„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“

Dieser Spruch geht mir seit Sonntag durch den Kopf. Ich weiß nicht, wo ich ihn gehört habe, aber er trifft den Nagel auf den Kopf.

Selbsterkenntnis ist eine feine Sache. Ebenso wichtig ist es, aus der Erkenntnis, was ich ändern möcht, Schritte und Handlungsstrategien zu entwickeln. Mit anderen Worten, ich weiß, wie ich meine Ziel erreichen kann. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis klappt es nicht wirklich.

Statt den Spaziergang in der Mittagspause zu machen, habe ich 1000 gute Gründe am Schreibtisch sitzen zu bleiben. Der wichtige Anruf, der Bericht, der fertig sein muss, der Mitarbeiter, der was klären will. Alles gute Gründe, aber, ganz ehrlich, ein 15minütiger Spaziergang wäre trotzdem drin.

Mehr Aktivität, ein Besuch im Fitnessstudio oder ein langer Spaziergang am Abend. Niemand hält mich davon ab, es gibt kein wirkliches Argument dafür, auf dem Sofa einzudösen. Aber, ach, heute bin ich ja so müde, und beim Einkaufen bin ich schon so viel gelaufen, morgen passt es besser….

Ist dieser innere Schweinehund wirklich nur mangelnde Motivation? Faulheit? Bequemlichkeit?

Wenn es um das Abnehmen geht, dann sicherlich ja. Aber was ist mit dem Vorsatz, öfter ‚Nein‘ zu sagen, fürsorglicher mit mir selbst umzugehen, auf meine Bedürfnisse zu achten. Mein Leben aktiver zu gestalten, mich schöner zu kleiden und Neues auszuprobieren und zu lernen?

Veränderung bedeutet Anstrengung. Von allein passiert nichts. Nur wenn ich etwas tue, kann ich etwas verändern.

Veränderung bedeutet auch Risiko, denn möglicherweise fühlen sich andere gestört, wenn ich mich anders verhalte, als gewohnt. Vielleicht sind sie dann ärgerlich auf mich. Es könnte auch sein, dass das Neue sich als Mogelpackung herausstellt, oder das etwas schief geht. Veränderung macht auch ein bisschen Angst.

Trotzdem, es führt kein Weg daran vorbei: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Oder: wenn auf Worte keine Taten folgen, dann bleibe ich beim Wegweiser stehen, statt mich auf den vielbeschworenen Weg zum Ziel zu machen.

Den ersten Schritt mache ich gleich in der Mittagspause: 15 Minuten spazierengehen. Über die weiteren Schritte werde ich berichten. Versprochen.

Selbstmotivation

Da es mit dem Abnehmen bei mir nicht so richtig vorangeht, stelle ich mir die Frage, was mich eigentlich zum Abnehmen motiviert.  Mein Hausarzt möchte, dass ich abnehme, weil er die Gefahr von Arterienverkalkung und Diabetes Typ II im Anmarsch sieht. Mein Orthopäde möchte, dass ich abnehmen, weil jedes Gramm zuviel meine Arthrose verschlimmert.

Beide haben gute Argumente und  ich stimme ihnen zu. Ich sollte leichter sein und mehr an meine Gesundheit denken.

Gewichtsverlust bringt auch noch weitere Vorteile:

  • die Auswahl an schöner Kleidung ist wesentlich größer
  • ein bestimmter Typ von Verkäuferin (schlank, modisch gekleidet) behandelt einen wie einen Kunden und nicht wie ein lästiges Objekt
  • im Flugzeug (Billigflieger) passt man in die Sitze, ohne das es an den Hüften drückt.
  • man kann sich einen großen Eisbecher bestellen, ohne das Gefühl zu haben, dass alle um einen herum denken „typisch, die Dicke da, kann man mal wieder sehen, woran es liegt…“
  • man muss sich keine blöden Kommentare von Brüdern („du hast ja einen ganz schönen Dragonerarsch gekriegt“), Schwägerinnen („was machst Du, seit Du nicht mehr rauchst, nur noch Schokolade essen…?“) und sonstigen gehässigen Zeitgenossen anhören.

Nun, an den meisten Tagen stehe ich über diese hämischen Kommentare, diesem Verkäuferinnentyp bin ich wahrscheinlich intellektuell weit überlegen, was Fremde über mich denken, tut mir nicht weh und Fliegen tu ich höchstens einmal im Jahr. Die schlechte Auswahl an Kleidung nervt, aber ich hab grad gestern gesehen, dass in unserer Kreisstadt ein neuer Laden mit Kleidung Größe 42 – 60 geöffnet hat.

Nein, diese äußeren Dinge sind es nicht.

Ich war auch schon oft genug schlank , um zu wissen, dass Größe 38/40 mein Leben nicht wie von Zauberhand spannender, aufregender, erotischer oder glücklicher macht.

Also, was motiviert mich dann?

Zuerst kommt mir da das Aussehen in den Sinn. Ich kann den Dellen an meinen Oberschenkeln, meinem Doppelkinn, den Wurstfingern  und vor allem meinem Bauch, der sich mir beim Bücken in den Weg stellt, einfach nichts abgewinnen. Ich kann meine Zehen nicht sehen, wenn ich an mir herunterschaue. Ich sehe mir diesen dicken, schwabbeligen Bauch an und er kommt mir vor wie ein Fremdkörper. Das bin nicht ich!!!

Wenn ich ein Stück weiter in mich hineinhorche, dann spricht mein Selbstgefühl zu mir. Mein Selbstbild hat sich meinem Gewicht angepasst. Ich sehe mich selbst als eine Art Übermutter. Immer stark, immer verfügbar, immer gelassen. So, wie andere mich gern haben. Aber dafür ist ein anderer Teil von mir verschwunden. Der Teil, der die Welt erobern wollte, der Teil, der sich auf neue Menschen gefreut hat, der immer hinzu lernen wollte, der sich für ungewöhnliche Gedanken und Menschen begeistern konnte. Der immer wieder Neues ausprobiert hat. Sich gern bewegt und in Bewegung war. Statt dessen ist die Bequemlichkeit in mein Leben gekrochen. Fernsehabende bei einem Glas Rotwein und Chips, Fahrten mit dem Auto statt mit dem Fahrrad, Grillen im Garten, Feste für die Familie ausrichten, Woche für Woche die gleichen Routinen. Und auf der Arbeit immer die Gelassene, Starke, diejenige, die immer hilft, aber eben auch schon seit fast 20 Jahren da ist, alles kennt, eben die Konservative, die die Jungen bremst.

Ich mag diese „Bequeme“ nicht. Und mein Gewicht erscheint mir oft wie ein Stein, der mich in dieser Rolle hält. Der mich runterzieht, mich nicht vom Sofa hochkommen lässt. Mein Fett als Schicht, die meine Wut im Zaum hält, meine Energie in mir gefangen hält.

Die Bequemlichkeit fühlt sich gut an. Sie ist verführerisch. Die Fernsehabende sind gemütlich, alle essen gern, was ich koche. Auf der Arbeit, und nicht nur dort, bewahre ich die Harmonie. Bin so auch für alle um mich herum bequem.

Und hier ist mein Motiv. Ich möchte wieder in Bewegung sein. Mich nicht mehr beschweren. Nicht mehr nur bequem sein.

Wenn ich zuviel esse, erscheint mir das Sofa als schönster Ort der Welt. Aber das eigentlich Leben zieht an mir vorbei.

Wenn ich zuviel esse, dann schlucke ich  Ärger und Wut, Müdigkeit und Enttäuschung  herunter.

Wenn ich zuviel esse, dann betäube ich Bedürfnisse, deren Erfüllung Veränderungen und Handeln von mir verlangen.

Ich esse mehr als ich brauche, weil ich mir das, was ich wirklich brauche, nicht zugestehe. Der Gewichtsverlust, das Abnehmen, sind also nur Nebeneffekte bei dem Streben Bequemlichkeit durch Leben zu ersetzen. Oder, anders ausgedrückt: Selbst-erfüllung statt Selbst-befüllung.

Gewichtsfrust

Ich bin frustriert. Während ich mit meiner Erkältung flach lag, hatte ich keinen Appetit. Selbst in den Tagen danach konnte ich über den Weihnachtsmarkt gehen, ohne Lust auf Schmalzgebäck oder Bratwurst zu bekommen. Eine Woche lang habe ich kaum 500 Kalorien am Tag zu mir genommen. Als ich letzten Freitag auf die Waage stieg, wog ich 88,5 kg.

Gestern waren es schon wieder 89,1. Dabei habe ich auch in der vergangenen Woche allen Verlockungen widerstanden. Keine Schokolade, kleine Portionen, Schnee schippen und Hundespaziergänge als Ersatz für Sport.

Kann es wirklich sein, dass man in meinem Alter nur noch so wenig Kalorien verbraucht, dass man das Essen fast komplett aufgeben kann? Muss man täglich 1 bis 2 Stunden intensiv  Sport machen? Oder gar beides zusammen – nur noch Salatblätter knabbern und den ganzen Tag Bewegung?

Ich finde es unfair!!!! Warum habe grade ich einen Stoffwechsel, der a.) langsam ist und b.) jede Kalorie sorgfältig verwertet? Warum gehöre ich nicht zu denjenigen, deren Stoffwechsel stets auf Hochtouren läuft und die auch bei täglichem Schokoladenkonsum nicht zunehmen???

Schildddrüse und Blutzuckerwerte sind in Ordnung, ich kann es also nicht mal auf irgendeine Stoffwechselstörung schieben. Nur darauf: ich esse zu viel und ich bewege mich zu wenig. So simpel ist das.