Selbstfindung: Aussehen

In den letzten Jahren ist mir mein Aussehen  nicht mehr so wichtig. Ich gehe ungeschminkt, in Gammelklamotten in den Supermarkt und mache mir keine Gedanken darüber, wie ich wohl auf andere wirke.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass ich mich in den vergangenen Jahren zunehmend habe gehen lassen. Den  Friseur besuche ich so selten wie möglich, meine Beine rasiere ich nur noch im Hochsommer, meine Fingernägel sind kurz. Meine Kleidung ist vor allem zweckmäßig, schließlich will ich damit bei Wind und Wetter Gartenarbeit und Hundespaziergänge machen. Nur zur Arbeit ziehe ich  die „guten“ Sachen an.

Am Wochenende verlasse ich das Land nur selten. Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr im Kino oder in einer Ausstellung. Was modisch angesagt ist, kann ich nicht sagen. Klamotten kaufe ich seit einiger Zeit nur noch unter dem Aspekt, ob sie in großen Größen zu bekommen sind und dann in unserer kleinen Kreisstadt, wo die Auswahl begrenzt, aber das Einkaufen ruhig ist.

Letzte Woche hat mich meine Freundin überredet, nach der Arbeit mit ihr einen Einkaufsbummel zu machen. D. h. sie hat eingekauft und ich habe sie begleitet. In der Innenstadt von Hamburg. Innerhalb weniger Minuten  fühlte ich mich wie so ein richtiges Landei. Plump und unbeholfen und absolut nicht angesagt.

In den schönen Geschäften fühlte ich mich unwohl, dabei war es einmal selbstverständlich für mich, in ihnen einzukaufen. Weder von den Verkäuferinnen noch von den anderen Kunden wurde ich in irgendeiner Weise beachtet.

Dann erblickte ich mich selbst im großen Wandspiegel zwischen all den schönen Dingen: eine übergewichtige, schwitzende Frau im mittleren Alter mit schlapp herunterhängenden blond gefärbten, schulterlangen Haaren, einem altmodischen Brillengestell auf der Nase und schlecht sitzender, etwas altbackener Kleidung.

Während ich in meinem vertrauten Umfeld mein Selbstbild einer zwar dicken, aber sonst noch ganz jungen und attraktiven Frau aufrecht erhalten kann, sah ich mich inmitten des Glanzes so, wie mich wahrscheinlich viele Menschen sehen. Als unauffällige, schon etwas ältere Frau.  Definitv kein Hingucker mehr.

Will ich so bleiben?

Nein, ganz bestimmt nicht.

Positiv ist ja, das ich mein Selbstwertgefühl schon lange nicht mehr aus dem Äußeren beziehe. Negativ ist, dass ich mir selbst wenig Selbstachtung und Selbstliebe zeige, wenn ich mein Äußeres so komplett vernachlässige und meine Aktivitäten immer mehr und ausschließlich aufs häusliche Umfeld verlagere. Es gibt doch noch eine Welt außerhalb meiner Arbeit und meines Hauses und der darum liegenden Felder, oder?

Will ich neben der Arbeit den Rest meines Lebens mit Gartenarbeit, Hundespaziergängen,  Fernsehabenden und gelegentlichen Flohmarktbesuchen verbringen? Meine Kontakte zur Außenwelt auf die Familie begrenzen? Das kann es doch nicht sein?

Was ist aus meinen Interessen an Filmen und Kunst geworden? Was aus meinem Spaß an Straßenfesten, schönen Geschäften, Kneipenbummel und Tanzen gehen? Wann habe ich das letzte Mal etwas Neues, Interessantes ausprobiert? Neue Orte entdeckt?

Ich empfinde mein Äußeres nun als Ausdruck dafür, dass ich meine Lebenswelt in den letzten Jahren, den Jahren, in denen ich  zugenommen habe, immer mehr reduziert habe.

Dieses Rad muss angehalten werden. Ich reduziere jetzt meinen Umfang und lege dafür an Attraktivität und Aktivität wieder zu. Genau!

Heute fange ich damit an. Ich habe ein Wellness Wochenende zum Geburtstag bekommen und in zwei Stunden fahren wir los. Ein Wochenende im Spa – göttlich. Vorher kaufe ich mir noch einen schönen Badeanzug und vielleicht noch ein bisschen hübsche Wäsche und dann werde ich genießen und eine neue Welt entdecken. Ich freu mich drauf!!!

Selbstfindung und Wechseljahre

Ich bin mitten in den Wechseljahren. Natürlich habe ich diverse Bücher über diese Lebensphase gelesen. Dabei ist mir eine Aussage besonders im Gedächtnis geblieben: Wechseljahre ähneln der Pubertät.

In beiden Lebensphasen finden starke hormonelle Umstellungen statt, die auch mit Veränderungen im Gehirn einhergehen. Jugendlich machen ihre ersten Erfahrungen mit Beziehungen, lösen sich von ihren Eltern und orientieren sich beruflich. Neben körperlichen Veränderungen sind starke Emotionen, Gefühlsschwankungen und Selbstfindung Teil dieser Lebensphase.

Wenn ich dies auf meine Erfahrungen mit den Wechseljahren übertrage, sehe ich deutliche Parallelen:

  • Seit einiger Zeit zeigen mir Hitzewallungen, dass meine Hormone Achterbahn fahren.
  • Mein Körper verändert sich . Fett wird vermehrt am Bauch eingelagert, der Hintern wird flacher, die Brust enthält mehr Fettgewebe, die Gesichtskonturen werden weicher.
  • Meine Stimmungsschwankungen von ‚Himmel-hoch-jauchsend bis zu-Tode- betrübt‘, von der Furie bis zum Trotzkind  sind mir, und leider auch den Menschen, die unmittelbar mit mir zu tun haben,  nur allzu vertraut.
  • Meine Eltern werden langsam älter und damit bedürftiger. Meine Rolle als Tochter ändert sich noch einmal. Bald werde ich diejenige sein, die sie versorgt und sich um ihr Wohlergehen kümmert.
  • Meine Kinder werden nicht mehr erwachsen, sie sind es. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben selbst übernommen und damit ändert sich auch meine Rolle als Mutter.
  • Und, ganz zuletzt, aber dafür am wichtigsten: in diesem Lebensabschnitt ist mal wieder Selbstfindung angesagt.

Selbstfindung, was ist das eigentlich?  Wenn man etwas finden will, dann ist es grade nicht vorhanden. Verloren gegangen oder noch nie da gewesen.

Kann man sein Selbst verlieren? Nicht wirklich, aber ich glaube, man kann es aus den Augen verlieren. Wenn viele Dinge wichtiger sind, als das Selbst, wenn man nicht mehr viel Zeit hat, sich um das Selbst zu kümmern, dann versteckt es sich. Oder es verändert sich, und dann erkennt man sich vielleicht selbst nicht mehr wieder.

Mir geht es im Moment so. Vieles, was einmal normal und selbstverständlich erschien, Teil meiner selbst war, scheint weg zu sein. Verschwunden. Durch den Alltag übertüncht. Seit dem 3. Lebensjahr meines jüngeren Sohnes war ich alleinerziehend und voll berufstätig. Später kamen noch ein neuer Lebenspartner samt Familie und Haus mit Garten dazu. Da ist nicht viel Zeit geblieben, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Und das war auch in Ordnung so, es war eine zwar fordernde, aber auch eine gute Zeit.

Doch nun sind alle Kinder groß, viele Fragen geklärt und neue Lebensaufgaben kommen auf mich zu.

Anders als in der Pubertät bin ich mir nun aber bewusst, dass ich mich in einer Phase des Wandels befinde. Finde es spannend und schön, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Kann gelassener mit meinen Stimmungsschwankungen umgehen. Sehe Selbstfindung und die daraus resultierende Selbstentfaltung als spannende und beglückende Lebensaufgabe. Keine Zeit der Rebellion, sondern eine Zeit, um Frieden zu schließen mit mir selbst und dem Leben.

 

Ist Übergewicht ein Ausdruck mangelnder Selbstliebe?

Seit einigen Monaten lese ich immer mal wieder in dem Buch „Gesundheit für Körper & Seele“ von Louise L. Hay. In diesem Buch geht es um Selbstliebe.

Selbstliebe bedeutet laut Hay die bedingungslose Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Person. Laut Hay wird jeder Mensch mit dem Selbstverständnis, vollkommen zu sein geboren. Während des Heranwachsend wird uns dann auf vielerlei Weise vermittelt, dass wir fehlerhaft und nur bedingt liebenswert sind. Unser Mangel an Selbstliebe zeigt sich darin, wie wir mit uns umgehen. Er  zeigt sich in fehlendem Selbstwertgefühl und ist die Wurzel aller menschlichen Probleme.

Ist also auch Übergewicht ein Ausdruck mangelnder Selbstliebe?

In den vergangenen Tagen, habe ich,  ihren Vorschlägen entsprechend, mal geguckt, was mich eigentlich davon abhält, abzunehmen. Oder, mit anderen Worten, welche Widerstände mich beim Abnehmen behindern.

Nun, Essen gibt mir ein Gefühl von Stärke. Viel Gewicht zu haben, bewahrt mich davor, dass mich etwas umhauen kann. Ich esse, um diese vermeintliche Stärke aufrechtzuerhalten.  „Ich kann das schon“, „ich mach das schon“, “ darum kümmere ich mich“, „das kriegen wir schon hin“ sind meine Standardsätze auf der Arbeit und im Privaten. Und ich kümmere mich um alles, kriege alles hin, mache, auch wenn es andere könnten und bin immer wieder gern der „Fels in der Brandung“.

Aber so ein Fels braucht natürlich Masse, nicht wahr? Schließlich muss er ja auch von etwas gehalten werden, und das ist eben das Essen.

Hinter dieser Einstellung, immer stark und verfügbar sein zu müssen, steckt jedoch wiederum ein Glaubenssatz, nämlich der,  nicht wichtig zu sein. Die Überzeugung, dass die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen wichtiger sind, als meine eigenen und die Einstellung, dass ich andere Menschen nicht enttäuschen darf, sondern das tun muss, was sie (vermeintlich) von mir erwarten.

Solche Einstellungen und Überzeugungen werden in frühster Kindheit erworben und in den seither vergangenen 50 Jahren habe ich wirklich ausreichend Zeit gehabt, mir diese bewusst zu machen und durch gesündere Einstellungen zu ersetzen. Das ist mir auch gut gelungen, bei großen und wichtigen Entscheidungen nehme ich mich sehr wichtig und mein Leben ist  im Großen und Ganzen gut. Ich empfinde mich als recht stabil und belastbar. Und trotzdem zeigen sich immer mal wieder so kleine Reste dieser alten Glaubenssätze im Alltag. So, wie eben beim Essverhalten.

Sich selbst nicht wichtig zu nehmen und die eigenen Bedürfnisse zu leugnen, ist laut Louise Hay ein Ausdruck fehlender Selbstliebe.

Um abzunehmen, muss ich mir zugestehen, wichtig zu sein, damit ich im Alltag meine Wünsche und Bedürfnisse bzw. meine Arbeit und Pläne  für genauso wichtig erachte,  wie die der anderen. Damit ich mir, im vergeblichen Bemühen, allen und allem gerecht zu werden,  „Stärke“ nicht mehr anfuttern muss.

Man mag sich darüber streiten, ob die Affirmationen, die Frau Hay zur Lösung aller Probleme vorschlägt, wirklich sinnvoll und nutzbringend sind und man sollte viele ihrer Aussagen kritisch hinterfragen. Aber ich stimme ihr zu, wenn sie sagt, dass ein Mangel an Selbstliebe und dem daraus resultierendem Mangel an Selbstwertgefühl vielen anderen Lebensproblemen zugrunde liegt.