Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Jahresausklang!
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Sweet Sixty-Five: eine Reise in einen neuen Lebensabschnitt
Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Jahresausklang!
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Vor ein paar Wochen lautete die Frage des „Daily writing prompt“ (https://dailypost.wordpress.com/postaday/ebook-365-writing-prompts/) „What’s the character trait you admire the most about yourself?”
Welchen Charakterzug magst Du an Dir am meisten?
Ich musste schon ein bisschen nachdenken, denn ich gehöre eher zu den Menschen, die ihre Charakterfehler und Schwächen gut benennen können, aber ihre Stärken eher gering schätzen.
Egal, mir ist dann ein Satz meiner Freundin eingefallen, die mir irgendwann mal sagte, dass sie mich für ein Stehaufmännchen hält.
Sie hat Recht.
Egal, was passiert, ich gebe nicht auf. In meinem Leben habe ich schon allerhand bewältigt. Zeiten, in denen ich jeden Cent nicht nur einmal, sondern viele Male umdrehen musste, weil mein damaliger Mann arbeitslos war und ich gerade unser zweites Kind zur Welt gebracht hatte, bald darauf eine Scheidung, die sehr weh tat, viele Jahre als voll berufstätige, alleinerziehende Mutter, die Enttäuschung darüber, dass der Umzug aufs Land mit meinem neuen Lebensgefährten aufgrund seiner Erkrankung nicht etwa Entlastung und mehr Zeit für die Familie brachte, sondern im Gegenteil bedeutete, zusätzlich zu den 8 bis 9 Stunden auf der Arbeit auch noch zwei- bis dreieinhalb Stunden Fahrtweg täglich zu haben, da ein Einkommen fehlte. Zeiten, in denen ich neben Job, Kindern und Haus noch einen Nebenjob brauchte, Zeiten, in denen ich einsam war, eine Zeit, in der ich traurig war, weil beide Kinder schon vor ihrem 20. Geburtstag ausgezogen waren, um dem Landleben zu entkommen, Krisen auf der Arbeit.
Nach einer kurzen Phase des Heulens und Selbstmitleid fühle ich meist eine Kraft in mir aufsteigen, die mich dazu führt, nach Lösungen zu suchen oder den positiven Aspekt der Situation zu finden.
Meinen langen Fahrtweg habe ich mir mit Telefonieren, Sprachlern-CDs und Hörbücher vertrieben, und so manches Mal im Stau meine Fingernägel lackiert, und so das Gefühl gehabt, die Zeit zumindest halbwegs sinnvoll zu nutzen. Als Alleinerziehende habe ich viele andere wundervolle Frauen in der gleichen Situation kennengelernt und wir haben uns gegenseitig geholfen und viele tolle Sachen gemeinsam mit den Kindern unternommen. Obwohl ich in diesen Jahre nur selten mal Zeit für mich hatte, an Ausgehen, Verreisen oder große Ausgaben nicht zu denken war, sehe ich diese Zeit bis heute als eine sehr glückliche an.
Als die Kinder das Haus verließen, fing ich an zu bloggen und zu malen und mir ein eigenes Zimmer einzurichten und durch meine Erfahrungen, bin ich ziemlich fit im Thema Schuldenberatung, Krankengeld und Rente. Statt zu verreisen begann ich, meine Umgebung zu entdecken und das Schöne vor der Haustür wahrzunehmen.
Ich lasse mich nicht kleinkriegen. Nicht von meiner Hüftarthrose, nicht von meiner Diabetes, nicht von niedrigen Einkommen oder dem Stress auf der Arbeit. Ich ziehe mich in mich zurück, und sammle Kraft, suche nach Möglichkeiten und mache weiter. Das mag ich an mir. Innere Stärke oder Kampfgeist oder Durchhaltevermögen, oder ein bisschen von allem, egal, diese Eigenschaft hat mir schon oft im Leben geholfen.
Und wie ist das bei Euch? Welchen Charakterzug mögt ihr an Euch?
Neulich beim Autofahren erschrak ich, als an der Ampel neben mir ein Kind am Steuer saß. Na ja, mindestens 17 wird dieses Kind gewesen sein, aber dann bemerkte ich auf der anderen Straßenseite ein junges Paar mit drei Kindern und ich fragte mich, wie man so jung schon so eine große Familie haben kann. Aber auch hier täusche ich mich, sie waren bestimmt schon dreißig. Ich bin es, die seit einiger Zeit Menschen als deutlich jünger wahrnimmt, als sie tatsächlich sind.
Als ich Anfang des Jahres das erste Mal meine neue Ärztin aufsuchte, bemerkte sie, dass ich für mein Alter jung aussehe. Leider signalisiert mir mein Körper etwas anderes. Jetzt, wo es kühler wird, ziehe ich wieder Strümpfe an und das ist für mich ein schmerzhaftes und umständliches Unterfangen, dank fortschreitender Hüftarthrose. Mein Knie knackt bei jeder Treppenstufe und mein Magen protestiert, wenn ich ihm Sahnetorte und Kaffee zumute. Über dem Lärm der vierspurigen Straße vor meinem Büro höre ich immer schlechter, was die Menschen mir sagen wollen. Ich fürchte mich vor einem Hörgerät, schließlich habe ich schon eine Gleitsichtbrille, aber ich werde den Termin beim HNO-Arzt wahrnehmen. Viel schlimmer als die Zipperlein ist, dass im Gespräch mit Freunden und Verwandten das Thema immer öfter um Cholesterinsenker und Blutverdünner kreist und ich durchaus einiges zu dem Thema beitragen kann. Dabei hatte ich mir als junge Frau geschworen, niemals am Essenstisch über Krankheiten zu reden.
Vorgestern habe ich schon wieder das Essen verbrannt, weil ich den Herd nicht runter geschaltet hatte. Meine Gedanken schweifen schnell ab, wenn mich was nicht interessiert und ich werde ungeduldiger, wenn mir jemand mit Banalitäten kommt. Manchmal komme ich mir dumm vor, wenn meine Söhne liebevoll lästern, weil ich für eine Whats App viermal so lange brauche wie sie und nicht weiß, ob gerade Snapshot oder was auch immer angesagt ist. Ganz ehrlich, ich liebe Emails, die außer meiner Freundin und meiner Tante keiner mehr lesen will. Dann nagt an mir die Sorge, ob ich wohl mithalten kann mit all den Entwicklungen oder irgendwann wie meine Mutter ohne die Hilfe der Enkel den Smart TV nicht mehr bedienen kann. Wie schaffen die jungen Menschen es nur, ständig auf dem Laufenden zu sein? Sie haben doch mindestens so viel um die Ohren wie ich, aber offenbar doppelt so viel Energie zur Verfügung.
Als neulich eine 53-jährige Kollegin, die fast 20 Jahre bei uns war, das Haus verließ, um beruflich noch mal was ganz anderes zu machen, traf mich das tief. Ich traue mir einen ähnlichen Job in einer anderen Einrichtung zu, aber wäre ich flexibel genug und hätte ich ausreichend Kraft, mich noch mal auf was ganz Neues einzulassen? Ich bin mir nicht sicher und mir fehlt der Mut, das Risiko einzugehen, arbeitslos zu werden, wenn ich scheitere. Außerdem sehne ich mich immer öfter nach Zeit für mich, nach Muße. Ich finde es ungerecht, dass ich als voll berufstätige Oma meine Enkelin kaum zu Gesicht bekomme und dass ich spätestens am Donnerstagabend so geschafft bin, dass ich vor dem Fernseher einschlafe
Am Arbeitsplatz gibt es nur noch eine Handvoll Mitarbeiter, die älter sind als ich. Ein paar wenige sind Anfang 50, aber die anderen sind deutlich jünger und ich bin ihre Vorgesetzte. Ich habe keine Kollegen mehr.
Ich ertappe mich dabei, über mein Leben nachzudenken. Ich wurde dazu erzogen, die Erwartungen anderer zu erfüllen, mich anzupassen, loyal zu sein, mir keine hohen Ziele zu setzen („Hochmut kommt vor dem Fall“) und ich habe mich treiben lassen, nicht ausgewählt, sondern das Erstbeste genommen, was das Leben mir anbot. Vielleicht hätte ich viel mehr aus mir machen können, meine Talente besser nutzen können, aber zumindest beruflich schrumpfen die Chancen. Manchmal erschreckt mich der Gedanke, dass statistisch gesehen zwei Drittel meines Lebens vorüber sind und ich keine Garantie habe, das statistische Durchschnittsalter zu erreichen. Jeder Tag und jedes Jahr sind kostbar und doch lebe ich den Alltag wie in den Jahren davor. Ich bin so dankbar, dass mein Partner mir vertraut ist und wir das Altern unserer Körper gemeinsam ohne Scham erleben. Aber manchmal kommen mir merkwürdige Gedanken. Was wäre, wenn…? Könnte ich mich noch einmal verlieben? Mich einem anderen Menschen so öffnen? Ich will diese Gedanken nicht weiterdenken, nein, ich will im Hier und Heute bleiben, denn das allein zählt. Und ich zähle noch lange nicht zum alten Eisen, auch wenn mein inneres Alter und mein tatsächliches Alter immer mehr zusammenrücken.