Die Macht der Worte

Manchmal, wenn ich schon früh am Morgen gute Laune habe, mir ausmale, was an diesem Tag alles Schönes auf mich wartet oder im Auto laut singe, überkommt mich für einen kurzen Moment ein ungutes Gefühl. „Freu dich bloß nicht zu doll“, denke ich dann, „das ruft nur Unglück hervor“.

In solche einem Moment spricht eine Stimme aus meiner Kindheit zu mir: „Wer morgens singt, den holt Abends die Katz“.  Dieser Satz hat sich tief in mir eingegraben. Ebenso wie der Satz, „Eigenlob stinkt“.

Wie oft mache ich meine eigenen Erfolge klein! Sätze wie,  „das war doch nichts“ kommen mir viel leichter über die Lippen als ein „Danke, ich bin auch ganz stolz auf diese Leistung“.

Ich bin in einem Mehrgenerationenhaushalt groß geworden. Meine Eltern lebten im Haus meiner Großeltern. Mittags und abends aßen wir zusammen und meine Großeltern waren immer präsent. Sie prägten meine Kindheit mindestens so sehr wie meine Eltern.

Meine Großeltern waren verschlossene Menschen, die nichts hinterfragten und die vom Leben nicht viel Gutes erwarteten. Was die Leute von ihnen denken könnten, war der Maßstab ihres Handelns, und damit nie jemand etwas Schlechtes dachte, lebten sie angepasst und unauffällig und stets in Sorge, nicht gut genug zu sein. Sie waren höflich zu anderen Menschen, aber sie mieden näheren Kontakt.  Sie lachten selten und sprachen oft mit ernster Miene hinter vorgehaltener Hand über Dinge, die wir Kinder nicht hören sollten. Das, was das Bild der ordentlichen Familie gefährden konnte, wurde unter den Tisch gekehrt.

So fiel es ihnen wohl auch schwer, das Lachen und die Lebendigkeit zweier kleiner Kinder hinzunehmen. Kinder, die stolz ihre selbst gemalten Bilder zeigten, frühmorgens schon fröhlich waren, und die manchmal auch wütend und fordernd sein konnten.

„Kinder mit ‚nem Willen, kriegen was auf die Brillen“ antworteten sie, wenn wir unsere Wünsche allzu deutlich äußerten.

Meine Großeltern waren Kinder von Landarbeitern, die für große Bauern arbeiteten und nach Feierabend  ein eigenes kleines Stück Land bewirtschafteten.  Sie waren geprägt von einem  hierarchischen Gesellschaftsbild, und fühlten sich als „kleine Leute“. Sie waren zu Gehorsam erzogen worden und hatten zwei Kriege erlebt, über die sie nie sprachen. Sie gaben die Werte weiter, die sie erlernt hatten. Kinder sollten demnach brav, still, angepasst und stets gefällig zu sein. Sie haben meinen Vater erzogen, der ihre Werte nie in Frage stellte.

Ich bin heute erwachsen. Ich weiß, dass diese Sätze falsch, dumm und eine Gefahr für die seelische Gesundheit sind. Ich fürchte mich nicht mehr vor Ablehnung, wenn ich meinen Willen äußere, ich mag mich selbst und kann auch morgens schon glücklich sein. Aber ich musste es als Erwachsene erst lernen, mir all dies zuzugestehen. Und doch kann es mir bis heute passieren, dass die Stimmen meiner Großeltern in mein Bewusstsein dringen. Dann denke ich kurz an sie, mache mir klar, woher diese Sätze kommen, hole tief Luft und richte all meine Sinne wieder auf das Hier, Jetzt und Heute.

Aber ist es nicht erschreckend, wie lange die Botschaften aus der frühen Kindheit  noch nach Jahrzehnten in uns nachhallen können?  Kennt Ihr diese oder ähnliche Sprüche auch?

13 Gedanken zu “Die Macht der Worte

  1. trina59 1. Januar 2015 / 14:43

    Ja, es ist immer wieder faszinierend zu merken, wie uns die Botschaften unserer Kindheit auch im späteren Erwachsenenalter beeinflussen und prägen. Auch ich entdecke immer mal wieder eine Einstellung oder Überzeugung bei mir, die ich von meiner Mutter übernommen habe. Zum Glück gelingt es mir aber, diese nun einfach anzugucken, mich zu fragen, ob sie noch zum heute passt und sie dann loszulassen oder anzunehmen, je nachdem. Zu diesem Thema gibt es so unendlich viel zu sagen, und ich glaube, dass wahrscheinlich jeder Mensch sich mit seinen Selbstzweifeln und selbst-lähmenden Überzeugungen auseinadersetzen muss, um mit sich irgendwann wirklich selbst annehmen zu können. Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg! LG Trina

  2. Tastenqual 1. Januar 2015 / 14:19

    „Meine Großeltern waren verschlossene Menschen, die nichts hinterfragten und die vom Leben nicht viel Gutes erwarteten. Was die Leute von ihnen denken könnten, war der Maßstab ihres Handelns, und damit nie jemand etwas Schlechtes dachte, lebten sie angepasst und unauffällig und stets in Sorge, nicht gut genug zu sein. Sie waren höflich zu anderen Menschen, aber sie mieden näheren Kontakt.“

    Genau so ist meine Mutter.

    Ich habe schon von Kindesbeinen an die Minderwertigkeitskomplexe meiner Mutter verabreicht bekommen. „Wir sind nur dumme, hässliche Bauern“ (ich bin in München geboren …), „wir können nichts, wir sind nichts, wir haben nichts“, „wir sind ungeschickte Trampel“ …
    Damit meinte sie sich selbst, hat aber mich mit einbezogen, und obwohl inzwischen über 40 Jahre vergangen sind, fühle ich mich immer noch dumm, minderwertig und zweifle ständig an mir, weil mir ja eingetrichert wurde, dass alle anderen mehr wissen als ich. Mir ist zwar klar, dass es nicht so ist, und ich kämpfe auch dagegen an, aber es ist so unheimlich schwer.
    Ich war und bin auch heute manchmal immer noch überkorrekt, will alles richtig machen, um niemandem vor den Kopf zu stoßen. Meine Mutter bestrafte (in ihren Augen) falsches Verhalten immer damit, mich stunden-, manchmal auch tagelang zu ignorieren, und das ist etwas, das mich extrem geprägt hat.

  3. trina59 18. November 2014 / 08:07

    Wir haben ganz bestimmt vieles ganz anders gemacht! Davon bin ich überzeugt. Aber einige Dinge lassen sich nicht so einfach abschütteln, da reicht es nicht, sich klar zu machen, wie blöd die Sprüche und ihre Botschaften sind. „Meine“ drei Sprüche drücken eine Lebenseinstellung aus, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in Handlungen bzw. fehlender Wertschätzung und dem Unvermögen, Liebe und Freude auszudrücken, gezeigt hat. Deshalb sitzen ihre Botschaften so tief.
    Ein gelegentlich dummer Spruch mag zwar kränken und in der betreffenden Situation stören, aber ein mit Liebe und Wertschätzung erzogenes, selbstbewussten Kind wird davon sicher keinen dauerhaften Schaden nehmen.

  4. claudi661 18. November 2014 / 07:41

    Hey Trina, danke für Deinen tollen Blog. Joooo…solche Sprüche kenne ich auch. Mir geht es da ähnlich wie Kerstin. Ertappe mich auch bei dem ein oder anderen „verstaubten“ Spruch, den ich nie, niemals sagen wollte. Auch ich wollte, wie Kerstin, alles ganz anders machen. LG Claudi

  5. trina59 17. November 2014 / 15:34

    Darauf kannst Du auch wirklich stolz sein, denn diese Glaubenssätze wirken tief und lange, mich überkommt bis heute ein ungutes Gefühl, wenn es mir über längere Zeit so richtig gut geht oder ich voller Vorfreude bin.
    Manchmal ertappe ich mich dabei, nach dem Motto „wer nicht zu viel erwartet, kann auch nicht doll enttäuscht werden“, zu handeln. Ich weiß, dass das dumm ist und nicht der Realität entspricht – im Gegenteil! – aber die alten Sätze schleichen sich immer mal wieder gern ein. Wünsche Dir eine gute Woche!

  6. freiedenkerin 17. November 2014 / 15:20

    Oh ja, das erinnert mich auch an meine Kindheit! Mir wurde von meinen Eltern auch förmlich eingehämmert, dass man ja nicht zu optimistisch, zu freudig und zufrieden sein darf, denn man weiß ja schließlich nicht, was noch alles Schlimmes kommt. Und sich selbst für gut finden oder gar loben – das ist ein absolutes No-Go gewesen, ein schlechter Charakterzug quasi! Es hat auch bei mir lange, sehr, sehr lange gedauert, bis ich mich aus dieser Haltung lösen konnte – manchmal gelingt es mir noch immer nicht so recht, obwohl ich nach wie vor intensiv daran arbeite. 😉
    Die meiste Zeit über bin ich jetzt aber zum Glück dazu in der Lage, Schönes, gute Laune, ein seelisches Hochgefühl, Anerkennung, Erfolge und Lob zu genießen. Und ich bin recht stolz darauf, dass ich das zuwege gebracht habe.
    Herzliche Grüße!

  7. Clara Himmelhoch 17. November 2014 / 10:17

    Ich sehe, da passt vom Geburtsdatum meine Oma besser hinein, sie wurde 1890 geboren und starb 1978. Vielleicht verkläre ich sie in meiner Erinnerung, vielleicht hatte sie eine schönere Kindheit – aber ich denke, sie hat mehr Gefühle zeigen können.

  8. trina59 17. November 2014 / 05:48

    Hallo Clara, meine Großeltern wurden um 1900 geboren, haben also beide Kriege bewusst miterlebt und wurden sicherlich durch sie geprägt.
    Wenn ich mir das Leben meiner Großeltern, insbesondere das meiner Großmutter ansehe, dann finde ich es traurig. Sie war so wenig in der Lage, Kontakte und Beziehungen zu pflegen, immer geprägt von der Sorge, was andere wohl denken mögen. Das sogar innerhalb ihrer eigenen Familie. Gruselig!

  9. trina59 17. November 2014 / 05:45

    Ist es nicht erschreckend, wie viel Schaden Worte anrichten, die achtlos dahergesagt sind. Wahrscheinlich haben sich weder Dein Vater noch meine Großeltern vorstellen können, wie tief sich diese Sprüche in uns verankern und wie sehr sie uns auf unserem Lebensweg hemmen.
    Allerdings glaube ich, dass diese Sätze auch deshalb so eine tiefe Wirkung haben, weil sie tatsächlich den Glaubenssätzen meiner Großeltern und vielleicht auch Deines Vaters entsprachen. Meine Großeltern waren immer von Angst geprägt, aufzufallen, egal ob positiv oder negativ, sie lebten in der tiefen Überzeugung, dass jedes schöne Ereignis mit etwas Schlimmen ausgeglichen wird, dass ihnen nichts Gutes widerfahren wird („Übermut tut selten gut“ ) und natürlich meinten sie, dass es falsch ist, wenn Kinder einen eigenen Willen haben. Das galt auch für ihre eigenen Kinder, also meinen Vater.
    Ich bin sehr froh, die Möglichkeit zu haben, über diese Dinge nachzudenken, sie zu hinterfragen und meine Einstellungen zu ändern.

  10. trina59 17. November 2014 / 05:35

    Liebe Kerstin, das Gefühl in Diskussionen mit meinen Kindern nicht mehr weiter zu wissen, erinnere ich auch noch gut. Ich glaube nicht, dass es schadet, hin und wieder einen Spruch „loszulassen“, solange das Verhältnis zueinander sonst in Ordnung ist. Hinter den Sprüchen meiner Großeltern stand jedoch eine Lebenseinstellung, die von Angst geprägt war und die sich nicht nur in den Sprüchen zeigte. Wahrscheinlich deshalb haben sich ihre Sprüche so tief eingegraben.

  11. Clara Himmelhoch 16. November 2014 / 19:32

    So ein Bild, wie du es von deinen Großeltern zeichnest – so habe ich meine Mutter in Erinnerung – vielleicht waren sie ja sogar eine fast gleiche Generation (* 1915). Ich habe es auch jetzt ein Jahr nach ihrem Tod noch nicht geschafft, sie so anzunehmen, wie sie war, denn ich war wohl ein recht aufmüpfiges Kind.

  12. Siegbert Scheuermann 16. November 2014 / 12:41

    „Du musst nicht erster Mann an der Spritze sein.“ Dieser Satz meines Vaters hat meine Kindheit begleitet und geprägt. Das Bild dahinter stammt von der Feuerwehr, bei der „der erste Mann an Spritze“ der größten Hitze und dem höchsten Risiko ausgesetzt war. Botschaft also so in etwa „halte dich zurück“, „wage dich nicht zu weit raus“, „gehe lieber auf Nummer sicher“. Der Einfluß dieses Satzes auf mich war so groß, dass ich viele Jahre in den verschiedensten Bereichen „unbewusst gewollt“ Nummer Zwei war. Erst nachdem mir dies klar wurde, habe ich es in ein paar Bereichen auch mal zur Nummer Eins schaffen können. Besonders verletztend fand ich, als ich diese Geschichte meinen Eltern Jahre später erzählte, dass mein Vater rundheraus abstritt, diesen Satz JEMALS gesagt zu haben. Ich war also der Doof, der sich seine Selbstbeschränkung auch noch selber ausgedacht hat.

  13. Kerstin 16. November 2014 / 11:42

    Liebe Trina, ja, das hat mich gleich an meine Kindheit erinnert und all die „schicken“ Sprüche, die man „ertragen“ musste und die ich zum eigenen Erschrecken manchmalr rauskrame, wenn ich die eine oder andere Diskussion mit meinem eigenen Kind führe. Wo ich mir doch immer geschworen hatte, ganz anders zu sein. Und dann stelle ich fest, dass es meist aus einer Art Hilflosigkeit passiert, wenn man in solche Muster zurück verfällt. Liebe Grüße, Kerstin

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