Schöne neue Welt oder gute alte Zeiten? Selbstverwirklichung oder Selbstoptimierung?

Erinnert Ihr Euch noch an die Zeiten, als  es normal war, sich selbst zu analysieren, seinen Eltern die Schuld an allen Verklemmungen und seelischen Wehwehchen zu geben und sich von ihrem spießigen Dasein loszusagen, um sich selbst zu verwirklichen?

So wie meine Freundin Heidi. In ihren jungen Jahren  flirtete sie ein wenig mit der Bhagwan –Philosophie, , sie reiste nach Indien, experimentierte mit  bewusstseinserweiternden Drogen, suchte ihre sexuelle Erfüllung in Tantra-Kursen und diskutierte bis spät in die Nacht über eine gerechte und soziale Gesellschaft. Heidi  machte eine Psychoanalyse, um sich selbst besser zu verstehen und ihre inneren Blockaden zu lösen. Ihre Haare färbte sie mit Henna.

Sie studierte, aber sie hatte kein konkretes Berufsziel vor Augen, sondern Vertrauen, dass sich das schon finden werde. Stattdessen besuchte sie neben ihrem Anglistik Studium noch Seminare bei den Psychologen und den Kunsthistorikern.

Heidi wollte herausfinden, wer sie wirklich ist und sich selbst verwirklichen. Dafür gab sie die Beziehung zu Jan auf, der sie gern in der traditionellen Rolle der Mutter und Hausfrau gesehen hätte und zog in eine WG mit Selbstversorgung auf dem  Lande.

Heidi ist heute Ende 50. Beruflich hat sie es – zumindest nach heutigen Maßstäben – nicht weit gebracht. Sie verdient weniger als ihre grade mal 28-jährige Tochter, aber sie liebt ihren Beruf. Zurzeit beschäftigt sie sich mit Bildhauerei und sie hat das Laufen für sich entdeckt. Sie lebt in einem netten, kleinen  Einfamilienhaus mit ihrem Lebensgefährten, der Garten ist gepflegt und sie ernährt sich bewusst.

Wenn Heidi und ich uns treffen, reden wir gern über uns selbst, was uns grade beschäftigt und wo wir im Leben noch hinwollen. Wir jammern über unsere Extra-Kilos, freuen uns über unsere erfolgreichen Kinder und beklagen manchmal, wie dumm wir doch waren, in unserer Jugend so wenig an die Zukunft gedacht zu haben. Da uns Selbstverwirklichung wichtiger als Altersvorsorge erschien, droht uns in einigen Jahren ein wirtschaftlicher Abstieg. So wirklich erschrecken tut uns das aber nicht, es wird sich schon alles irgendwie gut entwickeln, wir haben ja noch nie so furchtbar viel gebraucht, um glücklich zu sein. Wir streben noch immer nach Selbstverwirklichung.

Unsere Kinder  hingegen glauben, dass Selbstoptimierung zu einem glücklichen Leben führt. Sie wollen das Beste aus ihrem Leben herausholen und dafür wollen sie fit, leistungsfähig und produktiv sein.

Sie überlassen dabei nichts dem Zufall. Sie streben nach guten Noten und achten sorgfältig darauf, Praktika in den richtigen Firmen zu machen und den Abschluss in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. Sie wollen es beruflich zu etwas bringen.

Unsere Kinder arbeiten hart. Sie engagieren sich im Beruf, bilden sich fort, sind vernetzt mit Freunden und Kollegen in der ganzen Welt. Um leistungsfähig zu sein, optimieren sie ihre Ernährung, achten auf ausreichend Bewegung und nutzen selbst die Zeit auf dem Crosstrainer, um  Emails abzurufen oder Zeitung zu lesen. Bei ihrer Ernährung wählen sie die Lebensmittel und Getränke, die ihnen optimale Versorgung mit Nährstoffen und Prävention hässlicher Erkrankungen versprechen.

Sie kontrollieren sich selbst durch Armbänder und Apps auf ihren Smartphones und leiden unter Schuldgefühlen, wenn sie mehr als einen Becher Kaffee trinken oder ihr Trainingspensum verpassen.

Nun, ich muss gestehen, dass auch ich gelegentlich von dem Gedanken der Selbstoptimierung infiziert werde. Schließlich finde ich es erstrebenswert, gesund und leistungsfähig zu sein.  Trotzdem, grünem Tee und grünen Smoothies kann ich bis heute nichts abgewinnen, egal wie gut sie freie Radikale bekämpfen und mich vor Krebs schützen.

Werde ich alt? Bin ich jetzt wie meine eigenen Eltern, denen es zeitweilig auch an Verständnis für unser Streben nach Selbstverwirklichung mangelte?

Möglicherweise. Aber, mal ganz ehrlich, wer hat etwas von der Selbstoptimierung?

Wer gibt die Untersuchungen in Auftrag, die herausfinden, welche gesundheitlichen Vorteile es hat, regelmäßig Brokkoli zu essen?

Wer hat ein Interesse daran, dass Menschen stets leistungsfähig und produktiv sind? Wer profitiert von einem optimierten Menschen?

Wer hat einen Nutzen von all den Daten, die Selbstoptimierer mithilfe ihrer Apps von sich preisgeben?

Wer sich selbst optimieren will, geht davon aus, dass er unvollkommen ist  und ständiger Verbesserung bedarf.

Macht es wirklich glücklich, die eigene Lebensführung stets nach den Kriterien der Selbstoptimierung auszurichten?   Oder entsteht das Glücksgefühl eher aus dem Bewusstsein, alles richtig gemacht zu haben?

Könnte es sein, dass all die Apps zur Selbstoptimierung eher eine Krücke sind, um mit den Ängsten, die eine große, unübersichtliche Welt mit ihrem Übermaß an Angeboten und Möglichkeiten hervorruft, umzugehen?

Hinter Kontrollversuchen stehen häufig Ängste, oder, anders ausgedrückt, Kontrolle auszuüben, kann Ängste abwehren. Andererseits kann man Menschen auch gut kontrollieren, wenn es gelingt, sie auf eine Linie zu bringen.

Ja, ich gebe es zu, ich bin altmodisch. Ich ziehe Selbstverwirklichung der Selbstoptimierung vor. Bei der Selbstverwirklichung geht es darum, sich von den Fesseln der Erziehung und gesellschaftlicher Werte zu befreien und sich der eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten bewusst zu werden, diese zu entfalten und eigene Werte zu definieren.

Bei der Selbstoptimierung hingegen geht es darum, einen möglichst vollkommenen Menschen aus sich zu machen und nach Perfektionismus zu streben, wobei offen ist, wer definiert, was perfekt und wünschenswert  ist. Selbstoptimierung zielt auf Anpassung an eine bestehende Norm.

Da halte ich es lieber mit dem Motto „Perfekt ist nur der liebe Gott“ und versuche gar nicht erst, vollkommen zu sein. Schließlich bin ich alt genug, um gelernt zu haben, dass es in jeder Generation neue Trends und Philosophien gibt. Wer weiß, vielleicht werden unsere Enkel ihr Glück ja im Nichtstun suchen…

 

Selbstfindung und Wechseljahre

Ich bin mitten in den Wechseljahren. Natürlich habe ich diverse Bücher über diese Lebensphase gelesen. Dabei ist mir eine Aussage besonders im Gedächtnis geblieben: Wechseljahre ähneln der Pubertät.

In beiden Lebensphasen finden starke hormonelle Umstellungen statt, die auch mit Veränderungen im Gehirn einhergehen. Jugendlich machen ihre ersten Erfahrungen mit Beziehungen, lösen sich von ihren Eltern und orientieren sich beruflich. Neben körperlichen Veränderungen sind starke Emotionen, Gefühlsschwankungen und Selbstfindung Teil dieser Lebensphase.

Wenn ich dies auf meine Erfahrungen mit den Wechseljahren übertrage, sehe ich deutliche Parallelen:

  • Seit einiger Zeit zeigen mir Hitzewallungen, dass meine Hormone Achterbahn fahren.
  • Mein Körper verändert sich . Fett wird vermehrt am Bauch eingelagert, der Hintern wird flacher, die Brust enthält mehr Fettgewebe, die Gesichtskonturen werden weicher.
  • Meine Stimmungsschwankungen von ‚Himmel-hoch-jauchsend bis zu-Tode- betrübt‘, von der Furie bis zum Trotzkind  sind mir, und leider auch den Menschen, die unmittelbar mit mir zu tun haben,  nur allzu vertraut.
  • Meine Eltern werden langsam älter und damit bedürftiger. Meine Rolle als Tochter ändert sich noch einmal. Bald werde ich diejenige sein, die sie versorgt und sich um ihr Wohlergehen kümmert.
  • Meine Kinder werden nicht mehr erwachsen, sie sind es. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben selbst übernommen und damit ändert sich auch meine Rolle als Mutter.
  • Und, ganz zuletzt, aber dafür am wichtigsten: in diesem Lebensabschnitt ist mal wieder Selbstfindung angesagt.

Selbstfindung, was ist das eigentlich?  Wenn man etwas finden will, dann ist es grade nicht vorhanden. Verloren gegangen oder noch nie da gewesen.

Kann man sein Selbst verlieren? Nicht wirklich, aber ich glaube, man kann es aus den Augen verlieren. Wenn viele Dinge wichtiger sind, als das Selbst, wenn man nicht mehr viel Zeit hat, sich um das Selbst zu kümmern, dann versteckt es sich. Oder es verändert sich, und dann erkennt man sich vielleicht selbst nicht mehr wieder.

Mir geht es im Moment so. Vieles, was einmal normal und selbstverständlich erschien, Teil meiner selbst war, scheint weg zu sein. Verschwunden. Durch den Alltag übertüncht. Seit dem 3. Lebensjahr meines jüngeren Sohnes war ich alleinerziehend und voll berufstätig. Später kamen noch ein neuer Lebenspartner samt Familie und Haus mit Garten dazu. Da ist nicht viel Zeit geblieben, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Und das war auch in Ordnung so, es war eine zwar fordernde, aber auch eine gute Zeit.

Doch nun sind alle Kinder groß, viele Fragen geklärt und neue Lebensaufgaben kommen auf mich zu.

Anders als in der Pubertät bin ich mir nun aber bewusst, dass ich mich in einer Phase des Wandels befinde. Finde es spannend und schön, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Kann gelassener mit meinen Stimmungsschwankungen umgehen. Sehe Selbstfindung und die daraus resultierende Selbstentfaltung als spannende und beglückende Lebensaufgabe. Keine Zeit der Rebellion, sondern eine Zeit, um Frieden zu schließen mit mir selbst und dem Leben.