Die innere Landkarte

Wir alle erwerben in unserer frühsten Kindheit innere Überzeugungen, sowie ein Bild von uns selbst. Es ist ein komplexer Prozess, der aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren besteht, bei dem unsere genetische  Ausstattung, die Kultur, in der wir leben und das Milieu, in dem wir aufwachsen ebenso eine Rolle spielen, wie unsere Eltern und andere Bezugspersonen. Die stärksten Glaubenssätze werden zwar in der frühen Kindheit geformt, aber während unseres ganzen Lebens können neue Glaubenssätze hinzukommen oder bestehende verändert werden. Unsere  Glaubenssätze beeinflussen unser Verhalten oft unbemerkt und verführen uns dazu, immer wieder die vertrauten Wege zu gehen, so dass sie letztendlich eine treibende Kraft bei der Ausformung unserer Lebensmuster sind.

Meist sind uns unsere Einstellungen und Verhaltensmuster  nicht bewusst und wir beginnen erst dann, uns mit ihnen zu beschäftigen, wenn sie beginnen, unser Leben zu stören.

Deshalb kann es sinnvoll sein, sich mit unseren inneren Glaubenssätzen oder Überzeugungen auseinanderzusetzen, wenn  wir uns immer wieder mit dem gleichen Dilemma konfrontiert sehen oder gar in eine Lebenskrise geraten.

So eine Lebenskrise kann z. B. der sogenannte Burn-out sein, hinter dem sich oft Glaubenssätze wie  „ich muss immer perfekt sein“, „ich darf nicht um Hilfe bitten“, „ich muss immer Höchstleistungen erbringen“, „ich darf keine Fehler machen“ usw.  verbergen.

Es ist aus meiner Sicht falsch, unseren Eltern die Schuld an unseren Problemen im Erwachsenenleben zu geben. Neben ihnen sind noch viele andere Menschen an der Ausbildung unseres Selbstbildes und unserer Muster beteiligt und Versäumnisse der Eltern können durch positive Erlebnisse mit anderen wichtigen Personen kompensiert werden, ebenso wie eine destruktive Beziehung in späteren Jahren ein eigentlich stabiles Selbstwertgefühl ins Wanken bringen kann.

Weiterhin dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Eltern uns nur das geben konnten, was sie selbst wussten und besaßen. So wurden meine Eltern kurz vor Ausbruch des Krieges geboren und wuchsen im Krieg und den Nachkriegsjahren auf. In dieser Zeit ging es ums Überleben und die emotionalen Bedürfnisse der Kinder spielten in diesen Zeiten keine große Rolle. Aber auch  jedes Kind legt  die Signale der Umwelt seiner eigenen Disposition entsprechend aus.

Ein Kind, das mit Erwachsenen aufwächst, die ihm erst Aufmerksamkeit schenken, wenn es auf sich aufmerksam macht, entwickelt vielleicht den Glaubenssatz, besondere Leistungen erbringen zu müssen, um anerkannt zu werden, oder aber die Überzeugung,  besonders heftig auf sich aufmerksam machen zu müssen,  um bemerkt zu werden,  es könnte aber auch meinen, dass es sowieso aussichtslos ist, die Aufmerksamkeit wichtiger Menschen zu bekommen.

Lebensmuster und unsere Einstellungen sind weder gut noch schlecht. Wir haben sie ausgebildet, um in dem Milieu, in dem wir herangewachsen sind, optimal zurecht zu kommen. Im günstigen Fall helfen sie uns lebenslang, im ungünstigen Fall ändern sich die Lebensbedingungen und das Muster passt nicht mehr so richtig. Wir ecken an oder beginnen, uns damit selbst Schaden zuzufügen.

Die meisten von  uns haben ein paar innere Glaubenssätze, die uns als Erwachsene im Weg stehen oder uns schaden. Wenn wir uns mit den Gründen für unser Essverhalten auseinandersetzen, findet man sicherlich den einen oder anderen. Die gute Nachricht ist, dass man diese Glaubenssätze durch gesündere, für uns hilfreiche Glaubenssätze ersetzen kann. Dann wird aus dem Glaubensatz: „ ich darf die Erwartungen anderer nicht enttäuschen, (in dem ich nur 1 Stück Kuchen esse)“ zu dem Glaubenssatz: „ich darf ehrlich sagen, was ich möchte“. Wenn man noch eine Ebene tiefer geht, erkennt man vielleicht, dass hinter der Überzeugung „ich darf die Erwartungen anderer nicht enttäuschen“  ein Glaubenssatz steht, der ungefähr so lautet wie  „ich bin dafür verantwortlich, dass sich jeder gut fühlt“ oder „wenn ich nicht tue, was andere von mir erwarten, bin ich schuld daran, dass es ihnen schlecht geht“. Dieser kann dann ebenfalls ersetzt werden, indem man z. B. erkennt  „ich bin für meine Gefühle verantwortlich und mein Gegenüber ist für seine Gefühle verantwortlich“.

Natürlich ist es nicht leicht, einen Glaubenssatz zu verändern. Es macht Angst, fühlt sich zunächst fremd und unpassend an und führt meist dazu, dass unsere  Umwelt irritiert reagiert, wenn wir uns anders verhalten als gewohnt, lieb und teuer. Auch dauert es eine längere Zeit und erfordert beständiges Üben, eine Überzeugung, die man über Jahrzehnte gepflegt hat, durch eine neue zu ersetzen. Das geht leider nicht über Nacht.

Menschen, die unter Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Störungen leiden oder Menschen, die durch ihre Glaubenssätze sehr beeinträchtigt werden, brauchen meist professionelle Hilfe in Form einer Psychotherapie, die hilft, die Glaubenssätze aufzudecken und durch neue zu ersetzen. In vielen Fällen können wir uns jedoch selbst helfen, denn schließlich sind wir nun alle erwachsen und können bewusst darüber nachdenken, was für uns richtig und stimmig ist.

 

 

Ein Lebensmuster

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das meist tat, was andere von ihm erwarteten. Es wollte am liebsten allen gefallen. Das kleine Mädchen streute auf Hochzeiten Blumen, zog die Lose bei der Tombola, ließ sich von jedem auf den Schoß nehmen und genoss es, dass alle es als süß, herzig, wohlgeraten und artig bezeichneten. Und die vielen Süßigkeiten und Groschen, die ihm zugesteckt wurden, gefielen ihm auch. Das kleine  Mädchen spürte, dass seine Eltern stolz waren, wenn es von anderen Menschen gelobt wurde. Und da das Kind nicht nur Fremden, sondern vor allem seinen Eltern gefallen wollte, wurde es eine Meisterin darin, stets den Erwartungen anderer gerecht zu werden. War es  doch einmal trotzig oder wütend, spürte es schnell die Enttäuschung der Erwachsenen. Es lernte schnell, Wut und Ärger als so böse zu empfinden, dass es sie aus  seinem Gefühlsleben verbannte.

 Das kleine Mädchen wuchs in einer Großfamilie mit vielen unglücklichen Menschen heran. Die Mutter war traurig, weil der Vater immer lange in der Kneipe blieb. Ihre eigene Familie hatte sie ausgestoßen, weil sie den Vater geheiratet hatte und die Schwiegereltern mochten sie nicht, weil sie aus ärmlichen Verhältnissen kam und innerhalb nur eines Jahres zwei Kinder zur Welt gebracht hatte.

Die Großmutter war unglücklich, weil sie eine schmerzhafte Erkrankung hatte. Der Großvater war verbittert, weil er seine erste Frau verloren hatte und mit Verletzungen aus den beiden Kriegen heimgekehrt war. Der Vater war unglücklich, weil seine Mutter immer den Stiefbruder vorzog, damit niemand denke, sie habe ihr eigenes Kind lieber.

Der Stiefbruder und seine Frau wohnten auch im Haus und die beiden jungen Frauen im Haushalt mochten sich nicht. Sie standen in Wettbewerb miteinander, wer die hübscheste war und wer den erfolgreichsten Mann hatte. Die Großeltern wiederum mochten den kleinen Bruder des süßen kleinen Mädchens nicht, weil dieser lebhaft und laut war.

Um ein gutes gefälliges kleines Mädchen werden zu können, braucht man eine gehörige Portion Sensibilität und die Fähigkeit zur Empathie. Unser süßes kleines Mädchen hatte die Gabe, sehr schnell Stimmungen zu spüren und es entwickelte feine Antennen für die Befindlichkeiten der Menschen in ihrer Umgebung. Es lernte früh,  was es tun oder lassen musste, um sich die Zuneigung und Zuwendung aller zu sichern und tat alles, damit nur ja niemand ärgerlich oder traurig wurde.

Die Mutter des kleinen Mädchens hätte gern ihr Leben nach eigenen Vorstellungen geführt, aber da ihr Mann noch von seinen Eltern abhängig war und sie mietfrei im Haus der Eltern lebten, musste sie tun, was die Großeltern wollten, sonst wurden diese unwirsch. Trotzdem gelang es ihr immer wieder, sich durchzusetzen, sei es, dass sie entschied, alleine mit ihren Kindern zu Abend zu essen oder sonntags einen Spaziergang mit ihnen zu machen, statt die Tanten zu besuchen.

Dies brachte das kleine Mädchen in Bedrängnis. Denn wenn sie den Großeltern erzählte, dass sie einen schönen Spaziergang mit der Mama gemacht hatte, spürte sie sofort deren Enttäuschung. Sie verspürte aber auch die Enttäuschung ihres kleinen Bruders, wenn sie wieder einmal ein schönes, großes Geschenk bekam und er nur eine Packung Lego oder wenn die Großeltern sie mit auf Besuch nehmen wollten, die Mutter sie aber gern zu Hause behalten hätte. Sie versuchte dann den Bruder zu trösten und bevor sie mit den Großeltern spazieren ging, versicherte sie der Mutter sie trotzdem lieb zu haben und während es versuchte, allen Menschen gleichzeitig gerecht zu werden, vergaß es darauf zu achten, was es denn eigentlich selbst gern wollte.

Das kleine Mädchen wuchs zu einem hübschen Teenager heran. Als es in der 2. Klasse war, starb der Großvater und der Vater begann im Alkohol mehr Halt zu finden als in seiner Familie. Er vergaß, dass er eine Tochter hatte.

Der Teenager erkannte schnell, wie sie Männern gefallen konnte und sie legte immer sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Freundinnen waren ihr nicht so wichtig, aber sie hatte einige, die weniger hübsch waren als sie und die deshalb keine Konkurrenz darstellten.

Der Teenager war ziemlich intelligent, aber sie legte nicht viel Wert auf ihre Zensuren und  interessierte sich wenig für das, was in der Welt geschah.  Sie verfolgte ein ganz anderes Ziel, sie suchte nämlich die große Liebe. Sie fühlte sich oft einsam und leer und dachte, dass alles gut wird, wenn sie nur einen Freund findet, der sie aus ganzem Herzen liebt und sie versteht.

Fortan hing es von ihrem jeweiligen Freund ab, welchen Musik- und Kleidungsstil und welche Freizeitaktivitäten sie bevorzugte. Leider ging sie nie sehr lange mit einem Jungen, denn die meisten machten nach wenigen Wochen Schluss. Dann hatte sie einige Tage furchtbaren Liebeskummer bevor sie sich auf die Suche nach dem Nächsten machte. Schon im Alter von 15 Jahren träumte sie von einer Hochzeit in Weiß.

Der hübsche Teenager hatte neben dem Wunsch, jedem Jungen zu gefallen, auch früh ein weiches Herz für kranke und bedürftige Menschen entwickelt. Sie wollte Krankenschwester werden oder Sozialarbeiterin und wenn schon nicht die ganze Welt, dann doch ganz viele bedürftige und unglückliche Menschen retten. Sie verbrachte viel Zeit damit, zu überlegen, wie man die Welt gerechter machen könnte und sie war sich sicher, dass jeder arme, kriminelle oder süchtige Mensch ein Opfer war, das durch genug Liebe und Zuwendung gerettet werden könnte.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der hübsche Teenager  als er zu s einer hübschen jungen Frau wurde, sich zu einem Mann hingezogen fühlte, der nach außen sehr cool wirkte, aber ein großes Problem hatte. Und siehe da, dieser Mann verließ sie nicht! Er fand es toll, dass sie ihm immer wieder bestätigte, dass er wunderbar, klug und immer im Recht sei. Er war stolz auf seine schlanke, hübsche Freundin, die alles stehen und liegen ließ, wenn er sie rief. Dass diese junge Frau studierte, während er LKW-Fahrer war, machte ihn stolz, denn schließlich bestätigte sie ihm immer wieder, dass er zu Höherem berufen sei.

Im Laufe der Zeit entwickelte die junge Frau irrationale Ängste und fühlte immer häufiger eine innere Leere in sich, die sie sich nicht erklären konnte. Bis sie auf einer Party einen alten Schulkameraden traf, mit dem sie die ganze Nacht hindurch redete und der sie so viel besser verstehen konnte, als ihr Freund. Sie begann eine Beziehung mit dem alten Schuzlfreind, aber sie schaffte es nicht, sich von ihrem Freund zu trennen. Sie hatte Angst, dass er es nicht verkraften würde, wenn sie ihn verließ.  Aber der alte Schulfreund fand es nicht in Ordnung, dass sie noch mit ihrem Freund zusammen war und so erzählte sie ihrem Freund eines Tages von ihrem Schulfreund und bat ihn um Verzeihung, ihn so zu verletzen. Der Freund war wirklich traurig, aber er nahm sie nicht ernst. Er bat sie darum, Freunde bleiben zu können, brachte ihr Blumen, besuchte ihre Eltern, die ihn schon als Schwiegersohn gesehen hatten, und irgendwann hielt die junge Frau das alles nicht mehr aus. Sie suchte sich einen neuen Studienplatz weit weg in einer anderen Stadt und verließ beide Männer.

Die junge Frau wollte sich nun auf ihr Studium konzentrieren, aber es dauerte nicht lange, da traf sie ihren Ehemann. Er war kein Student, sondern eine Art Alt-Hippie, der viel reiste und seinen Lebensunterhalt durch Jobs finanzierte. Er sah gut aus und unsere hübsche junge Frau war von seiner Unabhängigkeit, seinen vielen Reisen und seiner Belesenheit beeindruckt. Er hatte allerdings ein großes Problem und die hübsche junge Frau versprach, ihm zu helfen, dieses zu lösen. Sie setzte sich für ihn ein, wo sie nur konnte, und die beiden waren bald unzertrennlich. Sie heirateten. Die junge Frau beendete ihr Studium und sie zogen in eine andere Stadt. Der Ehemann fand einen festen Job in einem Lager und die junge Frau nahm eine schlecht bezahlte Stelle als Sozialarbeiterin an.

Im Laufe der  Ehe wurde die hübsche junge Frau  immer eifersüchtiger. Ihr Mann hatte ihr von seinen Ex-Freundinnen erzählt und zeigte immer mal wieder Interesse an anderen Frauen und unsere hübsche junge Frau litt unermesslich. Schließlich suchte sie einen Psychologen auf und begann eine Therapie. Sie lernte dort, dass sie es versäumt hatte, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, weil es ihr so wichtig war, anderen zu gefallen. Er meinte, sie hätte ein Helfersyndrom und schickte sie in ein Programm für Angehörige von Alkoholikern. Unsere hübsche junge Frau konzentrierte sich nun darauf zu genesen. Sie hatte manchmal Zweifel, ob ihr Ehemann der richtige Mann für sie sei, aber diese Gedanken drängte sie schnell beiseite. Sie wurde schwanger.

Nun begann eine sehr glückliche Zeit. Der Ehemann erwies sich als guter und fürsorglicher Vater, der auch im Haushalt mit anpackte. Die hübsche junge Frau schloss viele Freundschaften mit anderen Müttern und als sie nach dem Erziehungsurlaub wieder an den Arbeitsplatz zurückkam, wurde sie schnell befördert und verdiente mehr Geld. Ihr Ehemanns begann eine Ausbildung und beide beschlossen, ein zweites Kind zu bekommen.

Bald nach der Geburt des 2. Kindes begann der Ehemann immer häufiger, am Wochenende alleine auszugehen. Er brauche den Kontakt zu seinen Fußballfreunden, sagte er, und die hübsche junge Frau akzeptierte das. Doch dann, eines Tages, kam der Ehemann erst am nächsten Morgen nach Hause und es dauerte nicht lange, bis er seiner Frau eröffnete, dass er sich eine offene Ehe wünschte. Die junge Frau stimmte zu und fortan verschwand der Ehemann übers Wochenende, während die junge Frau mit den Kindern zuhause war. Nach einiger Zeit kam es zur Trennung und Scheidung.

Der hübschen jungen Frau gefiel es, alleine mit den Kindern zu leben. Sie fand einen neuen, gut bezahlten Arbeitsplatz und machte Karriere. Sie hatte viele Freundinnen, die auch allein erziehend waren. Die Kinder entwickelten sich prächtig und oft waren noch andere Kinder bei ihr, deren Mütter auch viel zu tun hatten.

Als die Kinder beinahe Teenager waren, lernte die nun nicht mehr so junge, aber attraktive Frau einen neuen Mann kennen. Er kam aus dem hohen Norden und weil er an keinen festen Arbeitsort gebunden war, konnte er in ihr Land ziehen. Die beiden beschlossen, sich gemeinsam mit den Kindern ein neues Leben auf dem Lande aufzubauen.

Nun hatte nicht mehr so junge, aber attraktive Frau hatte alle Hände voll zu tun. Ihr neuer Partner fand, dass ihre Kinder nicht so gut erzogen waren, wie er es sich vorstellte und die Kinder waren unglücklich, weil sie auf dem Land leben sollte.

Ihrem Partner versprach sie, den Kindern beizubringen, nicht mehr mit schmutzigen Füßen durchs Haus zu laufen. Sie tat, was sie konnte, um ihren Kindern zu helfen, sich einzuleben und ihnen zu zeigen, dass sie sie noch genauso liebte wie vor ihrer neuen Partnerschaft. Den Kindern des neuen Mannes versuchte sie eine gute Stiefmutter zu sein, wenn sie in den Ferien kamen.

Ganz nebenbei erledigte die nicht mehr so junge und zunehmend kettenrauchende attraktive Frau einen Vollzeitjob und kümmerte sich um einen großen Garten und Haus. Sie litt darunter, dass ihre Kinder und der neue Mann ein distanziertes Verhältnis behielten und wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, dann widmete sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit ausschließlich den drei Menschen. Sie vermittelte zwischen ihrem neuen Mann und den Kindern, sie vermittelte zwischen den Kindern, sie vermittelte zwischen dem Kind, das seine Wut in der Schule raus ließ und dem Lehrer, und als ihr Partner Schwierigkeiten mit seinem Sohn bekam, vermittelte sie auch da. Sie tat alles, um jedem gerecht zu werden. Für den einen bereitete sie einen deftigen Schweinebraten, den anderen holte sie spät in der Nacht vom Zug ab, dem dritten massierte sie den Rücken, sie plante die Wochenenden so, dass jeder auf seine Kosten kam

Die Jahre vergingen und die Frau bekam Probleme mit der Gesundheit. Sie hörte auf zu rauchen, aber dafür nahm sie ganz fürchterlich viel zu. Die Zeiten, in denen sie sehr auf ihr Äußeres achtete, waren vorbei. Unauffällig und  praktisch war nun angezeigt.

Während die Kinder immer selbständiger wurden, hatte sich die nicht mehr junge und dicke Frau auf ihren Job konzentriert und war sehr erfolgreich geworden. Aber sie war zunehmend erschöpft, wurde immer dicker und fühlte sich nicht glücklich. Sie vermisste ihre Kinder, die nun ausgezogen waren und sie wusste mit sich selbst nicht recht was anzufangen.

So beschloss sie, sich mehr mit sich selbst zu beschäftigen und sich ein Hobby zu suchen. Sie begann einen Blog zu schreiben……..

Die Kaffeetafel

Ich bin mit Miesepetern groß geworden, im Haus meiner Großeltern. Meine Großmutter hatte kaum Lebensfreude. Mein Großvater war ebenfalls ernst und streng. Die Onkel und Tanten, die regelmäßig zu Besuch kamen und die auch wir pflichtbewusst jeden 2. Sonntag besuchten, lachten nie.

Jeden Sonntag wurde die Kaffeetafel gedeckt. Es gab für jeden ein Stück Sahnetorte und ein Stück Sandkuchen. Bei Tisch  wurde über Krankheiten gesprochen, Köpfe wurden geschüttelt, es wurde geseufzt, die Mienen waren besorgt. Man sprach darüber, was Nachbarn und Bekannten im Ort zugestoßen war, und es waren stets furchtbare Ereignisse und Unglücke. Wir Kinder saßen still dabei.  Ich verstand nur Bruchteile dieser Erzählungen, kannte die Menschen nicht, über deren Schicksal geredet wurde, aber die flüsternden Stimmen und ernsten Gesichter sprachen für sich.

Um mich abzulenken, las ich in den bunten Blättchen meiner Tanten. Dort fand ich herzzerreißende Geschichten über Kinder, die ihre Mutter an den Krebs verloren hatten oder im Rollstuhl saßen und ich sah Bilder von schrecklichen Autounfällen.

Es waren die frühen 60iger Jahre, und neben Reportagen aus den Königshäusern waren Geschichten über schlimme Schicksale und Autounfälle grade aktuell. So habe ich es zumindest in Erinnerung, und die ist ja bekanntlich sehr selektiv.

Die gedrückte Stimmung wurde durch Sprüche vertieft, mit denen man uns Kinder zur Raison brachte, wenn wir zu laut wurden oder von uns erzählen wollten: „wer morgens lacht, den holt abends die Katz“, „man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“,  „Eigenlob stinkt“  und „Übermut tut selten gut“.

Meine Mutter erlöste uns von der Kaffeetafel, indem sie auf einen Sonntagsspaziergang bestand und uns im Wald toben ließ. Trotzdem hinterließ jede sonntägliche Kaffeetafel ein Gefühl der Bedrohung in mir.  Ich hatte gelernt, dass das schöne Leben jederzeit durch Krankheiten und Unfällen beendet werden könnte. Die Sprüche meiner Großtanten verbanden sich mit  Furcht und in mir wuchs die Befürchtung, dass mir oder meinen Liebsten Schlimmes widerfahren würde, wenn ich zu fröhlich, zu unbescheiden und glücklich werde.

Zum Glück sind Kinder sehr widerstandsfähig und nach und nach verblassten die Eindrücke der sonntäglichen Kaffeetafel und der freudlosen Mienen meiner Großeltern.

Doch in fröhlichen, unbeschwerten Momenten, da schleicht sich manchmal ein Hauch von Furcht ein, ein flüchtiger Gedanke, dass nach so viel Gutem etwas Schlimmes passieren könnte. Diesen Gedanken schiebe ich dann schnell zur Seite, ebenso wie ich ganz bewusst morgens im Auto meine Lieblingslieder mitsinge und dabei dem Wispern im Hinterkopf  „wer morgens singt, den ….“ ein klares „jeder glückliche Moment ist wichtig“ entgegen setze.