Als ich heute Morgen mit meinem Hund spazieren ging,….

… die Sonne strahlte, die Vögel zwitscherten und mir gut gelaunte Menschen mit Brötchentüten entgegen kamen, ging es mir durch den Kopf, wie gut ich es eigentlich habe. 

  • seit 57 Jahren lebe ich in Frieden und kenne Krieg nur aus den Erzählungen meiner Großeltern und aus den Medien,
  • ich habe immer ein Dach über den Kopf gehabt und in einem warmen Bett geschlafen, friere nur, wenn ich mich zu dünn anziehe und kenne Hunger nur aus  Zeiten, als ich noch blödsinnige Hungerkuren machte  (z. B. die Sherry-Käse-Diät)
  • es gibt Menschen, die ich liebe, meine Söhne, ihre Freundinnen und meine bezaubernde Enkelin und meinen Partner
  • es gibt viele Menschen in meinem Leben, die ich mag und schätze, mit denen ich mich austauschen kann und die mein Leben bereichern,
  • ich durfte die Schule besuchen und die Universität abschließen und habe eine gute Bildung, die es mir erlaubt, einen Beruf auszuüben, den ich mag, und die mir hilft, mein Leben bewusst zu leben,
  • ich habe bislang alle Krisen gemeistert, egal, ob es wirtschaftliche Probleme waren, Scheidung, gesundheitliche Sorgen oder einfach nur Lebensfrust, und ich bin durch jede schwierige Zeit stärker geworden und habe daraus gelernt (hoffe ich jedenfalls :-))
  • Malen, Schreiben, im Garten arbeiten, mit dem Hund durch den Wald gehen, stricken, Zeitung lesen, mich mit Krimis gruseln, neue Rezepte ausprobieren, alte Filme gucken, Norwegisch lernen – es gibt viele Dinge, die ich gern tue, die mich interessieren und die mein Leben bereichern und ich habe die Möglichkeit, all das auch zu tun,
  • ich lebe in Freiheit, darf sagen und schreiben, was ich denke, darf reisen, wohin ich mag, kann selbst entscheiden, ob und wie viel ich arbeite, wie ich mich kleide und mit wem ich zusammen bin.

Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint und ich bin dankbar dafür.

 

Florian und Mark

Ich kenne Florian und Mark seit ihrer frühen Kindheit. Die beiden sind sich nie begegnet und es ist sicherlich nicht fair, ihren Werdegang zu vergleichen. Aber es macht mich nachdenklich zu sehen, wie unterschiedlich sich diese beiden jungen Menschen entwickeln.

Die Ehe von Marks Eltern war schon vor seiner Geburt instabil gewesen. Es gab finanzielle Schwierigkeiten und weil das Geld nie reichte, zog die Familie immer wieder um. Als Mark in der 2. Klasse war, trennten sich die Eltern und seine Mutter verliebte sich in einen Kollegen des Vaters und zog mit den Kindern zu ihm.

Ich habe von seiner Schwester erfahren, was Mark in den vergangenen Jahren erlebt hat. Der erste Lebensgefährte der Mutter prügelte diese regelmäßig krankenhausreif. Er wurde auch bei den Kindern handgreiflich, schloss sie ein und bedrohte sie. Von Mark verlangte er absoluten Gehorsam und Bestnoten in der Schule. Nachdem es der Mutter gelungen war, sich aus dieser Beziehung zu lösen, folgten eine Reihe anderer Lebensgefährten, die sie im Internet kennen lernte. Schon vor Marks Geburt missbrauchte sie Schmerzmittel und in den folgenden Jahren begann sie, Alkohol zu missbrauchen. Meist lebten Mark und sie von Sozialhilfe. Zwischendurch zog sie immer wieder um. Weder Marks Vater noch die Großmutter wussten zeitweise, wo sich Mark und seine Schwester sich aufhielten.

Der Zustand seiner Mutter verschlechterte sich kontinuierlich, sie magerte ab und verlor ihre Zähne. Wie so viele Süchtige leugnete sie ihren Zustand und fuhr fort, ihre Seele und ihren Körper mit Medikamenten, Alkohol, Zigaretten und ebenso kranken Männern zu zerstören. Mark war derjenige, der sich darum kümmerte, die Fassade nach außen aufrecht und die Wohnung sauber zu halten.

Marks Leben änderte sich, als seine Mutter in Beugehaft kam und vier Monate im Gefängnis blieb. Er lebt nun in einer Pflegefamilie, aber er hat wieder regelmäßig Kontakt zu seinem Vater und seinen Großeltern. In den letzten 12 Monaten hat er 20 kg abgenommen und er wirkt ausgeglichen und gesund.

Mark hat nur wenig Stabilität, Geborgenheit und liebevolle Zuwendung in seinem Leben erfahren. Er hat tiefe Wunden, ist viel zu ernst für sein Alter und ganz sicher wird er auch als Erwachsener noch mit den Folgen seiner Kindheit und Jugend kämpfen müssen. Er musste sehr früh nicht nur für sich, sondern auch für seine Mutter Verantwortung zu übernehmen. Aber ich bin zuversichtlich, dass er es schafft, denn Mark hat eine große innere Stärke gezeigt.

Obwohl er im täglichen Leben nur wenig Zuwendung und Unterstützung bekommen hat, hat er  es geschafft, jeden Morgen pünktlich aufzustehen und zur Schule zu gehen. Er ist auf einem Gymnasium und besucht die 11. Klasse. Er hat gute Schulnoten und viele Interessen. Er schreibt gern, er mag Musik und singt in einem Chor und er möchte etwas Naturwissenschaftliches studieren. In all dem Chaos um sich herum ist es ihm gelungen, sich selbst zu strukturieren und eine Lebensperspektive zu finden. Mir imponiert seine Zielstrebigkeit und seine Klarheit, aber auch sein freundliches und zugewandtes Wesen.

Auch Florian hat in seinem Leben viel Wechsel und Instabilität erlebt und wuchs überwiegend ohne Vater auf. Seine Eltern trennten sich gleich nach der Geburt. Als er drei war heiratete seine Mutter und Florian bekam eine Schwester. Nur wenige Jahre nach ihrer Geburt scheiterte auch diese Ehe. Ich lernte Florians Mutter im Kindergarten kennen, als unsere Kinder Freundschaft miteinander schlossen und ich habe bis heute Kontakt zu Karin.

Karin legte viel Wert darauf, ihre Kinder früh zu Selbständigkeit zu erziehen und ihnen Raum für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu geben. Sie setzte jedoch auch Grenzen und machte sich viele Gedanken über Erziehung und die Entwicklung ihrer Kinder.

Besuche bei ihr waren immer ein wenig chaotisch, denn sie konnte nicht lange still sitzen, stattdessen hatte sie immer wieder Ideen, was man noch schnell unternehmen könnte. Spontanität ist ihr bis heute wichtig.

Ihre Kinder waren gut in der Schule und unauffällig. Florian wusste stets, was grade angesagt war und gehörte eher zu den „cooleren“ Jungs auf dem Schulhof. Mit 15 begann er zu kiffen, mit 16 dealte er und als 17 war, traten Männer, denen er Geld schuldete, Karins Wohnungstür ein und bedrohten sie und ihre Tochter. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie jeden Einfluss auf Florian verloren.

Um sich und ihre Tochter zu schützen, besorgte Karin mit Hilfe des Jugendamts eine Jugendwohnung für Florian. Sie hielt engen Kontakt zu ihm, aber er war von nun an selbst dafür verantwortlich, seinen Alltag zu regeln.

Seither ist es mit ihm bergab gegangen.

Er schmiss die Schule. Karin besorgte ihm einen Platz auf der Berufsschule. Er schmiss die Berufsschule. Karin setzte alle Hebel in Bewegung, um ihm eine zweite Chance zu verschaffen. Er bekam sie, aber brach die Schule wieder ab. Karin besorgte ihm über Beziehungen einen Ausbildungsplatz. Nach einigen Monaten ging er nicht mehr hin.

Inzwischen hat Florian etliche Berufsvorbereitungsjahre, Praktika, Berufsschulbesuche und 1-Euro-Jobs hinter sich. Es ist ihm nicht gelungen, irgendetwas durchzuhalten. Er ist mittlerweile 26 und lebt in einer winzigen Wohnung. Die Tage verbringt er mit Computerspielen und Bier trinken. Karin sieht es als Erfolg, wenn es ihr gelingt, ihn zu einem Spaziergang zu überreden oder ihn auf eine Familienfeier mitzunehmen.

Was ist mit Florian geschehen? War er mit der Selbstständigkeit überfordert? Fühlte er sich ausgeschlossen von der engen Beziehung, die Karin zu ihrer Tochter hat? Fehlte ihm eine konstante männliche Bezugsperson? Cannabis kann böse Auswirkungen auf die Psyche haben. Vielleicht ist Florian krank, leidet an Depressionen, die seinen Antrieb mindern und ihn die Welt als sinnlos erleben lassen.

Florian gilt jetzt als erwachsen, aber er verweigert die Teilnahme am Leben, so wie es als „normal“ gilt. Einzig das Jobcenter kann noch „Druck“ auf ihn ausüben und ihn zu Maßnahmen und Arbeitsgelegenheiten zwingen. Solange er keine Hilfe sucht, wird er keine mehr bekommen. In den Augen vieler Menschen ist er ein „Loser“, ein Langzeitarbeitsloser, der nichts auf die Reihe kriegt. Ich selbst sehe ihn noch als aufgeweckten, fröhlichen 10-jährigen, der mit dem Skateboard durch die Gegend flitzte und Grafiker werden wollte. Und ich bin genauso ratlos wie Karin und alle anderen. Florian wird selbst den Wunsch entwickeln müssen, sein Leben ändern zu wollen. Oder ist er vielleicht doch ganz zufrieden in seiner Welt?

Warum ist Mark trotz seiner schwierigen Lebensbedingungen zu einem Menschen herangewachsen, der sich Ziele setzt, Interessen entwickelt und Kontakte pflegt? Waren es die zwar kurzen, aber regelmäßigen Kontakte zu seinem Vater und den Großeltern? War es die Zuwendung seiner großen Schwester, die ihm den notwendigen Halt gab. Das Vorbild seines älteren Bruders, der früh das Elternhaus verließ und heute ein im Beruf erfolgreicher Familienvater ist? Waren es die ersten Lebensjahre, die noch relativ stabil waren? Oder war es die Schule, durch die sich ihm andere Welten erschlossen und wo er Bestätigung und Selbstwertgefühl entwickeln konnte?

Es gibt viele Untersuchungen und Theorien darüber, was einen Menschen innerlich stark macht. Dazu gehören enge emotionale Beziehungen, positive Erfahrungen mit Menschen, die dem Kind vermitteln, wie man mit Gefühlen und Konflikten umgeht und die es respektieren und annehmen sind ein wichtiger Faktor. Ein Umfeld, das sicher und stabil ist, begünstigt sicherlich auch emotionale Stabilität.

Die genetische Veranlagung spielt ebenfalls eine Rolle. Manche Menschen sind leichter verletzbar als andere und manche Menschen haben ein höheres Risiko psychisch zu erkranken, als andere.

Ob wir in ein für unsere Entwicklung förderliches Umfeld hineingeboren werden oder nicht, können wir nicht beeinflussen. Während wir heranwachsen müssen wir jedoch nach und nach lernen, die Verantwortung für uns und unser Leben selbst zu übernehmen. Mark hat dies zu früh und ohne viel Unterstützung getan, Florian hat sich diesem Schritt verweigert. Er wird weiterhin versorgt, teils durch seine Mutter und überwiegend durch staatliche Hilfen. Ich fürchte, es wird einfacher sein, Mark jetzt noch eine unbeschwerte und schöne Jugendzeit zu schenken, als Florian zum Erwachsenwerden zu führen.