Kann es sein, dass ich älter werde?

Neulich beim Autofahren erschrak ich, als an der Ampel neben mir ein Kind am Steuer saß. Na ja, mindestens 17 wird dieses Kind gewesen sein, aber dann bemerkte ich auf der anderen Straßenseite ein junges Paar mit drei Kindern und ich fragte mich, wie man so jung schon so eine große Familie haben kann. Aber auch hier täusche ich mich, sie waren bestimmt schon dreißig. Ich bin es, die seit einiger Zeit Menschen als deutlich jünger wahrnimmt, als sie tatsächlich sind.

Als ich Anfang des Jahres das erste Mal meine neue Ärztin aufsuchte, bemerkte sie, dass ich für mein Alter jung aussehe. Leider signalisiert mir mein Körper etwas anderes. Jetzt, wo es kühler wird, ziehe ich wieder Strümpfe an und das ist für mich ein schmerzhaftes und umständliches Unterfangen, dank fortschreitender Hüftarthrose. Mein Knie knackt bei jeder Treppenstufe und mein Magen protestiert, wenn ich ihm Sahnetorte und Kaffee zumute. Über dem Lärm der vierspurigen Straße vor meinem Büro höre ich immer schlechter, was die Menschen mir sagen wollen. Ich fürchte mich vor einem Hörgerät, schließlich habe ich schon eine Gleitsichtbrille, aber ich werde den Termin beim HNO-Arzt wahrnehmen. Viel schlimmer als die Zipperlein ist, dass im Gespräch mit Freunden und Verwandten das Thema immer öfter um Cholesterinsenker und Blutverdünner kreist und ich durchaus einiges zu dem Thema beitragen kann. Dabei hatte ich mir als junge Frau geschworen, niemals am Essenstisch über Krankheiten zu reden.

Vorgestern habe ich schon wieder das Essen verbrannt, weil ich den Herd nicht runter geschaltet hatte. Meine Gedanken schweifen schnell ab, wenn mich was nicht interessiert und ich werde ungeduldiger, wenn mir jemand mit Banalitäten kommt. Manchmal komme ich mir dumm vor, wenn meine Söhne liebevoll lästern, weil ich für eine Whats App viermal so lange brauche wie sie und nicht weiß, ob gerade Snapshot oder was auch immer angesagt ist. Ganz ehrlich, ich liebe Emails, die außer meiner Freundin und meiner Tante keiner mehr lesen will. Dann nagt an mir die Sorge, ob ich wohl mithalten kann mit all den Entwicklungen oder irgendwann wie meine Mutter ohne die Hilfe der Enkel den Smart TV nicht mehr bedienen kann. Wie schaffen die jungen Menschen es nur, ständig auf dem Laufenden zu sein? Sie haben doch mindestens so viel um die Ohren wie ich, aber offenbar doppelt so viel Energie zur Verfügung.

Als neulich eine 53-jährige Kollegin, die fast 20 Jahre bei uns war, das Haus verließ, um beruflich noch mal was ganz anderes zu machen, traf mich das tief. Ich traue mir einen ähnlichen Job in einer anderen Einrichtung zu, aber wäre ich flexibel genug und hätte ich ausreichend Kraft, mich noch mal auf was ganz Neues einzulassen? Ich bin mir nicht sicher und mir fehlt der Mut, das Risiko einzugehen, arbeitslos zu werden, wenn ich scheitere. Außerdem sehne ich mich immer öfter nach Zeit für mich, nach Muße. Ich finde es ungerecht, dass ich als voll berufstätige Oma meine Enkelin kaum zu Gesicht bekomme und dass ich spätestens am Donnerstagabend so geschafft bin, dass ich vor dem Fernseher einschlafe

Am Arbeitsplatz gibt es nur noch eine Handvoll Mitarbeiter, die älter sind als ich. Ein paar wenige sind Anfang 50, aber die anderen sind deutlich jünger und ich bin ihre Vorgesetzte. Ich habe keine Kollegen mehr.

Ich ertappe mich dabei, über mein Leben nachzudenken. Ich wurde dazu erzogen, die Erwartungen anderer zu erfüllen, mich anzupassen, loyal zu sein, mir keine hohen Ziele zu setzen („Hochmut kommt vor dem Fall“) und ich habe mich treiben lassen, nicht ausgewählt, sondern das Erstbeste genommen, was das Leben mir anbot. Vielleicht hätte ich viel mehr aus mir machen können, meine Talente besser nutzen können, aber zumindest beruflich schrumpfen die Chancen. Manchmal erschreckt mich der Gedanke, dass statistisch gesehen zwei Drittel meines Lebens vorüber sind und ich keine Garantie habe, das statistische Durchschnittsalter zu erreichen. Jeder Tag und jedes Jahr sind kostbar und doch lebe ich den Alltag wie in den Jahren davor. Ich bin so dankbar, dass mein Partner mir vertraut ist und wir das Altern unserer Körper gemeinsam ohne Scham erleben. Aber manchmal kommen mir merkwürdige Gedanken. Was wäre, wenn…? Könnte ich mich noch einmal verlieben? Mich einem anderen Menschen so öffnen? Ich will diese Gedanken nicht weiterdenken, nein, ich will im Hier und Heute bleiben, denn das allein zählt. Und ich zähle noch lange nicht zum alten Eisen, auch wenn mein inneres Alter und mein tatsächliches Alter immer mehr zusammenrücken.

Vertrauensarbeitszeiten

Zurzeit klingelt bei mir auf der Arbeit das Telefon besonders häufig. Wir suchen einen neuen Sozialpädagogen.

Nun muss man wissen, dass unsere Sozialpädagogen auch Bewerbungscoaching machen sollen. Das  ist ausdrücklich im Stellenangebot aufgeführt. Umso erstaunlicher finde ich deshalb das Verhalten einiger Bewerber.

Dienstag rief eine Frau an, die offensichtlich viel unterwegs ist. Im Hintergrund hörte ich das Kreischen bremsender Züge. Bei dem Lärm verstand ich weder ihren Namen noch ihre erste Frage. Sie verstand auch meine Antwort nicht, denn just in dem Moment informierte uns die deutsche Bahn, dass der ICE nach München über Hannover, Fulda, Würzburg heute von Gleis 4 fährt. Da habe ich aufgelegt.

Nicht viel später fiel die nächste Bewerberin gleich mit der Tür ins Haus. Sie nannte ihren Namen und teilte mir in einem Atemzug mit, dass sie zwar grundsätzlich an dem Job interessiert sei, aber, bevor sie weiter frage, erst mal wissen wolle, wie viel wir denn zahlen. Nun, schlechter Einstieg in ein Gespräch, ich habe ihr freundlich mitgeteilt, dass die Stelle bereits besetzt ist.

Den Knüller erlebte ich jedoch am Donnerstag, kurz vor halb sechs. Als ich aus dem Büro trat, stand da ein Mann in den Vierzigern vor mir. Blonde, halblange Haare, Halstuch, abgewetzte Lederjacke, ein bisschen Typ ewiger Student. Eigentlich recht sympathisch und absolut von sich überzeugt. Er wolle zu Frau D., also zu mir, sagte er und sei Herr K., dem ich ja schon mal auf Mailbox gesprochen hätte.“ Ah“, dachte ich, „bestimmt ein Klient, der mich telefonisch nicht erreicht hat und nun persönlich kommt, um einen Termin zu machen.“  Also, bat ich ihn kurz rein, und während ich noch auf dem Schreibtisch nach meinem Kalender kramte, saß er auch schon entspannt zurückgelehnt auf meinem Besucherstuhl.

Er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern fragte ohne Punkt und Komma ob Voll- oder Teilzeit, welchen Tarif wir verwenden, was wir denn für Klienten hätten und wie das Team aufgestellt sei. Völlig überrumpelt beantwortete ich ihm sogar einige Fragen, bevor mir einfiel, dass dies mein Büro ist und er ein unangemeldeter Bewerber mit schlechten Manieren. Um ihn zu unterbrechen, fragte ich ihn nach seiner Qualifikation.

“Musiker und Stillpädagoge”, kam zur Antwort. Leicht irritiert fragte ich noch mal nach. “Stillpädagoge??????” “Ja, Stillpädagoge.“

Ich hab gar nicht weiter nachgefragt, was das denn sein soll, wollte nur noch meinen Feierabend retten und, um ihn schnell los zu werden, bat ich ihn, doch einfach eine schriftliche Bewerbung an Frau B, unserer Personalleiterin, zu richten. Ob die denn noch im Haus sei, fragte er, dann könne er gleich noch mal zu ihr.  “Nein”, erwiderte ich, „die ist nicht mehr da. Unsere reguläre Arbeitszeit ist von 07.45 – 16.30 Uhr.“

Entsetzen in seinem Blick. “Feste Arbeitszeiten??? Das geht gar nicht. Ich hab‘ vier kleine Kinder, eines ist sogar noch in der Kita, da weiß man nie, was passiert. Da muss ich  Vertrauensarbeitszeiten in meinem Vertrag haben.“

Ganz ehrlich, ich bezweifle, dass der Mensch überhaupt schon mal einen Arbeitsvertrag hatte. Unsere jungen Mütter kommen jedenfalls alle bestens mit unseren Arbeitszeiten klar.