Nachbarschaft

Erstaunlicherweise trifft man seine Nachbarn auf dem Lande noch seltener als in der Stadt, wenn man wie ich tagsüber nicht zu Hause ist.

Zur Straße hin liegen die Vorgärten, die eben nur zur Zierde da sind. Das eigentliche Leben spielt sich hinter dem Haus ab, wo Terrasse und Gemüsegarten liegen, alles sorgfältig verborgen hinter Büschen, Hecken und Schuppen.

So treffe ich meine Nachbarn meist nur beim Straßenfegen am Samstag. Das ist eine sehr wichtige und ernst zu nehmende Angelegenheit. Hält man seinen Gehweg nämlich nicht sauber und die Rinnsteine nicht frei von Wildkräutern, dann dauert es nicht lange, bis ein Brief von der Gemeinde ins Haus flattert mit der Aufforderung, diesen Missstand sofort zu beseitigen. Oder unser Gemeindevorsteher macht ein Foto und veröffentlicht es auf seiner Homepage mit dem Hinweis, dass es unglücklicherweise Bürger gibt, die ihre Pflichten nicht ernst nehmen usw. usw. Dazu packt er dann noch ein Foto von einem vorbildlichen Bürger, der seinen Gehweg grade andächtig reinigt.

Ihr könnt euch sicherlich denken, dass auch ich zu den Menschen gehöre, die die Gemeindekasse mit einem nach der 2. Mahnung gezahlten Bußgeld in Höhe von 50 Euro gefüllt haben. Nicht, weil es mir egal ist, wie es vor meinem Haus aussieht, sondern einfach deshalb, weil ich gar nicht auf den Gedanken gekommen war, dass es zur Aufgabe der Hausbesitzer gehört, auch den Rinnstein sauber zu halten. Schließlich ist unser Haus ein Eckgrundstück und dreißig Meter Gehweg liegen direkt an der Hauptstraße und da ist ganz schön viel Verkehr. Ich ging einfach davon aus, dass so was wie in der Großstadt von der Stadtreinigung übernommen wird.

Seit einigen Jahren also gehört es zu meinen Samstagsbeschäftigungen, den Gehweg und den Rinnstein in ordnungsgemäßen Zustand zu halten.

Mein Nachbar nebenan erledigt diese Aufgabe meist schon zu einer Stunde, in der ich mich noch meinen Träumen hingebe. Er mag unseren Hund nicht, der zu der Rasse der  Gartenzaun-Kläffer gehört, deshalb bleibt es hier bestenfalls bei einem Winken und ‚Guten Morgen’.

Unser Nachbar im übernächsten Haus hingegen ist ein freundlicher Mensch, der gern mit seinem Terrier vorbei kommt, während ich mit Schaufel und Besen hantiere. Er ist die lebende Zeitung des Ortes und informiert mich zuverlässig darüber, was die Jugendlichen in der letzten Nacht angestellt haben (vor der Schule rumgelungert und mit Flaschen geschmissen) und was sonst noch in der Nachbarschaft passiert. Auf der anderen Straßenseite unseres Grundstücks liegen noch vier typische kleine Siedlerhäuser, aber es gibt nur eine unbefestigte Straße daran vorbei und keine Gehwege, die man reinigen könnte.

Diesen Nachbarn winke ich zu, wenn wir uns zufällig begegnen, aber ich kenne weder ihren Namen noch weiß ich etwas über sie. Auf dem Lande erledigt man nämlich fast alles mit dem Auto und mit diesem fährt man direkt auf seine Auffahrt und kommt so gar nicht weiter in Kontakt mit seinen Nachbarn.

In der Großstadt kannte ich meine Nachbarn besser. Über mir wohnte ein italienisches Ehepaar, das sich gern lauthals stritt. Die Küchen- und Schlafzimmerfenster lagen alle zum Innenhof, sodass ihre Argumente nicht zu überhören waren. Unter mir lebte ein schwules Pärchen.  Die beiden hatten ein sehr spannendes Liebesleben, eines Nachts wurde ich wach, weil einer der beiden ständig „Muh, Muh“ brüllte. Bis heute rätsle ich, was die da wohl getrieben haben. Dann gab es noch eine junge Frau in dem Haus, Ramona, deren Beziehungen nie länger als 6 Monate hielten. Sie war total nett und ich verstehe bis heute nicht, warum das die Kerle nicht auch gemerkt haben. Das jugoslawische Ehepaar im Haus hatte Probleme mit ihrer pubertierenden Tochter, die gern Miniröcke und Piercings trug und schließlich in eine Jugendwohngruppe zog. Die ruhige  Architekturstudentin ganz oben im Haus hatte Probleme mit dem Studium. Neben uns lebte ein steinalter Mann und es dauerte keine drei Tage, bis wir merkten, dass er verstorben war, weil wir ihn durch die dünnen Wände nicht mehr hören konnten.

Manchmal vermisse ich es, meine Nachbarn so hautnah zu spüren. Spätesten um 20.00 Uhr im Sommer und um 16.00 Uhr im Winter wird es ganz still bei uns im Ort. Dann gehen die Jalousien runter und man sieht in vielen Häusern nicht einmal mehr das Licht aus den Fenstern scheinen. Die Straßenbeleuchtung ist gedimmt, um Energie zu sparen und auf meiner Abendrunde mit dem Hund ist es still. Dann fühle ich mich manchmal ein bisschen vom Leben abgeschnitten. Aber, und davon erzähle ich ein anderes Mal, es gibt auch hier im Ort skurrile Typen.

 

2 Gedanken zu “Nachbarschaft

  1. Trina 18. November 2012 / 17:44

    Vielleicht liegt es daran, dass ich durch meinen Job nur wenig Möglichkeiten habe, die Menschen hier näher kennen zu lernen. Ich bin oft erst zwischen 19.00 und 20.00 Uhr zu Hause und dann haben alle Sportgruppen, Vereine usw. schon angefangen. Bei meinen Gängen mit dem Hund treffe ich aber sehr nette Menschen, mit denen ich auch nett plaudern kann.

    Unser Ort hat 3000 Einwohner und ist kein richtiges Bauerndorf, sondern aus einer kleinen Industrieansiedlung entstanden. Diese Industrie gibt es heute nicht mehr, sodass viele Menschen in der Region arbeitslos sind. Aus der nahen Kreisstadt, der es wirtschaftlich auch nicht gut geht, schickt man gern Hartz IV – Empfänger her, weil die Mieten hier noch billiger sind. Es gibt hier viele Rentner und Arbeitslose, aber auch ein Neubaugebiet mit vielen jungen Familien. Wir wohnen allerdings im alten Ortsteil. Aber trotz allem, ich mag es hier.

  2. diedickekatze 18. November 2012 / 13:06

    Das klingt aber nach einer traurigen kleinen ländlichen Gemeinschaft. Ich bin in so einem Ort aufgewachsen – viele Wälder und Felder, zwei Bauernhöfe um die Ecke, die Straßen ziemlich kaputt weil die Stadt es nicht einsieht, dort mal etwas neu zu machen. Unser kleines Örtchen kennt sich aber ziemlich gut. Wir feierten und feiern auch heute (obwohl ich nicht mehr da wohne) Feste zusammen, helfen uns wo es nur geht, kennen die Probleme der anderen Familien. Als es vor zwei Jahren so unglaublich geschneit hat war das Örtchen von der Außenwelt abgeschnitten – meine Eltern hatte nur noch Nahrung im Haus, weil die Nachbarn etwas vorbei gebracht haben. Für mich hat sich das immer näher angefühlt als in den Städten, in denen ich später wohnte. Jetzt eben auch in einer Großstadt. Aber nach zweieinhalb Jahren hier meine ich meine Nachbarn im Haus zumindest einigermaßen zu kennen. Also, vielleicht brauchen sie nur Zeit. Und die Deutschen an sich sind sowieso ein eher misstrauisches und zurückhaltendes Völkchen habe ich festgestellt, als ich mit meiner naiven Jeder-Mag-Jeden-Einstellung vom Land in die Stadt zog 🙂 Also abwarten. Vielleicht wird es ja noch besser 🙂 Aber ich denke, es ist auch ganz normal, dass man das Umfeld vermisst, in dem man sich lange wohl gefühlt hat. Ich zum Beispiel vermisse die Vertrautheit unserer alten Nachbarschaft und das sich-füreinander-interessieren. In der Stadt wirken auf mich alle irgendwie reservierter, verschlossener, eiliger. Das finde ich schade, denn das Leben ist schön. Und es wird schöner, wenn man es teilt. 🙂

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