K – wie Kirche

Trinas Welt von A – Z: K wie Kirche

Ich gehe nicht in die Kirche. Seit Jahren schon nicht mal mehr zu Weihnachten. Obwohl ich eigentlich an Gott glaube und im Urlaub gern Kirchen besichtige, dort eine Kerze anzünde und im Stillen bete.P1060468

Eigentlich wünsche ich mir, religiös zu sein, im Glauben eine Richtung zu finden und mich aufgehoben zu fühlen. Ich glaube sogar, dass meine evangelisch-lutherische Religion mir das geben kann, aber ein Blick in die Kirchenzeitung reicht meist schon, um mich von einem Kirchenbesuch abzuschrecken. Da gibt es Eltern-Kind-Kreise, und – ganz modern – auch mal Väter-Frühstück, Altenkreise und ganz viele Treffen zum Thema Kirchenmusik. Wer musikalisch ist, findet bestimmt tolle Angebote, aber ich bin total unmusikalisch, so dass mir Konzerte nicht viel geben. Andere Angebote richten sich an die sozial Bedürftigen: Frühstück für Wohnungslose und Kleiderbörsen für Kinder und Frauen. Als voll Berufstätige Frau im mittleren Alten finde ich mich im Angebot meiner Kirche nicht wieder.

Überhaupt, mir ist das alles zu brav, was ich da in der Kirchenzeitschrift und auf der Internetseite lese. Erinnerungen an meine Konfirmandenzeit, an Kiefernholzmöbel, verlegene Kennenlernspiele und Singen mit Gitarre steigen beim Lesen auf. Der Kirchenzeitung entnehme ich, dass die Menschen in der Gemeinde sich für Flüchtlinge und Wohnungslose engagieren, dass es zum guten Ton gehört, sich für die Umwelt einzusetzen und sich gegen zu viel Konsum auszusprechen. Also absolut politisch und ökologisch korrekt, dem Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und unseren Nächsten zu lieben, entsprechend.

Das entspricht tatsächlich auch meiner Einstellung, aber wenn ich die Artikel in der Kirchenzeitung lese, regt sich bei mir Widerstand. Ich lehne mich innerlich dagegen auf, so tun zu müssen, als wäre ich ein Gutmensch, um in diese Gemeinde zu passen. Von der Kirche brauche ich etwas anderes:  spirituelle Unterstützung, Hilfe dabei, meine Fehler und Schwächen anzunehmen, mir zu verzeihen, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann, wenn ich wieder mal eine Plastiktüte kaufe, weil ich zu faul war, meine Einkaufskörbe in den Kofferraum zu packen.

Mit anderen Worten: ich will keine politisch geprägte Kirche, sondern eine Kirche, die meine spirituellen Bedürfnisse befriedigt, eine Kirche, die mir hilft, Gott wirklich nahe zu kommen. Ich wünsche mir, mich nach einem Gottesdienst gestärkt und in Einklang mit Gott und der Welt zu fühlen, statt mich darüber zu ärgern, dass mir wieder mal, wenn auch gut versteckt, aufgezeigt wurde, wie wenig ich doch eigentlich tue für die ökologische und soziale Gerechtigkeit. Ich brauche eine Kirche, die mir ermöglicht, an ihr teilzuhaben, auch wenn ich durch berufliche, familiäre und sonstige Verpflichtungen nur wenig Zeit für das Gemeindeleben habe.

Ich brauche eine Kirche, die meine Seele anspricht, die mir hilft, eins mit Gott und der Welt zu sein, die mich darin fördert, meine Spiritualität zu entwickeln und in mein ganz gewöhnliches Alltagsleben zu tragen.

Ich muss nicht in die Kirche gehen, um zu wissen, dass es wichtig ist, mich für den Frieden einzusetzen. Ich möchte in die Kirche gehen, um zu erfahren, wie ich mit mir in Frieden leben kann.

Und ja, das ist sehr egozentrisch, steht gegen den Gedanken, dass das Leben in der Gemeinde wichtiger Teil des Glaubens ist, weil wir ja innerhalb der Gemeinde unseren Glauben leben. Ich wünsche mir aber, dass ich durch die Entwicklung meines Glaubens und meiner Spiritualität beginne, mir selbst und den Menschen, denen ich begegne, mit mehr Liebe zu begegnen. Egal, woher sie kommen und wo ich ihnen begegne.

Aber halt, vielleicht lasse ich mich von der Kirchenzeitung und dem Internetauftritt ja blenden. Vielleicht ist es ja ganz anders, vielleicht ist der Mief vergangener Jahre schon lange passé und ich hab die Entwicklung verpasst, weil ich schon so lange nicht mehr im Gottesdienst war. Vielleicht habe ich Angst davor, dass aus dem Gottesdienstbesuche eine Verpflichtung entsteht, der ich mich entziehen will. Vielleicht finde ich im Gottesdienst ja doch Inspiration und Trost und Angenommen – sein, und keiner ist mir böse, wenn ich nur dann hin gehen, wenn mir gerade danach ist.

6 Gedanken zu “K – wie Kirche

  1. trina59 18. September 2017 / 20:34

    Danke für Deinen Kommentar. Ich gebe zu, es ist nicht fair, zu kritisieren oder zu fordern, ohne mich selbst in eine Gemeinde einzubringen . Ich stimme Dir zu, dass Kirche ein großes Potential hat und wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernimmt. Ich habe Phasen in meinem Leben gehabt, in denen ich gern und oft in die Kirche gegangen bin. Ich erinnere mich an Gottesdienste, die mich sehr bewegt haben. Vielleicht ist es einfach nur schwierig (für mich), Glauben und Emotionen mit Menschen zu teilen, die mir relativ fremd sind, oder, die mir, wie meine Familie, nahe sind, aber Glauben eher belächeln. Mein Bild von Kirche ist, dass Seelsorge und Spiritualität so wenig Platz zu haben scheinen, neben all den großen Aufgaben, wie z. B. die soziale Arbeit. Vielleicht sind die Gemeinden zu groß und wahrscheinlich ist es wichtig, zunächst die Schwachen zu versorgen, aber wo ist der Raum für eigentlich gut funktionierende, erwachsene Menschen mit wenig Zeit, die versuchen, eine Beziehung zu Gott zu finden?

  2. gebrocheneslicht 18. September 2017 / 05:02

    Bingo, liebe Trina, eine überaus treffende Beschreibung einer evangelischen Normalgemeinde. Und was nicht im Gemeindebrief steht: Die endlosen Debatten über Strukturen, Finanzen und Baufragen, die viel Zeit und Kraft kosten. Auf der anderen Seite erlebe ich aber auch das große Potenzial, das die Kirche hat: die gutwillen Menschen, die Inhalte, die Gemeinschaft und nicht zuletzt die strukturellen und finanziellen Ressourcen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, dass Menschen wie Du die Gemeinde mal ins Grübeln bringen. Aber zugegeben, die Beharrungskräfte dort sind enorm – wobei ich über Lüneburg nichts sagen kann, weil ich’s nicht kenne.

  3. trina59 25. Juni 2017 / 21:13

    Ich stimme Dir zu, dass es richtig und wichtig ist, in sich selbst zu suchen, denn auch Glauben können wir nur in uns selbst finden. Vergebung und Eigenverantwortung schließen sich für mich nicht aus. Denn selbst wenn ich die volle Verantwortung für mein Tun und für mich selbst übernehme, mache ich doch Fehler. Liege manchmal falsch mit meinen Überzeugungen, verletze andere, manchmal sogar wider besseren Wissens, weil ich gerade schwach bin. Manchmal verletze ich mich auch selbst mit meinem Tun. Das Wissen um Vergebung hätte etwas Tröstliches, würde mich aber nicht von der Eigenverantwortung entbinden.
    Gelassenheit, dass alles gut wird? Oder so, wie es ist, gut ist. Schwierig, denn sind nicht wir unseres Glückes Schmied? Wenn das so ist, erfordert das aber ständige Anstrengung für mich, denn wenn ich mein Glück nicht mache, habe ich mich nicht genug angestrengt. Also, erkennen, dass nicht ich das Maß aller Dinge bin, dass nicht mein Wille die Welt bzw. mein Umfeld regiert, dass das Leben so verläuft, wie es verlaufen soll, egal wie sehr ich mich anstrenge, weil Kräfte am Wirken sind, die ich nicht verstehe? Kirche und Glauben, das ist für mich ein Thema, über das es viel zu diskutieren gibt, vieles zum Nachdenken und vor allem ein Thema, für das der Austausch mit anderen sehr wichtig für mich ist.

  4. Konrad Adele 25. Juni 2017 / 18:39

    Ewige Vergebung, statt selbst Verantwortung zu übernehmen? Oder Gelassenheit darin, das alles gut wird? Was Mensch in sich selbst nicht sucht, ist schwer im Außen zu finden.

  5. trina59 20. Juni 2017 / 21:12

    Ja, die Kirche als Institution erreicht wahrscheinlich nur wenige Menschen. Schade aber, denn Spiritualität oder Seel-Sorge ist eigentlich etwas, das ich als gut und wichtig empfinde. Kleine Kirchen und Sekten schrecken mich in ihrer Extremität aber ebenfalls ab, denn ich glaube nicht, dass eine Religion für sich in Anspruch nehmen kann, die einzig wahre zu sein. Liebe Grüße an Dich! Trina

  6. freiedenkerin 18. Juni 2017 / 16:03

    Kirche ist für mich seit langem schon eine Institution, die den Menschen permanent ein schlechtes Gewissen einzureden versucht. Deshalb habe ich damit auch seit Jahrzehnten schon nix mehr am Hut…
    Liebe Grüße!

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