Auf eine gute Nachbarschaft!

Heute mal wieder eine Geschichte für die abc-Etüden https://365tageasatzaday.wordpress.com/2025/01/05/schreibeinladung-fuer-januar-2025-wortspende-von-ludwig-zeidler/?_gl=1*139n07u*_gcl_au*MzY4MjE0MzE0LjE3MzUxNTg2NDU.. Danke Rina, dass Du das immer noch machst.

„Frau Grundner ist eigentlich nicht so alt, bestimmt noch keine 50 und sie wäre eine ganz hübsche Frau, wenn sie sich nicht so unmöglich kleiden würde. Dieser Umhang, den sie immer über ihren Mantel hängt. Wie eine alte Frau.“

Ich war Frau Müller in die Hände gefallen, als ich meine Einkaufstüten in den vierten Stock schleppte. Ich wohnte erst ein paar Tage in dem Haus, hatte ich sie gegrüßt und mich vorgestellt. Nachdem sie mich ausgiebig über Herkunft, Beziehungsstatus und Beruf befragt hatte, erklärte sie mir, dass es in diesem Haus Ordnung und eine sehr gute Nachbarschaft gebe. Dann begann sie, mir meine Nachbarn vorzustellen.

Ich unterbrach sie, nachdem sie flüsternd erzählte, dass Herr Schomburg aus dem 1. Stock zu viel trank. Sie ignorierte meinen Einwand, dass ich schnell die Tiefkühlware in die Truhe packen müsse.  

Stattdessen raunte mir vertrauensvoll zu, dass ich besonders nett zu Frau Jordan sein müsse. Sie sei etwas verhuscht, aber das sei auch kein Wunder, da doch ihr Mann ständig an ihr rummäkele. Dagegen betete Herr Michael, der mir gegenüber im 4. Stock wohnte, seine Frau regelrecht an. Jeden Freitag würde er ihr Blumen mitbringen.  

„Sie sind ja single,“ beendete sie schließlich ihre Tirade, „wie ich, seit mein Dieter verstorben ist. Da können wir zwei uns doch zusammentun.“ Sie sah mich erwartungsvoll an.  

„Sicher, aber jetzt muss ich gehen. Ich habe gefrorenen  Fisch in der Tasche, der wird schnell schlecht, wenn er antaut.“ Sie nickte verständnisvoll und ich lächelte sie erleichtert an.

Drei Tage später hing ein Umschlag an meiner Tür.  „“Sonntag, 16.00 Uhr. Kaffeetrinken bei mir? Liebe Grüße, Gudrun Müller“ stand auf der Karte.

Ich seufzte. Warum suchten diese Kletten immer mich heim? Lag es an meinen blauen Augen und meiner rundlichen Figur? Diesmal würde ich versuchen, sie ohne Arsen loszuwerden.   

Tortenheldinnen (3)

Zuhause lasse ich den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Markus war mir sofort unsympathisch gewesen und das nicht nur wegen seiner Bemerkung über mein Tuch. Er setzte alles daran, unser Gespräch zu beherrschen und versuchte, sich als Intellektuellen darzustellen. Schwafelte von der Dichterlesung, die er besuchen wollte und von den Ausstellungen, die er in den vergangenen Tagen gesehen hatte. Mareike hatte nichts gesagt, sondern ihn nur verliebt angesehen.

„Wollt ihr nicht mal über Museumscafés schreiben“, hatte er gefragt und gleich hinzugefügt, dass unser Blog doch sehr davon profitieren könnte, wenn wir auch über kleine, unbekannte Restaurants schreiben würden. „Dann würde ich Mareike und dich bestimmt öfter begleiten, und, wenn du noch jemanden suchst, mit dem du ausgehen kannst, habe ich da noch einen netten Kollegen, mit dem ich dich verkuppeln könnte.“  

Wie immer in solchen Situationen war mir keine passende Bemerkung eingefallen, um ihn in die Schranken zu verweisen, aber meine Wut stieg vom Bauch in die Kehle und ich spürte, wie ich rot wurde. Ich hatte einen Termin vorgeschoben und mich schnell verabschiedet.

Ich überlege, ob ich Mareike anrufen sollte, um ihr meine Meinung über Markus mitzuteilen, aber entscheide mich dagegen. Sie sieht ihn noch durch die rosarote Brille, und vielleicht hat er ja auch nette Seiten und war nur aus Unsicherheit so überheblich. Morgen treffe ich Mareike, dann werde ich sie vorsichtig auf ihn ansprechen.

Ich rufe stattdessen Karla an, meine Tochter. Sie lebt in Berlin und ist immer sehr beschäftigt. Unser Telefonat dauert nur wenige Minuten, aber ich erfahre immerhin, dass sie eine neue Frisur hat, einen ganz modernen Schnitt, raspelkurz, und dass sie es nicht schaffen wird, vor Weihnachten noch zu Besuch zu kommen. Manchmal verstehe ich Karla nicht. Sie lebt genügsam und versteht meine Leidenschaft für Cafés überhaupt nicht.

Ich fühle mich plötzlich allein.

Da ich die letzte Etüde verpasst habe, habe ich die Wörter (Schnitt, rot, beherrschen) mit den Wörtern von heute https://365tageasatzaday.wordpress.com/2023/03/05/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-1011121323-wortspende-von-werner-kastens/(Dichterlesung, genügsam und verkuppeln) kombiniert. Danke Christiane für diese Etüden!