Sie tun einfach, was sie wollen

 

Sie tun einfach, was sie wollen! Lassen uns mit der Arbeit sitzen und keiner hält sie auf. Sie können das!  Sie tun es!

Sarah hatte keine Lust mehr auf den Job. Sie habe sich die Arbeit anders vorgestellt. Die Klienten seien ja doch sehr anstrengend. Also kündigte sie am Ende der Probezeit. Es war ihr erster Job nach dem Studium. Sie schrieb noch an ihrer Masterarbeit, als wir sie einstellten.  Der Arbeitsmarkt ist super.  Sarah weiß um ihren Wert.

Anna war schon ein ganzes Jahr bei uns. Sie ist Mitte 30. Hatte im Januar grade Urlaub, war durch Japan gereist. Nun die Kündigung: als ihre Freundin zu ihrem Freund zog und ihr die Wohnung in München anbot und ihr Vermieter fast zeitgleich Selbstbedarf angemeldete, sei ihr das wie ein Zeichen erschienen.  Sie ziehe noch in diesem Monat um und werde dann zwei Monate reisen. Durch Kanada, vielleicht noch ein Abstecher nach Florida. Vor Juni wolle sie sich keinen neuen Job suchen.

Die Kündigungen haben mich gewurmt. Ich war neidisch. Ich war traurig. Ich war wütend. Ich habe mein Leben und mich selbst in Frage gestellt.

Habe mich im Selbstmitleid gesuhlt. Bin übers Wochenende nach Berlin gefahren. Ein Fehler. Lauter junge Leute dort. Fühlte mich alt  und außen vor.

Montag dann gleich die ersten Vorstellungsgespräche, Vertretungsregelungen durchsetzen. Die kurzen Kündigungsfristen machen es nicht leichter. Der Alltag ließ keine Zeit mehr für Selbstmitleid. Sorgte wieder für einen klaren Blick.

Die Welt hat sich verändert, seit ich Ende 20 war.  Die Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten heute sind phantastisch, Reisen selbstverständlich geworden.  Was habe ich in den 70iger gespart, um mein Jahr in den USA zu finanzieren. Später waren wir mit Daumen, Rucksack und Bus unterwegs. Haben Reiseführer studiert. Heute gibt es Reiseblogs, Billigflüge und ‘ airbnb‘. Das steht auch mir offen. Also, warum beklage ich mich?

Es ist nicht ihre Schuld, wenn mir mein Leben hin und wieder zu eng ist. Wenn ich es mir als Schwäche vorwerfe, Risiken gemieden zu haben.

Zeiten ändern sich. Gefühle zum Glück auch. Der Neid, die Trauer und die Wut sind verflogen. Ich erinnere mich wieder, warum mir nach der Geburt der Kinder Sicherheit wichtig war, ich Jobwechsel gescheut habe.

Geblieben ist die Erkenntnis, dass ich nicht zufrieden bin, dass mir etwas fehlt in meinem Leben. Was das ist, werde ich sicherlich herausfinden. Und dann breche ich aus meiner Komfortzone aus. Und sei es nur für einen Nachmittag!

 

Neid

Schon als kleines Mädchen habe ich gelernt, dass Neid von schlechtem Charakter zeugt. Ein guter Mensch freut sich über die Erfolge anderer.

Nun, ich bin kein guter Mensch. Ich bin neidisch.

Als Schülerin war ich neidisch auf meine Klassenkameradin Isabelle. Sie war hübsch, sie war beliebt und sie war  intelligent. Außerdem war sie freundlich, bescheiden und hilfsbereit. Und ich habe sie gehasst. Warum? Weil ich neidisch auf sie war. Sie war so selbstsicher, traute sich alles zu. Meldete sich im Unterricht, wurde zur Klassensprecherin gewählt und zeigte keine Scheu auch die coolsten Jungs anzusprechen. Ich selbst hingegen war schüchtern und unsicher und blieb lieber im Hintergrund. Dabei wäre ich so gern wie Isabelle gewesen. Doch das konnte ich mir nicht eingestehen, also  wandelte ich meinen Neid in Ablehnung um, machte sie schlecht, wo ich nur konnte, grinste hämisch, wenn sie mal keine Eins in Deutsch schrieb.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Ich habe sie seither nur einmal bei einem Klassentreffen wieder gesehen. Sie erschien in einem roten Kleid, selbstsicher und attraktiv. Aus ihr war eine erfolgreiche Anwältin geworden.  Es ließ mich kalt, denn in der Zwischenzeit war ich selbst erfolgreich in meinem Beruf und hatte enorm an Selbstwertgefühl gewonnen. Neid war mir fremd geworden. Dachte ich. Bis ich Natalja kennen lernte.

Natalja ist die Lebensgefährtin meines Schwagers.  Deutlich jünger als ich, schlank und sie weiß sich zu kleiden. Alles, was sie trägt, passt  perfekt zueinander und ist doch irgendwie originell und ein Hingucker. Obwohl sie nicht besonders hübsch ist, schafft sie es mit einem schicken Haarschnitt und geschicktem Make-up immer anziehend zu wirken.

Nataljas bastelt, malt und dekoriert mit Hingabe und  Geschick. Ihr Haus und ihr Garten sind geschmackvoll gestaltet und es ist stets gemütlich und aufgeräumt bei ihr. Neuerdings ist sie bei Facebook und Instagram aktiv und hat bereits hunderte von Fans. Ihre Fotos sind einfach schön.

Nun, eigentlich ist Natalja nett. Sie ist immer freundlich und macht kein Aufheben um ihre Talente. Trotzdem steht immer sie Mittelpunkt und alle Leute, mein Liebster eingeschlossen, sind stets bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Wenn wir gemeinsam ein Video gucken, dann ist es Natalja, die es aussucht und Nataljas Wunsch entscheidet, ob wir ausgehen oder zuhause essen.

Schon nach dem ersten Treffen entwickelte ich eine tiefe Abneigung gegen sie. Verspürte den Wunsch, alles, was sie tat, abzuwerten, ihr weh zu tun, sie links liegen zu lassen. Sah mich im Wettbewerb mit ihr, wovon sie selbst wohl gar nichts ahnte. Es war mein jüngerer Sohn, der mich, nachdem ich wieder mal ein paar bissige Bemerkungen über sie gemacht hatte, fragte, ob ich etwa neidisch auf sie sei.

Ja, und so ist es. Wider besseren Wissens  fühle ich mich neben Natalja klein und unbedeutend. Mein Haus und mein Garten erscheinen mir einfallslos und mein Beruf uninteressant. Es hilft nicht, wenn ich mir vor Augen halte, was ich in meinem Leben schon alles geschafft habe, dass ich „studiert“ bin und sie ungelernt, dass ich drei Sprachen spreche und sie nur ein bisschen holpriges Englisch.

Natalja hat etwas, worum ich sie zutiefst beneide: sie geht einfach davon aus, dass ihr alles, was sie tun möchte, gelingen wird. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass man ihr etwas abschlagen könnte und sie findet alles, was sie tut, gut und teilt es gern mit anderen. Sie findet nichts dabei, dass ihr Lebensinhalt aus Einkaufen, Kochen und Backen, Schmücken und Dekorieren besteht. Sie gibt unumwunden zu, nie ein Buch zu lesen und ist zufrieden, ein paar Stunden als Verkäuferin zu arbeiten. Sie strahlt eine tiefe innere Sicherheit aus und so ist sie es, die stets das bekommt, was sie möchte.

Wie gut, dass Natalja 2000 km von uns entfernt wohnt und ich sie höchstens zweimal im Jahr für ein paar Tage sehe. Dazwischen habe ich genug Zeit, meine Wunden zu lecken und mich von meinen Neidattacken zu erholen. Und ja, ich weiß, dass nicht der scheinbare Perfektionismus von Natalja, sondern meine eigenen „Baustellen“ Ursache dieses Neides sind. Denn, ganz ehrlich, eigentlich ist sie wirklich eine ganz Nette und manchmal mag ich sie sogar – bis sie wieder so einen perfekten Kuchen serviert oder alle ihre neusten Fotos loben…