Die Tortenheldinnen

Lange vor der Zeit von Netflix gab es in unserem lokalen Käseblatt einen Fortsetzungsroman, meist Liebesgeschichten. Meine Mutter und ich fieberten jeden Samstag und Mittwoch entgegen, um zu erfahren, wie es mit unseren Heldinnen weiterging. Nun habe ich mir selbst die Challenge gestellt, dieses Jahr bei Christianes abc-etüden mitzuschreiben. Heute geht es los. Um das Ganze ein bisschen spannender zu machen, will ich wie früher die Schreiberlinge unserer Landeszeitung, Fortsetzungsgeschichten schreiben. Wie sich die Geschichten entwickeln, weiß ich jetzt noch nicht, ich schreibe einfach drauf los.

„Was liest du denn da?“ Meine Freundin Mareike springt auf und umarmt mich.

„Hast du mich erschreckt! Ich war ganz in die Geschichte versunken..“

„Worum geht es denn in dem Buch?“

„Oh, es ist ein Fantasy Roman. Mit Drachen und Gnomen und verborgenen Welten.“

„Seit wann liest du denn sowas?“ Mareike liest sonst immer Thriller, am liebsten über Serienkiller.

„Markus hat mir das Buch empfohlen.“

Markus ist ihre dritte Beziehung in diesem Jahr. Ich habe ihn noch nicht kennen gelernt und sage erst mal nichts.

„Wie geht es dir?“

„Ich komme gerade von meiner Oma. Ihr geht es zurzeit nicht so gut.“

„Bestimmt vermisst sie deinen Opa noch.“

Meine Opa ist vor drei Monaten gestorben und Oma lebt jetzt allein mit ihrer alten Perserkatze in einer viel zu großen Wohnung. Sie vertreibt sich die Zeit mit Handarbeiten und hat mir in den letzten drei Monaten schon drei Dreieckstücher gehäkelt. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie wird immer dünner und geht kaum noch raus. Aber gerade jetzt habe ich keine Lust über sie zu sprechen und wechsle das Thema.

„Wie ist deine Torte?“ Mareike und ich treffen uns einmal in der Woche in einem Café auf der Suche nach der besten Torte in Hamburg.

„Sehr gut. Hier, probier mal.“ Ich lasse ein Stück auf meiner Zunge zergehen. Schokolade, Vanille und ein Hauch von Zimt. Hervorragend. Aber ich werde mir die Käse-Sahne-Torte bestellen, ich bin die Spezialistin für Käsetorten. Mareike und ich betreiben einen Blog, in dem wir Hamburger Cafés vorstellen. Dieses hier ist ausgesprochen edel. Echtes Porzellan, weiße Tischdecken und ein Publikum im Alter meiner Oma. Vielleicht sollte ich sie hier mal mit hernehmen.  

„Markus mag auch gern Torte. Vielleicht kommt er noch her.“

Ich verdrehe innerlich die Augen. Mareike und ihre Männer, eine never ending story.

Die Wörter für die Etüdenwoche 4/5 sind Drache, edel, und häkeln. Danke Christiane!

Magendrücken

Nach vielen Wochen ohne zu bloggen, haben mit Christianes #ABC-Etüden https://365tageasatzaday.wordpress.com/abc-etueden-bisherige-woerter/ endlich mal wieder aktiv werden lassen.

Der Traum war verworren, sie war eingesperrt und allein, hatte geschrien und niemand hatte sie gehört.  Als sie erwachte, verschwanden die Bilder, aber das panische Gefühl im Bauch blieb.

Es ist alles gut, dachte sie. Ich liege in meinem kuschligen Bett im schönsten Apartment Hamburgs. Ich bin erfolgreich, gestalte mein Leben. Ich bin reich, ich habe 7 Zimmer und in einem davon steht sogar ein Billardtisch.  Diese Woche werde ich eine Auszeichnung erhalten und nachher kommt eine Journalistin, um mich zu interviewen. Heute Abend treffe ich meinem Agenten zum Essen im Haerlin. Also alles gut.

Sie streckte sich. Zeit aufzustehen. Sie schaltete das Radio ein und das erste Wort, das sie hörte, war aktuell.

Aktuell was? Zu spät. Der Sprecher hatte schon zum nächsten Thema gewechselt. Schnell arbeitete sie ihre Morgenübungen ab und freute sich über den Duft des frischen Kaffees, den ihr brandneuer Kaffeevollautomat ihr auf Knopfdruck lieferte. Sie trat ans Fenster und blickte hinaus über den Hafen. Draußen war es wolkig und trüb und sie zog ihre Kaschmirjacke ein wenig enger. Die Straße weit unter ihr war leer. Keine Menschenseele war unterwegs.

Die Stille. Würde sie merken, wenn sie plötzlich allein auf der Welt wäre? Das beklemmende Gefühl im Magen meldete sich wieder.

Unsinn, schimpfte sie mit sich selbst. Es war einfach zu früh für Leben auf der Straße.  

Sie blickte auf ihr Handy. Keine Nachricht von Felix. Er sollte eigentlich aus China zurück sein. Er hatte versprochen mit ihr Billard zu spielen.  Sie war so stolz auf ihren Sohn, den Unternehmensberater. Wann hatten sie sich eigentlich das letzte Mal gesehen? Weihnachten war er in Australien gewesen und Ostern in Paris, und jetzt war Oktober. Es musste also fast ein Jahr her sein.

Sie seufzte. Noch drei Stunden, bis diese Journalistin kam. Sie hasste Sonntage.