Discounterbesuch

„Ich will Birnen. Können wir die kaufen?“ Er mag vielleicht fünf sein, der kleine Junge, der seine Mutter bittend ansieht. Diese, schulterlanges braunes Haar, schmales Gesicht ohne Make-up, Jeans und hellgrünes T.Shirt, schüttelt den Kopf.

„Nein, Schatz. Das ist nicht die Jahreszeit dafür. Birnen sind jetzt nicht in der Saison.“ Dann erklärt sie dem Kleinen lang und breit, dass es gesünder und besser für die Natur ist, die Dinge zu essen, die gerade jetzt bei uns reif sind.

Eigentlich wollte ich genau diese Birnen gerade in meinen Einkaufswagen packen, aber nun regt sich mein Öko-Gewissen. Ich schäme mich ein bisschen, so gar nicht umweltgerecht einzukaufen und warte bis sie und der Junge nicht mehr zu sehen sind, bevor ich vier Birnen in meinen Einkaufskorb lege.

An der Kasse treffe ich die junge Mutter wieder. Ihr Mann, dezent nach einem teuren Männerparfüm duftend, und ein Mädchen, das vielleicht 10 Jahre alt ist, haben sich zu ihr gesellt. Ich kann es nicht lassen, und gucke in ihren Einkaufswagen. Unter einer großen Packung Klopapier sehe ich – Tiefkühlpizza, Kartoffelchips und Salzstangen. Daneben liegen ein paar traurige Radieschen. Ich bin ein wenig irritiert.

Auf dem Parkplatz stehen wir nebeneinander. Die Kinder sitzen schon im Auto und knabbern Kartoffelchips, der Mann lehnt an der Fahrertür und blickt auf sein Handy, dabei zieht er tief an einer Zigarette.

Hinten, am Kofferraum steht die junge Mutter. Sie verstaut den Inhalt des bis hoch oben beladenden Einkaufswagen, Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Tomaten und Gurken teilen sich den Platz mit Colaflaschen und Bratwurst. Sie sieht müde aus.

Mein Gott, schießt es mir durch den Kopf, die Arme, wollte sie etwa mich beeindrucken?

Ausgesperrt

Das Schlüsselbund fällt klirrend auf die Betontreppe. Ich bücke mich, um es aufzuheben und dabei schießt mir der Schmerz durch den Rücken. Ich fummle mit dem Schlüssel, aber der will nicht ins Schloss passen.

Mist, denke ich. Die haben den Schlüssel drinnen stecken lassen. Ich klingle. Niemand öffnet.

Ich klingle noch mal, diesmal länger, aber wieder scheint keiner mein Klingeln zu bemerken. Von drinnen höre ich Gelächter. Ich erkenne  die Stimme meiner Schwägerin, schrill und hoch dringt sie sogar durch die dicke Eichentür. Sonntagsbraten bei Muttern. Bestimmt gibt es wieder Krustenbraten mit Knödeln und Rotkohl. Wie immer am Sonntag. Ich drücke mit aller Kraft auf die Klingel.

Durch das kleine Fenster in der Tür kann man direkt durch den Flur und die offene Küchentür ins Esszimmer blicken und ich sehe meine Familie am Tisch sitzen.

Typisch, sie reden wieder so laut durcheinander, dass sie nichts mehr mitkriegen. Bestimmt lacht mein Bruder mal wieder über einen der blöden Witze meines Vaters. Die beiden verstehen sich.

Dann muss ich mich anders bemerkbar machen. Ich greife in die Hosentasche, aber da ist kein Handy. Ich fasse in alle Taschen, aber ich muss das Handy zuhause gelassen haben. Shit!

Ich beschließe, um das Haus herumzugehen und an ein Fenster zu klopfen.  Das Esszimmer  und die Küche gehen zum Garten raus.  Die Pforte zum Garten ist verschlossen und mein  Ärger wächst

Der Boden im Vorgarten ist nass und ich bleibe mit der Hose an einem Rosenbusch hängen. Ich fluche. Meine gute Hose, ich  wollte sie morgen noch zur Arbeit anziehen.

Ich klopfe  an die Fensterscheibe zum Wohnzimmer, aber das scheint im Esszimmer niemand zu hören.  Ich  klopfe ein zweites Mal und rufe laut ‚Hallo‘. Wieder bleibt alles still.

Ich  gehe noch einmal zur Haustür. Im Haus ist es nun ruhig. Bestimmt stopfen sie sich jetzt schon den Krustenbraten rein. Mein  Magen knurrt. Eigentlich hasse ich Krustenbraten, aber heute will ich ihn. Ich klopfe mit der Faust an die Haustür und drücke noch einmal mit aller Kraft die Klingel. Aber die Tür bleibt verschlossen. Ich spüre einen Knoten im Magen und mir wird ein bisschen schwindlig. Fast steigen mir Tränen in die Augen. Am liebsten würde ich so lange brüllen, bis jemand aufmacht, aber das ist mir peinlich. Ich drehe mich um und gehe zur Pforte hinaus, die Straße hinunter und mir ist elend zumute. Ich bin ausgesperrt. Obwohl ich einen Schlüssel habe. Dabei hasse ich doch eigentlich Familiensonntage.

Familienbande

Mutter lädt zum 84. Geburtstag ein. Am Sonntag, um 12.30 Uhr, in ein traditionsreiches Gasthaus mit deutscher Küche. Ein Grund zur Freude sollte man denken, oder? Da sie wegen ihrer Schwerhörigkeit nicht mehr so gern telefoniert, bittet sie mich, als älteste Tochter, die Familie zu einzuladen.

„Hatten wir nicht darüber gesprochen, dass eine wir eine Gartenparty feiern?“ Gudrun, meine Schwägerin schaut mich fast vorwurfsvoll an. „Ich hatte mich da schon drauf gefreut, alles ein bisschen lässiger und dann vielleicht reinfeiern von Samstag auf Sonntag.“

Typisch, denke ich, im eigenen Garten fällt es ja auch nicht so auf, wenn du dein Weinglas alle paar Minuten nachfüllst.

„Wir holen sonntags um 09.00 immer frische Brötchen und frühstücken schön zusammen. Da haben wir mittags noch gar keinen Hunger.“ Mein Neffe und seine Frau blicken fast empört auf die Einladungskarte.

Kann es sein, dass die neue Generation so unflexibel ist?

„Deutsche Küche? Womöglich noch Schweinebraten? Und das mitten im Sommer?“ Meine Schwester runzelt die Stirn. „Mutti weiß doch, dass ich vegan lebe, warum macht sie so was?“

„Sicher wird sie an dich denken und selbst  Traditionshäuser sind sie mittlerweile auf vegetarisches Essen eingestellt.“

„Ja, aber vegan ist nicht vegetarisch.“

„Dann bestell dir doch Salat mit Essig und Öl“, entfährt es mir.

„Während ihr so richtig toll esst, soll ich mir was Langweiliges reinziehen. Mutti ist wirklich egoistisch.“

„Das stimmt, eure Mutter ist eine Egoistin“, springt ihr nun mein Schwager zur Seite. „Sie hätte vorher mal alle fragen sollen, worauf sie Lust haben, statt einfach über unsere Köpfe hinweg zu bestimmen.“

„Es ist doch ihr Geburtstag. Sollte sie da nicht entscheiden, wie sie ihn feiern möchte?“

„Ja, aber sie macht es genauso, wie sie es toll findet, und nimmt keine Rücksicht auf uns.“

Wer ist denn hier der Egoist, frage ich mich.

Meine Nichte freut sich. „Toll, so richtig retro, vielleicht noch mit ´nem  Korn hinterher und Schwarzwälder Kirschtorte zum Kaffee. Darf ich Krischi mitbringen?“

Krischi ist ihre neueste Errungenschaft. Immerhin sind die beiden schon vier Wochen zusammen, fast schon ein Rekord. Ich werde Mutti fragen.

Die drei anderen Enkel versprechen ihre Terminkalender zu prüfen, und sich später zu melden. Ich suche Trost bei meinem Mann. Der solidarisiert sich mit meinem Schwager und erklärt mir ausführlich, warum er meine Mutter für eine Person hält, die ihre Familie kontrollieren und an sich binden will, aus purem Egoismus natürlich. Nie würde sie ihn um Rat fragen, sondern immer nur meinen Bruder, der, das wissen alle, keine Ahnung hat. Über den Streit, der nun entbrennt, berichte ich jetzt lieber nicht.

Meine Mutter hat sich wochenlang Gedanken gemacht, wie sie der Sippe etwas Gutes tun kann und sich für das Gartenlokal am See entschieden:  gehobene Küche, nicht zu fein, Kinder und Hunde willkommen. Unzählige Male hat sie mich um Rat gefragt. Ich fühle mich verantwortlich für die Abwehr, die die Einladung hervorruft.

Donnerstagabend fahre ich zu meiner Mutter.

„Und, kommen alle?“ Erwartungsvoll guckt sie mich an.

Zum Glück haben alle drei Enkel zugesagt und sogar gefragt, was sie ihr schenken könnten.

„Alle freuen sich und kommen gern“, entgegne ich. Sie strahlt.