Alltagsängste

Nachdem mir einmal auf einer sehr langen und steilen Rolltreppe in London schwindlig geworden war, mochte ich jahrelang nicht Rolltreppe fahren. Nach und nach habe ich diese Angst überwunden, aber dann wiederum gibt es in meiner Lieblingsstadt auch kaum solche Rolltreppen, die scheinbar ins Nichts führen.

Statt dessen fürchte ich mich nun davor, Kratzer oder Dellen zu in mein Auto fahren. Ich fahre einen Firmenwagen, und kurz nachdem ich vor 8 Jahren den ersten erhalten hatte, bin ich in einem Parkhaus gegen einen Pfosten gefahren. Beim Zurücksetzen bin ich vor lauter Schreck dann noch an der Wand entlang geschabt und musste am nächsten Morgen  unserem kaufmännischen Leiter das Malheur gestehen. Immerhin hatte ich es geschafft einen Schaden von fast 3000 Euro zu verursachen. Seitdem fürchte ich mich vor Parkhäusern und Tiefgaragen oder sonstwie engen Parklücken. Unglücklicherweise hat unsere Einrichtung eine sehr enge Tiefgarage, sodass ich, wenn immer möglich, lieber auf dem Parkplatz für Besucher und Klienten stehe. Die Plätze sind zwar draußen und man muss ein Stück laufen, aber der Parkplatz hat dafür keine Pfeiler und Wände.

Ich habe aber nicht nur Angst vor engen Garagen.

Mein räumliches Vorstellungsvermögen lässt sehr zu wünschen übrig, und deshalb fällt es mir schwer, rückwärts einzuparken. Wenn dann noch jemand zuguckt, dann breche ich die Aktion ab und fahre weiter um den Pudding. Ich bevorzuge für meinen Kleinwagen Parklücken , in die auch ein Transporter passen würde. Muss ich in die Innenstadt, dann nehme ich lieber den Bus oder die U-Bahn als mich dem Stress der Parkplatzsuche auszusetzen.

Wenn ich einen Termin habe oder irgendwo hin fahre, wo ich die Parkplatzsituation nicht kenne, dann beschäftige ich mich in Gedanken schon vor dem Losfahren  damit, wo ich mein Auto wohl abstellen könnte. Erst wenn das Auto sicher steht, kann ich wieder entspannen.

Verrückt, nicht wahr? Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der so eine kleine Macke pflegt.

Die Angst hat gesiegt

Vor einiger Zeit habe ich von Frau G. berichtet. Sie begann ihr erstes Praktikum wie vereinbart an einem Montag. Schon nach wenigen Tagen teilte sie Frau Mandel  mit, dass sie mit einer täglichen Arbeitszeit von 6 Stunden überfordert sei und diese auf 4 Stunden reduziert habe. Frau Mandel, noch ganz freundlich, wies sie darauf hin, dass sie in der Unterrichtsphase täglich 7 Stunden gut geschafft habe und dass es völlig normal sei, die ersten Tag als sehr anstrengend zu empfinden.

Frau G. reagierte unwirsch und warf Frau Mandel vor, ihre Krankheit nicht genug zu berücksichtigen. Es folgte eine Krankschreibung für eine Woche. Der Praktikumsbetrieb lehnte daraufhin die weitere Zusammenarbeit mit Frau G. ab, da sie in den drei Tagen, die sie im Praktikum war, nicht durch Motivation und Freundlichkeit geglänzt hatte.

Nach ihrer Genesung erschien Frau G. bei Frau Mandel im Büro und erklärte, dass sie nun ein Praktikum als Erzieherin in einem Kinderheim machen möchte. Vorsichtig wies Frau Mandel sie darauf hin, dass dies angesichts ihrer eigenen Geschichte, ihrer Erkrankung und ihrer psychischen Instabilität kein so guter Gedanke sei. Sie schlug Frau G. vor, zunächst weitere Praktika z. B. in der Hauswirtschaft einer Kita zu machen. Frau G. reagierte erneut mit Empörung. Solche Sklavenarbeiten werde sie nicht machen. Grade weil sie so viel durchgemacht hätte, könnte sie sich gut in andere hineinversetzen. Erneut drohte sie mit Beschwerde, diesmal nicht bei der Arbeitsagentur vor Ort, sondern direkt in Nürnberg. Dann verschwand Frau G. im Unterricht.

Später am Tag holten Frau Mandel und ich sie noch einmal gemeinsam zum Gespräch. Frau G. zeigte sich einsichtig, und räumte ein, ein wenig zu emotional reagiert zu haben. Wir verabredeten uns für ein weiteres Gespräch am Freitag mit ihr, um über ihre weitere Berufsperspektive zu sprechen.

Am Donnerstag erschien Frau G. nicht zum Unterricht. Gegen Mittag erhielten wir ein Fax, in dem Frau G. uns mitteilte, dass sie sich bei einem anderen Träger vorgestellt habe, der ihr eine Tätigkeit im sozialen Bereich zutraute. Am Freitag erhielten wir eine Krankschreibung über weitere zwei Wochen. Ich gehe nicht davon aus, dass wir Frau G. wieder sehen werden. Allerdings rechne ich mit einer Beschwerde. Unglücklicherweise sind wir es, die sich in so einem Fall rechtfertigen müssen.

Zum besseren Verständnis der Geschichte: wir arbeiten mit psychisch kranken Menschen. Es gibt viele Menschen, die unter Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen u. ä. leiden und sehr erfolgreich im sozialen Bereich tätig sind. Diese Menschen sind meist gut über ihre Erkrankungen informiert, kennen sich selbst und ihre Grenzen und sind trotz ihrer psychischen Leiden stabil.

Eine Teilnehmerin wie Frau G. ist psychisch nach wie vor instabil. Sie erkennt zwar, dass sie krank ist, hat aber noch nicht gelernt, die Verantwortung für sich und für ihre Erkrankung zu übernehmen. Ihr Wunsch, mit Kindern zu arbeiten, beruht auf einer Idealvorstellung sowohl vom Wesen der Kinder als auch von den Rahmenbedingungen des Berufes.

Neid

Schon als kleines Mädchen habe ich gelernt, dass Neid von schlechtem Charakter zeugt. Ein guter Mensch freut sich über die Erfolge anderer.

Nun, ich bin kein guter Mensch. Ich bin neidisch.

Als Schülerin war ich neidisch auf meine Klassenkameradin Isabelle. Sie war hübsch, sie war beliebt und sie war  intelligent. Außerdem war sie freundlich, bescheiden und hilfsbereit. Und ich habe sie gehasst. Warum? Weil ich neidisch auf sie war. Sie war so selbstsicher, traute sich alles zu. Meldete sich im Unterricht, wurde zur Klassensprecherin gewählt und zeigte keine Scheu auch die coolsten Jungs anzusprechen. Ich selbst hingegen war schüchtern und unsicher und blieb lieber im Hintergrund. Dabei wäre ich so gern wie Isabelle gewesen. Doch das konnte ich mir nicht eingestehen, also  wandelte ich meinen Neid in Ablehnung um, machte sie schlecht, wo ich nur konnte, grinste hämisch, wenn sie mal keine Eins in Deutsch schrieb.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Ich habe sie seither nur einmal bei einem Klassentreffen wieder gesehen. Sie erschien in einem roten Kleid, selbstsicher und attraktiv. Aus ihr war eine erfolgreiche Anwältin geworden.  Es ließ mich kalt, denn in der Zwischenzeit war ich selbst erfolgreich in meinem Beruf und hatte enorm an Selbstwertgefühl gewonnen. Neid war mir fremd geworden. Dachte ich. Bis ich Natalja kennen lernte.

Natalja ist die Lebensgefährtin meines Schwagers.  Deutlich jünger als ich, schlank und sie weiß sich zu kleiden. Alles, was sie trägt, passt  perfekt zueinander und ist doch irgendwie originell und ein Hingucker. Obwohl sie nicht besonders hübsch ist, schafft sie es mit einem schicken Haarschnitt und geschicktem Make-up immer anziehend zu wirken.

Nataljas bastelt, malt und dekoriert mit Hingabe und  Geschick. Ihr Haus und ihr Garten sind geschmackvoll gestaltet und es ist stets gemütlich und aufgeräumt bei ihr. Neuerdings ist sie bei Facebook und Instagram aktiv und hat bereits hunderte von Fans. Ihre Fotos sind einfach schön.

Nun, eigentlich ist Natalja nett. Sie ist immer freundlich und macht kein Aufheben um ihre Talente. Trotzdem steht immer sie Mittelpunkt und alle Leute, mein Liebster eingeschlossen, sind stets bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Wenn wir gemeinsam ein Video gucken, dann ist es Natalja, die es aussucht und Nataljas Wunsch entscheidet, ob wir ausgehen oder zuhause essen.

Schon nach dem ersten Treffen entwickelte ich eine tiefe Abneigung gegen sie. Verspürte den Wunsch, alles, was sie tat, abzuwerten, ihr weh zu tun, sie links liegen zu lassen. Sah mich im Wettbewerb mit ihr, wovon sie selbst wohl gar nichts ahnte. Es war mein jüngerer Sohn, der mich, nachdem ich wieder mal ein paar bissige Bemerkungen über sie gemacht hatte, fragte, ob ich etwa neidisch auf sie sei.

Ja, und so ist es. Wider besseren Wissens  fühle ich mich neben Natalja klein und unbedeutend. Mein Haus und mein Garten erscheinen mir einfallslos und mein Beruf uninteressant. Es hilft nicht, wenn ich mir vor Augen halte, was ich in meinem Leben schon alles geschafft habe, dass ich „studiert“ bin und sie ungelernt, dass ich drei Sprachen spreche und sie nur ein bisschen holpriges Englisch.

Natalja hat etwas, worum ich sie zutiefst beneide: sie geht einfach davon aus, dass ihr alles, was sie tun möchte, gelingen wird. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass man ihr etwas abschlagen könnte und sie findet alles, was sie tut, gut und teilt es gern mit anderen. Sie findet nichts dabei, dass ihr Lebensinhalt aus Einkaufen, Kochen und Backen, Schmücken und Dekorieren besteht. Sie gibt unumwunden zu, nie ein Buch zu lesen und ist zufrieden, ein paar Stunden als Verkäuferin zu arbeiten. Sie strahlt eine tiefe innere Sicherheit aus und so ist sie es, die stets das bekommt, was sie möchte.

Wie gut, dass Natalja 2000 km von uns entfernt wohnt und ich sie höchstens zweimal im Jahr für ein paar Tage sehe. Dazwischen habe ich genug Zeit, meine Wunden zu lecken und mich von meinen Neidattacken zu erholen. Und ja, ich weiß, dass nicht der scheinbare Perfektionismus von Natalja, sondern meine eigenen „Baustellen“ Ursache dieses Neides sind. Denn, ganz ehrlich, eigentlich ist sie wirklich eine ganz Nette und manchmal mag ich sie sogar – bis sie wieder so einen perfekten Kuchen serviert oder alle ihre neusten Fotos loben…