Mein Held

Ich sehe ihn noch vor mir: ein kleiner Mann, nicht größer als 1, 65, mager, mit leuchtend orangen Haaren, und groben, schon  verblichenen Tätowierungen auf den Unternahmen und einer Gefängnisträne unter dem linken Auge. Er mag damals Anfang 40 gewesen sein. Ich arbeitete damals als Sozialpädagogin in einem Beschäftigungsprojekt für Langzeitarbeitslose.

Ohne Umschweife erklärte er mir, dass er Junkie sei, viele Jahre Heroin gespritzt habe und sich dadurch eine Hepatitis C eingefangen habe. Er sei seit einem Jahr drogenfrei, trinke auch keinen Alkohol mehr.

„Ich hatte genug von dem Scheiß“. Ohne Entzug? Ich glaubte ihm nicht.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich Herrn K. kennen. Er hatte keinen Beruf gelernt und hin und wieder Gelegenheitsjobs gehabt. Er  hatte gestohlen und gedealt und im Winter Tage und Nächte in der S-Bahn verbracht.  Mindestens 5 Jahre seines Lebens hatte er im Knast verbracht. Seine Schulden fürs Schwarzfahren beliefen sich auf fast 3000 DM. Außerdem hatte er Schulden beim Arbeitsamt, und bei den Elektrizitätswerken.  Er war postalisch bei einer Einrichtung für Wohnungslose gemeldet.

Zu unserem Programm gehörten auch Fortbildungsangebote und wir fanden schnell heraus, dass Herr K. weder richtig lesen noch schreiben konnte. Auch mit Rechnen hatte er es nicht so.

Herr K. erschien jeden Tag pünktlich.    Er wolle jede Art von Arbeit annehmen, beteuerte er, und er hielt sein Wort. Wir fanden schnell einen Job  in einem Lagerhaus im Hafen. Schwere körperliche Arbeit, aber  Herr K. erwies sich als  zäh und hielt sich für nichts zu schade.  Er sollte eingestellt werden. Damals gab es noch keine Privatinsolvenz und Herr K. hatte wegen seiner vielen Schulden Gehaltspfändungen zu erwarten.

Damals war soziale Arbeit noch einfacher und ich konnte mit den Gläubigern schnell eine Einigung treffen. Sowie Herr K. ein Gehalt bekam, musste er 20 DM an das Arbeitsamt, die Hochbahn, den Hamburger Verkehrsbetrieb und die Elektrizitätswerke zahlen.  Die verzichteten dafür auf weitere rechtliche Schritte.

Schwieriger wurde es bei der Lohnsteuerkarte. Um die zu bekommen, braucht man einen festen Wohnsitz. Den hatte Herr K. nicht. Da er eine Schwester hatte, schlugen wir vor, sich dort zu melden. Die lehnte das ab, denn sie fürchtete dadurch Kürzungen bei der Sozialhilfe. Gleichzeitig erfuhr ich, dass die Schwester alkoholkrank war und an Krebs litt. Das Gespräch mit ihr war nicht schön.

Ich fand auch heraus, dass Herr K. meistens bei seiner Mutter schlief. Die lebte im betreuten Wohnen, und der Hausmeister drückte beide Augen zu, wenn Herr  K. nachts bei ihr schlief. Schließlich erhielt ich einen Tipp, dass es möglich ist, sich ohne Wissen des Wohnungsinhabers anmelden zu können und Herr K. bekam nun einen Wohnsitz auf dem Papier und damit auch eine Lohnsteuerkarte.

Ein letzter Schritt, den ich mit ihm unternahm, war die Wohnungssuche. Wir bereiteten die Vorstellungsgespräche bei Vermietern vor, besorgten eine Einstellungszusage vom künftigen Arbeitgeber und schließlich fand Herr K. tatsächlich eine winzig kleine Wohnung im Süden von Hamburg. Ein Kollege spendete einen Kühlschrank für Herrn K. und auch das Sozialamt gab ein bisschen Geld, sodass die Wohnung zumindest mit Bett, Tisch und Stuhl ausgestattet war.

Im November 1997 nahm Herr K. die Arbeit auf. Er bekam 6, 92 DM brutto die Stunde.  Von seinem Gehalt zahlte er jeden Monat rund 100 DM an 5 verschiedene Stellen,  denn auch bei der deutschen  Post (Telefon) und dem HVV  gab es weitere Schulden. Zum Leben blieb ihm nur ganz wenig, aber Herr K. war stolz, sein Leben allein zu regeln. „Ich hab genug Scheiße in meinem Leben gebaut, jetzt will ich anständig leben. Nicht wie meine Schwester und ihr Mann, die sich tot saufen. Die sollte sich mal lieber mit um unsere Mutter kümmern“.

In den folgenden  Jahren,  kam Herr K. immer mal wieder vorbei. Das erste Mal kam er mit einem dicken Strauß roter Nelken.  „ich wollt‘ mich noch mal bei Ihnen bedanken, sagte er. „Sie haben sich ja immer gekümmert“.  Herr K. arbeitete nun im Lager, hatte eine kleine Wohnung und besuchte schaute mehrmals in der Woche bei seiner Mutter nach dem Rechten. „Die wird immer tüdeliger“, erzählte er mir, „neulich hatte sie vergessen, den Herd auszumachen“. Er nahm fast drei Stunden Fahrt mit der U-Bahn auf sich, um seine Mutter zu sehen.

Herr K. kam meist dann, wenn er in einer Krise war. So etwa alle 2 – 3 Jahre. Beim ersten Mal hatte er sich verliebt. Das Mädchen war drogenabhängig und er wollte sie von der Straße weghaben. Zahlte ihre Drogen, damit sie nicht anschaffen ging. Konnte deshalb die Miete nicht mehr zahlen und wusste nicht weiter. Der Vermieter zeigte Verständnis und Herr K. musste künftig noch eine weitere Ratenzahlung leisten.

3 Jahre später kriegte er einen neuen Chef, mit dem er nicht klar kam. Er fühlte sich übervorteilt, ging nicht mehr zur Arbeit  und irgendwann kam die Kündigung. Er fand schnell etwas Neues in einer Firma, die die Hamburger Bahnsteige reinigt.

Als er zwei Jahre später wieder vorbei kam, platzte es aus ihm heraus: „Sie haben aber ganz schön zugelegt. Sorry, ich wollte sie nicht beleidigen, es steht ihnen ja, aber fiel mir nur so auf.“ Er wurde ganz rot im Gesicht.

Herr K. hatte sich wieder verliebt. In seine Nachbarin. Er hatte ihr Geschenke gemacht und ihrem Sohn eine  Playstation und Spiele gekauft.  „Sie will ja nichts von mir, das weiß ich ja, so, da läuft nichts zwischen uns. Aber sie hat ja sonst keinen und der Junge auch nicht. Aber nun will sie immer mehr von mir. Gestern wollte sie, dass ich ihr 100 Euro leih‘.“  Herr K war verliebt, aber er hatte gemerkt, dass ihn da jemand ausnutzen wollte. Er brauchte ein wenig Trost und die Bestätigung, dass Liebe und Geld nichts miteinander zu tun haben.

Ich hörte fast fünf Jahre nichts von ihm, aber als er dann wieder auftauchte,  fehlte ihm ein Unterschenkel. Er lief auf Krücken, aber war entschlossen, wieder zu arbeiten, sobald er eine Prothese hatte. In dieser Phase kam er öfter vorbei.  Die Prothese wollte nicht so recht passen, es gab Probleme mit dem Geld und Herr K. brauchte eine neue Wohnung, da es zu mühsam wurde, ins Dachgeschoss zu steigen. Seine Mutter und seine Schwester waren inzwischen verstorben, die Nachbarin hatte einen anderen Mann gefunden und mit der Prothese war eine Arbeit in der Straßen- und U-Bahnreinigung nicht mehr denkbar. Herr K. war zu langsam geworden. Er  sollte nun eine Erwerbsminderungsrente kriegen, die er nicht wollte. Der Verlust seiner Arbeit traf ihn tief und in dieser Zeit rief er öfter mal an, um „zu hören, wie es Ihnen denn so geht, Frau W“. Er jammerte nie, aber er hasste es, kein eigenes Geld mehr zu verdienen, nicht mehr auf eigenen Füßen zu stehen. „Aber es muss ja weitergehen“, sagte er bei jedem Gespräch. „Irgendwas wird sich schon ergeben“.

Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er nun eine Wohnung im Erdgeschoss hatte und er erzählte mir, dass er eine Katze aus dem Tierheim geholt hatte. Einen orangenen Tiger. Das ist jetzt drei Jahre her. Die Handynummer von Herrn K. funktioniert nicht mehr.

Während all der Krisen hat Herr K. nicht einmal mehr zu Alkohol oder Drogen gegriffen. Für mich ist er ein Held.

Brief an Martina (2)

Liebe Martina,

ich freu mich, dass das mit Deiner Reise nach Chile nun in die Planung geht. Und wie schön, dass Lena nun endlich eine Wohnung gefunden hat. Wann zieht sie ein? Die Preise in Hamburg sind ja astronomisch hoch, aber Berlin ist auch nicht besser. Markus hat fast 3 Monate gesucht und zahlt fast 900 Euro für 2 Zimmer in einem nicht angesagten Viertel.

Ich habe gerade mal wieder ein Schreiben von der Rentenversicherung bekommen, in dem sie mir mitteilen, wie viel Rente ich zu erwarten habe.  Ganz ehrlich, wenn ich von dem Betrag noch Steuern und Krankenversicherung zahlen soll, bleibt nicht mehr viel. Große Sprünge machen ist damit nicht drin. Nichts mit Reisen und genießen. Wir Frauen sind immer noch angeschmiert, besonders wir ehemals Alleinerziehenden. Jetzt rächt es sich, dass ich wegen der Kinder  fast 6 Jahre nur Teilzeit gearbeitet habe und nach dem Studium damals Ende der 80iger Jahre nur so wenig verdient habe. 1800 DM brutto habe ich in meinem ersten Job bekommen, dafür, dass ich versucht habe, Aussiedlern und Asylbewerbern die deutsche Sprache beizubringen. Und eine Witwenrente hab ich auch nicht zu erwarten, Peter war immer selbstständig und wir sind ja nicht verheiratet.

Neulich hab ich Jens  getroffen, erinnerst Du Dich, der damals immer davon sprach, irgendwann ein Buch schreiben zu wollen, der arbeitet jetzt  als Dozent bei Bildungsträgern, in so Maßnahmen für langzeitarbeitslose Jugendliche.  Weißt Du, dass die mittlerweile für 15 Euro die Stunde arbeiten? Und das ohne Festanstellung, jagen sie von einem Träger zum anderen.  Und die Auftraggeber dieser Träger sind unsere Institutionen:  Rentenversicherung, Arbeitsamt, Job Center.  Alle wollen sparen, und das tun sie konsequent. Bei Ausschreibungen entscheidet die Wirtschaftlichkeit und um die zu erreichen, müssen die Träger die Lohnkosten niedrig halten und wenn dann jemand wie Jens  arbeitslos wird, muss er gleich auf Hartz IV, weil er ja freiberuflich schuftet.  Der ist ganz schön frustriert, aber jetzt mit Ende 50 werden die Möglichkeiten für ihn auch immer weniger.

Da kommt noch richtig was an Altersarmut auf uns zu. All die Menschen, die in den 80iger und 90iger Jahren immer wieder arbeitslos oder in Maßnahmen waren. Die Leute, die in Zeitarbeitsfirmen für 6,80 € gewerblich geschuftet haben und all die Frauen natürlich, die wegen der Kinder lange zuhause waren.  Erinnerst Du Dich, wie viele der Frauen, die wir kannten, als unsere klein waren, damals nicht gearbeitet haben. Krippenplätze gab es damals ja auch so gut wie noch gar nicht. Wer da keinen Mann mit gutem Einkommen hat, macht am Ende eine lange Nase. In meinem Malkurs ist so eine Frau. Ihr Mann hat sie verlassen, als sie 54 war. Während ihrer Ehe hat sie sich um die vier Kinder, seine Eltern und seine Tante gekümmert, alle gepflegt  und ihm den Rücken freigehalten. 3 Jahre muss er ihr Unterhalt zahlen, dann muss sie auf eigenen Füßen stehen. Was hat sie da denn für Möglichkeiten? Sie war ja nie berufstätig. Wäre sie schlau gewesen, hätte sie die Scheidung verweigert. Dann hätte er weiter für sie zahlen müssen. Stattdessen freut sich jetzt seine Neue. Klar, durch den  Versorgungsausgleich kriegt sie später eine Rente, aber wie viel wird das sein? Wenn es ihr nicht gelingt einen Job zu finden, landet sie in Hartz IV. Dass die Frau nicht gut gelaunt ist, kann ich echt verstehen.

Aber genug Gemecker. Ich hab’s geschafft, den Termin beim Hautarzt auf Anfang Januar zu legen. Immer noch lange hin, aber vier Wochen früher als ursprünglich geplant. Wahrscheinlich lässt sich mittlerweile mit Schönheitschirurgie und Faltenreduzierung mehr verdienen als mit Medizin, auf jeden Fall war auch bei anderen Ärzten kein früherer Termin zu kriegen. Entweder nehmen die nur  Privatpatienten oder sind über Monate ausgebucht.

Bist Du schon in Weihnachtsstimmung? Ich finde, der Dezember ist immer so voll mit allen möglichen Terminen und bei uns auf der Arbeit kriseln ganz viele Patienten, Weihnachtszeit eben, und dann muss ich diesen Monat noch zum Zahnarzt und  die Operation von Lilly steht an.

Dienstag haben wir Termin beim Tierarzt. Die Herztabletten schlagen gut an, sie ist wieder viel munterer und die Tierärztin ist zuversichtlich, dass sie nach der Entfernung des Tumors wieder ganz gesund wird.

Dann muss ich noch meine Steuererklärung noch machen und  mit meiner Mutter ins Theater, die Weihnachtsfeier ist auch noch diesen Monat  und wir sind heute mit Dörte und Max zum Weihnachtsmarkt verabredet.

So, und jetzt muss ich erst mal die Küche aufräumen und mit dem Hund raus. Nachher kommt Nils mit der Kleinen vorbei, ich freu mich schon. Mach’s gut liebe Martina und ich hoffe, dass Du nächstes Jahr endlich mal wieder in den Norden kommst.

Bis ganz bald, liebe Martina,

Deine Trina