Ein Lebensmuster

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das meist tat, was andere von ihm erwarteten. Es wollte am liebsten allen gefallen. Das kleine Mädchen streute auf Hochzeiten Blumen, zog die Lose bei der Tombola, ließ sich von jedem auf den Schoß nehmen und genoss es, dass alle es als süß, herzig, wohlgeraten und artig bezeichneten. Und die vielen Süßigkeiten und Groschen, die ihm zugesteckt wurden, gefielen ihm auch. Das kleine  Mädchen spürte, dass seine Eltern stolz waren, wenn es von anderen Menschen gelobt wurde. Und da das Kind nicht nur Fremden, sondern vor allem seinen Eltern gefallen wollte, wurde es eine Meisterin darin, stets den Erwartungen anderer gerecht zu werden. War es  doch einmal trotzig oder wütend, spürte es schnell die Enttäuschung der Erwachsenen. Es lernte schnell, Wut und Ärger als so böse zu empfinden, dass es sie aus  seinem Gefühlsleben verbannte.

 Das kleine Mädchen wuchs in einer Großfamilie mit vielen unglücklichen Menschen heran. Die Mutter war traurig, weil der Vater immer lange in der Kneipe blieb. Ihre eigene Familie hatte sie ausgestoßen, weil sie den Vater geheiratet hatte und die Schwiegereltern mochten sie nicht, weil sie aus ärmlichen Verhältnissen kam und innerhalb nur eines Jahres zwei Kinder zur Welt gebracht hatte.

Die Großmutter war unglücklich, weil sie eine schmerzhafte Erkrankung hatte. Der Großvater war verbittert, weil er seine erste Frau verloren hatte und mit Verletzungen aus den beiden Kriegen heimgekehrt war. Der Vater war unglücklich, weil seine Mutter immer den Stiefbruder vorzog, damit niemand denke, sie habe ihr eigenes Kind lieber.

Der Stiefbruder und seine Frau wohnten auch im Haus und die beiden jungen Frauen im Haushalt mochten sich nicht. Sie standen in Wettbewerb miteinander, wer die hübscheste war und wer den erfolgreichsten Mann hatte. Die Großeltern wiederum mochten den kleinen Bruder des süßen kleinen Mädchens nicht, weil dieser lebhaft und laut war.

Um ein gutes gefälliges kleines Mädchen werden zu können, braucht man eine gehörige Portion Sensibilität und die Fähigkeit zur Empathie. Unser süßes kleines Mädchen hatte die Gabe, sehr schnell Stimmungen zu spüren und es entwickelte feine Antennen für die Befindlichkeiten der Menschen in ihrer Umgebung. Es lernte früh,  was es tun oder lassen musste, um sich die Zuneigung und Zuwendung aller zu sichern und tat alles, damit nur ja niemand ärgerlich oder traurig wurde.

Die Mutter des kleinen Mädchens hätte gern ihr Leben nach eigenen Vorstellungen geführt, aber da ihr Mann noch von seinen Eltern abhängig war und sie mietfrei im Haus der Eltern lebten, musste sie tun, was die Großeltern wollten, sonst wurden diese unwirsch. Trotzdem gelang es ihr immer wieder, sich durchzusetzen, sei es, dass sie entschied, alleine mit ihren Kindern zu Abend zu essen oder sonntags einen Spaziergang mit ihnen zu machen, statt die Tanten zu besuchen.

Dies brachte das kleine Mädchen in Bedrängnis. Denn wenn sie den Großeltern erzählte, dass sie einen schönen Spaziergang mit der Mama gemacht hatte, spürte sie sofort deren Enttäuschung. Sie verspürte aber auch die Enttäuschung ihres kleinen Bruders, wenn sie wieder einmal ein schönes, großes Geschenk bekam und er nur eine Packung Lego oder wenn die Großeltern sie mit auf Besuch nehmen wollten, die Mutter sie aber gern zu Hause behalten hätte. Sie versuchte dann den Bruder zu trösten und bevor sie mit den Großeltern spazieren ging, versicherte sie der Mutter sie trotzdem lieb zu haben und während es versuchte, allen Menschen gleichzeitig gerecht zu werden, vergaß es darauf zu achten, was es denn eigentlich selbst gern wollte.

Das kleine Mädchen wuchs zu einem hübschen Teenager heran. Als es in der 2. Klasse war, starb der Großvater und der Vater begann im Alkohol mehr Halt zu finden als in seiner Familie. Er vergaß, dass er eine Tochter hatte.

Der Teenager erkannte schnell, wie sie Männern gefallen konnte und sie legte immer sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Freundinnen waren ihr nicht so wichtig, aber sie hatte einige, die weniger hübsch waren als sie und die deshalb keine Konkurrenz darstellten.

Der Teenager war ziemlich intelligent, aber sie legte nicht viel Wert auf ihre Zensuren und  interessierte sich wenig für das, was in der Welt geschah.  Sie verfolgte ein ganz anderes Ziel, sie suchte nämlich die große Liebe. Sie fühlte sich oft einsam und leer und dachte, dass alles gut wird, wenn sie nur einen Freund findet, der sie aus ganzem Herzen liebt und sie versteht.

Fortan hing es von ihrem jeweiligen Freund ab, welchen Musik- und Kleidungsstil und welche Freizeitaktivitäten sie bevorzugte. Leider ging sie nie sehr lange mit einem Jungen, denn die meisten machten nach wenigen Wochen Schluss. Dann hatte sie einige Tage furchtbaren Liebeskummer bevor sie sich auf die Suche nach dem Nächsten machte. Schon im Alter von 15 Jahren träumte sie von einer Hochzeit in Weiß.

Der hübsche Teenager hatte neben dem Wunsch, jedem Jungen zu gefallen, auch früh ein weiches Herz für kranke und bedürftige Menschen entwickelt. Sie wollte Krankenschwester werden oder Sozialarbeiterin und wenn schon nicht die ganze Welt, dann doch ganz viele bedürftige und unglückliche Menschen retten. Sie verbrachte viel Zeit damit, zu überlegen, wie man die Welt gerechter machen könnte und sie war sich sicher, dass jeder arme, kriminelle oder süchtige Mensch ein Opfer war, das durch genug Liebe und Zuwendung gerettet werden könnte.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der hübsche Teenager  als er zu s einer hübschen jungen Frau wurde, sich zu einem Mann hingezogen fühlte, der nach außen sehr cool wirkte, aber ein großes Problem hatte. Und siehe da, dieser Mann verließ sie nicht! Er fand es toll, dass sie ihm immer wieder bestätigte, dass er wunderbar, klug und immer im Recht sei. Er war stolz auf seine schlanke, hübsche Freundin, die alles stehen und liegen ließ, wenn er sie rief. Dass diese junge Frau studierte, während er LKW-Fahrer war, machte ihn stolz, denn schließlich bestätigte sie ihm immer wieder, dass er zu Höherem berufen sei.

Im Laufe der Zeit entwickelte die junge Frau irrationale Ängste und fühlte immer häufiger eine innere Leere in sich, die sie sich nicht erklären konnte. Bis sie auf einer Party einen alten Schulkameraden traf, mit dem sie die ganze Nacht hindurch redete und der sie so viel besser verstehen konnte, als ihr Freund. Sie begann eine Beziehung mit dem alten Schuzlfreind, aber sie schaffte es nicht, sich von ihrem Freund zu trennen. Sie hatte Angst, dass er es nicht verkraften würde, wenn sie ihn verließ.  Aber der alte Schulfreund fand es nicht in Ordnung, dass sie noch mit ihrem Freund zusammen war und so erzählte sie ihrem Freund eines Tages von ihrem Schulfreund und bat ihn um Verzeihung, ihn so zu verletzen. Der Freund war wirklich traurig, aber er nahm sie nicht ernst. Er bat sie darum, Freunde bleiben zu können, brachte ihr Blumen, besuchte ihre Eltern, die ihn schon als Schwiegersohn gesehen hatten, und irgendwann hielt die junge Frau das alles nicht mehr aus. Sie suchte sich einen neuen Studienplatz weit weg in einer anderen Stadt und verließ beide Männer.

Die junge Frau wollte sich nun auf ihr Studium konzentrieren, aber es dauerte nicht lange, da traf sie ihren Ehemann. Er war kein Student, sondern eine Art Alt-Hippie, der viel reiste und seinen Lebensunterhalt durch Jobs finanzierte. Er sah gut aus und unsere hübsche junge Frau war von seiner Unabhängigkeit, seinen vielen Reisen und seiner Belesenheit beeindruckt. Er hatte allerdings ein großes Problem und die hübsche junge Frau versprach, ihm zu helfen, dieses zu lösen. Sie setzte sich für ihn ein, wo sie nur konnte, und die beiden waren bald unzertrennlich. Sie heirateten. Die junge Frau beendete ihr Studium und sie zogen in eine andere Stadt. Der Ehemann fand einen festen Job in einem Lager und die junge Frau nahm eine schlecht bezahlte Stelle als Sozialarbeiterin an.

Im Laufe der  Ehe wurde die hübsche junge Frau  immer eifersüchtiger. Ihr Mann hatte ihr von seinen Ex-Freundinnen erzählt und zeigte immer mal wieder Interesse an anderen Frauen und unsere hübsche junge Frau litt unermesslich. Schließlich suchte sie einen Psychologen auf und begann eine Therapie. Sie lernte dort, dass sie es versäumt hatte, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, weil es ihr so wichtig war, anderen zu gefallen. Er meinte, sie hätte ein Helfersyndrom und schickte sie in ein Programm für Angehörige von Alkoholikern. Unsere hübsche junge Frau konzentrierte sich nun darauf zu genesen. Sie hatte manchmal Zweifel, ob ihr Ehemann der richtige Mann für sie sei, aber diese Gedanken drängte sie schnell beiseite. Sie wurde schwanger.

Nun begann eine sehr glückliche Zeit. Der Ehemann erwies sich als guter und fürsorglicher Vater, der auch im Haushalt mit anpackte. Die hübsche junge Frau schloss viele Freundschaften mit anderen Müttern und als sie nach dem Erziehungsurlaub wieder an den Arbeitsplatz zurückkam, wurde sie schnell befördert und verdiente mehr Geld. Ihr Ehemanns begann eine Ausbildung und beide beschlossen, ein zweites Kind zu bekommen.

Bald nach der Geburt des 2. Kindes begann der Ehemann immer häufiger, am Wochenende alleine auszugehen. Er brauche den Kontakt zu seinen Fußballfreunden, sagte er, und die hübsche junge Frau akzeptierte das. Doch dann, eines Tages, kam der Ehemann erst am nächsten Morgen nach Hause und es dauerte nicht lange, bis er seiner Frau eröffnete, dass er sich eine offene Ehe wünschte. Die junge Frau stimmte zu und fortan verschwand der Ehemann übers Wochenende, während die junge Frau mit den Kindern zuhause war. Nach einiger Zeit kam es zur Trennung und Scheidung.

Der hübschen jungen Frau gefiel es, alleine mit den Kindern zu leben. Sie fand einen neuen, gut bezahlten Arbeitsplatz und machte Karriere. Sie hatte viele Freundinnen, die auch allein erziehend waren. Die Kinder entwickelten sich prächtig und oft waren noch andere Kinder bei ihr, deren Mütter auch viel zu tun hatten.

Als die Kinder beinahe Teenager waren, lernte die nun nicht mehr so junge, aber attraktive Frau einen neuen Mann kennen. Er kam aus dem hohen Norden und weil er an keinen festen Arbeitsort gebunden war, konnte er in ihr Land ziehen. Die beiden beschlossen, sich gemeinsam mit den Kindern ein neues Leben auf dem Lande aufzubauen.

Nun hatte nicht mehr so junge, aber attraktive Frau hatte alle Hände voll zu tun. Ihr neuer Partner fand, dass ihre Kinder nicht so gut erzogen waren, wie er es sich vorstellte und die Kinder waren unglücklich, weil sie auf dem Land leben sollte.

Ihrem Partner versprach sie, den Kindern beizubringen, nicht mehr mit schmutzigen Füßen durchs Haus zu laufen. Sie tat, was sie konnte, um ihren Kindern zu helfen, sich einzuleben und ihnen zu zeigen, dass sie sie noch genauso liebte wie vor ihrer neuen Partnerschaft. Den Kindern des neuen Mannes versuchte sie eine gute Stiefmutter zu sein, wenn sie in den Ferien kamen.

Ganz nebenbei erledigte die nicht mehr so junge und zunehmend kettenrauchende attraktive Frau einen Vollzeitjob und kümmerte sich um einen großen Garten und Haus. Sie litt darunter, dass ihre Kinder und der neue Mann ein distanziertes Verhältnis behielten und wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, dann widmete sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit ausschließlich den drei Menschen. Sie vermittelte zwischen ihrem neuen Mann und den Kindern, sie vermittelte zwischen den Kindern, sie vermittelte zwischen dem Kind, das seine Wut in der Schule raus ließ und dem Lehrer, und als ihr Partner Schwierigkeiten mit seinem Sohn bekam, vermittelte sie auch da. Sie tat alles, um jedem gerecht zu werden. Für den einen bereitete sie einen deftigen Schweinebraten, den anderen holte sie spät in der Nacht vom Zug ab, dem dritten massierte sie den Rücken, sie plante die Wochenenden so, dass jeder auf seine Kosten kam

Die Jahre vergingen und die Frau bekam Probleme mit der Gesundheit. Sie hörte auf zu rauchen, aber dafür nahm sie ganz fürchterlich viel zu. Die Zeiten, in denen sie sehr auf ihr Äußeres achtete, waren vorbei. Unauffällig und  praktisch war nun angezeigt.

Während die Kinder immer selbständiger wurden, hatte sich die nicht mehr junge und dicke Frau auf ihren Job konzentriert und war sehr erfolgreich geworden. Aber sie war zunehmend erschöpft, wurde immer dicker und fühlte sich nicht glücklich. Sie vermisste ihre Kinder, die nun ausgezogen waren und sie wusste mit sich selbst nicht recht was anzufangen.

So beschloss sie, sich mehr mit sich selbst zu beschäftigen und sich ein Hobby zu suchen. Sie begann einen Blog zu schreiben……..

Die Sache mit dem großen Glück

Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten“   

(Pearl S. Buck)

Dieses Zitat muss ich mir hin und wieder in Erinnerung bringen, denn hin und wieder überkommt mich ein Gefühl der Unzufriedenheit. Statt mich an all dem Guten zu erfreuen, das ich habe, jammere ich all dem anderen hinterher, das ich nicht vermeintlich nicht habe Irgendwie muss doch noch mal was ganz Besonderes in meinem Leben passieren, irgendetwas unglaublich Intensives, Leidenschaftliches, Großartiges, denke ich dann. Job, Familie, Haus und Garten – das kann es doch wohl nicht gewesen sein? Das hatte ich mir doch alles einmal anders vorgestellt!

Versuche ich, dieses Besondere vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen, bleibt es allerdings nebulös, es entstehen keine klaren Bilder oder Sehnsüchte.

Vielleicht liegt es am Alter, dass mich dieser Zustand hin und wieder überfällt. Ich bin Mitte 50, die Lebenszeit wird knapper und manche Dinge sind abgeschlossen. Ich werde keine Kinder mehr bekommen und auch keinen neuen Beruf mehr ergreifen, wahrscheinlich werde ich auch nicht mehr auswandern oder mit einer zündenden Idee Millionen machen. Die Wahrscheinlichkeit, das sich mein Leben noch mal grundlegend wandelt, ist gering.

Ganz schlimm wird es, wenn ich in diesem Zustand beginne, Entscheidungen, die ich einmal getroffen habe, in Frage zu stellen. Ob mein Leben aufregender, spannender und reicher verlaufen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, weiß ich allerdings nicht. Trotzdem kann es mir an dunklen Tagen passieren, dass ich genau davon ausgehe. An diesen Tagen ist das Gras in Nachbars Garten viel grüner als in meinem. Das sieht dann in etwa so aus:

  • hätte ich das Haus nicht gekauft, hätte ich viel mehr Geld um zu reisen, und wäre jetzt schon in Kanada, Japan, Südafrika, Australien und, und, und ….. gewesen
  • Wäre ich nicht aufs Land gezogen, müsste ich nicht so viel Zeit mit dem Arbeitsweg vergeuden und hätte viel mehr Zeit für mich und am Wochenende würde ich in Ausstellungen und schicke Restaurants gehen, statt in den Baumarkt zu fahren und im Garten zu graben.

Solche Gedankengänge rufen natürlich massive Unzufriedenheit, Gereiztheit und schlechte Laune hervor. Wenn es ganz schlimm kommt, dann muss auch mein Liebster drunter leiden, denn wer weiß, vielleicht hätte mich der Typ, den ich habe gehen lassen, tatsächlich lebenslang auf Händen getragent. Oder ich verprügel mich selbst innerlich, weil ich so blöd gewesen bin und bei der Gelegenheit fallen mir dann gleich noch fünf andere Dinge ein, die ich mir vorwerfen kann.

Wie gut, dass dieser Zustand nie lange anhält. Spätestens wenn die Sonne scheint und ich auf  die blühenden Krokusse in meinem Garten blicke, dann weiß ich, das alles gut ist. Dann fällt mir wieder ein, wie nervig die ewig nörgelnde Nachbarin in unserem Mietshaus war Dann fällt mir wieder ein, dass ich bis vor nicht allzu langer Zeit zwei Kinder ernährt, gekleidet und zur Schule geschickt habe, was mir für lange Reisen in ferne Länder weder Zeit noch Geld gelassen hat. Und wer weiß, ob die Kinder so gut geraten wären, wenn wir in der Stadt geblieben wären.

Nichts desto trotz finde ich es hilfreich, mir hin und wieder mal ganz bewusst vor Augen zu halten, wie viel Gutes es in meinem Leben gibt. Neulich habe ich mir nach so einem Negativ-Zustand mal eine Liste gemacht, mit all den guten Dingen, die das Leben mir geschenkt hat. Und glaubt mir, die ist richtig lang geworden und ständig fällt mir noch etwas Neues ein, was ich drauf schreiben kann. Dann merke ich, dass ich viele Gründe zur Dankbarkeit habe, denn nichts, was auf dieser Liste steht, ist wirklich selbstverständlich.

Dann erinnere ich mich wieder daran, dass es im Leben darum geht, jeden Tag so intensiv zu leben, wie es nur geht. Die Sonne auf der Haut zu spüren, ein gutes Essen zu genießen, die eigene Lebendigkeit  beim Sport oder bei der Gartenarbeit zu erleben, über die bunten Farben der ersten Frühlingsblüher zu staunen, Nähe zu anderen Menschen zu fühlen und sich in einer Tätigkeit verlieren. Jeder Tag bietet viele Möglichkeiten, das kleine Glück zu spüren, man darf eben nur nicht aufhören, es sich bewusst zu machen, besonders dann nicht, wenn im Leben mal nicht alles so läuft, wie man es sich erträumt hat. .

Wendepunkt

Als mein Arzt mir sagte, ich hätte Diabetes, wollte ich es ihm nicht glauben.

Klar, ich bin übergewichtig, aber doch erst seit ein paar Jahren. Ich ernähre mich falsch??? Nein, ich esse viele gesunde Sachen und achte auf fettarme Ernährung. Nur hin und wieder entgleist mein Verstand und dann habe ich eine Phase, in der ich zu viele Süßigkeiten esse. Aber sonst? Sonst bin ich wirklich sehr ernährungsbewusst.

Sicher, ich bewege mich nicht genug. Das weiß ich selbst, aber so schlimm, wie bei vielen anderen ist es bei mir nicht. Schließlich habe ich einen Hund und gehe jeden Tag mindestens zweimal mit ihr Gassi. Am Wochenende machen wir sogar ausgedehnte Spaziergänge, soweit meine kaputte Hüfte das zulässt. Und früher habe ich auch immer viel Sport gemacht. Und Yoga. Und wenn ich rechtzeitig aus dem Bett komme, mache ich auch heute noch ein, zwei Yogaübungen vor der Arbeit. Für die Beweglichkeit. Und die Übungen, die mir meine Physiotherapeutin zeigt, mache ich auch mindestens ein, zweimal die Woche, wenn ich rechtzeitig von der Arbeit komme.

Ok, meine Zuckerwerte sind zu hoch. Ja, kann sein, aber die wurden ja auch grade nach einer Phase intensiven Feierns, Grillens und Ausgehens gemessen. Und außerdem hat mein Arzt nicht beachtet, dass ich abends spät und dann auch viel esse und deshalb morgens natürlich höhere Blutzuckerwerte habe. Außerdem sind die Werte nur geringfügig über den Normalwert, dann kann das doch alles nicht so schlimm sein, oder?

Also, alles nicht so schlimm und alles bald wieder in Ordnung. Ein paar Wochen ohne Süßigkeiten und Rotwein, mit etwas längeren Spaziergängen und alles ist wieder gut. Außerdem weiß jeder, dass Stress den Blutzuckerwert erhöht, und bei dem Stress, den ich in den letzten Wochen auf der Arbeit hatte, ist es nicht verwunderlich, dass meine Werte „spinnen“.

So habe ich gedacht. Bis vor ein paar Tagen.

Der Wendepunkt:

Vor ein knapp zwei Wochen  habe ich eine medizinische Reha begonnen, auch Kur genannt. In einer netten Klinik in der Mitte von Nirgendwo. Nicht wegen der Diabetes, sondern wegen der Arthrose. Habe auch dort den Ärzten erklärt, dass es nur an der Dummheit  Übergenauigkeit meines Hausarztes liegt, dass er mir Metformin verschrieben hat, dass ich mich aber nicht als Diabetikerin bezeichnen würde. Die Ärztin, die mich untersuchte, lächelte, und steckte mich ins Diabetikerprogramm.

Ja, und da bin ich nun, und habe schon etliche Vorträge, eine Ernährungsberatung und viele Blutzuckermessungen hinter mir. Und ich begreife  langsam, dass ich tatsächlich Diabetikerin bin. Typ II, eine von denen mit der Insulinintoleranz. Erblich bedingt, denn meine Mutter, ihre Schwestern und Brüder haben es auch. Ich hätte es durch einen gesünderen Lebensstil hinauszögern, aber wahrscheinlich nicht verhindern können.

Ich habe Glück und muss zunächst nur Tabletten nehmen, Metformin, die mir mein Arzt ja schon im August verschrieben hatte und die ich damals nicht nehmen wollte. Jetzt nehme ich sie, aber das reicht nicht, um die Krankheit langfristig in den Griff zu bekommen. Eine Ernährungsumstellung ist angesagt.  Einfache Kohlenhydrate, wie sie in zuckerhaltigen Produkten vorkommen meiden. Das war mir schon klar. Aber das damit auch mein geliebtes Obst gemeint ist,  war mir nicht klar. Obst enthält viel Fruchtzucker und  2 Stückt am Tag sind genug. Wenig tierisches Fett, die Nackenkotelettes vom Grill sollten künftig eine Ausnahme bleiben. Das schockt jetzt im Winter nicht ganz so, denn bis zur Grillsaison vergehen noch einige Monate.

Auf Rotwein sollte ich künftig ebenso verzichten, bestenfalls ein kleines Gläschen ist erlaubt.  Das finde ich wirklich schade, denn grade am Freitagabend, zum Einklingen aufs Wochenende habe ich gern eine gute Flasche mit meinem Liebsten geteilt. Aber Alkohol bringt den Blutzucker komplett durcheinander und verträgt sich auch nicht wirklich mit Metformin.

Jetzt weiß ich auch, dass  die Blutzuckerwerte morgens auch hoch sein können , wenn man abends wenig gegessen hat. Meine letzte Blutzuckermessung hat mir das unmissverständlich klar gemacht und damit mein Argument,dass meine hohen Blutzuckerwerte nur ein Ergebnis meines Lebensstils und nicht Diabetes sind, entkräftigt. 

Dann musste ich noch erfahren, dass meine Spaziergänge mit dem Hund zwar gut sind, aber nicht als Sport zählen. Sport ist, wenn man auch mal ins Schwitzen kommt. Dabei schwitze ich oft schon, ohne Sport zu machen, schließlich bin ich in den  Wechseljahren, aber das zählt nicht. Bewegung und  körperliche Anstrengung sind ein Muss.  Natürlich sollte ich abnehmen.Je mehr, desto besser,  denn Übergewicht begünstigt eine Insulinintoleranz.

Nach der Reha gibt es Reha-Sport und ein DesesaseManagement-Programm und dann ab ins Fitnessstudio! Meinen Arzt sehe ich künftig auch öfter, alles drei Monate nämlich, zur Kontrolle.

Eigentlich schön, dass unser Gesundheitssystem sich so um mich sorgt, aber so ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass mein Arzt künftig an meinen Blutwerten sehen kann, ob ich denn auch wirklich gesundheitsbewusst lebe. Andererseits kann Diabetes, auch in einem so leichten, oder früher Stadium wie bei mir, gefährliche Schäden hervorrufen, und das muss ja nicht sein.

Hier in der Reha ist es sehr einfach, diesen Regeln entsprechend zu leben. Das Essen ist lecker, aber fettarm und die Blöße, mir Nachschlag zu holen, wo ich doch das rote Pünktchen für Diabetiker auf meinem Tischkärtchen habe und die Diätassistentinnen während der Mahlzeiten im Speisesaal herum marschieren, mag ich mir nicht geben. Ich mache jeden Tag Sport, habe Physiotherapie und schöne Anwendungen mit Wärme, kann schwimmen und in die Sauna gehen, spazieren gehen in der freien Zeit und dabei mit Neid auf all die Kurgäste schauen, die sich in den vielen Cafés ein Stück Torte gönnen.

Ach, irgendwie bin ich immer noch wütend, dass es mich getroffen hat!!!!!  Diese ganze Beschäftigung mit gesunder Ernährung und was esse ich wann und wie, das nervt mich schon gewaltig. Aber irgendwann mal Insulin spritzen zu müssen, finde ich auch nicht so prickelnd, also werde ich  eine brave Patientin sein und tun, was die Experten mir nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen raten.

Trotzdem, ich will kein Insulin spritzen und werde ab jetzt noch intensiver nach den schönen Dingen im Leben suchen, die nichts mit Essen zu tun haben. Und diese werde ich auskosten und genießen! Das Leben ist schön, auch mit Diabetes!