Das Leben mit Theo geht weiter

Die ersten Tage, die ich mit Theo verbrachte, waren voller Unsicherheit. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, weil ich Angst hatte, dass etwas passieren könnte. Ich fühlte mich komplett für sein Wohlergehen und seiner Sicherheit verantwortlich. Da ich ihn kaum kannte, wusste ich nicht, was ich ihm zutrauen kann und ließ ihn keine Minute aus den Augen. Da er mir sehr dünn und ausgemergelt erschien, setzte ich alles daran, ihn möglichst gesund zu ernähren und zum Trinken zu bewegen. Ich schmierte seine Brote, stellte ihm geschältes Obst vor die Nase und drängte ihn, die Teetasse zu leeren. Mein Mann und ich verbrachten Stunden damit, immer wieder den gleichen Geschichten von früher zu lauschen.

Anfangs schien Theo die Aufmerksamkeit zu genießen. Nach ein paar Tagen begann er, seine Frau zu vermissen. Immer wieder verließ er das Haus, um sie zu suchen. Mein Mann und ich machten uns Sorgen, dass ihm draußen was passieren könnte. Zweimal brachten Nachbarn ihn nach Hause, weil er ziellos herumirrte. Wir versuchten, ihn noch mehr zu kontrollieren,  ihn immer im Blick zu haben, ohne dass er es bemerkte.

Theo zeigte bald Anzeichen dafür, dass unsere Anwesenheit im Haus ihn störte. Er schimpfte, wenn das Essen nicht so war, wie er es gewohnt war. Das Bellen unseres Hundes störte ihn und er ließ uns immer wieder wissen, dass er gesund sei und allein zurecht käme. Diese Phasen wechselten mit Stunden, in denen er uns nicht von der Seite wich, in denen es unmöglich schien, zu lesen, miteinander zu reden oder den Haushalt zu machen. Unentwegt sprach Theo uns  an, stand alle paar Minuten vor uns und wir fühlten uns verpflichtet, jedes Mal auf seinen Wunsch nach Aufmerksamkeit einzugehen.

Für mich war die Situation einfacher, denn den größten Teil des Tages verbrachte ich auf der Arbeit. Mein Mann war in dieser Zeit mit Theo allein und nach einer Woche komplett überfordert. Nun verbringt er die Wochenenden in unserem eigenen Haus, um ein bisschen Zeit für sich und Abstand zu Theo zu finden.

Mir half eine Broschüre über Demenzerkrankte, die mir eine Kollegin gab und die Tipps von Erdbeermüsli. Ich hörte auf, ihm die Brote zöpft ist, springe ich nicht mehr auf, um es „ordentlich“ zu machen. An guten Tagen lasse ich ihn auch einmal eine Stunde allein zuhaus, an schlechten Tagen, an denen er mit mir schimpft und mich verdächtig, ihn zu berauben, sage ich mir, dass hier die Krankheit und nicht Theo spricht.Gestern ist Theo durchs Haus gewandert, saß mal hier und mal dort, döste oder guckte Fernsehen. Zwischendurch wechselten wir ein paar Worte. Die Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam ein und er hat dann meine/unsere volle Aufmerksamkeit.

Ich war bei einer Beratungsstelle und Theo wird eine Pflegestufe bekommen und ist für die Tagespflege angemeldet. Alma ist jetzt aus dem Krankenhaus entlassen und bis zu ihrer vollkommenen Genesung in einer Pflegeeinrichtung.  Wir wissen, dass wir langfristig für Theo und sie eine Lösung finden müssen und informieren uns weiter über Betreuungsmodelle für Demenzkranke.

Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich wieder mein eigenes Leben aufnehme. Natürlich hat sich auf der Arbeit nichts geändert, aber ich beginne meinen Garten, die Landschaft um unseren Ort, mein Zimmer, meine Filme und meine Gewürze zu vermissen. Theo möchte jeden Tag Kartoffeln, Soße und Fleisch und wird sehr ungehalten, wenn er dies nicht bekommt, sodass ich mich zurzeit auch ganz anders ernähre als sonst. Bin gespannt, was meine Waage zuhause sagt.

Selbstmotivation

Da es mit dem Abnehmen bei mir nicht so richtig vorangeht, stelle ich mir die Frage, was mich eigentlich zum Abnehmen motiviert.  Mein Hausarzt möchte, dass ich abnehme, weil er die Gefahr von Arterienverkalkung und Diabetes Typ II im Anmarsch sieht. Mein Orthopäde möchte, dass ich abnehmen, weil jedes Gramm zuviel meine Arthrose verschlimmert.

Beide haben gute Argumente und  ich stimme ihnen zu. Ich sollte leichter sein und mehr an meine Gesundheit denken.

Gewichtsverlust bringt auch noch weitere Vorteile:

  • die Auswahl an schöner Kleidung ist wesentlich größer
  • ein bestimmter Typ von Verkäuferin (schlank, modisch gekleidet) behandelt einen wie einen Kunden und nicht wie ein lästiges Objekt
  • im Flugzeug (Billigflieger) passt man in die Sitze, ohne das es an den Hüften drückt.
  • man kann sich einen großen Eisbecher bestellen, ohne das Gefühl zu haben, dass alle um einen herum denken „typisch, die Dicke da, kann man mal wieder sehen, woran es liegt…“
  • man muss sich keine blöden Kommentare von Brüdern („du hast ja einen ganz schönen Dragonerarsch gekriegt“), Schwägerinnen („was machst Du, seit Du nicht mehr rauchst, nur noch Schokolade essen…?“) und sonstigen gehässigen Zeitgenossen anhören.

Nun, an den meisten Tagen stehe ich über diese hämischen Kommentare, diesem Verkäuferinnentyp bin ich wahrscheinlich intellektuell weit überlegen, was Fremde über mich denken, tut mir nicht weh und Fliegen tu ich höchstens einmal im Jahr. Die schlechte Auswahl an Kleidung nervt, aber ich hab grad gestern gesehen, dass in unserer Kreisstadt ein neuer Laden mit Kleidung Größe 42 – 60 geöffnet hat.

Nein, diese äußeren Dinge sind es nicht.

Ich war auch schon oft genug schlank , um zu wissen, dass Größe 38/40 mein Leben nicht wie von Zauberhand spannender, aufregender, erotischer oder glücklicher macht.

Also, was motiviert mich dann?

Zuerst kommt mir da das Aussehen in den Sinn. Ich kann den Dellen an meinen Oberschenkeln, meinem Doppelkinn, den Wurstfingern  und vor allem meinem Bauch, der sich mir beim Bücken in den Weg stellt, einfach nichts abgewinnen. Ich kann meine Zehen nicht sehen, wenn ich an mir herunterschaue. Ich sehe mir diesen dicken, schwabbeligen Bauch an und er kommt mir vor wie ein Fremdkörper. Das bin nicht ich!!!

Wenn ich ein Stück weiter in mich hineinhorche, dann spricht mein Selbstgefühl zu mir. Mein Selbstbild hat sich meinem Gewicht angepasst. Ich sehe mich selbst als eine Art Übermutter. Immer stark, immer verfügbar, immer gelassen. So, wie andere mich gern haben. Aber dafür ist ein anderer Teil von mir verschwunden. Der Teil, der die Welt erobern wollte, der Teil, der sich auf neue Menschen gefreut hat, der immer hinzu lernen wollte, der sich für ungewöhnliche Gedanken und Menschen begeistern konnte. Der immer wieder Neues ausprobiert hat. Sich gern bewegt und in Bewegung war. Statt dessen ist die Bequemlichkeit in mein Leben gekrochen. Fernsehabende bei einem Glas Rotwein und Chips, Fahrten mit dem Auto statt mit dem Fahrrad, Grillen im Garten, Feste für die Familie ausrichten, Woche für Woche die gleichen Routinen. Und auf der Arbeit immer die Gelassene, Starke, diejenige, die immer hilft, aber eben auch schon seit fast 20 Jahren da ist, alles kennt, eben die Konservative, die die Jungen bremst.

Ich mag diese „Bequeme“ nicht. Und mein Gewicht erscheint mir oft wie ein Stein, der mich in dieser Rolle hält. Der mich runterzieht, mich nicht vom Sofa hochkommen lässt. Mein Fett als Schicht, die meine Wut im Zaum hält, meine Energie in mir gefangen hält.

Die Bequemlichkeit fühlt sich gut an. Sie ist verführerisch. Die Fernsehabende sind gemütlich, alle essen gern, was ich koche. Auf der Arbeit, und nicht nur dort, bewahre ich die Harmonie. Bin so auch für alle um mich herum bequem.

Und hier ist mein Motiv. Ich möchte wieder in Bewegung sein. Mich nicht mehr beschweren. Nicht mehr nur bequem sein.

Wenn ich zuviel esse, erscheint mir das Sofa als schönster Ort der Welt. Aber das eigentlich Leben zieht an mir vorbei.

Wenn ich zuviel esse, dann schlucke ich  Ärger und Wut, Müdigkeit und Enttäuschung  herunter.

Wenn ich zuviel esse, dann betäube ich Bedürfnisse, deren Erfüllung Veränderungen und Handeln von mir verlangen.

Ich esse mehr als ich brauche, weil ich mir das, was ich wirklich brauche, nicht zugestehe. Der Gewichtsverlust, das Abnehmen, sind also nur Nebeneffekte bei dem Streben Bequemlichkeit durch Leben zu ersetzen. Oder, anders ausgedrückt: Selbst-erfüllung statt Selbst-befüllung.

Leben tut gut

„As long as I focused on what I wasn’t getting from life, I couldn’t think about what I could give, thereby closing myself off from life“

Übersetzt in etwa: „Solange ich meine Aufmerksamkeit nur auf das richtete, was ich vom Leben nicht bekam, konnte ich nicht darüber nachdenken, was ich geben könnte und schloss mich so vom Leben aus“

Diesen Satz habe ich irgendwann vor langer Zeit notiert und heute morgen beim Durchsehen alter Tagebücher zufällig wieder gefunden. Ich glaube, er stammt von einer ehemaligen Patientin, die ich während eines Auslandjahres kennen gelernt habe.

Dieser Satz  beinhaltet einen Schlüssel zur Lebenszufriedenheit.

Bis vor einigen Monaten hatte ich immer mal wieder mit richtig heftigen Stimmungsschwankungen zu tun. Wenn das Stimmungsbarometer unten war, habe ich mich in eine jammernde, selbstmitleidige Egozentrikerin verwandelt, deren Gedanken nur noch darum kreisten, wie ungerecht und schlecht sie doch vom Leben behandelt wird. Ein Wunder, dass meine Freundinnen, die sich meine Klagen anhören mussten, heute noch  mit mir sprechen.

Ich konnte all die guten Dinge um mich herum nicht mehr erkennen. Nur auf der Arbeit fühlte ich mich wohl, dort konnte ich mich selbst vergessen und das Elend meines eigenen Lebens verdrängen. Allerdings wurde ich auch da zum richtigen Stinkstiefel, denn ich entwickelte die latente Haltung, dass nur ich, und einzig ich, wüsste, wie die Abläufe zu sein haben, wie es richtig geht. Alle anderen waren unfähig in meinen Augen.

In diesen Phasen war ich, so denke ich heute, sehr nahe daran, eine fette Depression, oder Neudeutsch, einen Burn-out, zu entwickeln. Auf jeden Fall war ich vom Leben ausgeschlossen, denn nichts war gut genug, und  als Opfer wartete ich nur darauf, dass andere endlich für mein Lebensglück sorgen.

Der Spuk nahm ein Ende, nachdem ich unsere Stromrechnung erhielt. Ich bin fast ausgerastet. Nachzahlung, trotz Befolgen aller verfügbaren Tipps zum Stromsparen. Ich hab zum Telefonhörer gegriffen, die arme Frau im Callcenter wüst beschimpft, denn das könne ja wohl nur ein Fehler sein, und bin dann heulend zusammengebrochen. Habe den ganzen Abend und geheult und bin am nächsten Tag  zum Arzt marschiert und hab mich zwei Tage krank schreiben lassen.

Habe die zwei Tage genutzt, um tief in mich zu gehen und zu gucken, was da eigentlich mit mir geschieht. Bin spazieren gegangen, habe viel geschlafen, mein Tagebuch gelesen. Erschrak dabei über meine selbstzentrierte und arrogante Haltung.

Der kleine Zusammenbruch, der durch die Stromrechnung ausgelöst wurde, hat mir geholfen, wieder klar zu sehen. Damit das so bleibt, habe mir im Internet ein  Präparat mit Extrakten der Traubensilberkerze und Johanniskraut bestellt, das mir über meine hormonellen Stimmungsschwankungen gut hinweg hilft.

Ich habe aufgehört, nur um mich und all die Dinge, die nicht so sind, wie ich sie mir mal erträumt habe, zu kreisen. Statt dessen bin ich wieder in der Lage, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Mir ist wieder bewusst, dass ich nur ein Teil eines Ganzen bin und das der Stau am Morgen sich nicht gegen mich persönlich richtet. Ich bin wieder aktiv und richte meine Gedanken wieder darauf, welchen Beitrag ich dazu leisten kann, dass das Leben für alle, einschließlich meiner selbst, gut ist. Statt die vermeintliche Unfähigkeit meiner Mitarbeiter zu bemängeln, lobe ich ihre guten Leistungen und überlege, was ich tun kann, um sie zu fördern und den drei Neuen, die wir haben, das „Handwerk“ beizubringen.

Ich mache Pläne, wie ich unser Haus in eine Wohlfühloase verwandeln kann, statt mich über das öde Leben in der Provinz zu beklagen und ich rufe meine Freundin an, um sie zu fragen, wie es ihr geht und was aus diesem oder jenem geworden ist, statt auf ihren Anruf zu warten und ihr dann die Ohren vollzujammern.

Und das Leben macht so wieder Spaß. Ich bin wieder aktiv. Ich agiere statt zu reagieren. Ich sehe wieder die vielen positiven Dinge in meinem Leben und freue mich über sie.

Der Trick besteht darin, nicht dem hinterher zu trauern, was wir nicht haben, sondern zu schauen, was wir aus dem, was wir haben, machen können.

Und das war jetzt die Predigt zum Montag 🙂