abc.etüden: Leah trinkt noch einen Wein

Die Wortspende war eine echte Herausforderung und um so mehr Spaß hat es gemacht, diese in die Geschichte von Leah und Matthias einzubauen. Danke, liebe Christian für die Schreibeinladung.

Leah zwang ein Lächeln ins Gesicht und folgte Sven zurück zu Greta und Matthias, die tief in ein Gespräch versunken schienen.

„Schaut mal, wen ich getroffen habe“, unterbrach Leah die beiden. „Ihr unterhaltet euch so nett, da macht es euch sicher nichts aus, wenn ich mich kurz an seinen Tisch setze.“

Matthias hatte den Anstand, verlegen zu gucken, während Greta Leah schlicht ignorierte.

An Svens Tisch saßen zwei Männer, die Leah nicht kannte.

„Wen bringst du uns da denn mit?“

„Das ist Leah, eine Kollegin. Greta versucht gerade, ihr den Typen da drüben abspenstig zu machen“.

„Oh, unsere Greta. Wisst ihr noch, wie sie in diesem engen Rock und einem Korsett zu Svens Party kam? Maren hat drei Tage nicht mit mir gesprochen, weil sie meinte, dass ich den ganzen Abend nur Greta angestarrt hätte.“

„Ja, und der alte Ludwig, mein Chef, der hat sich dampfende Suppe über die Hose gegossen, als Greta sich neben ihm setze und ihm einen Vortrag über rechtsdrehende Milchbakterien, gesunde Darmflora und deren positive Wirkung auf die Potenz hielt.“

Die Männer brüllten vor Lachen und Leah fragte sich, ob sie wirklich über die Frau sprachen, mit der sie seit einem Jahr friedlich in der Buchhaltung arbeitete.

Sven zwinkerte Leah zu. „Wir drei haben früher in der gleichen Spedition gearbeitet und Jannik war mal ein paar Wochen mit Greta zusammen.“

Jannik wandte sich Leah zu. „In den 8 Wochen war ich mindestens dreimal in der Situation wie du jetzt. Kaum war ein Mann in der Nähe, musste Greta dessen volle Aufmerksamkeit gewinnen. Wenn sie die hat, verliert sie das Interesse. “

„Komm, trink noch einen Wein.“ Sven lächelte Leah an und diese entschied, noch ein Weilchen bei den drei Männern zu bleiben. Sie nippte am Wein und bemühte sich, ein fröhliches Gesicht zu machen.  

Fortsetzung folgt

Wenn ihr auch Lust habt, bei den abc.etüden mitzumachen, findet ihr die Schreibeinladung hier: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/05/02/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-18-19-21-wortspende-vom-bodenlosz-archiv/

Mutmacher: Meine Mutter oder es ist nie zu spät, das Leben zu genießen

Als meine Mutter in Rente ging, träumte sie davon, in einem Wohnmobil kreuz und quer durch Europa zu reisen. Mein Vater hielt nichts von dieser Idee und so blieb sie zuhause, kümmerte sich um ihre Enkel und schuf einen wunderschönen Garten. Sie schloss sich einer Wandergruppe an, besuchte regelmäßig eine Frauengruppe, kaufte ein Abonnement für das Theater und ging regelmäßig zum Sport.   

Dann erkrankte mein Vater und meine Mutter pflegte ihn 9 Jahre hingebungsvoll. In dieser Zeit ließ sie ihn nur während seines Mittagsschlafs allein. Zum Glück dauerte dieser mindestens zwei Stunden, sodass sie wenigstens in Ruhe einkaufen konnte. Sie verbrachte ihre Tage damit, im Garten zu arbeiten, das Haus instand zu halten und mit meinem Vater Kniffel, Domino und Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen. Unsere Angebote, am Wochenende zu kommen, damit sie sich einmal eine Auszeit gönnen konnte, nahm sie in diesen Jahren nur zweimal an.

Als mein Vater schließlich starb, erklärte sie, dass sie fortan frei von jeder Verantwortung sein wollte. Sie verkaufte Haus und Garten und zog in eine komfortable Mietswohnung mit Balkon und Hausmeister. Da war sie 79.

Kurz darauf buchte sie eine Reise nach Polen und eine Reise nach Tirol. Sie fand eine neue Wandergruppe, belegte einen Yoga-Kurs beim Roten Kreuz und ging wieder regelmäßig ins Theater. Sie freundete sich mit einer Gruppe alleinstehender Frauen an und begann mit diesen in der Stadt zu flanieren. Fortan wuchs ihre Garderobe und sie überraschte uns mit farbenfrohen Blusen und Kleidern, die die gedeckten Töne ihrer jüngeren Jahre vergessen ließen. Sie verbannte ihre praktischen Mützen und kaufte sich einen Hut. Zu Weihnachten wünschte sie sich Make-up und zum Geburtstag ein neues Smartphone.  

Irgendwann fiel der Name Detlef immer häufiger. Sie hatte ihn in der Wandergruppe kennengelernt und er teilte ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren. Mit ihren E-Bikes erkunden die beiden die Umgebung, fuhren locker mal 50 oder 60 Kilometer. Unterwegs kehrten sie ein und genossen ein schönes Stück Torte oder ein Gläschen Wein.

Dann kam die Pandemie. Das Theater schloss, das Wandern in der Gruppe fand ein Ende und auch das Flanieren mit Maske vorm Gesicht machte nicht mehr so richtig Spaß. Wer nun glaubt, dass meine Mutter sich resigniert und ängstlich in die Wohnung zurückzog, der kennt meine Mutter nicht. Montags trifft sie sich nun mit Margot zum Spazierengehen, dienstags ist sie meist mit Inge verabredet, donnerstags macht sie ihre Einkäufe und mittwochs und freitags trifft sie Detlef. Wenn das Wetter es zulässt, machen sie nun unterwegs ein Picknick. Wenn es kalt ist, dann gibt es anschließend ein Stück Kuchen bei meiner Mutter in der Wohnung. Am Wochenende kriegen wir sie endlich mal zu Gesicht.

Ihre Augen glänzen und sie bewegt sich wie ein junges Mädchen. In einigen Wochen wird sie 84 und ich bin stolz auf sie.

ABC-Etüden

Heute geht es mit Leahs Geschichte weiter. Meine 3. abc.etüde https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/04/04/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-14-15-21-wortspende-von-ludwig-zeidler-und-irgendwas-ist-immer/ . Danke Christiane, dass du gemeinsam mit deinen Wortspendern immer wieder unsere Kreativität herausforderst.

Leahs Herz klopfte. Gleich würde sie Matthias treffen. Nur noch ein paar Schritte bis zur Bar. Fast eine Woche lang hatte sie mindestens 30 Mal am Tag auf ihr Handy geschaut, immer vergeblich. Gestern endlich die ersehnte Nachricht. „Morgen um 17.00 Uhr bei Da Luca?“

Matthias wartete schon auf sie. Er hatte einen Platz vor dem Restaurant reserviert.

„Hi, schön dich zu sehen. Gut siehst du aus.“ Er lächelte sie an und Leah wurde etwas leichter ums Herz. Sie bestellten Antipasti und eine Flasche Wein und redeten über dies und das.

„Guck mal, die Frau mit dem Sonnenhut da drüben. Ist das nicht deine Kollegin?“

Leah folgte Matthias Blick und sah Greta, die gerade aus einem Geschäft kam. Diese blickte fast zeitgleich auf und als sie Leah mit Matthias entdeckte, steuerte sie auf ihren Tisch zu.

„Hallo Greta“. Leahs Begrüßung war eher zurückhaltend, was Greta überhaupt nicht störte. Ungefragt setzte sie sich an den Tisch und wandte sich Matthias zu.

„Wir kennen uns doch. Du bist der Sanitäter, der mir bei dem Unfall geholfen hat.“

„Richtig, Greta, nicht wahr?“ Matthias wurde ein wenig rot und Leah nahm einen kräftigen Schluck Wein.

Greta plapperte ungehemmt drauf los, erzählte von ihrem Einkaufsbummel, ihren Katzen und ihrem Shiatsu-Kurs.

„Dann kannst du bestimmt gut massieren“, zwinkerte ihr Mattias zu.

„Und ob. In deinem Job hast du bestimmt viel Stress, da könnte eine Massage Wunder bewirken“, strahlte Greta ihn an.

„Entschuldigt mich.“ Abrupt stand Leah auf. Sie rannte fast zur Toilette, wo sie erst einmal tief Luft holte, um nicht laut loszuheulen.

„Die Frau ist völlig haltlos und kennt keine Scham.“ Leah blickte auf und sah direkt in das Gesicht von Sven, einem Kollegen. „Ich sitze am Nebentisch und hab alles mitgekriegt. Komm erst mal raus aus der Männertoilette.“

Fortsetzung folgt.