Schusselig in Goslar

Manchmal bin ich ein bisschen schusselig. Vergesse, dass da was auf dem Herd brutzelt (neulich habe ich Spinat, den mit dem Blubb, anbrennen lassen, echt eklig, das wieder sauber zu kriegen) oder suche morgens stundenlang meine Schlüssel. Was mir jedoch am letzten Montag passiert ist, war echt der Höhepunkt.

Mein Liebster und ich waren ein verlängertes Wochenende im Harz. Echt schön dort, kann ich empfehlen. Am letzten Tag waren wir in Goslar und nachdem wir alle Sehenswürdigkeiten besucht hatten, sind wir durch die Innenstadt geschlendert, um zu gucken, ob es in Goslar etwas gibt, was es woanders nicht gibt. Dabei kamen wir auch an einem Sportgeschäft vorbei. 30°C und da hängen Fleecejacken. Sehr günstig und ganz hübsch. Also anprobieren, trotz Schweißperlen auf der Stirn. Die eine zu klein, die andere zu groß, die einzige, die passt, hat die falsche Farbe. Also weiter ohne Fleecejacke.

Nach ungefähr 5 Minuten drückt uns der Durst und wir gucken uns nach einem Café um. Als ich mich umdrehe,  ist mir so merkwürdig leicht zumute, und in dem Moment, wo ich das wahrnehme, schießt mir der Schreck in die Magengrube:

„Wo ist eigentlich meine Handtasche? Hast Du die noch?“

„Ich, ne, wieso?“

Schiet! Die Tasche ist weg! Ich muss sie bei Anprobieren irgendwo hingelegt haben.  Also zurück, im Sprint. Hoffentlich hat sie irgendjemand gefunden und im Laden abgegeben. „Bitte, lieber Gott, lass sie noch dasein!!!“ Zweimal in die falsche Gasse und dann endlich ist der Laden in Sicht.

Ich glaub es einfach nicht. Da hängt meine kleine, graue Tasche am Kleiderständer mitten in der Fußgängerzone von Goslar, mindestens 10 Minuten, und als ich sie aufmache, ist noch alles drin.

Alles, das ist: meine Geldbörse mit 70 Euro, Kreditkarten, Maestro-Karte und Tankkarten, die Autoschlüssel (es gibt keinen Zweitschlüssel!),  Papiere, Haustürschlüssel, Handy und meine geliebte Lumix-Kamera.

Ist das nicht toll???!!!! Da hängt meine Tasche für jeden sichtbar, und es wäre so leicht gewesen, sie einfach mitzunehmen. Aber alle lassen sie hängen.

Danke, liebe Bewohner und Besucher von Goslar für Eure Ehrlichkeit! Danke lieber Gott für meinen Schutzengel! Ich komme gern nach Goslar zurück.

Stinkefinger am Morgen

In der Nähe meines Büros gibt es ein altes Hotel, verkommen, mit Müll vor der Tür. Eher eine Absteige. Seit einiger Zeit leben dort Menschen mit, wie man so schön sagt, „südländischem Aussehen“. Einige dieser Menschen sind schon sehr alt. Ich beobachte sie manchmal dabei, wie sie die Mülltonnen nach Pfandflaschen durchsuchen.

Heute morgen kam ich mit meinem Auto um die Ecke gebogen, als einer dieser alten Menschen auf die Straße kam. Als er mich sah, trat er sofort zurück auf den Gehweg. Ich habe angehalten und ihn durchgelassen. Dies führte zu einem Hupkonzert aus dem Audi hinter mir. Der Fahrer versuchte sogar, sich in der engen Kopfsteinpflasterstraße an mich mich vorbei zu quetschen. Gelang ihm nicht. Als ich 10 Sekunden später anfuhr, der Mann mit seinen zwei Plastiktüten hatte inzwischen die Straße überquert, sah ich im Rückspiegel, wie mir Fahrer und Beifahrer, zwei junge Männer in Hemd und Krawatte, den Stinkefinger zeigten.

Die beiden hatten es wohl sehr eilig. Der Weg durch diese engen Gassen ist eine beliebte Abkürzung zu einer der größten Straßen in Hamburg. Trotzdem,  30 Sekunden Zeit müssen sein, um einen anderen Menschen zu zeigen, dass man ihn wahrnimmt und seine Rechte respektiert. Auch im Straßenverkehr. Schließlich war er eher auf der Straße als ich und wo kämen wir wohl hin, wenn nur noch der blanke Egoismus herrscht.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das Lebensziel dieses alten Mannes mit Plastiktüten voller dreckiger leerer Pfandflaschen war,  in einer versifften Absteige in einer schmutzigen kleinen Seitenstraße einer fremden Großstadt zu leben.

Ob dieses beiden arroganten jungen Kerlen wohl klar ist, dass es reines, pures Glück ist, in einem reichen Land geboren zu werden? Einem Land, das jedem hier geborenen Chancen auf Bildung, Beruf und Aufstieg gibt? Ich hoffe, sie haben mehr Achtung vor ihren Eltern und Großeltern als vor diesem alten Mann und vor der dummen Kuh, die sie wegen dieses Kerls zum Anhalten zwang.

Rudi

Als wir vor 10 Jahren hierher zogen, fiel mir sein Haus auf. Es war das einzige Grundstück in der Nachbarschaft ohne die obligatorische Tanne, das akkurat geschnittene Blumenbeet und den kurz geschorenen Rasen im Vorgarten.

Ein Boot stand neben dem Haus, ebenso einige Stapel mit Holz und eine alte Zinkbadewanne. Das Gras war hoch, Blumen wuchsen ohne einem Beet zugehörig zu sein, Apfel- und Kirschbäume standen auf dem Grundstück.

Als leicht alternativ angehauchte Großstädterin mit Sympathien für Bauwagenbewohner hoffte ich auf eine unkonventionelle und jedem Spießbürgertum abgeneigte Seele zu treffen.

Ich machte seine Bekanntschaft beim Gassigehen mit dem Hund. Im Herbst, im Halbdunkel. Sein Hund und meine Hündin mochten sich und so schlossen wir Bekanntschaft.

Heute ist Rudi fester Bestandteil unseres Alltags: er verkauft Wild, das er auf dubiosem Wege bekommt, er verschachert Holz für den Kamin und jeden Dienstag bietet er uns Obst und Gemüse an, das er auf dem Wochenmarkt billig ergattert. Meist handelt es sich um Ware kurz vor dem Verfall. Seit ich ihm einmal Wild und Obst abgekauft habe und mein Lebensgefährte ihm bei Lieferung ein Bier anbot, hat er uns in sein Herz geschlossen.

Ihm entgeht nichts. Er ist bestens darüber informiert, wann ich komme, wann ich gehe und an welchen Tagen ich später als sonst nach Hause komme. Er weiß, wann wir Besuch hatten und wann wir einen Tag nicht zuhause waren. Sowie es warm wird, erscheint er mindestens einmal am Tag am Gartenzaun, um zu schauen, was mein Lebensgefährte in der Garage treibt.

Wenn ich ihm abends auf der Hunderoute begegne, dann fragt er mich, wo ich denn gewesen sei oder was mein Partner denn mit diesem alten Auto wolle. Gern erzählt er, was er sich abends kocht und wie er sein Wild zubereitet, ganz ausführlich. Gibt es darüber  nichts zu berichten, ereifert er sich über die Schlechtigkeit der Welt. Über den Bürgermeister, der meint, er sei was Besseres, über die Radioprogramme, die immer diesen „englischen Sch… „ spielen, wo es doch so schöne deutsche Schlager gibt, über die Politiker, die „unser“ Geld verschwenden und über die Idioten, die unsere Anliegerstraße als Abkürzung nehmen.

Bauwagenbewohner findet er übrigens ganz schlimm, die sollte man alle einsperren.

Ich weiß wenig über ihn. Er lässt keine Fragen zu. Fragt selbst und redet bevor man selbst den Mund aufkriegt. Von Nachbarn weiß ich, dass er schon immer hier lebt, das Häuschen von seiner Mutter – eine anständige Frau – geerbt hat und seine Frau ihn schon vor langer Zeit verlassen hat.

Im Tageslicht sehe ich die schwarzen Schmutzränder in den Halsfalten, die Hundehaare auf der Kleidung und die langen Fingernägel. Ich rieche die Küchendünste in seinen Kleidern und die Bierfahne.

Ich schätze Rudi trotzdem: im letzten Herbst, als mein Lebensgefährte in seiner Heimat weilte, knickte der Sturm eine Tanne um. Als ich abends nach Haus kam, lag der Baum in kleine Stücke zersägt auf dem Rasen. „Siehst du“, sagte Rudi beim Hundespaziergang, „jetzt hast Du wieder Brennholz.“

So ist er, der Rudi.