Gewichtsprobleme

Vor 5 Jahren habe ich aufgehört zu rauchen. Innerhalb von 6 Monaten  15 kg zugenommen. Und danach weitere 10 kg, langsam und stetig.

5 Jahre Kampf gegen das Gewicht. Gute Vorsätze: keine Süßigkeiten, wenig Weißmehl und Fett. Ein paar Tage durchgehalten, dann wieder ein Einbruch: Kuchen bei der Geburtstagsfeier des Kollegen. Da kann man doch nicht ablehnen, das würde ihn kränken. Familienfeiern, alles dreht sich ums Essen, da lange ich auch zu. Urlaub, lange bei Rotwein noch draußen sitzen, da mag ich den Wein nicht durch Wasser ersetzen, Weihnachten, Ostern, Feste, zu denen gutes Essen gehört.

Und dann die Tage auf der Arbeit, an denen von allen Seiten Forderungen und Bitten, Anliegen und Wünsche kommen. Telefon, Email, persönliche Gespräche, Berichte drängen. Da tut eine Tafel Schokolade soooooo gut.

Wenn es schon mit der bewussten Ernährung nicht klappt, dann will ich mich wenigstens viel bewegen. Aber, ach, im Winter ist es so früh dunkel, da wird es nichts mit dem langen Spaziergang am Wochenende, weil ja erst der Haushalt ruft, die Einkäufe, die Wäsche, der Anruf der Mutter, der Partner was bereden will, der Besuch von den Söhnen zum Mittagessen, und es dämmert, bevor ich losgekommen bin.  Dann eben doch nur die Runde durch das Dorf mit dem Hund.

Ja, meist schaffe ich es einmal in der Woche ins Fitnessstudio. Am zweiten Abend wird es dann schon wieder zu spät. Der lange Arbeitstag, 12 Stunden außer Haus, dann noch die Einkäufe und der Hund muss raus, da lockt das Sofa und die Bequemlichkeit siegt wieder einmal.

Nein, eine Diät habe ich nicht gemacht. Die letzte Diät war nach der Geburt meines jüngeren Sohnes. Danach ging das Gewicht mal rauf, mal runter, aber alles im Rahmen. Größe 42 erschien damals als Katastrophe.

Heute – ja, da mogel ich mich in 46 rein, mit Bauch einziehen und figurformenden Höschen. Igitt!!! Das ich sowas mal anziehen würde, hätte ich mir nie erträumt. Noch mit 45 Jahren habe ich über die Frauen gelästert, deren Busen auf dem Bauch ruhte. Sowas würde mir nie passieren! Da würde ich mich doch vernünftig ernähren und Sport machen! Ha, ha,… Nun, jetzt hat sich auch bei mir Brust- und Bauchumfang einander angenähert und ich meide den Blick in den Spiegel. Kleidung wähle ich nach ihrer streckenden, schlank machenden Wirkung aus, vorbei die Zeit, als ich das kaufte, was mir gefiel.

Geht es mir gut damit? Nein, ganz ehrlich, ich hasse diesen Zustand.

Es tröstet mich, andere Frauen mit dickem Bauch zu sehen, dann weiß ich, ich bin nicht allein. Mein Körper wird älter. Er mag sich nicht mehr so leicht von seinen Fettdepots trennen, wie früher. Ich werde schneller müde. Die Gelenke jaulen manchmal, und es ist lange her, dass ich ein Nacht durchgefeiert habe.

In mir rumort Sehnsucht. Ich will noch mehr vom Leben. Nicht nur Haus, Garten, Job und einmal im Jahr eine Reise. Ich möchte attraktiv sein, schöne Kleider tragen, ich möchte tanzen gehen, ich möchte begehrt werden, ich möchte Sex ohne Wabbelspeck, ich möchte reisen, die Welt sehen, Aufregendes erleben, das Gefühl haben, das noch alles vor mir liegt.

Und dann schaut mich im Spiegel dieses dicke Weib an, mit müden Augen. Da liegt der Mann, mit dem ich lebe,  auf dem Sofa, und Erotik gibt es in unserem Haus  nur noch im Spätprogramm der Privatsender.

Nein, es ist nicht immer einfach, in der Mitte des Lebens zu sein. Der innere Schweinehund ist mächtig. Die Altersweisheit lässt noch auf sich warten. Aber zum Glück bin ich nicht mehr so dumm zu glauben, dass die Erfüllung meiner Sehnsüchte vom Gewicht abhängt.

So, und jetzt gehe ich in die Küche und mache eine Flasche Rotwein auf und koche uns ein schönes Abendessen!

Teebeutelweisheiten

„Better to slip with your feet than with your tongue“

Im Büro trinke ich gern Yoga-Tee. Auf dem kleinen Papieranhänger jedes Teebeutelchen steht eine Lebensweisheit. 

„Besser mit den Füßen als mit der Zunge auszurutschen“

Hätte ich diesen Spruch bloß vor ein paar Minuten gelesen! Da telefonierte ich mit der Leiterin einer anderen Niederlassung. Seit einigen Monaten ist dort G.  beschäftigt. Diese ist eine sehr extrovertierte, lebendige und beliebte Person. Ich war eine Zeitlang ihre Vorgesetzte und sie scheute sich nie, mich auch vor den anderen Mitarbeitern „Süße“ oder „Mausi“ zu nennen und mir auch mal Dinge aus der Hand zu nehmen. Da ich nun mal ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin,  wir im Team einen recht freundschaftlichen Umgang pflegten,  uns hin und wieder sogar privat trafen, habe ich das hingenommen und mein leichtes Unbehagen runtergeschluckt.

Als mir nun diese Leiterin von Komplikationen in ihrem Team  berichten wollte, schloss ich v0reilig daraus, dass diese nur in Zusammenhang mit meiner ehemaligen Freundin/Mitarbeiterin stehen konnten. Ich fragte diese Frau, ob G. bereits die Leitung übernommen hätte.  Eigentlich eher als Scherz gemeint, stieß ich auf eisiges Schweigen und ein „Wieso? Frau G. ist eine hervorragende Mitarbeiterin und die Zusammenarbeit klappt vorzüglich“.

Hier bin ich mit der Zunge ausgerutscht. Das Telefonat verlief entsprechend frostig und unbefriedigend. Einen guten Eindruck habe ich sicherlich nicht hinterlassen. Und gleichzeitig etwas verraten, das mir bis dahin selbst nicht bewusst war.

Nach dem Telefonat wurde mir schlagartig klar, wie viel Groll ich noch gegen G. in mir trage. Ich habe es ihr übel genommen, dass sie meine Rolle als Vorgesetzte nicht respektiert hat. Statt ihr dies zu sagen, habe ich meinen Ärger heruntergeschluckt und ignoriert. Bis er dann eines Tages indirekt als Entgleisung meiner Zunge  wieder ans Licht kam.

Was ich daraus lerne? Man sollte Ärger unf Unbehagen besser gleich ansprechen, auch wenn es sich nur um scheinbare Kleinigkeiten handelt. Irgendwann rutscht sonst die Zunge aus. Bevor man weiß, was man da eigentlich sagt, ist es heraus und kann nicht mehr zurückgenommen werden.

Eine Prellung oder Schürfwunde nach einem Fall heilt meist schnell, die Wirkung von unüberlegt und spontan geäußerten Worten lässt sich jedoch nicht wieder zurücknehmen. Und die Zunge entgleist meist dann, wenn verdrängte Gefühle, Kränkungen und verletzte Eitelkeiten betroffen sind.  

Ich bin gespannt, was mein Teebeutel mir morgen sagen wird!

 

 

 

 

 

 

 

Servicewüste

Meine Eltern sind seit 12 Tagen ohne Telefon und Fernsehen. Nach etlichen vergeblichen Versuchen rief meine Mutter den Störungsdienst an, der ihr mitteilte, dass die gesamte Region von einem Störungsfall betroffen sei. Man arbeite daran und sie solle doch bitte etwas Geduld haben.

Als auch nach geduldigem Warten die Störung nicht behoben wurde, wandte sie sich an den Laden vor Ort. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass am Freitag  ein Techniker kommen würde.

Er kam nicht. Als sie daraufhin wieder bei der Störungsstelle anrief, um nachzufragen, wurde ihr vorgeworfen, telefonisch nicht erreichbar gewesen zu sein.

Nun, der Anschluss funktioniert nicht, das müssten die doch eigentlich wissen, und auf dem Handy waren keine verpassten Anrufe verzeichnet. Als sie noch einmal anrief,  wurde sie aufgefordert, doch einfach abzuwarten, man würde sich kümmern.

Seither sind 4 Tage vergangen.

Nun entschloss ich mich, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich meldete die Störung noch einmal über das Formular im Internet. Dann suchte ich vergeblich nach Telefonnummern, Adressen oder Fax-Nummern, doch, oh Wunder, diese sind auf der Homepage nicht zu finden. Lediglich die 0800-Nummern und die enden im Callcenter.

Also entschied ich mich noch einmal im Callcenter anzurufen. Hier empfing mich eine charmante männliche Stimme, die mich zunächst nach meinem Anliegen fragte und mich bat, für die Störungsstelle die 2 einzugeben. Die gleiche Stimme bat mich dann, die Vorwahl einzutippen. Das tat ich. Wurde noch mal aufgefordert, das zu tun, da die Nummer nicht vollständig gewesen sei. Gesagt, getan. Nun kam die nächste Ansage: in H. sind sämtliche Leitungen ausgefallen. Der technische Dienst kümmert sich. Bitte haben Sie Geduld. Es ist nicht notwendig, noch mal anzurufen.

Meine Eltern leben aber in L. und diese Vorwahl habe ich auch eingegeben. Also, noch mal Callcenter angewählt. Diesmal eine Frauenstimme, die blechern ansagt, dass alle Plätze belegt seien. Noch mal von vorne. Wieder die Blechstimme. Und wieder und wieder und wieder.

Mein Blutdruck steigt. Ich bin ärgerlich, wütend, fühle mich hilflos. Da gibt es ein Problem, und keiner will zuhören. Kein Mensch erreichbar, nur Kunststimmen.  Keine Nummer, unter der ich meinen Ärger zum Ausdruck bringen kann. Keine Faxnummer, an die ich ein wütendes Schreiben richten kann.

Wie mögen sich da wohl meine Eltern fühlen, alte Menschen,  die mit Callcentern und Handys überfordert sind.

Und was für eine Frechheit. Da zahlen sie Monat für Monat ihre Gebühren, und werden als Kunden einfach von einer Ansage abgewimmelt.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass mein Vater pflegebedürftig ist, das Haus kaum noch verlassen kann. Da ist der Fernseher das Fenster zur Welt. Seit 12 Tagen ist das Fenster verriegelt und keinen kümmert’s.

Und ich, die es gewohnt bin,  jeden Tag ganz viele Sachen zu regeln, fühle mich machtlos und unsagbar wütend. Bin grade erst über 50 und sehne mich nach „der guten alten Zeit“, als man noch mit Menschen zu tun hatte und nicht mit Ansagen. Als man noch einen Ansprechpartner hatte, der sich mit seinem Arbeitgeber identifizierte und nicht mit einem schlecht bezahlten Callcenteragenten, dem es egal ist, ob das Problem des Kunden behoben wird.

Aber, ach, wie vielversprechend ist die Werbung dieses großen Anbieters, wie schön gelb bunt sein Internetauftritt. Wie konnte es da bloß passieren, dass man vergaß, eine Adresse anzugeben, an die man seine Anliegen schriftlich senden kann???