Wie ein Besuch in einer Buchhandlung zu diesem Beitrag führte
Letzte Woche betrat ich meine Lieblingsbuchhandlung mit dem Vorsatz, ein Bilderbuch für meine Enkelin zu finden. Gleich rechts sah ich die Lebenshilfeliteratur liegen, die mich wie immer in ihren Bann zog. Da waren die alten Bekannten: das innere Kind lieben lernen, Selbstwertgefühl stärken, Ängste überwinden, besser aussehen, Achtsamkeit und Selbstliebe praktizieren usw. usw.
Einige der Titel gefielen mir, ich las die Cover und plötzlich kippte meine Stimmung.
Hört das denn nie auf, fragte ich mich. Dieses Gefühl, an mir arbeiten zu müssen, weil ich so wie ich bin, nicht zufrieden mit mir bin.
Mit Hilfe von Literatur habe ich versucht, die heimliche Sucht, gebraucht zu werden, zu überwinden, mich aus Co-Abhängigkeit zu befreien, mit meinen Kind- und Eltern-ich gut Freund zu werden, Ängste zu überwinden und zu lernen, wie ich Freunde gewinne und mich selbst lieben kann. Mithilfe von Dankbarkeit und Affirmationen habe ich versucht zu Wohlstand und inneren Frieden zu kommen und bin in den meisten Punkten gescheitert.
Na ja, vielleicht nicht gescheitert, einiges habe ich dann wohl doch gelernt.
Ich legte die Bücher zurück ins Regal und fühlte mich seltsam niedergestimmt.
An diesem Tag fand ich kein schönes Buch für meine Enkelin. Das Gewusel in der Kinderecke nervte (wer ist bloß auf die Idee gekommen, dort eine Rutsche hinzustellen???), und ich schwitzte in meiner Winterjacke. Unzufrieden trabte ich nach Hause.
Es reicht!
Es reicht, schimpfte ich vor mich hin, du bist jetzt 65 Jahre alt. Sollte nicht endlich mal Schluss ein, mit dieser nie endenden Arbeit an Dir selbst?
Selbsthilfeliteratur und die Einsichten aus zwei Therapien begleiten dich seit über vierzig Jahren. Ja, das hast du auch deinem Beruf zu verdanken, für den ständige Selbstreflexion überaus sinnvoll ist. Und natürlich hast auch du einige Verhaltensmuster oder innere Überzeugungen, die sich immer mal wieder als Stolpersteine erweisen.
Aber hat die nicht jeder? Ist es nicht an der Zeit, einfach zu akzeptieren, dass du nun mal so bist wie du bist.
Offensichtlich bist du nicht der einzige Mensch, der immer mal wieder an sich selbst und seinem Leben zweifelt. Warum sonst wäre Lebenshilfeliteratur ein Dauerbrenner?
Vielleicht ist es aber anders herum – die Lebenshilfeliteratur suggeriert uns, dass wir so wie wir sind nicht genügen und dass wir nur ein wenig an uns arbeiten müssen, um uns zu optimieren.
Warum sonst habe ich mich in fast jedem Buch wieder gefunden? Möglicherweise geht es fast immer um das gleiche Thema: mangelnder Selbstwert, fehlende Selbstakzeptanz, Frustration, dass wir nicht immer kriegen, was wir uns wünschen und die Hoffnung, dass alles viel, viel besser wird, wenn wir endlich …..
Bedingungslose Selbstannahme
Egal, ich entscheide mich hier und jetzt, meinen letzten Lebensabschnitt, die Reise ins (Renten)Alter, nicht mit weiteren Selbstoptimierungsmaßnahmen zu verschwenden.
Bedingungslose Selbstannahme ist mein Ziel.
Ich will Frieden schließen, mit den Dingen, die in meinem Leben nicht so gelaufen sind, wie ich es mir erhofft hatte. Annehmen, dass ich manche meiner Träume wohl nicht mehr verwirklichen werde, oder zumindest nicht so, wie ich es mir mal vorgestellt habe.
Ich kann es nicht lassen
Ob es wohl Lebenshilfeliteratur für Menschen jenseits der sechzig zu diesem Thema gibt? schießt es mir durch den Kopf.
Lass es sein, du hast doch gerade beschlossen, keine Selbsthilfeliteratur mehr zu lesen, ermahne ich mich. Doch die Gewohnheit siegt. Ich kann es nicht lassen und suche in der Onlinebuchhandlung meines Vertrauens nach Selbsthilfeliteratur für Menschen, die das Berufsleben hinter sich lassen.
Oh ja, es gibt viele Ratgeber, finde ich schnell heraus. Da geht es um Demenz und diverse andere gesundheitliche Probleme, gesunde Lebensführung und fit bleiben im Alter. Einige wenige thematisieren, wie der Übergang ins Rentenalter gelingen kann – rechtzeitig Hobbys suchen, Kontakte pflegen etc., etc.
Wo ist das Buch, das Mut machen will, Neues auszuprobieren, Träume zu leben, etwas zu bewirken? Brauche ich das überhaupt?
Schreibe doch über das, was dich in dieser Lebensphase beschäftigt, denke ich. Schreib, wie es dir in deinem letzten Jahr im Job geht, wie ambivalent du bei dem Gedanken bist, die Einrichtung loszulassen und andere deine Arbeit machen zu lassen.
Schreib über das, was dich inspiriert und das, was dir Angst mach. Schreib dein eigenes Buch.
So sitze ich nun an meinem Laptop, und bin selbst gespannt, wie sich mein Blog wohl entwickeln wird.

Nimm dir alle Zeit der Welt dazu. Oft fehlt einem selbst bloß der Abstand, um die offensichtlichen Dinge klar zu erkennen. Auch das ist sehr menschlich. Ich möchte dir bloß einen Denkanstoß geben. Was du daraus machst, liegt ganz bei dir.
Darüber muss ich nachdenken, da könnte etwas dran sein.
Ja, das habe ich gelesen. Aber alles, was du schreibst, ist doch total normal und zutiefst menschliches Verhalten. So geht es prinzipiell doch jedem. Du hinterfragst deine Verhaltensweisen, das ist schon mal sehr gut – das tun lange nicht alle Menschen. Und du warst (und bist?) bereit, Hilfe von außen anzunehmen, dafür musste ich beispielsweise erstmal so richtig auf die Fresse fallen, (Burnout) ehe ich dazu bereit war. Du tust und machst doch sehr viel, um an dir zu arbeiten. Solche grundlegenden Verhaltensänderungen passieren aber nun mal nicht von jetzt auf gleich. Vielleicht bist du einfach zu ungeduldig, kann das sein?
Na ja, das Abnehmen, das auch mal für mich großes Thema war, ist für mich nicht mehr so wichtig, ich mag mich, wie ich bin. Mir geht es um Einstellungen und Verhaltensmuster, die mich oft behindern, also z. B. sehr harmoniebedürftig bzw. konfliktscheu zu sein, was mir auch auf der Arbeit manchmal Probleme einbringt. An Tagen, an denen ich akzeptiere, dass ich nun mal so bin, gelingt es mir tatsächlich besser, auch Konflikte anzugehen, während ich in schlechten Phasen sehr zu Selbstvorwürfen neige, also mich sehr streng kritisiere.
Danke dir. Weißt du, ich habe es einfach aufgegeben, ich bin seit Jahren mollig, und das wird sich vermutlich auch Zeit meines Lebens nicht mehr ändern. Früher war ich mal sehr durchtrainiert bedingt durch den Leistungssport, den ich jahrelang ausgeübt habe (Handball), aber das ist Geschichte. Tja, ist nun so. Das heißt nicht, dass ich jede Speckrolle meines Körpers toll finde, aber ich akzeptiere mich so, wie ich bin. Und wer das nicht kann, wird eben kein Freund/Freundin von mir. Punkt. Damit lebe ich ganz gut.
Das ist wunderbar!
Ich habe noch nie Lebenshilfeliteratur gelesen. Vielleicht, weil ich unterbewusst weiß, dass ich den dort angesetzten Idealen niemals nie entsprechen kann. Und weißt du was? Ich will es auch gar nicht. 😉
Das hast du schön gesagt. Humor ist unersetzlich 🙂
Peter Lenk, ein deutscher Künstler, der für seine humorvollen, aber auch sozialkritischen Arbeiten bekannt ist.
Wer ist Erschaffer der Statue, Schild ist nicht lesbar.
Peter Lenk, ein deutscher Künstler. Musste ich aber selbst erst mal nachlesen.
wer hat sie gefertigt?
Mein innerer Kritiker sagt, dass Dein innerer Kritiker vermutlich ein toller Kerl ist und er solle sich nicht unterkriegen lassen. Nörgler und Liebestöter stimmen zu. Ich lache und sage: „Das hättet ihr wohl gern!“
Das innere Kind, die Lebenslust und Freude werden stärker und somit auch wir zufriedener mit uns. 🍀
Danke, schön, dass Du hier weiterhin dabei bist. Heute habe ich endlich mal wieder einen Tag ganz für mich allein und genieße es, mal wieder zu schreiben und alte Bekannte auf ihren Blogs zu besuchen 🙂
Ich wünsche Dir einen wunderschönen Mai!
Und die Statue ist köstlich! 😀
Ich mache seit langem schon einen riesigen Bogen um diese Lebenshilfeliteratur – manchmal führe ich mir kurze Artikel zu diesem Endlosthema zu Gemüte, aber mehr mit dem Schwerpunkt Autismus und Bewältigung von Kindheitstraumen.
Bedingungslose Selbstannahme – genau so! Das ist die richtige Einstellung für das letzte Lebensdrittel. 🙂 Und ich freue mich schon darauf, dich hier auf deinem Blog ein bisschen dabei zu begleiten.
Ich verbinde mit bedingungsloser Selbstannahme Friede mit mir selbst, ob ich jemals die komplette Selbstannahme erreiche, weiß ich auch nicht. Habe einen ziemlich starken inneren Kritiker, der mich immer wieder gern auf meine vermeintlichen Fehler und Schwächen hinweist. Wenn ich den milde gestimmt kriege, bin ich schon sehr zufrieden 🙂
Die steht an der Donau in Krems 🙂
Recht hast Du und ich bin freudig gespannt auf Deine Beiträge.
Einige Ursachen meiner diffusen Ängste zu erkennen hat mit geholfen. Mehr brauche ich nicht, um jetzt im Alter zufrieden zu sein. Einige Baustellen gehe ich noch an, andere akzeptiere ich einfach so. Bedingungslose Selbstannahme werde ich allerdings wahrscheinlich nicht mehr erreichen und das ist in Ordnung so. Jetzt habe ich andere, gesundheitliche Probleme, die ich bewältigen muss. Das gehört für viele zum Altwerden eben auch dazu.
Liebe Grüße! Regine (72)
köstlich, diese Skulptur!
grüsse von Sonja