Katastrophenmontag

Der Tag begann mit einem langen Hundespaziergang um 05.30 Uhr. Die Autobahn war heute morgen weitestgehend staufrei, die Musik im Radio mitreißend und ich hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als ich auf der Arbeit ankam.

Keine zwei Minuten da, steht Karsten bei mir im Büro. Er hat sich am Wochenende beim Fußball den Arm gebrochen und gleichzeitig noch einen Grippevirus eingefangen. Ist nur gekommen, um eine Übergabe machen zu können.

Karsten ist der erfahrenste Psychologe in einem zwar kleinen, aber für unsere Einrichtung sehr wichtigem Projekt. Neben ihm gibt es noch Karin, Sozialpädagogin, und Marcel, der erst wenige Wochen bei uns ist und frisch von der Uni kommt. Er ist noch nicht eingearbeitet.

Karsten und ich hatten grade einen Notfallplan entwickelt, als Karin zu mir ins Büro kam. Blass, verschnupft und heiser.

Also, habe Marcel, in dessen Augen ein großes P (für Panik) leuchtete, in die Sitzung mit den Klienten geschickt und auch mit Karin eine Übergabe gemacht. Mich dabei innerlich von der Vorstellung verabschiedet, diese Woche endlich meine eigenen Gutachten fertig zu kriegen und pünktlich nach Hause zu fahren.

Statt dessen hat sich mein Arbeitspensum verdreifacht. Nebenbei habe ich noch zwei weitere neue Mitarbeiter in einem anderen Projekt, die ebenfalls noch nicht ganz sattelfest sind. Die werden aber vom Team gut aufgefangen, während in unserem Spezialprogramm jetzt nur noch Marcel und ich übrig sind.

Für meinen Abnehmplan stehen die Ampeln jetzt auf Gelb: ich muss aufpassen, den Stress nicht als Entschuldigung zu nehmen, Schokolade und Eis in mich hineinzustopfen. Ich muss aber auch aufpassen,  mir trotzdem die Zeit für meine kleinen Walkingpausen zu nehmen. Und das werde ich jetzt machen, sofort und auf der Stelle.

Mein Motto für die nächsten Tage: „Ruhe bewahren“

Tag 16 – ich bin zufrieden mit mir

Was habe ich bislang verändert?

  • 15 bis 20 Minuten walken in der Mittagspause
  • mindestens einmal 3 Stockwerke Treppensteigen am Tag
  • seit Montag weder Eis, Schokolade, Kekse oder Kuchen gegessen

Das ist mir nicht ganz leicht gefallen.

An meinem Arbeitsplatz ist es üblich, dass das Team mittags gemeinsam  isst.  Das machen wir schon seit Jahren und es ist ein festes Ritual geworden. Reihum kocht jemand, hin und wieder holen wir was vom Imbiss. Leider ist das Essen oft fettreich und es gibt fast immer Fleisch. Zum Nachtisch ist es üblich, dass reihum jemand Kuchen, Schokolade oder Eis ausgibt.

Eigentlich ist das eine schöne Sache, aber mir fällt es schwer, mich beim Essen abzugrenzen. ‚Nein‘ zu sagen, wenn mir eine zweite Portion angeboten wird (ich will doch den Koch nicht enttäuschen), oder der Schokolade zu widerstehen. Da alle deftiges Essen bevorzugen, fällt es mir schwer, meinen Wunsch nach Salat und leichte Kost zu äußern.

Wenn ich abnehmen will, werde ich auch mein Essverhalten in der Mittagsrunde ändern müssen. Dieser Gedanke macht mir noch Angst, es fällt mir schwer, meine Rolle der Frau, die gern zugreift, aufzugeben.

Und deshalb ist es für mich ein großer Erfolg, während der ganzen Woche dem Nachtisch widerstanden zu haben. Die Schokolade weitergereicht zu haben, ohne auch nur ein winziges Stückchen zu nehmen. „Danke, ich möchte kein Eis“, zu sagen, als Peter am Freitag eins ausgab.

Und ganz ehrlich, es war gar nicht so schwierig.

Stimmungsschwankungen

Seit einiger Zeit schon habe ich  Stimmungsschwankungen.

Das sind Phasen, in denen mir mein Leben misslungen und missraten erscheint. Nichts, aber auch rein gar nichts ist dann in Ordnung. Mein Mann, mein Wohnort, meine Kinder, meine Arbeit, mein Haus, mein Garten, mein Kontostand, mein Bekanntenkreis – nichts und niemand ist an diesen Tagen so, wie ich es gern hätte. Ich fühle mich vom Leben betrogen und vom Schicksal gebeutelt.

Alles, was mir in solchen Phasen in den Sinn kommt, sind die Wünsche, Träume und Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. All das Gute in meinem Leben zählt nicht.  An diesen Tagen leide ich, bin traurig, unglücklich, weinerlich und manchmal auch wütend und aggressiv.

Dann, nach einigen Tagen, scheint sich ein Schleier von meinem Gemüt zu heben und die Welt erstrahlt wieder in ihrem vollen Glanz.

Das Leben meint es gut mit mir, ich lebe an einem idyllischen  Ort, habe einen interessanten Job, einen verlässlichen Lebensgefährten, gut geratene Kinder, wunderbare Freunde und das Leben ist schön. Ich stecke voller Ideen und Tatendrang. Freue mich darüber, meine Kreativität im Garten und im Haus ausleben zu können, genieße die Ruhe auf dem Land, das Grün um mich herum. Das Leben ist schön!

Mein Arzt führt die Stimmungsschwankungen auf ein hormonelles Ungleichgewicht zurück. Sehr viel stärker ausgeprägt, als jedes prämenstruelles Syndrom. Sicherlich hat er Recht. Gleichzeitig sind die Dinge, die mir an meinen schlechten Tagen durch den Kopf gehen, nicht frei erfunden.

Es gibt  nicht erfüllte Wünsche, Träume und Hoffnungen in meinem Leben. Der Alltag besteht überwiegend aus Gewohnheiten und  Verpflichtungen.

Es ist die Erkenntnis, dass sich manche Dinge nicht mehr großartig ändern werden, die mich herabstimmt.

Ich werde die Welt nicht mehr verändern, keine wesentlichen Beiträge zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit leisten. Ich bin ein Durchschnittsbürger geworden, ein kleiner Punkt in der grauen Masse. Meine Verpflichtungen bleiben bestehen.

Schon während ich dies schreibe, merke ich, wie sich mein Stimmungsbarometer nach unten bewegt.

Und das will ich nicht!

Auch wenn ich mich von einigen alten Träumen verabschiede, bedeutet dies doch nicht, dass ich künftig desillusioniert und ohne Hoffnung leben muss!

Nein, es ist  an der Zeit, neue Träume zu entwickeln und mir neue Ziele zu setzen. Gleichzeitig zu lernen, all das Gute zu schätzen und zu genießen, statt nach dem zu schielen, was zurzeit unerreichbar ist.