Ein Brief

Lieber M.,

heute hätten wir unsere Silberhochzeit. Wären 25 Jahre verheiratet gewesen. Hätten mit Stolz auf unsere Söhne schauen können, uns gemeinsam an ihrer tollen Entwicklung freuen können. 

In 8 Tagen haben wir unseren 13. Scheidungstag.

Ich weiß nicht, wer Du heute bist. Als unsere Söhne noch zuhause bei mir lebten, haben wir manchmal  ein paar Minuten am Telefon miteinander geredet. Sogar hin und wieder gemeinsam gelacht, über das Älterwerden und die Zipperlein, die uns plagen. Ich erzählte Dir von unseren Söhnen und Du sagtest mir, was Du darüber denkst.

Wir haben in einer Kirche geheiratet. Dein Vater hat uns getraut. Bis heute fühle ich mich Dir verbunden. Du bist mir nicht gleichgültig, auch wenn es Zeiten gab, wo ich mir gewünscht habe, Dich nie wieder zu sehen.

In den 14 Jahren unserer Beziehung haben wir nie aufgehört, miteinander zu reden. Auch ganz am Schluss nicht. Es gab immer etwas, worüber es zu reden gab. Wir haben nicht viel über uns geredet, aber über das, was wir erlebt hatten, habe über Politik diskutiert und über die Nachbarn gelästert.

Du hast einen großen Teil von Dir vor mir versteckt. Du hast wohl geahnt, dass ich diesen Teil nicht annehmen konnte. Aber wenn man beginnt, Dinge voreinander zu verschweigen, dann beginnt das Auseinanderdriften. Wie so viele Menschen, haben wir es einfach geschehen lassen. Manchmal frage ich mich, wie unsere Geschichte verlaufen wäre, wenn ich damals schon die gewesen wäre, die ich heute bin.

Manchmal vermisse ich Dich. So wie heute. Wir könnten uns gemeinsam an unseren Söhnen erfreuen und irgendwann unsere Enkelkinder verwöhnen. Gemeinsam auf eine schwierige, aber gelungene Beziehung zurückblicken und stolz darauf sein, es gemeinsam geschafft zu haben.

Nun, unsere Wege haben sich getrennt, und auch Du hast Dich verändert. Den Mann, den ich vermisse, gibt es heute nicht mehr.  Es tut mir Leid, dass ich Dir manchmal weh getan habe und Du sollst wissen, dass ich mich heute vor allem an die guten Zeiten erinnere.

Ich wünsche Dir ein glückliches Leben.

T.

9 Gedanken zu “Ein Brief

  1. trina59 1. Dezember 2013 / 16:57

    Nun, das war eine Momentaufnahme. Eigentlich versuche ich mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren und dem Vergangenen nicht zu viel Platz zu geben. Aber es ist wichtig, sich mit dem Geschehenen bzw. mit den Menschen aus der Vergangenheit (innerlich) zu versöhnen, damit man frei ist für die Zukunft.

  2. claudi661 1. Dezember 2013 / 16:49

    Traurig, ehrlich und ein bisschen wehmütig. Mit meinen Ex hätte ich auch Silberhochzeit gehabt 2013. Vorbei. GsD kann ich nur sagen. Kontakt würde ich keinen wollen, die vergangenen Ereignisse waren zu schmerzhaft für mich. So wie es jetzt ist, ist es gut. LG Claudi.

  3. desweges 1. Dezember 2013 / 11:59

    Ich schließe mich den Kommentaren vor mir an. Sehr schön und doch sehr traurig, aber aus reinem Herzen geschrieben. Habt ihr noch Kontakt? LG desweges

  4. fiirvogu 30. November 2013 / 21:14

    Denke an Dich!!! Es ist schade, dass es mit dem gemeinsamen Weg nicht geklappt hat. Vor allem wenn ich lese, wieviel Trauer in diesen Zeilen mitschwingt. Aber vielleicht hat es gerade diese Trennung gebraucht, damit Du zu der Person werden konntest, die Du heute bist.
    Herzliche Grüsse
    Charlotte

  5. trina59 30. November 2013 / 19:08

    Ja, das wäre interessant, und wer weiß, worüber wir sprechen, wenn wir uns irgendwann mal wieder sehen. Wir leben rund 1000 km voneinander entfernt.

  6. giftigeblonde 30. November 2013 / 18:55

    Traurig, sehr traurig und wehmütig klingt das.
    Interessant wäre, ob er ähnlich denkt.
    Alles Liebe Sina

  7. trina59 30. November 2013 / 18:40

    Danke!

  8. lebensschnipsel 30. November 2013 / 18:34

    Bei so viel Gefühl, Sehnsucht, Akzeptanz, Berührung und Ehrlichkeit habe ich ein Tränchen im Auge. Wunderschön und herzlich geschrieben.

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