Bei Süßigkeiten versagt der Verstand

Ich bin ein Kopfmensch. Ich denke nach, ich rede und zerrede, ich strukturiere und organisiere. Solange mein Kopf etwas zu tun hat, geht es mir gut. Selbst wenn ich mich bewege, kommt mein Kopf mit ins Spiel, der ausrechnet, wie viele Kalorien ich wohl grade abgearbeitet habe und welche Muskelgruppen ich trainiere.

Nur bei Süßigkeiten, da versagt mein Verstand. Er flüstert mir noch zu, dass zuviel Zucker der Leber schadet, dick macht und die Zähne zerfrisst, aber dann, ganz unverhofft und plötzlich zieht er sich zurück. Wie ferngesteuert greife ich nach der Packung Kekse oder der 300-Gramm-Tüte Lakritz. Zuhause dauert es  keine 5 Minuten und die Packung ist leer. Bevor das schlechte Gewissen sich regt,  übernimmt der innere Schweinehund. Der flüstert mir ein, dass man sich ja mal was gönnen darf, dass Lakritz doch fettarm ist, Eis die Magenschleimhaut beruhigt und Hafer cholesterinfrei ist und ich morgen durch vernünftige Ernährung alles wieder gut machen kann.

Schon längst hat mein Verstand erkannt, dass ich mich wie ein Süchtiger verhalte, wenn es um Süßigkeiten geht. Es gibt immer einen Grund zu Süßem zu greifen. Mal ist es der Stress auf der Arbeit, dann wieder brauche ich eine Belohnung für die 3 Stunden Gartenarbeit, dann wieder muss ich mich trösten, weil ein Kollege so garstig zu mir war. oder, oder. oder.

Das erste Stück Schokolade löst sofort Verlangen nach mehr aus. Erst, wenn die Tafel alle ist, höre ich auf. Solange ich weiß, dass irgendwo im Haus noch Süßes liegt, bin ich unruhig, schweifen meine Gedanken immer wieder zu dem Schrank, in dem das Suchtmittel liegt. Früher oder später greife ich  zu, esse, bis alles weg ist. Dabei verschlinge ich keine Unmengen an Süßigkeiten, sondern eben nur eine Tüte Lakritz, oder eine Tafel Schokolade. Aber das ist mehr als mir gut tut, denn auch bei dem gesunden Essen lange ich gern kräftig zu. Kontrollverlust habe ich noch nicht erlebt, aber ich habe ein Ahnung, wie es sich anfühlen könnte. In Maßen ein Stück Schokolade genießen, das kann ich nicht. Alles oder nichts lautet hier die Devise.

Meist brauche ich drei oder vier Tage, bis diese Fressphase vorbei ist. Zu lang, um es mit einer Woche gesunder, fettarmer Ernährung wieder auszugleichen. Das Gewicht stagniert.

Was ich mir selten erlaube, ist Spaß haben. Loslassen. Einfach nur sein. Genießen. Lachen, kichern, albern sein. Sorglos sein. Das fällt mir schwer. Ebenso schwer, wie Gefühle wahrzunehmen.

Wut? Nein, weshalb? Trauer? Es ist ja keiner gestorben und ansonsten habe ich doch alles im Griff.  Ich bin stark und schaffe alles. Mein Kopf sorgt dafür, dass ich ein Problem erkenne, es analysiere, einen Plan entwickle, um es zu lösen. „Mir geht es gut“ und „ich schaff das schon“, sind Standardsätze, die automatisch über meine Lippen kommen.

Gefühle, Fühlen, Spüren – keine Zeit, es gibt viel zu tun und ich muss noch dies und das und jenes erledigen, bevor ich dies oder das tun kann. Der Verstand treibt mich voran. Bis ich dann vor dem Regal mit Süßigkeiten stehe und ……

Es geht nicht nur ums Essen

Mein Rückfall in altes, vertrautes Verhalten hat mir noch mal deutlich gemacht, dass mein ungesundes Essverhalten im Wesentlichen durch zwei Faktoren ausgelöst wird:

Erstens: Zucker:

Ich habe schon lange den Verdacht , dass  Zucker bei mir Fressattacken und fast schon suchtartiges Verhalten und Denken bei mir auslöst. Schon eine kleine Praline kann dazu führen, dass ich kurz darauf immer mehr Appetit  auf Naschzeug und fettigem Essen bekomme. Ich werde richtig unruhig und es ist mir schon passiert, dass ich spät am Abend, als der Kiosk schon zu hatte und ich spät arbeiten musste, sämtliche Schränke in unserer Abteilung durchsucht habe, um irgendwie an Süßes zu kommen.

Meist beginnt der Kreislauf aber schon, wenn ich zum ersten Stück greife. Dann flüstert mein gieriges Ich: „so dick bist Du doch gar nicht“. „Ay, du bist 52, da ist es doch egal, da sind doch fast alle dick“, oder „guck mal Renate an, die wiegt auch so viel wie Du und sieht doch gar nicht so schlecht aus“ oder,  „nur heute, einen Tag darf man ruhig mal über die Stränge schlagen“ usw. usw.

Zweitens: Psychischer Stress:

Wenn ich viel zu tun habe, meine Arbeit gut schaffe, dabei in einen Flow komme, dann denke ich überhaupt nicht an Essen.

Anders ist es, wenn ich viel zu tun habe, dabei ständig unterbrochen werde, es Konflikte zwischen den Mitarbeitern oder mit den Mitarbeitern gibt, wenn dann noch andere unerfreuliche Dinge hinzukommen, wie Schlafmangel, unerwartet hohe Rechnungen, nörgelnder Mann, Anrufe von meiner Mutter zur denkbar schlechtesten Zeit, viele Termine am Abend. Womöglich noch gepaart mit hormonbedingten Stimmungsschwankungen. Das geht ein paar Tage gut, wenn dieser Zustand aber über längere Zeit anhält und an den Wochenenden aufgrund von familiären und sonstigen Verpflichtungen keine Zeit bleibt, mein Gleichgewicht wieder zu finden, dann kann ich dem ersten Stück Schokolade nur schwer widerstehen. Gleichzeitig wächst mein Bedürfnis nach fettreicher, deftiger, warmer Nahrung.

Es reicht also nicht, einfach nur Zuckerhaltiges aus dem Speiseplan zu streichen und Bewegung und Sport in den Alltag zu integrieren.

Gleichzeitig gilt es, herauszufinden, wie ich in stressigen Zeiten, die ja zu jedem Leben dazugehören, mein Gleichgewicht behalten kann. Es sind ja weniger die äußeren Umstände, als meine Art, mit ihnen umzugehen, die den Stress auslösen. Im Verdacht habe ich da mein Bedürfnis nach Kontrolle, Angst vor Versagen und Ablehnung, hohe Leistungsorientierung, übermäßiges Harmoniebedürfnis, Tendenz zur Selbstverleugnung, wenig Übung, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen und generell die Neigung, alles andere und alle anderen für wichtiger zu halten, als mich selbst gepaart mit dem Größenwahnsinn, dass ich die Einzige bin, die alles richtig machen kann.

Nun ja, Selbsterkenntnis ist mir noch nie sonderlich schwer gefallen, die Kunst besteht jedoch darin, die schädigenden Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensmuster in positive neue zu verwandeln und – das ist für mich die  noch größere Hürde –  das eigene Verhalten dann auch entsprechend zu ändern.

Ich werde es üben….