Selbstbetrug und Größenwahn

„Der Schlüssel zum Scheitern
ist der Versuch, es allen recht zu machen.“ (Bill Cosby)

Das weiß doch jeder, dass man es nicht allen recht machen kann. Aber wieso soll es denn zum Scheitern führen, wenn man versucht, es allen recht zu machen? Sollen wir nicht unseren Nächsten lieben wie uns selbst?

Ich gebe mir große Mühe, den Menschen in meiner Umgebung meine Liebe zu zeigen und sie so gut ich kann zu unterstützen.  Auf der Arbeit bekomme ich viel Lob und Anerkennung von meiner Geschäftsleitung. Sie heben meine Einsatzbereitschaft hervor und übertragen  mir gern alle möglichen Sonderaufgaben, weil sie wissen, dass ich viel kann. Immer wieder sagen sie mir, dass ich wirklich eine Stütze des Unternehmens bin. Meine Chefin erwähnt immer wieder, wie toll sie es fand, dass ich trotz einer fetten Bronchitis zur Arbeit gekommen bin. Schließlich ist es ja egal, ob man sich zuhause oder im Büro schlecht fühlt, oder?

Meine Mitarbeiter schätzen es, dass ich ihnen stets nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat zur Seite stehe und nehmen meine Hilfe gern an. Sie haben ja auch noch nicht so viel Erfahrung wie ich, und da helfe ich ihnen gern, den schwierigen Klienten zu besänftige oder den kniffligen Bericht zu schreiben. Irgendwie kriege ich meine Abteilung immer in den Griff, da packe ich auch gern selbst mit an, wenn Not am Mann ist.

Meine Familie weiß, dass ich immer für sie da bin. Meine Mutter darf jederzeit ihr Herz bei mir ausschütten und ich begleite sie gern, wenn sie irgendwo nicht allein hingehen mag. Schließlich hat sie ja auch immer alles für mich getan. Deshalb gehe ich auch zu jeder Familienfeier, weil ich weiß, wie wichtig es für sie ist, ihre Familie um sich zu haben. Ich lobe die Sahnetorte von meiner Schwägerin, auch wenn sie mir Sodbrennen bereitet und esse auch wirklich von jedem Kuchen ein Stück, damit sie nicht denkt, es würde mir nicht schmecken.

Selbstverständlich unterstütze ich meine Freunde, wenn ein Umzug ansteht oder jemand einen Rat braucht. Auch sie dürfen mir ihr Herz ausschütten und sie bekommen jederzeit tatkräftige Unterstützung von mir.

Für meinen Liebsten erledige ich nebenbei mal schnell die eine oder andere Übersetzung und natürlich bin ich sofort verfügbar, wenn er mich braucht. Er ist ja auch für mich da.

Die Kinder  sind ausgezogen, aber wenn sie mal kommen, dann stelle ich alles andere zurück, um ihnen eine schöne Zeit zu machen. Wenn mein Partner sich dann vernachlässigt fühlt, dann mache ich das hinterher mit besonders viel Aufmerksamkeit und seinem Lieblingsessen wieder gut.

Am Samstag mache ich den Gehweg sauber und arbeite im Garten. Das machen alle anderen auch und ich möchte ja nicht schlecht auffallen, sondern eine gute Nachbarin sein. Wenn man mich bittet, in der Urlaubszeit den Briefkasten zu leeren und den Garten zu wässern, dann tue ich das natürlich auch.

Ja, ich gebe mir wirklich viel Mühe, es allen recht zu machen und fahre gut damit. Ich habe einen Job, einen Partner, eine Familie, die zusammen hält, ein Haus und einen Garten und die Nachbarn grüßen mich alle freundlich. Da bin ich doch nicht gescheitert! Ich habe doch ein gelungenes Leben, oder?

Gut, es gibt da ein paar Sachen, über die ich mich manchmal ärgere, aber die Welt ist nun mal nicht gerecht und man kann auch nicht erwarten, dass andere es einem immer recht machen.

Meine Kollegin hat einfach nach einer Gehaltserhöhung gefragt, obwohl die Geschäftsleitung doch bekannt gegeben hat, dass die Umsätze zurückgegangen sind und hat sie auch gekriegt. Manchmal denke ich auch, dass die jungen Leute heute einfach nicht mehr so belastbar sind wie wir.  Ständig sind sie oder ihre Kinder krank und es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, auch mal ein bisschen mehr zu tun als sie müssen, damit der Laden läuft. Dann wollen sie gleich mehr Geld oder Freizeitausgleich.

Und richtig enttäuscht war ich, als die Nachbarn im Sommer ein Gartenfest gefeiert haben und wir waren nicht eingeladen, während die Leute von gegenüber, die immer so laut sind, da waren.  Na ja, man kann ja nicht immer Dankbarkeit von allen erwarten.

Meine Gesundheit macht mir ein bisschen Sorgen. Mein Blutdruck ist zu hoch, meine Blutfettwerte sind schlecht und ich habe 20 kg Übergewicht. Mein Mann mag mich aber trotzdem, er findet, es ist wichtiger, das Leben zu genießen, als ständig auf seine Gesundheit zu achten. Mein Arzt meint, ich sollte mehr Sport treiben und besser auf mich achten. Aber mal ganz ehrlich, wie soll das denn gehen? Ich habe schließlich eine Menge zu tun.

Hauptsache, alle sind glücklich und wenn ich nicht dafür sorge, wer sollte es denn dann tun?  Wo kamen wir denn hin, wenn jeder nur an sich denken würde!

9 Gedanken zu “Selbstbetrug und Größenwahn

  1. trina59 27. Oktober 2014 / 20:02

    Ja, am Samstag war ich ein bisschen in Gruselstimmung 🙂
    Aber ganz ehrlich, wer so gut ist, der tut das ja meist nicht für die anderen, sondern aus Angst vor Ablehnung, Konflikten usw. Ein ganz interessantes Phänomen, und grade wir Frauen, die in den 50igern geboren wurden, haben ja auch noch eine ganze Menge von dem traditionellen Frauenbild, das eigene Bedürfnisse stets für die der anderen zurückstellt, abbekommen.
    Liebe Grüße! Trina

  2. tarlucy 27. Oktober 2014 / 16:49

    Verdammt….wird garnicht veröffentlicht…..dann speichere ich es für Dich mal auf meinem Blog….:-)

  3. tarlucy 27. Oktober 2014 / 16:48

    Guck mal

    Als ich das Bild sah musste ich sofort an Dich denken….Wäre das nicht schön wenn man das so umsetzen könnte??….Vielleicht druckst Du Dir das mal aus und legst es in Deine Schublade bis Du dann irgendwann soweit bist es öffentlich hinzuhängen….. Wäre echt schön…. 🙂

  4. freiedenkerin 27. Oktober 2014 / 16:37

    Oh, weh! 😕 Ein Text zum Gruseln! Ich wünsche es niemandem, soooooo „gut“ zu sein. Ich finde, zum wirklichen „Gut-Sein“ gehört eine ordentliche Portion gesunden Egoismus‘. Und auch Ehrlichkeit. Vielleicht würden die Sahnetorten der Schwägerin weniger Sodbrennen bereiten, wenn man ihr durch die Blume zu verstehen geben würde, welche Qual und Pein sie verursachen…
    Da gibt sich jemand völlig auf – und was bringt’s im Endeffekt? Nix, aber auch gar nix! Keine Lohnerhöhung, kein „Feedback“ von den Nachbarn, und schon gar keines von einem selbst, das sieht man an der maladen Gesundheit… 😉
    Liebe Grüße!

  5. claudi661 26. Oktober 2014 / 11:33

    Hi Trina, oh man…da wird mir ja ganz anders. Toll geschrieben, danke. Ist viel Wahres dran. Ich hoffe, dass Du Dich ganz wichtig nimmst und gesund bist und bleibst. Wenn Du so leben würdest, wie Du es geschrieben hast, würdest Du nur seelisch und dann auch körperlich, wie Clara schon schrieb. —– Mmmmh..(nachdenklich am Kopf kratz)…….obwohl klitzekleine Ähnlichkeiten ….. sind doch in Auszügen vorhanden…ohwei 😉 Da nehme ich mir doch mal ganz schnell das o.g. Zitat von Bill Cosby zu Herzen. Bussi und schönen Sonntag.

  6. trina59 25. Oktober 2014 / 16:44

    Ja, genau das wollte ich damit zeigen. Ist natürlich ein bisschen übertrieben 🙂

  7. Siegbert Scheuermann 25. Oktober 2014 / 14:32

    „Selbstbetrug und Größenwahn“ – wie schon so oft bin ich bewegt über Deine klare Selbsterkenntnis und Deine Offenheit. Ich hoffe, dass die Ironie in diesem Beitrag bei vielen LeserInnen ankommt. Dann kann er helfen, eigene Lebensmuster zu erkennen und möglicherweise ein erster Schritt zu einer positiven Veränderung sein. Danke.

  8. Clara Himmelhoch 25. Oktober 2014 / 14:26

    Da wird mir ja beim Lesen schon ganz schwummerig, dass jemand versuchen kann, soooooooooooo gut sein zu wollen.
    „Ich lobe die Sahnetorte von meiner Schwägerin, auch wenn sie mir Sodbrennen bereitet und esse auch wirklich von jedem Kuchen ein Stück, damit sie nicht denkt, es würde mir nicht schmecken.“ – und ist das noch „gut sein wollen“ oder müsste man das nicht eigentlich anders bezeichnen? – Ich denke, wenn man so lebt, wird man krank, entweder körperlich oder seelisch.

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