Hattet ihr auch ein Poesiealbum, als ihr noch Kinder wart? In den 60iger Jahren besaß fast jedes Mädchen eins.
Viele der Sprüche, die wir uns gegenseitig in die Alben schreibe, halte ich heute für bedenklich, wie z. B. den Lieblingsspruch meiner Oma: „Sei sittsam und bescheiden, vor allem wohlgesinnt, dann mag dich jeder leiden, als ein geliebtes Kind.“ Ich übersetzte dies mit „sei immer brav, falle nicht auf und tue das, was andere von dir erwarten.“
Ein Spruch hingegen ist heute wieder hoch aktuell:
„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit’ren Stunden nur“
Der Spruch kommt heute in neuem Gewand. Psychologen und Coaches empfehlen z. B. ein Dankbarkeitstagebuch zu führen oder sich täglich zu notieren, was einem Gutes widerfahren ist oder worüber man sich gefreut hat.
Wer glücklich sein will, so die einhellige Meinung, sollte seine Aufmerksamkeit auf die positiven Dinge richten, sich die glücklichen Momente bewusst machen, sie auskosten und genießen. Dem stimme ich aus vollem Herzen zu.
Ebenso kann es hilfreich sein, sich im fortgeschrittenen Lebensalter die positiven Auswirkungen der schwierigen oder traurigen Ereignisse oder Lebensumstände aus der Vergangenheit vor Augen zu führen. Bei mir führt es dazu, mich mit meinen Leben, das ich mir mal ganz anders vorgestellt hatte, zu versöhnen.
Klar, war die Trennung von meinem Mann und das Zerbrechen unserer Familie furchtbar. Aber im Rückblick ist aus dieser Katastrophe viel Gutes entstanden: ich habe in der Situation gelernt, stark zu sein. Habe eine Wohnung für mich und die Kinder gefunden, habe Kontakte zu anderen Alleinerziehenden aufgebaut. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und viel mit unseren Kindern unternommen. Eine glückliche und keinesfalls einsame Zeit. Das sehen meine Kinder heute ebenfalls noch so. Auch als Single – Mutter war ich beruflich erfolgreich und konnte gut für die Kinder und mich sorgen. Das hat mir Selbstvertrauen und Stärke gegeben. Hätte ich diese Unabhängigkeit entwickelt, wenn ich in der Ehe mit Teilzeitjob geblieben wäre?
Glückliche Lebensumstände haben mir damals vieles erleichtert. Meine Mutter, die mich unterstützt hat, wenn die Kinder mal krank waren, eine Wohnung in einem lebendigen Stadtteil mitten in Hamburg, eine super Kita, ein familienfreundlicher Arbeitgeber. Für diese Umstände bin ich heute dankbar. Ich erkenne, wie reich mich das Leben mit scheinbar Alltäglichem beschenkt hat. Ich bin nicht zu kurz gekommen im Leben, im Gegenteil.
Gerade schaue ich einer Ringeltaube zu, die sich vor meinem Fenster das Gefieder putzt. Ein schöner, friedlicher Moment. Auch ein Moment, der zählt.
Danke 🙂 und liebe Grüße aus dem Norden.
Ein ganz normales Leben mit Auf und Ab 🙂 Jeder von uns ist auf seine Art stark und glaub mir, ich habe auch massenhaft Schwächen und viele Fehler in meinem Leben gemacht. 🙂
Was für ein wundervoller Blogbeitrag!
Du bist eine starke Persönlichkeit! Hut ab, was du in deinem Leben alles bewältigt hast.