Kleine Schritte

Das letzte Wochenende habe ich mit meiner besten Freundin Regine verbracht. Als ich sie vor über 20 Jahren kennen lernte, war sie dick. 20 Jahre hat sie vergeblich versucht, ihr Gewicht in den Griff zu bekommen. Nun hat sie durch ein konsequentes Diätprogramm innerhalb von sechs Monaten 20 kg abgenommen. Sie ist sehr, sehr stolz darauf, nun wieder die Kleidung, die ihr gefällt, statt  die, die sie am besten verhüllt, tragen zu können. Unsere  Gespräche kreisten um  Ernährungsphilosophien, Gewicht, Abnehmen, Aussehen und Selbstachtung. 

Regine nimmt kein Blatt vor den Mund und  sie hat mit  mir geschimpft. Ich sei nicht mehr ich selbst!  Würde mich gehen lassen, würde so langsam zur Landpomeranze verkümmern.

Wie recht sie hat.

Ich habe mich in den letzten 10 Jahren verändert. Beruflich habe ich mich auf eine neue Zielgruppe eingelassen,  habe eine Leitungsfunktion übernommen, die Arbeitszeiten sind länger geworden. Ich bin aufs Land gezogen, von einer Drei-Zimmer-Wohnung in einem Szeneviertel in einen kleinen Ort mit 3000 Einwohnern in einem strukturschwachen Gebiet. In ein Eigenheim mit großem Garten, der ständige Aufmerksamkeit fordert. In eine Gegend, wo die Menschen im Alltag nicht viel Wert auf ihr Äußeres legen.

Meine Freundin lebt weiterhin in diesem Szeneviertel und ich gebe zu, ich sehne mich manchmal danach zurück. An das bunte Treiben, die vielen kleinen Läden, die Kneipen, die Menschen, die sich alle soviel Mühe geben, politisch korrekt, ökologisch orientiert und dabei noch individuell zu sein. An die schönen Parks, die Spielplätze, die Bioläden, die Straßenfeste. Das Gefühl, in der Mitte des Geschehens zu sein.

Hier auf dem Land, fühle ich mich manchmal isoliert, bin nicht mehr auf dem Laufenden, weiß nicht, was grade angesagt ist. Und doch möchte ich nicht zurück in die Stadt. Ich habe einen Hund. Die langen Spaziergänge mit ihr durch die Wälder und die Feldmark sind mir wichtig geworden, sie tun mir gut, sie geben mir Ruhe und helfen mir, meine Gedanken zu sortieren. Ich bin glücklich, dass ich von Grün umgeben bin, jederzeit raus kann, keine Autos vor der Tür habe und keinen Stress bei der Suche nach Parkplätzen. Es ist schön, keinen Vermieter zu haben und freundliche Nachbarn, die sich nie darüber beschweren, dass sie jeden unserer Schritte hören müssen.

Meine Kinder sind erwachsen geworden, erst der eine, dann der andere ist ausgezogen, nicht etwa um die Ecke, sondern weit mehr als 100 km von mir entfernt. Zuerst habe ich sie furchtbar vermisst und war traurig, habe mich zurück gesehnt nach der Zeit, als sie klein waren.  Jetzt schätze ich die Zeit, die ich wieder  für mich habe und lerne, sie für mich zu nutzen. 

Mein Körper hat sich verändert, ich bin steif und unbeweglich geworden. Yoga geht nur noch mit Hilfsmitteln, die Zeiten, als ich  ganz selbstverständlich die Beine hinter dem Kopf auf den Boden aufsetzte, sind unwiderruflich vorbei. Ich nehme nicht mehr so schnell ab wie früher, die Gesichtskonturen werden weicher, statt auf der Hüfte, landet das Fett nun auf dem Bauch.

Meine Partnerschaft hat sich verändert. Vor 10 Jahren waren wir noch auf Wolke 7, frisch verliebt. Heute sind wir vor allem gute Freunde, Partner eben.

Ich rauche nicht mehr, doch die Suchtstruktur ist geblieben. Sie hat sich aufs Essen verlagert und ich bin dick geworden, bin schon über 5 Jahre so dick. Essen als Mittel zur Stress- und Frustbewältigung, aus Langeweile, aus Freude, zur Belohnung oder um mir etwas Gutes zu tun. 

Ja, ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr die, die ich vor 10 Jahren war, als ich 20 kg weniger wog. Mein Gewicht mag diese Veränderung spiegeln. Ein Teil dieser Veränderung ist jedoch auch, dass ich mich nicht mehr über mein Gewicht und mein Aussehen definieren will. Immerhin habe ich einiges im Leben geschafft, habe studiert, im Ausland gelebt, zwei Kinder weitestgehend alleine groß gezogen, mich in meinem Beruf entwickelt und einige Lebenskrisen überstanden. Es wäre traurig, mein Selbstwertgefühl von meinem Gewicht abhängig zu machen.   Ebenso sicher ist , dass ich auch mit 20 kg weniger nicht mehr die sein werde, die ich vor 10 Jahren war.

Ja, ich wäre gern wieder schlank. Aber nicht, um wieder die zu sein, die ich einmal war, oder um anderen zu gefallen, sondern um unbeschwerter durchs Leben zu gehen. Wenn ich abnehme, dann weil ich weiter persönlich wachse. Lerne, mir weniger Stress zu machen, gelassener zu werden, mich mit anderen Dingen zu belohnen. Also, auch weiterhin keine Diät! Wie das bei persönlicher Entwicklung nun mal so ist, geht es auch künftig  mit sehr kleinen Schritten  voran.

Gedankenschleifen

Ich habe eine Schreibblockade. Ich würde gern etwas Tiefsinniges und Anspruchsvolles schreiben, aber zurzeit fehlt mir Klarheit. Zu viele Dinge beschäftigen mich. Da war dieser Konflikt am Arbeitsplatz in der vergangenen Woche. Der Vorschlag der Geschäftsleitung, ausgerechnet der Kollegin, mit der ich noch nie gut konnte, einen Teil meiner Aufgaben zu übertragen, damit ich mich auf meine Kernaufgaben (und, es hängt in der Luft, neue Projekte) konzentrieren kann. Der Gedanke, einen Teil meiner Aufgaben abzugeben, gefällt mir. Der Gedanke, künftig noch weniger mit Klienten zu arbeiten, missfällt mir. Der Gedanke, ausgerechnet dieser Frau, die ich als unecht und manipulierend erlebe, etwas zu überlassen, erfüllt mich mit Missbehagen.

Meine Mutter schüttet mir ihr Herz aus. Mein Bruder ist mit einer neuen Lebensgefährtin in eine andere Stadt gezogen. Seine Kinder haben Probleme, und sie sorgt sich um ihre Enkel und ist traurig, dass er nun so weit weg lebt. Meine Nichte hat mir von ihren Nöten erzählt, mein Neffe ist mir fremd geblieben. Er lebt mit seiner Mutter weit entfernt von uns. Seine beiden Geschwister leben in meiner Heimatstadt, dort, wo auch meine Eltern noch leben. Wie sehr will ich mich nun einbringen? Mein Bruder und ich hatten einander lange nichts zu sagen, nun sucht er Kontakt. Was bedeutet Familie? Meine Söhne haben eine Bindung  zu ihrem Vater und seiner Lebensgefährtin und sie halten den Kontakt zu ihren Großeltern und Cousins. Das über Landes- und Sprachgrenzen hinaus.  Ich habe noch ein bisschen Kontakt zu meiner ehemaligen Schwiegermutter, die ich sehr mag, und   Bindungen zur Familie meines Lebensgefährten. Meine Mutter steht mir nahe und ihre vielen Geschwister, zu denen auch Theo gehört, treffe ich bei jeder Familienfeier.

Warum fühle ich mich nun verpflichtet, meiner Nichte zu helfen und auch meinem jüngsten Neffen, obwohl wir uns nur selten gesehen haben, also eigentlich keine wirkliche Beziehung haben? Ihr Schicksal berührt mich trotzdem. Gleichzeitig zögere ich. Wenn ich mich jetzt einbringe, kann ich es dann auch auf Dauer aufrechterhalten? Oder werde ich nur eine weitere Enttäuschung in ihrem Leben, wenn mein eigenes Leben mich irgendwann wieder so in Anspruch nimmt, dass ich sie darüber vernachlässige?

Überhaupt, was ist Familie eigentlich? Wir sind alle so verschieden, haben uns meist gar nicht viel zu sagen und hängen trotzdem aneinander. Ist Blut also doch dicker als Wasser?

Nach dem Besuch meiner beiden Söhne,vermisse ich sie.  Als sie das Haus verließen, empfand ich das zunächst als Chance – endlich Zeit für mich! Erst nach einigen Monaten wurde mir klar, dass sie nicht mehr als Kinder zurück kehren, sondern als Besucher, die es eilig haben, wieder in ihr eigenes Leben zurückzukehren. Jeder Besuch ist schön und innig, und immer viel zu kurz.

Meine Arthrose piesackt mich und erinnert mich daran, dass ich nicht nur aus optischen Gründen abnehmen will. Es erschreckt mich, wie unbeweglich uns steif ich bin. Gestern war ich zum ersten Mal in diesem Jahr im Garten, habe altes Laub weggeharkt, und konnte abends kaum noch kriechen.

Ich wünsche mir mehr Zeit für mich. Für Sport, Bewegung, Gartenarbeit. Ich möchte mehr lesen und all die Filme gucken, über die ich gelesen habe. Ich möchte mehr schreiben und  neue Kochrezepte (fett- und kalorienarm 🙂 ) ausprobieren. Ich möchte mir andere Städte und Länder ansehen. Meditieren. Diskutieren. Neues Lernen. Die tägliche Tretmühle hindert mich, all dies umzusetzen. Wie wichtig ist mir meine Arbeit? Wie viel meiner  Energie will ich ihr geben? Wie schaffe ich es, vollen Einsatz am Arbeitsplatz zu bringen und genug Zeit für meine eigenen Ziele zu haben? Und wo bleibt mein Partner bei all dem? Was bedeutet eigentlich Partnerschaft? Wie viel Zeit braucht unsere Partnerschaft?  Ist dieses friedliche Nebeneinanderleben genug? Machen wir uns vielleicht etwas vor? Woher kommt mein Bild von Partnerschaft? Ist es realistisch?

Dankbarkeit ist ein anderes Thema. Warum nur bin ich  oft so unzufrieden mit dem Ort, an dem ich lebe, mit meinen Lebensumständen? Langsam erkenne ich, dass es ein großes Glück ist,so leben zu dürfen. Bei schönem Wetter die Wahl zu haben zwischen Arbeit im Garten und Entspannen auf der Terrasse. Keine Nachbarn unter mir zu haben, die sich über den Lärm, die meine Schritte auf dem Parkett machen, zu beschweren. Meine Reise nach Berlin, hat mir gezeigt, dass es reicht, hin und wieder in der Großstadt rumzubutschern, um danach die Ruhe und Freiräume hier draußen schätzen zu können. Ich schmiede Pläne, wie ich Haus und Garten zu einem Ort des Wohlbehagens verwandeln kann. Dazwischen nagt wieder die Unzufriedenheit an mir. Kein Kino in der Nähe, keine schönen Geschäfte, keine Menschenmassen. 

Ostern und in den drei Tagen danach habe ich Süßes gegessen. Nun fällt es mir schwer, wieder darauf zu verzichten. Mein Körper fühlt sich belasteter an, seit ich wieder Zucker gegessen habe. Die Erfahrung zeigt mir, dass Zuckerhaltiges Gift für mich ist und suchtartiges Verhalten bei mir auslöst. Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, klar zu sehen…

Die dicke Frau im Spiegel

Einige Tage kreisten meine Gedanken fast nur um meine Gewichtszunahme. Ich mochte mich selbst nicht mehr, habe innerlich mit mir geschimpft und mich alt und hässlich gefühlt. In dem Moment, wo ich Trost und Ermutigung gebraucht hätte, habe ich mich mit Selbstvorwürfen und Abwertung bestraft.

Diese Phase ist vorbei.

Am letzten Wochenende übernachtete ich in einem Hotel. Im Badezimmer hing ein riesengroßer Spiegel, direkt gegenüber der Badewanne. Als ich aus der Wanne stieg, sah ich völlig unvorbereitet diese  Frau mit Dellen an den Schenkeln, ausladenden Hüften, einem hervorstehenden Bauch, großen Brüsten und schlaffen Oberarmen. Ich sah einen sehr weiblichen Körper mit einer Rubensfigur in XXL.

Vielleicht klingt es verrückt, aber in diesem Moment habe ich mich erstmals mit dieser Frau im Spiegel identifiziert. Ich habe mich gesehen, wie ich bin.  Bis dahin bestand mein Übergewicht aus den  Zahl auf der Waage.  Diese war mein Feind, die zu eng gewordenen Hosen, die XXL-T.Shirts, die Tatsache, dass kein Kleidungsstück meinen Bauch kaschierte, das war mein Übergewicht. Den Anblick im Spiegel hatte ich bis dahin immer schnell verdrängt, nackt hatte ich mich schon lange nicht mehr betrachtet.  Vor meinem inneren Auge sah ich noch aus wie früher.

Ein Freund von mir, Psychologe, hat einmal  gesagt, dass Übergewicht bei Kindern, insbesondere Jungs, den Wunsch spiegelt, endlich gesehen und anerkannt zu werden. 

An diesem Morgen empfand ich meinen Körper als Ausdruck von Bedürftigkeit, als Aufforderung, gesehen zu werden.  Ich   empfand Mitgefühl mit mir.

Auf der Arbeit und in der Familie nehme ich stets die Rolle der Starken ein. Das fällt mir nicht schwer, denn ich bin belastbar und ich mag gern für andere da sein. Aber so wie mein Körper immer „stärker“ und massiger wurde, so hat auch diese Rolle in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen. Seit meine Söhne das Haus verlassen haben, ist der Job zum Lebensinhalt geworden.  Dabei habe ich Freundschaften vernachlässigt und mich kaum noch mit Fragen außerhalb des Jobs beschäftigt. „Weibliche“ Themen, wie Mode und Deko ignoriert, Interessen nicht mehr verfolgt. Meine Welt ist klein geworden und ich lache viel zu selten.

Nun  verstehe ich mein  Übergewicht  auch als Folge und gleichzeitig als Sinnbild für ein Leben im Ungleichgewicht.

Die dicke Frau im Spiegel verdient es, mit liebevoller Fürsorge, Nachsicht und Geduld behandelt zu werden. Sie verdient es, viel Spaß haben, schöne Dinge zu unternehmen,  Freunde zu treffen  und die Fülle des Lebens zu genießen. Und damit sie dafür genügend Energie hat, wird sie sich weiterhin fettarm und gesund ernähren und sich viel bewegen.

Wer weiß, vielleicht verliert sie dann ja auch von ganz allein ein paar Pfunde 😉

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