Sonntagsgedanken

„Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf.“  (von Buddha)

Als ich aufwuchs, habe ich Hass nur aus Filmen gekannt. Ich hasste Pfefferminztee, Leberwurst und den Matheunterricht. Der Ausdruck ‚politisch korrekt‘ war noch nicht erfunden.

In Hanau, Paris, Halle, London, Berlin und an viel zu vielen anderen Orten auf der Welt sind Menschen durch Hass gestorben. Hass, der sich in Rassismus und Extremismus zeigt und zu Gewalt und Terror eskaliert. Ich sehe die Nachrichten und es erscheint mir unwirklich und bedrohlich. Immer mehr Menschen hassen genug, um andere zerstören zu wollen.

Hass, so lese ich, ist ein starkes Gefühl, das alles anderen Emotionen zum Schweigen bringt. Oft verbunden mit Wut, Aggression, tiefer Feindseligkeit und häufig begleitet von Ohnmachtsgefühlen. Oft entsteht er, wenn jemand seine Lebenswelt bedroht sieht. Manchmal scheint er aus dem Nichts zu kommen. Propaganda und Manipulation werden benutzt, um vorhandenen Frust gezielt auf andere Menschen und deren Religion, sexuelle Orientierung oder Herkunft zu lenken.

Hass begegnet mir nicht nur im Terror. Hass begegnet mir auch im Alltag, wenn Menschen angefeindet, ausgegrenzt, lächerlich gemacht oder gedemütigt werden, egal ob durch ein System oder einen anderen Menschen. Negative Erlebnisse bringen negative Gefühle hervor und führen im schlimmsten Fall dazu, dass aus einem friedlichen Menschen ein hassender Mensch wird. Ich habe Glück gehabt in meinem Leben, ich habe noch nie tiefen Hass empfunden.

Ich kann dem Hass entgegentreten und demonstrieren, dass ich Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Islamphobie nicht toleriere. Das ist wichtig und manchmal gar nicht so einfach. Ob ich wohl im richtigen Moment genug Zivilcourage habe?

Es muss doch möglich sein, Hass den Nährboden zu entziehen. Wenn Liebe Hass heilt oder gar nicht erst entstehen lässt, dann kann auch ich meinen Beitrag dazu leisten, dass es Liebe in der Welt gibt.

Liebe, damit verbinde ich Annahme, Mitgefühl, Toleranz und Geduld. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sie zeigt sich in vielen kleinen Gesten und Taten. Das weiß ich doch aus eigener Erfahrung. Wenn mich jemand anlächelt, dann fühle ich mich gleich ein bisschen besser. Ich weiß jetzt, dass der andere mich gesehen hat und mir wohlgesonnen ist. Eine Umarmung fühlt sich gut an und gibt mir Wärme und ein Lob, eine Ermutigung, ein Danke oder ein heißer Kaffee an einem kalten Tag heben noch über Stunden meine Stimmung. Das was mir gut tut, kann ich auch anderen geben. Liebe zeigt sich in meinem Tun und in meiner Haltung all meinen Mitmenschen gegenüber. Auch dem Raser, der mich auf der Autobahn erschreckt und dem Typen, der mir seinen Einkaufswagen in die Hacken schiebt.

Geduldig bleiben, Nachsicht üben, Mitgefühl zeigen, freundlich sein. Eine kleine Geste reicht ja für den Anfang. Positive Erlebnisse bringen positive Gefühle hervor.

Liebe nimmt Hass den Raum, das glaube ich fest. Wenn ich von Liebe erfüllt bin, mich geliebt und geborgen fühle in dieser Welt, dann habe ich einen guten Schutz gegen diejenigen, die mich zum Hass verführen wollen. Ich kann dem Hass entgegentreten, indem ich den Menschen in meinem Leben mit Liebe begegne. Nicht nur denjenigen, die ich sowieso aus ganzen Herzen liebe, sondern auch die anderen, die ich gar nicht kenne und die manchmal auch so ganz anders ticken als ich selbst. Ja, ich will es versuchen und Liebe geben, so gut ich nur kann.

Die dicke Frau im Spiegel

Einige Tage kreisten meine Gedanken fast nur um meine Gewichtszunahme. Ich mochte mich selbst nicht mehr, habe innerlich mit mir geschimpft und mich alt und hässlich gefühlt. In dem Moment, wo ich Trost und Ermutigung gebraucht hätte, habe ich mich mit Selbstvorwürfen und Abwertung bestraft.

Diese Phase ist vorbei.

Am letzten Wochenende übernachtete ich in einem Hotel. Im Badezimmer hing ein riesengroßer Spiegel, direkt gegenüber der Badewanne. Als ich aus der Wanne stieg, sah ich völlig unvorbereitet diese  Frau mit Dellen an den Schenkeln, ausladenden Hüften, einem hervorstehenden Bauch, großen Brüsten und schlaffen Oberarmen. Ich sah einen sehr weiblichen Körper mit einer Rubensfigur in XXL.

Vielleicht klingt es verrückt, aber in diesem Moment habe ich mich erstmals mit dieser Frau im Spiegel identifiziert. Ich habe mich gesehen, wie ich bin.  Bis dahin bestand mein Übergewicht aus den  Zahl auf der Waage.  Diese war mein Feind, die zu eng gewordenen Hosen, die XXL-T.Shirts, die Tatsache, dass kein Kleidungsstück meinen Bauch kaschierte, das war mein Übergewicht. Den Anblick im Spiegel hatte ich bis dahin immer schnell verdrängt, nackt hatte ich mich schon lange nicht mehr betrachtet.  Vor meinem inneren Auge sah ich noch aus wie früher.

Ein Freund von mir, Psychologe, hat einmal  gesagt, dass Übergewicht bei Kindern, insbesondere Jungs, den Wunsch spiegelt, endlich gesehen und anerkannt zu werden. 

An diesem Morgen empfand ich meinen Körper als Ausdruck von Bedürftigkeit, als Aufforderung, gesehen zu werden.  Ich   empfand Mitgefühl mit mir.

Auf der Arbeit und in der Familie nehme ich stets die Rolle der Starken ein. Das fällt mir nicht schwer, denn ich bin belastbar und ich mag gern für andere da sein. Aber so wie mein Körper immer „stärker“ und massiger wurde, so hat auch diese Rolle in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen. Seit meine Söhne das Haus verlassen haben, ist der Job zum Lebensinhalt geworden.  Dabei habe ich Freundschaften vernachlässigt und mich kaum noch mit Fragen außerhalb des Jobs beschäftigt. „Weibliche“ Themen, wie Mode und Deko ignoriert, Interessen nicht mehr verfolgt. Meine Welt ist klein geworden und ich lache viel zu selten.

Nun  verstehe ich mein  Übergewicht  auch als Folge und gleichzeitig als Sinnbild für ein Leben im Ungleichgewicht.

Die dicke Frau im Spiegel verdient es, mit liebevoller Fürsorge, Nachsicht und Geduld behandelt zu werden. Sie verdient es, viel Spaß haben, schöne Dinge zu unternehmen,  Freunde zu treffen  und die Fülle des Lebens zu genießen. Und damit sie dafür genügend Energie hat, wird sie sich weiterhin fettarm und gesund ernähren und sich viel bewegen.

Wer weiß, vielleicht verliert sie dann ja auch von ganz allein ein paar Pfunde 😉

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