittet, werden tatsächlich auch gebraucht. Kein Verein, keine Gemeinde, keine Familie, keine Schule kommt ohne Menschen aus, die bereit sind, sich einzubringen. Keine Hilfsorganisation würde existieren, wenn Menschen nicht auch Freude daran hätten, ihre Kraft, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse für andere einzusetzen.

Ständiges ‚Ja-Sagen‘ wird dann gefährlich, wenn ein Mensch sich tatsächlich selbst überfordert. Nicht einmal, sondern andauernd und ständig. Wenn er nicht an seinen Aufgaben wächst, sondern  sie ihm mehr abverlangen, als er geben kann. Wenn er über das ‚Ja-Sagen‘ das Gespür dafür verliert, wer er ist und worin seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche bestehen. Fehlen diesem Menschen Ressourcen, aus denen sie Kraft, Freude, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl schöpfen können, dann drohen Verbitterung und Resignation, Burn-out und Depression, wenn Anerkennung und Lob ausbleiben und der Berg an Aufgaben die Kräfte übersteigt.

Ich sage weiterhin lieber ‚Ja‘ als ‚Nein‘, wenn mich jemand um Hilfe bittet und werde dabei sicherlich auch weiterhin immer mal an meine Grenzen kommen oder meine eigenen Bedürfnisse öfter zurückstellen,  als nötig ist. Aber das macht mir nur selten etwas aus. Es ist ein Teil von mir. Ich halte mich deshalb nicht für einen besonders guten oder gar selbstlosen Menschen. Ein Teil von mir hat Angst vor Ablehnung, mag andere nicht enttäuschen und hasst Konflikte. Wobei wir auch schon zum nächsten Aspekt des Ja-Sagens kommen, nämlich dem Ja-Sagen, um Konflikte zu vermeiden. Aber darüber mehr in der nächsten Woche.