Vertrauensarbeitszeiten

Zurzeit klingelt bei mir auf der Arbeit das Telefon besonders häufig. Wir suchen einen neuen Sozialpädagogen.

Nun muss man wissen, dass unsere Sozialpädagogen auch Bewerbungscoaching machen sollen. Das  ist ausdrücklich im Stellenangebot aufgeführt. Umso erstaunlicher finde ich deshalb das Verhalten einiger Bewerber.

Dienstag rief eine Frau an, die offensichtlich viel unterwegs ist. Im Hintergrund hörte ich das Kreischen bremsender Züge. Bei dem Lärm verstand ich weder ihren Namen noch ihre erste Frage. Sie verstand auch meine Antwort nicht, denn just in dem Moment informierte uns die deutsche Bahn, dass der ICE nach München über Hannover, Fulda, Würzburg heute von Gleis 4 fährt. Da habe ich aufgelegt.

Nicht viel später fiel die nächste Bewerberin gleich mit der Tür ins Haus. Sie nannte ihren Namen und teilte mir in einem Atemzug mit, dass sie zwar grundsätzlich an dem Job interessiert sei, aber, bevor sie weiter frage, erst mal wissen wolle, wie viel wir denn zahlen. Nun, schlechter Einstieg in ein Gespräch, ich habe ihr freundlich mitgeteilt, dass die Stelle bereits besetzt ist.

Den Knüller erlebte ich jedoch am Donnerstag, kurz vor halb sechs. Als ich aus dem Büro trat, stand da ein Mann in den Vierzigern vor mir. Blonde, halblange Haare, Halstuch, abgewetzte Lederjacke, ein bisschen Typ ewiger Student. Eigentlich recht sympathisch und absolut von sich überzeugt. Er wolle zu Frau D., also zu mir, sagte er und sei Herr K., dem ich ja schon mal auf Mailbox gesprochen hätte.“ Ah“, dachte ich, „bestimmt ein Klient, der mich telefonisch nicht erreicht hat und nun persönlich kommt, um einen Termin zu machen.“  Also, bat ich ihn kurz rein, und während ich noch auf dem Schreibtisch nach meinem Kalender kramte, saß er auch schon entspannt zurückgelehnt auf meinem Besucherstuhl.

Er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern fragte ohne Punkt und Komma ob Voll- oder Teilzeit, welchen Tarif wir verwenden, was wir denn für Klienten hätten und wie das Team aufgestellt sei. Völlig überrumpelt beantwortete ich ihm sogar einige Fragen, bevor mir einfiel, dass dies mein Büro ist und er ein unangemeldeter Bewerber mit schlechten Manieren. Um ihn zu unterbrechen, fragte ich ihn nach seiner Qualifikation.

“Musiker und Stillpädagoge”, kam zur Antwort. Leicht irritiert fragte ich noch mal nach. “Stillpädagoge??????” “Ja, Stillpädagoge.“

Ich hab gar nicht weiter nachgefragt, was das denn sein soll, wollte nur noch meinen Feierabend retten und, um ihn schnell los zu werden, bat ich ihn, doch einfach eine schriftliche Bewerbung an Frau B, unserer Personalleiterin, zu richten. Ob die denn noch im Haus sei, fragte er, dann könne er gleich noch mal zu ihr.  “Nein”, erwiderte ich, „die ist nicht mehr da. Unsere reguläre Arbeitszeit ist von 07.45 – 16.30 Uhr.“

Entsetzen in seinem Blick. “Feste Arbeitszeiten??? Das geht gar nicht. Ich hab‘ vier kleine Kinder, eines ist sogar noch in der Kita, da weiß man nie, was passiert. Da muss ich  Vertrauensarbeitszeiten in meinem Vertrag haben.“

Ganz ehrlich, ich bezweifle, dass der Mensch überhaupt schon mal einen Arbeitsvertrag hatte. Unsere jungen Mütter kommen jedenfalls alle bestens mit unseren Arbeitszeiten klar.