Die dicke Frau im Spiegel

Einige Tage kreisten meine Gedanken fast nur um meine Gewichtszunahme. Ich mochte mich selbst nicht mehr, habe innerlich mit mir geschimpft und mich alt und hässlich gefühlt. In dem Moment, wo ich Trost und Ermutigung gebraucht hätte, habe ich mich mit Selbstvorwürfen und Abwertung bestraft.

Diese Phase ist vorbei.

Am letzten Wochenende übernachtete ich in einem Hotel. Im Badezimmer hing ein riesengroßer Spiegel, direkt gegenüber der Badewanne. Als ich aus der Wanne stieg, sah ich völlig unvorbereitet diese  Frau mit Dellen an den Schenkeln, ausladenden Hüften, einem hervorstehenden Bauch, großen Brüsten und schlaffen Oberarmen. Ich sah einen sehr weiblichen Körper mit einer Rubensfigur in XXL.

Vielleicht klingt es verrückt, aber in diesem Moment habe ich mich erstmals mit dieser Frau im Spiegel identifiziert. Ich habe mich gesehen, wie ich bin.  Bis dahin bestand mein Übergewicht aus den  Zahl auf der Waage.  Diese war mein Feind, die zu eng gewordenen Hosen, die XXL-T.Shirts, die Tatsache, dass kein Kleidungsstück meinen Bauch kaschierte, das war mein Übergewicht. Den Anblick im Spiegel hatte ich bis dahin immer schnell verdrängt, nackt hatte ich mich schon lange nicht mehr betrachtet.  Vor meinem inneren Auge sah ich noch aus wie früher.

Ein Freund von mir, Psychologe, hat einmal  gesagt, dass Übergewicht bei Kindern, insbesondere Jungs, den Wunsch spiegelt, endlich gesehen und anerkannt zu werden. 

An diesem Morgen empfand ich meinen Körper als Ausdruck von Bedürftigkeit, als Aufforderung, gesehen zu werden.  Ich   empfand Mitgefühl mit mir.

Auf der Arbeit und in der Familie nehme ich stets die Rolle der Starken ein. Das fällt mir nicht schwer, denn ich bin belastbar und ich mag gern für andere da sein. Aber so wie mein Körper immer „stärker“ und massiger wurde, so hat auch diese Rolle in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen. Seit meine Söhne das Haus verlassen haben, ist der Job zum Lebensinhalt geworden.  Dabei habe ich Freundschaften vernachlässigt und mich kaum noch mit Fragen außerhalb des Jobs beschäftigt. „Weibliche“ Themen, wie Mode und Deko ignoriert, Interessen nicht mehr verfolgt. Meine Welt ist klein geworden und ich lache viel zu selten.

Nun  verstehe ich mein  Übergewicht  auch als Folge und gleichzeitig als Sinnbild für ein Leben im Ungleichgewicht.

Die dicke Frau im Spiegel verdient es, mit liebevoller Fürsorge, Nachsicht und Geduld behandelt zu werden. Sie verdient es, viel Spaß haben, schöne Dinge zu unternehmen,  Freunde zu treffen  und die Fülle des Lebens zu genießen. Und damit sie dafür genügend Energie hat, wird sie sich weiterhin fettarm und gesund ernähren und sich viel bewegen.

Wer weiß, vielleicht verliert sie dann ja auch von ganz allein ein paar Pfunde 😉

I

Geduld

Statt 20 Kilo leichter werde ich diesen Blog bald umbenennen müssen. ‚Jeden Monat ein bisschen schwerer‘  könnte er lauten. Es klappt nicht mit dem Abnehmen.

Ich nehme an der Fastenaktion ‚7 Wochen ohne‘ teil und verzichte auf jede Art von Süßigkeiten und Kuchen und zuckerhaltige Produkte. Ich halte das gut durch. Gestern war ich mit meinem Mann in einer Bäckerei. Während er eine Trüffelrolle und einen Berliner aß, blieb ich bei meinem Milchkaffee. Ich hatte nicht einmal Lust auf Süßes.

In den letzten drei Wochen habe ich trotzdem zwei Kilo zugenommen.

Ich bewege mich so oft ich kann: sofort nach dem Aufstehen gehe ich mit dem Hund eine halbe Stunde spazieren. Anschließend mache ich 10 – 15 Minuten Gymnastik oder Yoga. Ich meditiere ungefähr 5 bis 10 Minuten und dann fühle ich mich fit und gut vorbereitet auf den Tag. Wenn ich abends nach Hause komme, gehe ich  noch einmal eine Runde mit dem Hund. Am Wochenende mach ich lange Spaziergänge. Da mein Hund recht temperamentvoll ist und gern läuft, habe ich bei unseren Spaziergängen immer ein gutes Tempo drauf. Auf der Arbeit nehme ich meist die Treppen, stehe beim Telefonieren, nutze jede Gelegenheit, mich irgendwie zu bewegen.

Ich ernähre mich fettarm und nehme nicht ab.

Sollte es wirklich der Stress sein, der meinen Bauch wachsen lässt? Oder sind es die Wechseljahre? Mache ich etwas falsch? Muss ich noch weniger essen, mich noch mehr bewegen?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe mich entschieden, geduldig mit mir zu sein. Ich tue, was mir im Moment möglich ist. Mehr geht nicht.

Theos Waage

Theo hat eine altmodische Waage mit Zeiger. Eine große, die sicherlich einmal sehr teuer war.

Heute morgen konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Und siehe da, seine Waage zeigte 87 kg an. Habe ich tatsächlich abgenommen oder ist Theos Waage ungenauer als meine?

Egal, wenn ich wieder zu Hause bin, möchte ich, dass meine eigene Waage höchstens 87 kg, besser noch 86 kg anzeigt. Seit meiner Fressattacke bin ich langsam wieder ins Gleichgewicht gekommen. Ich esse zwar nach wie vor viel, aber sehr gesunde Sachen: Gemüse, Obst, Knäckebrot, kaum Fett, kein Fleisch. Dazu trinke ich Unmengen an Apfeltee, grünem Tee und Kräutertee. Ich mache morgens 10 Minuten Gymnastik, meditiere danach einige Minuten und gehe nach wie vor zweimal am Tag mit dem Hund spazieren.

Ich habe mich dazu entschlossen, die Zeit bei Theo als „Trainingsfeld für das Erlernen von  Selbstfürsorge“ zu nutzen. Ich neige ja dazu, die Bedürfnisse anderer vor meine eigenen zu stellen und mir dadurch Stress zu machen.  Jetzt übe ich, dafür zu sorgen, dass es Theo gut geht, ohne mich selbst dabei zu vernachlässigen.

So werde ich den Sonnenschein für einen Spaziergang nutzen.Sicherlich kann Theo eine Stunde allein sein. Putzmittel und dergleichen habe ich weggeschlossen und ihm ist es zurzeit zu kalt, um rauszugehen. Er ist also sicher im Haus und vielleicht ganz froh, mal eine Stunde ohne „Aufsicht“ zu sein.