Magendrücken

Nach vielen Wochen ohne zu bloggen, haben mit Christianes #ABC-Etüden https://365tageasatzaday.wordpress.com/abc-etueden-bisherige-woerter/ endlich mal wieder aktiv werden lassen.

Der Traum war verworren, sie war eingesperrt und allein, hatte geschrien und niemand hatte sie gehört.  Als sie erwachte, verschwanden die Bilder, aber das panische Gefühl im Bauch blieb.

Es ist alles gut, dachte sie. Ich liege in meinem kuschligen Bett im schönsten Apartment Hamburgs. Ich bin erfolgreich, gestalte mein Leben. Ich bin reich, ich habe 7 Zimmer und in einem davon steht sogar ein Billardtisch.  Diese Woche werde ich eine Auszeichnung erhalten und nachher kommt eine Journalistin, um mich zu interviewen. Heute Abend treffe ich meinem Agenten zum Essen im Haerlin. Also alles gut.

Sie streckte sich. Zeit aufzustehen. Sie schaltete das Radio ein und das erste Wort, das sie hörte, war aktuell.

Aktuell was? Zu spät. Der Sprecher hatte schon zum nächsten Thema gewechselt. Schnell arbeitete sie ihre Morgenübungen ab und freute sich über den Duft des frischen Kaffees, den ihr brandneuer Kaffeevollautomat ihr auf Knopfdruck lieferte. Sie trat ans Fenster und blickte hinaus über den Hafen. Draußen war es wolkig und trüb und sie zog ihre Kaschmirjacke ein wenig enger. Die Straße weit unter ihr war leer. Keine Menschenseele war unterwegs.

Die Stille. Würde sie merken, wenn sie plötzlich allein auf der Welt wäre? Das beklemmende Gefühl im Magen meldete sich wieder.

Unsinn, schimpfte sie mit sich selbst. Es war einfach zu früh für Leben auf der Straße.  

Sie blickte auf ihr Handy. Keine Nachricht von Felix. Er sollte eigentlich aus China zurück sein. Er hatte versprochen mit ihr Billard zu spielen.  Sie war so stolz auf ihren Sohn, den Unternehmensberater. Wann hatten sie sich eigentlich das letzte Mal gesehen? Weihnachten war er in Australien gewesen und Ostern in Paris, und jetzt war Oktober. Es musste also fast ein Jahr her sein.

Sie seufzte. Noch drei Stunden, bis diese Journalistin kam. Sie hasste Sonntage.

5 Kommentare zu „Magendrücken“

  1. Schön, wieder von Dir zu lesen!
    Ich kenne das so gut, was Du beschreibst! Je länger ich alleine lebe, umso froher bin ich, wenn die Sonntage vorbei sind. Und jetzt auch noch langes Wochenende! Da hilft nur noch: raus in die Natur! Liebe Grüße! Regine

  2. Es ist beklemmend, aus einem Traum zu erwachen und mit dem falschen Fuß aufzustehen. Ich kann dieses merkwürdige Gefühl nachvollziehen. Deine Protagonistin kommt mir verdammt allein vor.
    Schön, mal wieder was von dir zu lesen! Es wäre besser, wenn du die aktuelle Schreibeinladung verlinken würdest, aber ich habe ja deinen Link im Kommentar.
    Danke dir und noch einen schönen Sonntag!
    Sonntagnachmittagskaffeegrüße ⛅🍁☕🍪🍂👍

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