Momentaufnahme: Suche nach dem Weihnachtsschmuck

Nach fast 40 Jahren lebe ich wieder im Haus meiner Kindheit. Meine Mutter, froh endlich frei von allen Verpflichtungen zu sein, zog in eine helle Wohnung im 5. Stock und überließ uns das Haus so, als wäre sie nur mal eben zum Einkaufen gegangen. Zum Glück hat das Haus einen geräumigen Keller, in dem wir Möbel, Teppiche, Geschirr und Fahrräder stapeln konnten.

In den folgenden Wochen und Monaten erfreuten wir Sperrmülljäger und Gebrauchtwarenliebhaber, indem wir Cocktailsessel, Blumenhocker und Zeitungsständer, Zinnkrüge, den Kronleuchter und das Bidet aus dem Bad an die Straße stellten.

Zurück blieb ein Haus im Stil der späten 70iger Jahre, einschließlich der Prilblumen an den Küchenkacheln und brauner Fliesen im Flur.

Die nächsten Monate schliffen und verputzten, strichen und verkabelten wir alles, was nur möglich war und erfreuten uns endlich an einem hellen, lichtdurchfluteten und freundlichen Haus. Erst als Weihnachten kam und damit der Wunsch nach Heimeligkeit und Kindheitserinnerungen, kam es mir in den Sinn, auf den Dachboden zu steigen und den alten Weihnachtsschmuck zu suchen. Mein Mann ließ die steile Treppe herab und ich krabbelte hinauf.

Oben empfing mich eine dicke Schicht Teppiche, mindestens 5 übereinander, zur Isolation, wir mir meine Mutter später erklärte. Durch die Fensterluke fiel trübes Licht auf alte Umzugskartons und Kisten. Zuversichtlich, den alten Weihnachtsschmuck zu finden, öffnete ich die erste Kiste und fand Bärbel. Meine Lieblingspuppe – nackt, mit spröden blonden Haaren und hochgerissenen Armen starrte sie mich an.  Unter ihr lagen Barbies, spitz und pieksig, aber kein Weihnachtsschmuck. Es folgten vier Kisten mit Büchern, meine Mutter war Mitglied Leseclub. Ein Buch von Pearl S. Buck lag oben auf, und für einen kurzen Augenblick war ich wieder 12, als ich die Sommerferien lesend auf dem Balkon verbrachte. In der nächsten und übernächsten Kiste fand ich Kleidung, sogar mein erstes Ballkleid in Größe 36. Was war ich damals doch für ein zartes Wesen und ganz verliebt in Jakob, der immer eine Lederjacke mit Fransen trug und mich für Isolde, diese dumme Kuh, verließ..

In der letzten Kiste kamen Schallplatten ans Licht: Beatles, Rolling Stones, T. Rex und Sweet und mir fiel der orange Plattenspieler ein, auf den ich jahrelang gespart hatte, damit ich meine Familie mit lauter Musik tyrannisieren konnte.  Den alten Weihnachtsschmuck fand ich schließlich im Keller. Er roch muffig und ich verbannte ihn zusammen mit den anderen Erinnerungen ins Dunkel des Dachbodens. Das Haus schmückte ich mit den Schätzen, die ich im Deko-Outlet gefunden hatte.

abc.etüden – das erste Mal

Schon lange habe ich damit geliebäugelt, bei den Schreibetüden mitzumachen. Ihr findet alles darüber auf Christianes Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/category/texte-skizzen-schreibprojekte/abc-etueden-schreibeinladung/ und ich hatte viel Spaß bei diesem ersten Versuch. Danke an Christiane und dem Wortspender für diese Anregung!

Folgende Wörter mussten diesmal in eine Geschichte, die nicht mehr als 300 Wörter umfassen darf, eingebaut werden: Landvermesser, undankbar, aussetzen

Hier nun mein Text:

Das erste Date

Leahs Herz klopfte. Heute würde sie Matthias nach wochenlangen Chatten auf der Singleplattform zum ersten Mal treffen. Ihr Blick fiel auf einen Mann, der allein am Tisch saß. Gut sah er aus.

„Hallo, ich bin Leah.“ Der Mann blickte kaum auf. „Darf ich mich setzen?“ Der Kerl brummte etwas, das sich wie Ja anhörte. „Du bist doch Matthias, oder?“ „Wenn du meinst“, erwiderte er.

„Du bist also Landvermesser“, versuchte Leah ihn ins Gespräch zu verwickeln. „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Nun, das stand in deinem Profil“, entgegnete eine nun verwirrte Leah. Jetzt blickte der Mann sie endlich an. „In meinem Profil?“, grinste er. „Profil wie auf DateDarling oder so?“ Leah spürte, wie sie rot wurde und ihr Herz einen Schlag aussetzte. Hatte sie sich zu dem Falschen gesetzt? Sie blickte sich um, aber nur ein missmutig blickender, grauhaariger Mann saß noch allein da.

Sie entschied sich, sein süffisantes Grienen zu ignorieren. „Schön, dich persönlich zu treffen. Und danke für die Einladung.“ „Wer hat denn was von Einladung gesagt?“

Mistkerl, dachte Leah, ich gefalle ihm nicht und er will mich loswerden. Aber so leicht mache ich ihm das nicht. Sie griff nach der Speisekarte. „Ich zahle.“ Sie lächelte ihn an.

„Ich nehme die Muscheln als Vorspeise, dann Lammkoteletts und danach ein Tiramisu. Dazu einen Chianti. Und du?“ Nun war er derjenige, der verwirrt blickte.  „Das gleiche“  Während sie aufs Essen warteten, entspann sich eine Unterhaltung zwischen ihnen, die vom Wetter über Essensvorlieben zu ihrer Liebe zum Wandern und schließlich zu gemeinsamen Lachen führte.

Bevor Leah an diesem Abend das Licht ausknipste, dachte sie kurz an den griesgrämigen Mann am anderen Tisch. „Undankbare Weiber, … nicht wert …“  hatte sie ihn murmeln hören, als er an ihrem Tisch vorbeiging, und Leah war dankbar, an ihrem Tisch geblieben zu sein..  

Sonntagsgedanken

Es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht oder zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Letzte Woche saß ich mit meiner Kollegin Barbara zusammen und wir unterhielten uns über das Älterwerden.

„Weißt du“, sagte sie, „je älter ich werde, desto öfter tue ich Dinge, die ich früher nie für möglich gehalten hätte. Ich habe mir ein Wochenendhaus gekauft, weil mir im Urlaub Ruhe wichtiger ist, als durch die Weltgeschichte zu reisen. Ich arbeite im Garten, ich stricke und mache selber Marmelade. Früher fand ich das alles total spießig. Jetzt lebe ich fast  so, wie ich es mir als kleines Mädchen vorgestellt habe – die perfekte Hausfrau in ihrem kleinen Reich, mit Mann und zwei Kindern. Nur, dass ich statt zwei Kinder zwei Hunde habe und mit Peter nicht verheiratet bin.“

 „Bei mir ist es genau andersrum“, antworte ich. „Ich habe als junges Mädchen immer davon geträumt Journalistin zu werden. Ich wollte über Menschen schreiben, die im Leben erfolgreich sind und über Menschen, die im Leben gescheitert sind. Ich wollte das Leben zeigen, wie es ist und damit für Toleranz und soziale Gerechtigkeit eintreten. Und ich wollte reisen, die ganze Welt sehen. Ganz große Träume hatte ich.“  

Wir sind beide im sozialen Bereich gelandet. Sie, weil sie irgendwann genug davon hatte, Unternehmen zu beraten und etwas Sinnhaftes tun wollte. Ich, weil ich schon früh eine Art „Helfersyndrom“ kultiviert hatte und mir nicht zutraute, etwas in meinen Augen so Anspruchsvolles wie Journalismus zu studieren.

Die Arbeit mit Menschen macht mir bis heute Freude. Je mehr ich mich jedoch dem Rentenalter nähere, desto mehr Lust habe ich, kreativ zu sein. Ich male, ich beschäftige mich mit Kunst und ich schreibe. Nicht nur hier im Blog, sondern seit einiger Zeit auch zusammen mit anderen in einem kleinen Schreibatelier.

Ich erzähle Barbara davon und sie grinst.

„Witzig. Mir geht das genauso. Ich habe angefangen zu nähen und nehme Klavierunterricht.“

Ich erzähle ihr von meinem anderen Plan. In den nächsten Jahren möchte ich die Hauptstädte aller europäischen Länder besuchen und mir anschaue, wie die Menschen in den Städten leben.

„Es scheint ja irgendwie, dass wir beide jetzt damit anfangen, das zu tun, wovon wir als junge Menschen einmal geträumt haben“, stellt Barbara fest.  „Du willst raus in die Welt und ich habe mir einen Ruheort geschaffen. Und wir sind beide dabei, endlich unsere Kreativität zu leben.“

Noch lange nach diesem Gespräch fühle ich mich beschwingt. Das Leben ist schön. Großartig. Ein Lebensabschnitt  geht langsam zu Ende und gleichzeitig werden lang verblasste Aspekte meiner Persönlichkeit wieder lebendig und ich fühle mich eins mit mir selbst. Dabei gewinne ich inneren Abstand zu meinem Job, ich mache ihn gern, aber er verliert langsam eine Position im Mittelpunkt meines Lebens.