Aller Anfang ist schwer

Artikel zum Thema Gesundheit ziehen mich an. „Warum Broccoli in ihrer Ernährung nicht fehlen darf“, erfahre ich da zum Beispiel, oder, „So viel Bewegung braucht ihr Herz, um gesund zu bleiben“. Dabei fühle ich mich nach solcher Lektüre meist ziemlich schlecht, denn mir fällt beim besten Willen nicht ein, wann ich zuletzt Broccoli gegessen habe und mir wird deutlich, dass ich mich nicht genug bewege. Auch mit täglichen Achtsamkeitsübungen, Treppen steigen im Alltag und bewusstem Atmen klappt es höchstens sporadisch. Die Yogamatte steht eingestaubt in einer Ecke. Ich fühle mich als Versager. Selbst schuld, dass meine Gesundheit zu wünschen übrig lässt.

„Blödsinn“, meldet sich eine Stimme in mir. Ich nenne sie mal mein Phlegma.

„Wenn du all diese Ratschlage befolgen würdest, dann kämst du überhaupt nicht mehr dazu, dein Leben zu leben. Du würdest deine Zeit damitverbringen, deine Mahlzeiten zu planen, damit sie genug Vitalstoffe und entzündungshemmende Wirkstoffe enthalten. Und dann das stundenlange Kochen! Du müsstest jeden Tag spazieren gehen, um auf mindestens 7000 Schritte zu kommen. Dazu noch zwei oder dreimal in der Woche Krafttraining machen und für die Beweglichkeit Yoga praktizieren. Da kommst du doch zu nichts anderem mehr.

Eine zweite Stimme schaltet sich ein, ich erkenne sie als Stimme der Vernunft.

„Nun, du könntest mit dem Fahrrad zum Biomarkt fahren, dann hast du dein Ausdauertraining gleich mitgemacht. Und wenn die Zeit nicht reichst, kannst du auch Tiefkühlgemüse essen, ist genauso gesund.“

Ich denke an meinen Physiotherapeuten, der ernsthaft meint, zwei Stunden Bewegung wären optimal, um genügend Gelenkflüssigkeit zu bilden. Zum Glück räumt selbst er ein, dass das im Alltag kaum möglich ist.

„Als du noch einen Hund hattest, bist du morgens und abends mindestens 30 Minuten flott Gassi gegangen und am Wochenende habt ihr lange Waldspaziergänge gemacht. Jetzt schläft du morgens eine Dreiviertelstunde länger. Steh einfach früher auf und mach einen Spaziergang,“ mahnt mich die Stimme der Vernunft.

„Nein“, entgegnet das Phlegma, „es ist wichtig, genügend zu schlafen. Das schützt Herz und Kreislauf. Du hast mit deinem Alltag wirklich genug zu tun, da brauchst du keine zusätzlichen Anstrengungen.“

Recht hat mein Phlegma!

Ich arbeite Vollzeit, bin also mindestens 10 Stunden am Tag außer Haus. Oft mehr, so wie gestern, als eine neue Baustelle wie aus dem Nichts erschien und den Feierabendverkehr zum Erliegen brachte. Ich kümmere mich um Haus und Garten, um meine betagte Mutter und meine Enkelinnen. Hin und wieder will ich auch einfach nur entspannen. Ich mag mein Phlegma.

Sofort meldet sich wieder die Stimme der Vernunft zurück.

„Du weißt ganz genau, dass es dir besser geht, wenn du dich mal zum Sport aufgerafft hast. Danach bist du nämlich gar nicht mehr müde, sondern voller Energie. Bewegung entspannt und baut Stress ab.“

Das Phlegma wettert zurück. „Du bist abends so erschöpft, was ja auch kein Wunder ist, nach all dem Stress auf der Arbeit. Und dann erst die Fahrerei und die Jüngste bist du auch nicht mehr. Du hast das Recht, es dir abends mit der Fernbedienung und einer Tiefkühlpizza gemütlich zu machen.“

„Tatsächlich hast du das Recht es dir abends gemütlich zu machen.“ Die Stimme der Vernunft klingt verständnisvoll. „Aber wenn du dich gar nicht bewegst und nur diese fette, kohlenhydrathaltigen Sachen isst, musst du dich nicht wundern, wenn du immer weniger Energie hast. Energie kommt nicht von alleine.“

Ich seufze. Die Stimme der Vernunft hat ja recht. Ich merke selber, dass ich immer träger werde. Außerdem sorge ich mich, dass der der Diabetes mein Herz oder meine Nieren schädigen könnte. Es nervt mich, dass ich nach 15 Minuten Gehen Rückenschmerzen bekomme. Die Hüftarthrose lässt grüßen. Überhaupt, die Arthrose. Wenn ich länger gesessen habe, komme ich nur langsam wieder in die Gänge. Und es tut weh. Manchmal komme ich mir vor wie eine sehr alte Frau.

„Alles ganz normal.“ Das Phlegma erhebt seine Stimme. „Du tust doch wirklich schon viel. Gestern morgen hast du 10 Minuten Gymnastik gemacht und am letzten Wochenende warst du mit deinen Enkelinnen im Zoo. Da hattest du auch Bewegung.“

Jetzt schlägt die Stimme der Vernunft andere Töne an.

„Ja, du warst im Zoo. Da wolltest du allein mit deinen Enkelinnen hin, aber dein Sohn hat gesagt, dass ihm das zu gefährlich ist. Die Kleine ist so flink, dass du nicht hinterherkommst, wenn sie losrennt.“

Ja, das stimmt. Ich bin oft traurig, weil ich nicht mit meinen Enkelinnen toben kann und sie nicht einholen könnte, bevor sie auf die Straße laufen. Tragen kann ich sie auch nicht.

„Morgens brauchst du 5 Minuten, nur um deine Socken anzuziehen. Und dann diese Unterzuckerungen, wenn du auf der Arbeit wieder mal nur Kaffee und Franzbrötchen hattest, weil du zu faul warst, dir morgens ein vernünftiges Brot zu machen. Findest du wirklich, dass es dir gut geht?“ Die Stimme der Vernunft zieht nun alle Register.

Ich will das nicht hören. Aber es stimmt, was sie sagt. Meine Lebensqualität nimmt ab. Ich tue nicht mehr, wozu ich Lust habe, sondern das, was ich mir zutraue. Und ziehe mich immer mehr in mein häusliches Umfeld zurück.

Dabei war ich früher so aktiv und lebenslustig. Habe es geliebt, im See zu schwimmen, Städtereisen zu machen, in den Bergen zu wandern und zu tanzen. Von dieser Frau habe ich mich weit entfernt.

Ich seufze. Die Stimme der Vernunft hat recht, etwas muss sich ändern.

11 Kommentare zu „Aller Anfang ist schwer

  1. Mir gefällt dein Satz „Es geht mir nicht darum, alt zu werden, sondern mich nicht jeden Tag so zu fühlen, als wäre ich es schon.“
    So ähnlich empfinde ich das auch. Ich fühle mich oft sehr müde, kraftlos und schwer. Wenn ich vom Einkaufen komme, werde ich manchmal von sehr alten Menschen überholt und ich brauche für die Gehstrecken rund die Hälfte der Zeit mehr als noch vor 5 Jahren. Das gefühlte Alter, das, was ich gern möchte und das, was ich kann, klaffen weit auseinander. TCM ist sehr gut. Hat mir vor ein paar Jahren, als ich das Rauchen aufgab, sehr geholfen.
    Wünsche dir eine gute Woche.
    Liebe Grüße, Trina.

  2. Guten Morgen,

    es lohnt sich, ein wenig hinzuschauen. Muss mich (Jg. 62) dabei nicht verrückt machen, nur nachspüren, was sich verändert, wenn ich selbst etwas ändere, an meinen Gewohnheiten. Und ja, Geld verdienen wollen alle – selbst bin ich ein Freund von so genannten Eigenkörperübungen, da nehme ich mir allmorgendlich eine halbe Stunde Zeit zu. Es geht mir nicht darum, alt zu werden, sondern mich nicht jeden Tag so zu fühlen, als wäre ich es schon. Dazu kommt, ich gehe zu Fuß, wo ich kann. Macht mich innerlich frei.

    Arthrose – hatte ich schlimm mit Anfang 40. Wollte ich mich nicht mit abfinden und habe angefangen, mich für TCM zu interessieren, die beziehen die Ernährung mit ein. Die Chinesen kennen nur einen Begriff für unsere zwei Worte“Medizin“ und „Ernährung“. Bezeichnend, oder? Als trockener Alkoholiker bin ich nochmal besonders gefordert, auf mich zu achten, in jeder Beziehung. Aber das gilt im Prinzip schon für alle Menschen.

    Liebe Grüße, Reiner

  3. Bauchgefühl ist nach meiner Erfahrung immer verlässlich. Leider haben ich den Kontakt zu meinem nicht besonders gut gepflegt und bin gerade auf dem Weg, es wiederzuentdecken. Das wird kommen…
    Wünsche dir einen guten Start in die Woche. LG, Trina

  4. Noch knapp 2 Jahre bis zur Rente, und ich freue mich sehr darauf. Wünsche dir noch einen schönen Sonntagabend. 🙂

  5. oh oh. Da steckt soooviel Wahrheit drin.

    und sehr gut geschrieben.

    vielen Dank

    tatjana

  6. Nein, das erfordert beinahe ständige Selbstreflektion. 😉 Ich habe beschlossen, mich von diesem Gesundheitswahn nicht kirre machen zu lassen, und auf mein Bauchgefühl zu hören. Das sagt mir in der Regel zuverlässig, was gut für mich ist und was nicht. 😉 Und diese Schuldzuweisungen finde ich großenteils höchst erbärmlich.
    Liebe Grüße!

  7. Ich denke, der letzte Absatz sagt alles Wichtige, liebe Trina.
    Was Du vorher beschreibst, kenne ich gut. Mit Familie und Beruf sind wir oft so ausgelastet, dass wir selbst zu kurz kommen.
    Darum genieße ich auch das Rentendasein mit mir allein zu Haus. Ich kann mir mein Leben einteilen und bis jetzt ist immer alles Wichtige rechtzeitig erledigt. Manchmal schaut die Einsamkeit um die Ecke, aber das ist dann eigentlich nur mein inneres Kind , welches sich nach Abwechslung sehnt. 🙋‍♀️
    PS: Kannst Dich ja schon auf Dein Rentendasein freuen, oder?

  8. Danke, liebe Martha.
    Balance zu halten ist gar nicht so einfach, merke ich immer wieder. Ich ärgere mich aber auch ein bisschen über den gegenwärtigen Gesundheitswahn, der uns weißmachen will, dass mit richtiger Ernährung und genug Bewegung jede Erkrankung bewältigt werden kann. Gleichzeitig suggeriert das nämlich auch, dass es unsere eigene Schuld ist, wenn wir gesundheitliche Probleme bekommen. Der Einfluss, den unsere Arbeitswelt und Umwelt auf unsere Gesundheit haben, wird gern mal unter den Tisch gekehrt. LG, Trina

  9. Liebe Regine,
    danke, dass du so offen über deine eigenen Gedanken und deine Situation schreibst. Schmerzen sind anstrengend und die Kraft lässt mit zunehmenden Alter nach.
    Ich neige leider dazu, meine eigene Gesundheit, sei es das Bedürfnis nach Ruhe oder nach Bewegung, zurückzustellen, weil mir alles andere wichtiger erscheint. Sei es im Job, wo dann in der Pause noch mal schnell 3 Emails beantwortet werden müssen oder zuhause, wo ich dann mit meinem Lebensgefährten vorm Fernseher sitze, statt spazieren zu gehen oder eine TK_Pizza in den Ofen schmeiße, weil ich wieder mal länger auf der Arbeit geblieben bin, oder, oder….
    Das möchte ich ändern, weil ich merke, dass meine Kräfte und meine Lebensfreude immer mehr nachlassen. Schlimm vor allem, dass ich auch die Energie für meine Hobbys verloren habe, kaum noch schreibe, kaum noch male und nur noch selten was unternehme.
    Im Moment habe richtig Zeit für mich und merke, wie gut das tut und wie viel Lust ich plötzlich habe, mal wieder zu bloggen, spazieren zu gehen usw.
    Auch dir alles Gute! Liebe Grüße, Trina

  10. Das ist ja fast mein Leben, was Du hier beschreibst. Also, ich arbeite nicht mehr und habe keine Enkelkinder. Aber die (Poly) Arthrose und Schmerzen in Fingern, den Knien und Fußgelenken und ein ewig schlechtes Gewissen. Hätte ich nur gesünder gelebt, würde ich nur mehr Sport treiben, wäre ich nicht so faul…..nein, das gewöhne ich mir jetzt ab. Ich kann nicht mehr so wie früher und ich mache das, was geht und manchmal etwas weniger. Ich ziehe mich zurück, bin aber trotzdem noch unterwegs, so, wie es mir gut tut. Ich übe, mich mit der Frau, die ich gewesen bin, nicht zu vergleichen.
    Zu wenig Gemüse und Bewegung ist immer. Aber besser so als gar nichts tun. Radfahren geht zum Glück noch, Spaziergänge sind schmerzhaft und nicht mehr genussvoll. Ich schiebe unterwegs mein Rad, um das Gehen weiterhin zu trainieren.
    Ich bin früher stundenlang gewandert! Das vermisse ich sehr.
    Ach ja, ich wollte vor ein paar Tagen meine Muskeln und meine Kraft trainieren und übte „Liegestütz“ so, wie es mir möglich ist. Resultat: Jetzt schmerzen auch die Handgelenke, die sonst immer friedlich waren. 🤣
    Also, was ich sagen wollte: Mehr zu tun, als Du Dir zutraust, wäre einfach unvernünftig. Ich lese heraus, dass Du ein erfülltes und manchmal anstrengendes Leben hast. Das körperliche Altern ist häufig mit Abschieden verbunden und traurig ist es manchmal auch, das ist wäre ja auch seltsam, wenn es anders wäre. Schmerzen sind anstrengend und insofern ist der gelegentliche Rückzug vielleicht notwendig. Die Lebenslust ist ja trotzdem noch vorhanden. Die Vernunft kann sich mit dem Phlegma aussöhnen. Bei mir sind es der innere Schweinehund und der Antreiber, die sich einigen müssen. Das tun sie, auch wenn es so manche Diskussionen gibt. Mal gewinnt der eine, mal der andere.
    Ich freute mich, von Dir mal wieder etwas zu lesen und wünsche Dir alles Gute, was geht🍀! Regine

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