Kleine Portionen

     Vor einem Jahr ist auch mein jüngster Sohn ausgezogen. Seither hat sich in meinem Leben viel verändert.

Während ich in den ersten Monaten immer noch ein Pfund Spaghetti für 2 Personen in den Topf warf, habe ich nun gelernt, dass die Hälfte mehr als genug ist und das Reste auch am nächsten Morgen noch im Kühlschrank sind.

Ich wasche deutlich weniger Wäsche und schlafe am Wochenende wieder durch. Stehe nicht mehr dreimal auf, um zu schauen, ob die Schuhe Größe 47 im Flur stehen, lausche nicht mehr auf das Öffnen der Haustür mitten in der Nacht.

Ich habe meine Fahrdienste eingestellt, hole niemanden mehr spät abends oder früh morgens vom Bahnhof ab und fahre morgens keine Umwege mehr, um meinen Sohn pünktlich vor der Schule abzusetzen.

Mein Wortschatz in Englisch und Französisch reduziert sich, seit ich beim Kochen keine Vokabeln mehr abhöre. Diskussionen über Mithilfe im Haushalt habe ich schon lange nicht mehr geführt.

Im letzten Jahr habe ich gelernt, dass das Nicht-Klingeln des Telefons und das Ausbleiben von Emails bedeutet, dass alles gut läuft und es den beiden gut geht.

Ich liebe meine Söhne und bin stolz auf sie. Aber sie fehlen mir. An manchen Tagen sehne ich  mich nach dem Lärm und der dreckigen Wäsche, möchte ich so gern wissen, mit wem sie ihre Zeit verbringen und welche Musik sie hören.

Aber, und das gestehe ich mir selbst nur ungern ein, wenn sie dann mal länger  hier sind, alle beide, und ich große Portionen von ihren Lieblingsgerichten koche, und sie sich auf meinem Lieblingssofa vorm Fernseher lümmeln, dann sehne ich mich insgeheim nach der Ruhe und Selbstbestimmtheit, die mir im vergangenen Jahr zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Erfreue mich an meinen erwachsenen Söhnen, genieße jede Minute mit ihnen, bin traurig, wenn sie wieder weg fahren und genieße es dann,  wieder kleine Portionen zu kochen.  Bis zu ihrem nächsten, dann langersehnten Besuch.

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