Über das ‚Nein-Sagen‘

Ralf Hauser (link) schlug mir in einem Kommentar vor, über das Nein-Sagen zu schreiben. Ausgerechnet ich! Ich gehöre nämlich zu der Gattung Mensch, die sich sehr schwer mit dem ‚Nein-Sagen‘ tun. Bevor ich überhaupt gefragt werde, sage ich meist schon  ‚Ja‘.

Trotzdem, oder grade deshalb,  hat mich Ralfs Vorschlag gereizt und mir fielen spontan ganz viele  Dinge dazuein. Dabei kam ich vom Hundertsten ins Tausendste und merkte ziemlich schnell, dass an diesem ‚Nein‘ noch ganz viele andere Themen dran hängen.

‚Ja‘ ist an sich ein gutes Wort. Wenn wir ‚Ja‘ sagen, geben wir etwas: eine Zusage, eine Bestätigung und Zustimmung. Mit einem ‚Ja‘ verbinden wir fast immer etwas Positives, wohingegen ein ‚Nein‘ eher negative Assoziationen hervorruft. Wir lehnen etwas ab, wir verweigern uns, wir stimmen nicht zu.

Trotzdem benötigt unser ‚Ja‘ ein Gegenüber, ein ‚Nein‘. Denn mit dem ‚Nein‘ setzen wir unsere Grenzen und das ‚Ja‘ eines Menschen, der auch ‚Nein‘ sagen kann, hat in den Augen anderer einen höheren Wert. Wenn wir immer nur ‚Ja‘ sagen, haben wir keine Kontur und keine Grenzen. Wir sind schwer greifbar und andere neigen dazu, uns als selbstverständlich zu nehmen oder einfach keine Beachtung zu schenken. Mit dem ‚Nein‘ zeigen wir, wo wir beginnen, wo der andere nicht mehr hin kann und nicht mehr auf uns zugreifen kann. Wir bekommen eine Kontur.

Mit dem ‚Ja‘ öffnen wir und mit dem ‚Nein‘ schließen wir uns.  ‚Ja‘ und ‚Nein‘ gehören zusammen, nur wer beides aus vollem Herzen sagen kann, ist wirklich offen für andere und in sich selbst sicher.

Wir müssen nicht nur selbst ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ sagen können, sondern auch mit dem ‚Ja‘ und ‚Nein‘ anderer umgehen. Ein ‚Ja‘ bedeutet meist, dass wir das bekommen, was wir uns wünschen. Ja, wir bekommen unseren Wunsch erfüllt, ja, meine Freundin sagt meinem Wunsch nach einer Verabredung zu. Sagt sie ‚Nein‘, fühle ich mich enttäuscht, im schlimmsten Fall sogar zurückgewiesen.

Wie wir mit einem ‚Nein‘ umgehen, hängt von unserer Selbstsicherheit und unserem Selbstvertrauen ab. Nehme ich es an, oder protestiere ich? Äußere ich meine Enttäuschung und meine Verärgerung, oder schlucke ich sie hinunter? Zweifle ich gar an mir selbst? Gerät mein Selbstwertgefühl ins Wanken?

Wer selbst schlecht ‚Nein‘ sagen kann, hat oftmals auch Schwierigkeiten mit dem ‚Nein‘ anderer umzugehen. Fühlt sich zurückgewiesen, abgelehnt, schluckt es und ist im Stillen unglücklich oder verunsichert.

Paradoxerweise fällt es diesen Menschen oft auch schwer, ein ‚Ja‘ mit der ihm gebührenden Freude anzunehmen. Die neue Kollegin sagt ‚Ja‘ zu meiner Einladung? Oh Gott, hoffentlich gefällt ihr das Café, in das wir gehen!

Ich bekomme meinen Urlaub, wenn ich ihn haben will, aber die Kollegin muss ihren zu einem anderen Zeitpunkt nehmen? Eigentlich ein Grund zur Freude, aber nun plagt mich die Angst, ob sie womöglich sauer auf mich ist oder ich fühle mich gar schuldig, weil sie nun anders planen muss.

Das ‚Nein-Sagen‘ lernen ist immer dann ein Thema, wenn auch die Selbst-Themen wichtig für uns sind. Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Selbstachtung und Selbstliebe, davon haben die meisten Menschen nicht genug und deshalb gibt es sicherlich auch viele Menschen, die mit dem ‚Nein‘ so ihre Probleme haben.

Nun, wie schon erwähnt, gehöre ich grundsätzlich zu den ‚Ja-Sagern‘, aber ich finde das heute nicht mehr schlimm. Was mir alles zum ‚Ja-Sagen‘ eingefallen ist, werde ich in meinen nächsten Artikeln beschreiben. Bis dahin wünsche ich Euch allen frohe Pfingsttage!

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Gedanken zum kommenden Jahr

Baruch de Spinoza:

„Sein, was wir sind,
und werden, was wir werden können,
das ist das Ziel unseres Lebens.“ 

 

Für das kommende Jahr habe ich keine der üblichen  guten Vorsätze gefasst.

Ich will auch kein besserer Mensch werden, sondern es mit Spinoza halten: ich will authentisch leben, die sein, die ich bin. Das hört sich ziemlich einfach an, ist es aber nicht für jeden Menschen.

Um die zu sein, die ich bin, muss ich  zunächst einmal erkennen, wer ich bin.

Lange hielt ich mich für einen besonders netten Menschen, bis ich erkannte, dass meine Nettigkeit auf Harmoniesucht und meinem Bedürfnis, von möglichst jedem gemocht zu werden, beruhte. Ich ordnete meinen Willen und meine Bedürfnisse denen anderer unter, tat stets, was man von mir erwartete und machte niemanden Probleme. Dahinter stand aber keine Selbstlosigkeit, sondern ein Mangel an Selbstwert verbunden mit einer gehörige Portion Angst vor Ablehnung. Es ging mir nicht um den anderen, sondern um mich, darum, wie ich vor mir selbst und anderen dastand.  Nachdem ich dies erkannt hatte, lehnte ich mich selbst dafür ab. Ich empfand mich als charakterschwach und rückgratlos und war böse mit meinen Eltern und Großeltern, weil ich meinte, sie hätten mir mehr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl mitgeben sollen.  Ich versuchte mich zu ändern und scheiterte immer wieder. Ich kämpfte gegen mich selbst, bis ich  an den Punkt kam, zu erkennen, dass ich nun mal einfach so bin.  Und ganz ehrlich, was ist schlimm daran, sich Harmonie zu wünschen und Streit zu vermeiden? Ist es nicht allzu menschlich, bedürftig zu sein und Anerkennung zu suchen? Nachdem ich mich endlich mit dieser Eigenart annehmen konnte, verblasste diese immer mehr. Ich denke, ich bin meistens immer noch ein netter und freundlicher Mensch, aber ich tue selten etwas, weil ich mich nicht traue, „ich selbst zu sein“. Wenn ich mich tatsächlich mal verbiege, und etwas tue, um z. B. die Anerkennung meiner Chefin zu erhalten, dann bin ich mir bewusst, was ich da mache und nehme es mir nicht mehr übel.

Bei dem „Sein, was wir sind“, geht es sicherlich nicht nicht nur um unsere Charaktereigenschaften,  sondern auch um unsere ganz alltäglichen Fähigkeiten, Talente und Eigenschaften. Darum, wie wir die Dinge tun und wie wir die Welt sehen.

Auch hier passiert es mir manchmal, dass ich mir wünsche, jemand „Besseres“ zu sein. So dachte ich lange, ich sei überhaupt nicht kreativ. Lange habe ich das bedauert, denn ich wäre gern ein Künstler gewesen. Heute weiß ich, dass ich durchaus ein kreativer Mensch bin, aber eben nicht im intuitiven, phantasievollem oder künstlerischem Sinne, sondern als jemand, der schnell pragmatische Lösungen finden kann, sehr schnell Strukturen entwickelt  und in Windeseile Ablaufpläne oder Gliederungen erstellen kann, immer  bezogen auf ein reales Projekt. Ich bewundere Menschen, die Traumwelten erschaffen, aber das bin nicht ich. Im Laufe der Jahre habe ich aber erkannt, was ich mit meinen Fähigkeiten, z. B. auf der Arbeit erreichen kann, nutze sie so oft ich kann und entwickle sie dadurch immer weiter. Gestern hatte ich auch meine erste Malstunde bei einer Künstlerin in der Nähe, denn ich habe die Freude am Malen wiederentdeckt. Sicherlich werde ich keine Georgia o“Keeffe, aber es macht einfach Spaß mit Pinseln und Farbe zu arbeiten. Meine Bilder spiegeln eben meine Fähigkeiten wider.

Es geht also darum, das, was wir können, was uns liegt und was wir mögen,  zu erkennen und anzunehmen und so zu leben, wie es unserem Wesen entspricht. Das bedeutet, aufzuhören  gegen unsere vermeintlichen Schwächen zu kämpfen oder danach zu streben,  jemand  Besseres zu werden. Statt dessen können wir lernen,  uns mit unseren Stärken, Schwächen, Talenten, Fähigkeiten und Eigenschaften  anzunehmen und uns so wie wir sind als gut genug zu empfinden.

Wenn uns das gelungen ist, dann werden wir, so glaube ich, von ganz allein zu dem, was wir werden können.

So wie ich Spinoza verstehe, ist dies ein Prozess oder eine Aufgabe, die uns lebenslang begleitet. Denn fertig sind wir Menschen nie, befinden wir uns doch lebenslang in einem Entwicklungsprozess.

In diesem Sinne besteht mein Ziel für das nächste Jahr darin, nach meinen besten Kräften zu leben,  meine Talente, Fähigkeiten und Eigenschaften zu nutzen und mich weiter zu entwickeln.

Ich wünsche Euch allen ein gutes Neues Jahr!

Neid

Schon als kleines Mädchen habe ich gelernt, dass Neid von schlechtem Charakter zeugt. Ein guter Mensch freut sich über die Erfolge anderer.

Nun, ich bin kein guter Mensch. Ich bin neidisch.

Als Schülerin war ich neidisch auf meine Klassenkameradin Isabelle. Sie war hübsch, sie war beliebt und sie war  intelligent. Außerdem war sie freundlich, bescheiden und hilfsbereit. Und ich habe sie gehasst. Warum? Weil ich neidisch auf sie war. Sie war so selbstsicher, traute sich alles zu. Meldete sich im Unterricht, wurde zur Klassensprecherin gewählt und zeigte keine Scheu auch die coolsten Jungs anzusprechen. Ich selbst hingegen war schüchtern und unsicher und blieb lieber im Hintergrund. Dabei wäre ich so gern wie Isabelle gewesen. Doch das konnte ich mir nicht eingestehen, also  wandelte ich meinen Neid in Ablehnung um, machte sie schlecht, wo ich nur konnte, grinste hämisch, wenn sie mal keine Eins in Deutsch schrieb.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Ich habe sie seither nur einmal bei einem Klassentreffen wieder gesehen. Sie erschien in einem roten Kleid, selbstsicher und attraktiv. Aus ihr war eine erfolgreiche Anwältin geworden.  Es ließ mich kalt, denn in der Zwischenzeit war ich selbst erfolgreich in meinem Beruf und hatte enorm an Selbstwertgefühl gewonnen. Neid war mir fremd geworden. Dachte ich. Bis ich Natalja kennen lernte.

Natalja ist die Lebensgefährtin meines Schwagers.  Deutlich jünger als ich, schlank und sie weiß sich zu kleiden. Alles, was sie trägt, passt  perfekt zueinander und ist doch irgendwie originell und ein Hingucker. Obwohl sie nicht besonders hübsch ist, schafft sie es mit einem schicken Haarschnitt und geschicktem Make-up immer anziehend zu wirken.

Nataljas bastelt, malt und dekoriert mit Hingabe und  Geschick. Ihr Haus und ihr Garten sind geschmackvoll gestaltet und es ist stets gemütlich und aufgeräumt bei ihr. Neuerdings ist sie bei Facebook und Instagram aktiv und hat bereits hunderte von Fans. Ihre Fotos sind einfach schön.

Nun, eigentlich ist Natalja nett. Sie ist immer freundlich und macht kein Aufheben um ihre Talente. Trotzdem steht immer sie Mittelpunkt und alle Leute, mein Liebster eingeschlossen, sind stets bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Wenn wir gemeinsam ein Video gucken, dann ist es Natalja, die es aussucht und Nataljas Wunsch entscheidet, ob wir ausgehen oder zuhause essen.

Schon nach dem ersten Treffen entwickelte ich eine tiefe Abneigung gegen sie. Verspürte den Wunsch, alles, was sie tat, abzuwerten, ihr weh zu tun, sie links liegen zu lassen. Sah mich im Wettbewerb mit ihr, wovon sie selbst wohl gar nichts ahnte. Es war mein jüngerer Sohn, der mich, nachdem ich wieder mal ein paar bissige Bemerkungen über sie gemacht hatte, fragte, ob ich etwa neidisch auf sie sei.

Ja, und so ist es. Wider besseren Wissens  fühle ich mich neben Natalja klein und unbedeutend. Mein Haus und mein Garten erscheinen mir einfallslos und mein Beruf uninteressant. Es hilft nicht, wenn ich mir vor Augen halte, was ich in meinem Leben schon alles geschafft habe, dass ich „studiert“ bin und sie ungelernt, dass ich drei Sprachen spreche und sie nur ein bisschen holpriges Englisch.

Natalja hat etwas, worum ich sie zutiefst beneide: sie geht einfach davon aus, dass ihr alles, was sie tun möchte, gelingen wird. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass man ihr etwas abschlagen könnte und sie findet alles, was sie tut, gut und teilt es gern mit anderen. Sie findet nichts dabei, dass ihr Lebensinhalt aus Einkaufen, Kochen und Backen, Schmücken und Dekorieren besteht. Sie gibt unumwunden zu, nie ein Buch zu lesen und ist zufrieden, ein paar Stunden als Verkäuferin zu arbeiten. Sie strahlt eine tiefe innere Sicherheit aus und so ist sie es, die stets das bekommt, was sie möchte.

Wie gut, dass Natalja 2000 km von uns entfernt wohnt und ich sie höchstens zweimal im Jahr für ein paar Tage sehe. Dazwischen habe ich genug Zeit, meine Wunden zu lecken und mich von meinen Neidattacken zu erholen. Und ja, ich weiß, dass nicht der scheinbare Perfektionismus von Natalja, sondern meine eigenen „Baustellen“ Ursache dieses Neides sind. Denn, ganz ehrlich, eigentlich ist sie wirklich eine ganz Nette und manchmal mag ich sie sogar – bis sie wieder so einen perfekten Kuchen serviert oder alle ihre neusten Fotos loben…