Liebe ich?

Ganz ehrlich, ich finde dieses Thema ‚Liebe‘, das ich mir ja selbst ausgesucht habe, ganz schön anstrengend. Liebe hat so viele Aspekte und Bedeutungen, und egal, ob Bibel oder ‚Brigitte‘, sie ist ein zentrales Thema der Menschheit.

Liebe ich?

Ja, ich liebe meine Söhne aus ganzem Herzen. Wenn ich mit ihnen telefoniere oder sie sehe, dann bin ich einfach von einem ganz, ganz starken Gefühl der Freude erfüllt. Ich freue mich einfach, dass es sie gibt und bin dankbar, dass ich ihre Mutter sein darf. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Für mich sind sie perfekt, die tollsten Menschen der Welt und ich bete dafür, dass es ihnen immer gut gehen wird.

Ich liebe meine Mutter, auch wenn mich manches, was sie sagt oder tut, an die Decke gehen lässt. Mutter – Tochter – Geschichten können kompliziert sein und unsere ist es, auch wenn nur ich das so empfinde. Meine Mutter, das weiß ich, liebt mich so, wie ich meine Kinder liebe, während ich, (wahrscheinlich wie meine Kinder), einige Auseinandersetzungen mit meiner (inneren) Mutter auszutragen hatte und manchmal noch habe.

Ich kann nicht sagen, ob ich meinen Vater liebe, denn er war nur selten anwesend. Jetzt, als Greis, empfinde ich eine Art Mitleid mit ihm, möchte, dass es ihm gut geht, kann rückblickend auch seine guten Seiten erkennen. Er rührt mich und ja,  ich denke, auch das ist eine Form der Liebe.

Auch für meinen Hund empfinde ich Liebe. Manchmal, wenn sie so vor mir herläuft empfinde ich sie wie ein Wunder, die Geschmeidigkeit ihrer Glieder, diese samtweichen Ohren und ich empfinde ganz viel Dankbarkeit und Glück, dass der liebe Gott so ein perfektes Geschöpf geschaffen hat. Ich sorge gern für meinen Hund und will, dass sie es gut hat. Ich füttere sie, lasse sie impfen, gehe täglich mit ihr spazieren und lasse sie, wenn möglich, nicht allein und es macht mir nichts aus, ihretwegen Umstände zu haben.

Ich sage oft, dass ich meine Arbeit liebe. Liebe ich meine Arbeit? In gewisser Weise schon. Natürlich gibt es auch bei uns anstrengende Zeiten und manchmal möchte ich unsere Geschäftsleitung und eine bestimmte Kollegin zum Mond schießen, aber die Aufgabe, das, wofür ich verantwortlich bin, ist mir wichtig, dafür brenne ich und dafür lege mich gern ins Zeug. Ich finde es toll, dass ich immer wieder dazu lernen kann, dass ich auch immer wieder mit mir selbst, meinen Stärken und Schwächen konfrontiert werde, und so an meinen Aufgaben wachsen kann.

Ich liebe das Leben. Auch wenn ich manchmal wütend und traurig bin, weil es nicht immer so gelaufen ist und läuft, wie ich es haben wollte, bin ich doch glücklich, am Leben zu sein, teilhaben zu können, an all dem Wunderbaren. Ich liebe es, den Wind zu spüren, mich lebendig zu fühlen. Ich empfinde Glück, wenn ich mich beim Spazierengehen austobe, die warme Sonne genießen kann. Kultur, all die tollen Dinge, die Menschen mit ihrer Kreativität schaffen, bringt mich immer wieder zum Staunen, genauso wie ich die vielen technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, einfach genial finde und dankbar dafür bin. Ja, ich liebe das Leben in all seiner Vielfalt, und selbst seine dunklen, schrecklichen Seiten halten mich davon nicht ab.

Bedeutet Liebe also, dass wir etwas oder jemanden ganz tief zugeneigt sind, dass bei der Begegnung mit diesen Menschen oder Dingen Freude und Glücksgefühle ausgelöst werden?

Ist es Liebe, wenn wir mitleiden und bereit sind, ganz viel oder sogar alles, was wir haben, zu geben, wenn der andere das braucht? Ist es Liebe, wenn die Menschen, die mir nahe sind, für mich perfekt sind, auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass sie Schwächen und Fehler haben. Bedeutet Liebe, das ganze Paket an Stärken, Schwächen, Positivem und Negativem anzunehmen? Den anderen in seiner Entwicklung zu fördern, auch wenn diese nicht so ist, wie man sie gern hätte? Ich nenne es Liebe, wenn ich ein ganz tiefes Gefühl der Verbundenheit spüre, geradezu platzen könnte vor Glück und Dankbarkeit dafür, dass es diesen Menschen gibt. Wie alle Gefühle, breitet es sich immer nur für einen kurzen Moment in mir aus, bevor ich durch den Alltag wieder abgelenkt werde. Dann spüre ich die Liebe zwar nicht so intensiv, aber sie ist trotzdem noch da und in mir. Sie zeigt sich darin, dass ich für sie da sein will, wenn sie mich brauchen, und dass ich es wo immer möglich vermeide, ihnen Schmerzen oder Enttäuschungen zu bereiten. Die Menschen, die ich liebe, haben Priorität. Dafür vernachlässige ich dann auch mal meine Arbeit.

Ich habe es noch nicht ganz durchdacht, aber ich glaube, dass das Leben an sich und auch Aufgaben oder Dinge, die wir mit Hingabe tun,  Gefühle der Verbundenheit, des Glücks und der Dankbarkeit hervorrufen und dass es eine Art der Liebe ist, wenn ich dies spüre, einfach weil der Himmel so blau ist und die Vögel zwitschern und die Sonne in mein Gesicht scheint, oder mich ein Mensch anlächelt und ich mich plötzlich als Teil des Ganzen fühle und nicht nur als Individuum. Oder was meint ihr?

Die innere Landkarte

Wir alle erwerben in unserer frühsten Kindheit innere Überzeugungen, sowie ein Bild von uns selbst. Es ist ein komplexer Prozess, der aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren besteht, bei dem unsere genetische  Ausstattung, die Kultur, in der wir leben und das Milieu, in dem wir aufwachsen ebenso eine Rolle spielen, wie unsere Eltern und andere Bezugspersonen. Die stärksten Glaubenssätze werden zwar in der frühen Kindheit geformt, aber während unseres ganzen Lebens können neue Glaubenssätze hinzukommen oder bestehende verändert werden. Unsere  Glaubenssätze beeinflussen unser Verhalten oft unbemerkt und verführen uns dazu, immer wieder die vertrauten Wege zu gehen, so dass sie letztendlich eine treibende Kraft bei der Ausformung unserer Lebensmuster sind.

Meist sind uns unsere Einstellungen und Verhaltensmuster  nicht bewusst und wir beginnen erst dann, uns mit ihnen zu beschäftigen, wenn sie beginnen, unser Leben zu stören.

Deshalb kann es sinnvoll sein, sich mit unseren inneren Glaubenssätzen oder Überzeugungen auseinanderzusetzen, wenn  wir uns immer wieder mit dem gleichen Dilemma konfrontiert sehen oder gar in eine Lebenskrise geraten.

So eine Lebenskrise kann z. B. der sogenannte Burn-out sein, hinter dem sich oft Glaubenssätze wie  „ich muss immer perfekt sein“, „ich darf nicht um Hilfe bitten“, „ich muss immer Höchstleistungen erbringen“, „ich darf keine Fehler machen“ usw.  verbergen.

Es ist aus meiner Sicht falsch, unseren Eltern die Schuld an unseren Problemen im Erwachsenenleben zu geben. Neben ihnen sind noch viele andere Menschen an der Ausbildung unseres Selbstbildes und unserer Muster beteiligt und Versäumnisse der Eltern können durch positive Erlebnisse mit anderen wichtigen Personen kompensiert werden, ebenso wie eine destruktive Beziehung in späteren Jahren ein eigentlich stabiles Selbstwertgefühl ins Wanken bringen kann.

Weiterhin dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Eltern uns nur das geben konnten, was sie selbst wussten und besaßen. So wurden meine Eltern kurz vor Ausbruch des Krieges geboren und wuchsen im Krieg und den Nachkriegsjahren auf. In dieser Zeit ging es ums Überleben und die emotionalen Bedürfnisse der Kinder spielten in diesen Zeiten keine große Rolle. Aber auch  jedes Kind legt  die Signale der Umwelt seiner eigenen Disposition entsprechend aus.

Ein Kind, das mit Erwachsenen aufwächst, die ihm erst Aufmerksamkeit schenken, wenn es auf sich aufmerksam macht, entwickelt vielleicht den Glaubenssatz, besondere Leistungen erbringen zu müssen, um anerkannt zu werden, oder aber die Überzeugung,  besonders heftig auf sich aufmerksam machen zu müssen,  um bemerkt zu werden,  es könnte aber auch meinen, dass es sowieso aussichtslos ist, die Aufmerksamkeit wichtiger Menschen zu bekommen.

Lebensmuster und unsere Einstellungen sind weder gut noch schlecht. Wir haben sie ausgebildet, um in dem Milieu, in dem wir herangewachsen sind, optimal zurecht zu kommen. Im günstigen Fall helfen sie uns lebenslang, im ungünstigen Fall ändern sich die Lebensbedingungen und das Muster passt nicht mehr so richtig. Wir ecken an oder beginnen, uns damit selbst Schaden zuzufügen.

Die meisten von  uns haben ein paar innere Glaubenssätze, die uns als Erwachsene im Weg stehen oder uns schaden. Wenn wir uns mit den Gründen für unser Essverhalten auseinandersetzen, findet man sicherlich den einen oder anderen. Die gute Nachricht ist, dass man diese Glaubenssätze durch gesündere, für uns hilfreiche Glaubenssätze ersetzen kann. Dann wird aus dem Glaubensatz: „ ich darf die Erwartungen anderer nicht enttäuschen, (in dem ich nur 1 Stück Kuchen esse)“ zu dem Glaubenssatz: „ich darf ehrlich sagen, was ich möchte“. Wenn man noch eine Ebene tiefer geht, erkennt man vielleicht, dass hinter der Überzeugung „ich darf die Erwartungen anderer nicht enttäuschen“  ein Glaubenssatz steht, der ungefähr so lautet wie  „ich bin dafür verantwortlich, dass sich jeder gut fühlt“ oder „wenn ich nicht tue, was andere von mir erwarten, bin ich schuld daran, dass es ihnen schlecht geht“. Dieser kann dann ebenfalls ersetzt werden, indem man z. B. erkennt  „ich bin für meine Gefühle verantwortlich und mein Gegenüber ist für seine Gefühle verantwortlich“.

Natürlich ist es nicht leicht, einen Glaubenssatz zu verändern. Es macht Angst, fühlt sich zunächst fremd und unpassend an und führt meist dazu, dass unsere  Umwelt irritiert reagiert, wenn wir uns anders verhalten als gewohnt, lieb und teuer. Auch dauert es eine längere Zeit und erfordert beständiges Üben, eine Überzeugung, die man über Jahrzehnte gepflegt hat, durch eine neue zu ersetzen. Das geht leider nicht über Nacht.

Menschen, die unter Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Störungen leiden oder Menschen, die durch ihre Glaubenssätze sehr beeinträchtigt werden, brauchen meist professionelle Hilfe in Form einer Psychotherapie, die hilft, die Glaubenssätze aufzudecken und durch neue zu ersetzen. In vielen Fällen können wir uns jedoch selbst helfen, denn schließlich sind wir nun alle erwachsen und können bewusst darüber nachdenken, was für uns richtig und stimmig ist.

 

 

Ein Brief

Lieber M.,

heute hätten wir unsere Silberhochzeit. Wären 25 Jahre verheiratet gewesen. Hätten mit Stolz auf unsere Söhne schauen können, uns gemeinsam an ihrer tollen Entwicklung freuen können. 

In 8 Tagen haben wir unseren 13. Scheidungstag.

Ich weiß nicht, wer Du heute bist. Als unsere Söhne noch zuhause bei mir lebten, haben wir manchmal  ein paar Minuten am Telefon miteinander geredet. Sogar hin und wieder gemeinsam gelacht, über das Älterwerden und die Zipperlein, die uns plagen. Ich erzählte Dir von unseren Söhnen und Du sagtest mir, was Du darüber denkst.

Wir haben in einer Kirche geheiratet. Dein Vater hat uns getraut. Bis heute fühle ich mich Dir verbunden. Du bist mir nicht gleichgültig, auch wenn es Zeiten gab, wo ich mir gewünscht habe, Dich nie wieder zu sehen.

In den 14 Jahren unserer Beziehung haben wir nie aufgehört, miteinander zu reden. Auch ganz am Schluss nicht. Es gab immer etwas, worüber es zu reden gab. Wir haben nicht viel über uns geredet, aber über das, was wir erlebt hatten, habe über Politik diskutiert und über die Nachbarn gelästert.

Du hast einen großen Teil von Dir vor mir versteckt. Du hast wohl geahnt, dass ich diesen Teil nicht annehmen konnte. Aber wenn man beginnt, Dinge voreinander zu verschweigen, dann beginnt das Auseinanderdriften. Wie so viele Menschen, haben wir es einfach geschehen lassen. Manchmal frage ich mich, wie unsere Geschichte verlaufen wäre, wenn ich damals schon die gewesen wäre, die ich heute bin.

Manchmal vermisse ich Dich. So wie heute. Wir könnten uns gemeinsam an unseren Söhnen erfreuen und irgendwann unsere Enkelkinder verwöhnen. Gemeinsam auf eine schwierige, aber gelungene Beziehung zurückblicken und stolz darauf sein, es gemeinsam geschafft zu haben.

Nun, unsere Wege haben sich getrennt, und auch Du hast Dich verändert. Den Mann, den ich vermisse, gibt es heute nicht mehr.  Es tut mir Leid, dass ich Dir manchmal weh getan habe und Du sollst wissen, dass ich mich heute vor allem an die guten Zeiten erinnere.

Ich wünsche Dir ein glückliches Leben.

T.