Narzissmus

N – wie Narzissmus

Viele unserer Klienten leiden an einer narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierung oder -störung.  Ich beobachte narzisstische Beziehungsmuster auch  im Freundes- und Bekanntenkreis immer mal wieder. Mein Beitrag heute ist ein Versuch, so ein Beziehungsmuster anhand eines Beispiels aufzuzeigen. Ich bin gespannt, was ihr darüber denkt. 

Der Streit

Sie planen einen gemeinsamen Urlaub. Über Tage schluckt sie ihren Frust darüber hinunter, dass er ihre Vorschläge belächelt. Sie will an einen bestimmten Ort, den er nicht mag. Er sagt ihr, dass nur dumme Pauschaltouristen dahin fahren. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Sie sagte ihm, dass sie verletzt ist, weil er nicht auf ihre Wünsche eingeht und überhaupt sei das so typisch für ihn, alles runter zu machen, was sie gut finde und dass er manchmal unerträglich besserwisserisch sei.

Ihre Worte treffen ihn tief im Mark, sein ohnehin geringes Selbstwertgefühl ist erschüttert. Sie ist mit seinen Ideen nicht einverstanden, obwohl er nur das Beste für sie will!  Es tut ihm weh. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, macht ihr deutlich, dass sie nur Unsinn redet.  Aber sie gibt nicht nach.

Er  kann nicht zulassen, dass er angegriffen wird, er muss sich verteidigen, seinen Schmerz wegmachen, nein, besser ihr demonstrieren, was sie ihm angetan hat, nichts sagen, sie soll sich schuldig fühlen, sehen, wie sehr sie ihn verkannt hat. Ihre Argumente, Erklärungen anhören, die Entschuldigung für ihre harten Worte annehmen? Undenkbar! 

Sie ist auch verletzt, tief verletzt, hatte lange versucht, seine  abfälligen Bemerkungen auf ihre Vorschläge zu überhören.  Sie war geplatzt, hatte  kränkende und verletzende Worte fallengelassen.  Sie versteht, dass sie an diesem Abend emotional handelt, sich wehrt. Nun möchte sie einlenken, ihre Sicht der Dinge rational erklären, auch ihre Emotionen erklären. Sie versucht  einen Kompromiss zu schließen, sie beteuert, nur ein ganz kleines bisschen die Route ändern zu wollen, sie  ist doch bereit, sich auf seine Wünsche einzulassen. Sie redet auf ihn ein, entschuldigt sich für ihre Bemerkungen, versucht ihn zu erreichen, aber er antwortet nicht mehr.

Ihre Kritik hat ihn so tief getroffen. Er muss  jetzt immer damit rechnen,  dass alles, was er macht, falsch ist. Mit dieser Gefahr kann er nicht leben. Überhaupt, sie ist wie alle anderen. Versucht ihn klein zu machen. Wahrscheinlich stecken auch noch andere dahinter, ihre Schwester bestimmt, die immer alles wissen will. Nein, er ist zu tief getroffen, um sie auch nur ansehen zu können.  

Er wird schweigen, tagelang schweigen.

Sie ist tagelang im Gefühlschaos. Ist wütend, fühlt sich machtlos, ist traurig, zweifelt an der Beziehung. Als sie sich kennenlernten, hatte er ihr anvertraut, dass er tiefere und stärkere Gefühle habe als andere, hochsensibel sei.  Damals schon verstand sie den Appell, seine Liebe als etwas außergewöhnlich Wertvolles zu betrachten und  behutsam mit ihm zu sein. Sie fühlte sich damals geschmeichelt, war verliebt und verstand nicht, was er ihr eigentlich sagte. Jetzt hat sie eine Ahnung davon. Wird sein Schweigen hinnehmen und wenn sie es nicht mehr aushält, wird sie sich entschuldigen, ihm sagen, wie toll seine Idee war und dass es ja eigentlich auch nicht so wichtig für sie ist, diesen einen Ort zu besuchen.

Dann wird er sich großzügig zeigen. Sie kriegt ihren Willen, aber er wird keinen Spaß an der  Reise haben.  Noch einmal versucht sie einzulenken, ihm zu sagen, dass es nicht so wichtig ist. Aber nun wird er darauf bestehen, diesen Ort anzufahren, auch wenn er dort niemals hinwollte. Sie hat ihm wieder mal gezeigt, dass sie es ist, die alles kontrollieren will, kein Vertrauen in ihn hat und seine Bedürfnisse nicht wahrnimmt.

Sie fragt sich, ob sie ein Monster ist. Ob das, was sie gesagt hat, wirklich so schrecklich war. Versucht noch einmal, ihm zu erklären, was sie zu den Äußerungen bewogen hat, möchte, dass er sie vesteht. Aber für ihn ist alles klar.  Er weiß jetzt, wo er steht und will den Streit hinter sich lassen. Er macht weiter, als wäre nichts geschehen, nur dass er jetzt ein wenig kälter ist,  unnahbarer.  Aber das hat sie wohl verdient, oder?

 

WUT

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn es in euch brodelt und siedet, wenn eine Spannung im Körper ist, ihr euch lebendig fühlt und eine gewaltige Energie in Euch kocht? Wenn kein Lächeln möglich ist, aber  der Blick klar wird, ihr alles schärfer seht als sonst,  wenn ihr am liebsten schreien möchtet, wenn ihr wütend seid.

Ich bin wütend. Unendlich wütend. Mein Mann hatte einen Herzinfarkt. Nach Sorge, Unruhe, Angst ist nun die Wut da. So eine Scheiße. Ich will das nicht. Ich suche ein Opfer für meine Wut. Seine blöde Tochter, die versucht hat, mich zu beschwichtigen, die mich aber auch tagelang im Unklaren gelassen hat, warum er wirklich im Krankenhaus ist. Von ihr habe ich es nicht erfahren und die ganze Wut, die ich immer schon auf ihr oberflächliches, dummes Verhalten, ihre kleinen Seitenhiebe, ihr anmaßendes Verhalten hatte, ist nicht mehr zu verdrängen. Aber ich bin auch wütend auf meinen Mann. Wieso musste er seinen Herzinfarkt ausgerechnet 1000 km von zu Hause entfernt kriegen? Und überhaupt, warum hat er nicht auf mich gehört? Meinen Salat stehengelassen und die Hundespaziergänge mir überlassen. Weitergeraucht, nachdem ich schon längst aufgehört hatte. Meine Vorträge über gesundes Essen und meine Bitten, endlich mal zum Arzt zu gehen, ignoriert und belächelt. Und jetzt kriegt er einen Herzinfarkt. Idiot!

Ja, ich bin wütend, wütend und noch mal wütend. Aber Wut ist gut. Sie beflügelt mich. Ich spreche aus, was ich denke, gebe meine Zurückhaltung auf, bin nicht so nett wie sonst, zeige, dass mit mir grad nicht zu spaßen ist, dass ich mich ärgere.  Die Wut zeigt sich im Alltag, das Klo glänzt wie schon lange nicht mehr, der Rasen ist millimeterkurz und die Fenster sind geputzt,.  Wut ist Energie, Wut ist gut, Wut ist besser, als mit diesem schrecklichen dumpfen Gefühl in der Magengegend herumzulaufen. Besser, als alle 5 Minuten das Handy zu checken, ob ich nicht doch einen Anruf verpasst habe.

Der Herzinfarkt war im letzten Jahr. Meinem Mann geht es wieder gut. Er hat aufgehört zu rauchen. Seine Blutwerte sind in Ordnung und meine Wut habe ich damals in meinem Tagebuch festgehalten.

Wut ist gut. Wenn man sie zulässt und ihre Energie in hilfreiche Kanäle lenkt, in Arbeit, Sport, Putzen, aufräumen, oder sie in Bilder und Texte fließen lässt, dann befreit Wut. Wer seine Wut zulässt, hat keinen Hunger. Die Energie fließt. Wer seine Wut zulässt, sieht klarer, kann nichts mehr beschönigen oder Konflikte verdrängen.

Meine Wut damals war nicht die Wut, die plötzlich während eines Streits hochkocht und die schwer zu bändigen ist. Meine Wut war die, die sich unter der Trauer und der Angst verbirgt. Meist verschüttet unter Alltagssorgen und Nöten, ist diese Wut ein Teil von mir,  ein Gemütszustand, den ich viel zu oft beiseite dränge, um vernünftig und angepasst zu agieren. Diese Wut ist klar, sie ist ein Zustand, in dem ich voller Energie und Kraft bin, in dem ich mir plötzlich nichts mehr vormache, sondern wach bin und  die Dinge so sehe, wie sie sind. Ein Zustand, in dem ich zu handeln beginne, Dinge regle, die ich lange ignoriert habe. Ein Zustand, in dem ich komplett in Kontakt mit mir selbst bin.

Wut gilt als negatives Gefühl. Sie gilt als gefährlich und sie kann auch gefährlich sein. Wenn sie einen während eines Streits oder wegen eines Vorfalls überrollt, man einfach schnell Dampf ablassen muss, kann das zu Worten oder Taten führen, die man später bereut. Wenn die Wut schon lange schlummert,  und man sie nicht identifizieren kann oder ihrer Ursache nicht auf dem Grund gehen kann und wenn man nicht gelernt hat, sie zu kanalisieren, kann sie sich gegen Menschen, auch gegen die eigene Person richten oder in der Zerstörung von Dingen enden.

Lässt man die Wut jedoch zu, ist sie befreiend, eine große Energie und ein Antrieb. Sie ist nicht schlecht, sondern hilfreich. Sie beendet zumindest für eine Zeit die Trauer und die damit einhergehende  Passivität und sie lässt keine Angst zu.  Bei der Bewältigung großer Lebensereignisse  wie  Krankheit, Tod und Verluste, Abschiede  und Krisen gehört Wut ebenso dazu wie Trauer und Angst.

Mir ist sie aber auch beim Abnehmen begegnet. Als ich leichter wurde, nicht mehr aß, um mich zu beruhigen oder zu trösten. Da kam sie, ohne dass ich sagen konnte, worauf sie sich bezog. Wahrscheinlich, weil ich ohne mein Krücke „Essen“ keinen Schleier über meine Gefühle ziehen konnte.

Manchmal entsteht sie auch, wenn ich mich körperlich austobe, ganz bei mir bin. Dann wird mir auf einmal bewusst, dass ich wütend bin, dass mich eine Bemerkung, ein Verhalten verletzt hat oder ich schon länger Groll wegen einer Situation hege. Ich lasse die Wut dann zu und sie tut mir nichts. Im Gegenteil, sie hilft mir Klarheit zu gewinnen, Grenzen zu setzen und zu handeln.

Ja, ich schätze meine Wut. Sie ist nicht schlecht oder negativ, sondern gibt mir den Antrieb, den ich brauche, um in meinem Leben aufzuräumen.