Das schönste Geschenk

Writing101Day 6:

Where do you write? Do you prefer blogging on your laptop in a coffee shop? Are you productive in a quiet room, door closed, away from civilization? Today, describe the space where you write. Or, if you don’t have a dedicated place, what is your ideal setting?

Ich wuchs in einem Mehrgenerationenhaushalt auf. Platz war rar, und bis zu meinem 7. Lebensjahr schliefen mein Bruder und ich im Schlafzimmer meiner Eltern. Danach teilte ich mir ein Zimmer mit meinem Bruder. In den ersten Jahren ging das noch ganz gut, aber dann begann ich mich nach einem eigenen Zimmer zu sehnen. Einem Raum, indem ich mit meinen Freundinnen sitzen und über  Jungs kichern konnte, ohne dass mein kleiner Bruder mit großen Lauschohren dabei saß. Schließlich gab es in der Familie eine Einigung. Mein Bruder zog in den Raum, den wir zuvor als Küche genutzt hatten, meine Eltern teilten sich die Küche fortan mit der Großmutter, aber nur mittags und abends. Morgens wollte meine Oma ihre Ruh, und die Küche war gleich neben ihrem Schlafzimmer. Also durfte ich allein in meinem Zimmer wohnen, musste aber zulassen, dass meine Mutter morgens früh rein kam, um an die Steckdose neben der Tür zu kommen, damit sie den Kaffee im Flur kochen konnte.

Nachdem ich mein Elternhaus verlassen hatte, hatte ich ein eigenes Zimmer in den Familien, in denen ich als Au-pair tätig war und im Studentenwohnheim. Die Zimmer waren möbliert und unpersönlich, da halfen auch die Pflanzen, Fotos und Bücher nichts. Bald nachdem  ich den Vater meiner Söhne kennenlernt hatte, zog ich mit ihm und seinem Bruder in eine eigene Wohnung zog. Von da an gab es kein eigenes Zimmer mehr für mich, aber die Sehnsucht nach einem Ort, der nur mir gehörte, wo ich tun und lassen konnte, was ich will, der ist immer geblieben.

Als meine großer Sohn das Haus verließt, hinterließ er mir ein Geschenk: ein eigenes Zimmer. Ein Zimmer nur für mich.

Es ist nicht groß, aber hat einen schönen Blick in den Garten. Es gibt einen langen Tisch, der die ganze Längswand entlangläuft. An der linken Seite stehen mein Rechner und ein paar Bücher, die ich immer wieder gern zur Hand nehme. Auf der rechten Seite ist ein großer Teil mit Plastik abgedeckt. Hier male ich.

Sonst sind nur ein paar Regale im Zimmer und ein Sessel für Besucher. Der wird aber selten genutzt, denn auch mein Partner versteht, dass hier mein ganz persönlicher Raum ist.

Hier bin ich ganz ich selbst. Hier bewahre ich meine liebsten Erinnerungen auf, meine Fotos und Bilder, die vielen kleinen Dinge, die sich im Laufe eines Lebens ansammeln. All die Bilder und Basteleien, die ich zum Geburtstag und Muttertag, zu Weihnachten und Ostern von meinen Söhnen bekommen habe, meine Lieblingsbücher und auch die Liebesbriefe meines allerersten Freundes. Damals schrieb man wirklich noch richtige Briefe. In meinem Zimmer finden sich all die Dinge, die ich aus dem Leben mitgebracht habe, bevor ich meinen Partner kennen lernte. Dieses Zimmer bin ich, hier ist alles so, wie ich es mir wünsche, es ist egal, ob es meinem Partner oder sonst irgendjemanden gefällt oder nicht, hier bin ich zuhause und ganz bei mir selbst.

Ich wünsche jedem Menschen so ein Zimmer, es tut der Seele gut. Ich bin dankbar für diesen Raum in dem Haus, das für uns alle ist. Hier fasse ich meine Gedanken am liebsten in Worte.

Die Macht der Worte

Manchmal, wenn ich schon früh am Morgen gute Laune habe, mir ausmale, was an diesem Tag alles Schönes auf mich wartet oder im Auto laut singe, überkommt mich für einen kurzen Moment ein ungutes Gefühl. „Freu dich bloß nicht zu doll“, denke ich dann, „das ruft nur Unglück hervor“.

In solche einem Moment spricht eine Stimme aus meiner Kindheit zu mir: „Wer morgens singt, den holt Abends die Katz“.  Dieser Satz hat sich tief in mir eingegraben. Ebenso wie der Satz, „Eigenlob stinkt“.

Wie oft mache ich meine eigenen Erfolge klein! Sätze wie,  „das war doch nichts“ kommen mir viel leichter über die Lippen als ein „Danke, ich bin auch ganz stolz auf diese Leistung“.

Ich bin in einem Mehrgenerationenhaushalt groß geworden. Meine Eltern lebten im Haus meiner Großeltern. Mittags und abends aßen wir zusammen und meine Großeltern waren immer präsent. Sie prägten meine Kindheit mindestens so sehr wie meine Eltern.

Meine Großeltern waren verschlossene Menschen, die nichts hinterfragten und die vom Leben nicht viel Gutes erwarteten. Was die Leute von ihnen denken könnten, war der Maßstab ihres Handelns, und damit nie jemand etwas Schlechtes dachte, lebten sie angepasst und unauffällig und stets in Sorge, nicht gut genug zu sein. Sie waren höflich zu anderen Menschen, aber sie mieden näheren Kontakt.  Sie lachten selten und sprachen oft mit ernster Miene hinter vorgehaltener Hand über Dinge, die wir Kinder nicht hören sollten. Das, was das Bild der ordentlichen Familie gefährden konnte, wurde unter den Tisch gekehrt.

So fiel es ihnen wohl auch schwer, das Lachen und die Lebendigkeit zweier kleiner Kinder hinzunehmen. Kinder, die stolz ihre selbst gemalten Bilder zeigten, frühmorgens schon fröhlich waren, und die manchmal auch wütend und fordernd sein konnten.

„Kinder mit ‚nem Willen, kriegen was auf die Brillen“ antworteten sie, wenn wir unsere Wünsche allzu deutlich äußerten.

Meine Großeltern waren Kinder von Landarbeitern, die für große Bauern arbeiteten und nach Feierabend  ein eigenes kleines Stück Land bewirtschafteten.  Sie waren geprägt von einem  hierarchischen Gesellschaftsbild, und fühlten sich als „kleine Leute“. Sie waren zu Gehorsam erzogen worden und hatten zwei Kriege erlebt, über die sie nie sprachen. Sie gaben die Werte weiter, die sie erlernt hatten. Kinder sollten demnach brav, still, angepasst und stets gefällig zu sein. Sie haben meinen Vater erzogen, der ihre Werte nie in Frage stellte.

Ich bin heute erwachsen. Ich weiß, dass diese Sätze falsch, dumm und eine Gefahr für die seelische Gesundheit sind. Ich fürchte mich nicht mehr vor Ablehnung, wenn ich meinen Willen äußere, ich mag mich selbst und kann auch morgens schon glücklich sein. Aber ich musste es als Erwachsene erst lernen, mir all dies zuzugestehen. Und doch kann es mir bis heute passieren, dass die Stimmen meiner Großeltern in mein Bewusstsein dringen. Dann denke ich kurz an sie, mache mir klar, woher diese Sätze kommen, hole tief Luft und richte all meine Sinne wieder auf das Hier, Jetzt und Heute.

Aber ist es nicht erschreckend, wie lange die Botschaften aus der frühen Kindheit  noch nach Jahrzehnten in uns nachhallen können?  Kennt Ihr diese oder ähnliche Sprüche auch?