Liebe Martina (4)

Liebe Martina,

ich hatte Dir ja im letzten Brief erzählt, dass ich wegen diesem Leberfleck irrationale Angst bzw. geradezu Panik hatte, meine Gedanken immer wieder um die Frage kreiste, was ist, wenn….Ich traute mich nicht mal Pläne für die nächsten Wochen zu machen, weil ich mich schon im Krankenhaus und dahinsiechend sah.   Als ganz junge Frau hatte ich auch schon mal solche eine Phase. Damals hatte ich riesige Angst, Lymphdrüsenkrebs zu haben. Ein Schulkamerad von mir war daran erkrankt, und ich habe damals ständig alle Lymphknoten abgetastet und sie kamen mir immer zu groß vor. Außerdem hatte ich immer einen Kloß im Hals und Angst, zu ersticken. Ich war ständig beim Arzt, der natürlich nie was finden konnte. Damals, in den 70iger Jahren, war Psychosomatik noch kein so bekannter Begriff, mein Hausarzt verschrieb mir irgendwann Beruhigungsmittel, ich machte Abitur, zog aus der Kleinstadt heraus und vergaß diese Episode in meinem Leben.

Vor kurzem hatten wir eine Patientin mit einer Angststörung, die sich auf Krankheiten bezog. Sie litt an schwerer Hypochondrie. Ständig erlitt sie Schwindelattacken, hatte Herzrasen, einen Kloß im Hals, Schmerzen am ganzen Körper. Immer wieder neue Symptome. Mindestens zweimal im Monat rief sie den Notarzt, weil sie Angst hatte, einen Herzinfarkt zu erleiden. In der einen Woche suchte sie vier verschiedene Ärzte auf: Allgemeinmediziner, Internist, HNO-Arzt, Urologe. Wenn ein Arzt nichts fand, suchte sie einen neuen auf. Wir haben diesen Fall bei unserer Supervision vorgestellt. Ergebnis in Kurzform: Ängste vor Krankheiten dienen häufig dazu, eine überwältigende Angst vor der Auflösung abzuwehren. Angst ist leichter zu bewältigen, wenn sie sich auf etwas richtet, z. B. Angst vor einer Krankheit, als wenn einfach nur Angst da ist, die sich auf nichts oder auf die Auflösung des Selbst richtet.  Logisch, nicht wahr? Wenn ich Angst vor Krankheiten habe, kann ich mich informieren, kann ich zum Arzt gehen, Medikamente nehmen, werde Patient, werde versorgt, kann mich entlasten. Da aber nicht die vermeintliche Krankheit das Problem ist, sondern eine unbestimmte Angst für die es im Hier und Jetzt keine Gründe gibt, hilft es der Betroffenen nicht, wenn der Arzt ihr bescheinigt, kerngesund zu sein. Entweder findet sie Gründe, warum der Arzt sich getäuscht hat und  sie sucht weitere Ärzte auf oder sie entwickelt neue Symptome.

In so einem Fall wünscht man sich die elektronische Gesundheitsakte, denn jeder Arzt, den sie aufsucht, fängt wieder bei Null an, macht aufwändige Untersuchungen und kann doch nicht helfen.

Ähnlich ist es auch mit Zwängen. Durch Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken („Was, wenn ich jemanden im Schlaf töte ohne es zu merken“) werden ebenfalls Ängste abgewehrt. Hier, so unser Supervisor, allerdings häufiger Ängste, die aufgrund von Autonomiekonflikten entstehen, also einerseits der Wunsch nach Nähe/Verschmelzung und andererseits der Wunsch nach Abgrenzung und Autonomie, wie er bei der Ablösung von den Eltern entsteht. Anders als die Hypochonder verheimlichen diese Menschen ihre Symptome. Sie stehen um vier auf, um ihre Rituale machen zu können. Wir hatten mal eine Patientin, die ist jeden Morgen um 04.00 Uhr aufgestanden, um ihre Rituale ausführen zu können. Diese bestanden aus Waschzwängen, Zählzwängen und dem Drang, sich vor Verlassen des Hauses bis zu zwanzig Mal zu vergewissern, dass alle Elektrogeräte ausgeschaltet, die Fenster verschlossen und die Wasserhähne zu waren. Es gelang ihr aber immer, pünktlich auf der Arbeit bzw. bei uns zu erscheinen, aber die arme Frau war natürlich fürchterlich müde und überfordert. Die Zwänge haben ihr Leben total bestimmt und auf der Arbeit kam sie auch nicht zurecht, weil sie sehr perfektionistisch war, hohe Ansprüche an sich hatte und so jeden Arbeitsschritt dreimal kontrollierte, um sicher zu sein, dass alles perfekt ist. Das war es dann auch, aber sie brauchte dreimal so lange für jeden Arbeitsschritt wie die anderen, was zu Konflikten am Arbeitsplatz führte, die schließlich in ihrem kompletten Zusammenbruch endeten. Eigentlich aber gut für sie, weil sie nun endlich Hilfe erhielt.

Die Leute, die „nur“ Zwangsgedanken haben, schämen sich oft, weil diese oftmals so furchtbar aggressiv oder gewalttätig erscheinen („was, wenn ich mein Baby aus dem Fenster fallen lasse“, „was, wenn ich den Radfahrer vorhin umgestoßen habe“). Der Betreffende hat natürlich nicht die Absicht, Radfahrer oder sein Baby zu verletzen, im Gegenteil!  Aber es besteht ein innerer Konflikt, der sich durch die Gedanken, die sich einfach aufdrängen, äußert. Und natürlich kommen zu dem inneren Konflikt noch genetische Faktoren, umweltbedingte Faktoren usw. zusammen. Aber es ist schon fies, was es alles so an Erkrankungen gibt, die einem das Leben vergällen können.

Das ist natürlich alles reichlich kurz und platt beschrieben und jeder Patient hat seine ganz eigene Variante dieser Angststörungen. Aber mir ist bei der Supervision schlagartig klar geworden, dass auch ich ziemlich kurz davor war, als junges Mädchen eine Angststörung zu entwickeln.

Du kennst mich ja, Martina, ich gehöre ohnehin zu den ängstlicheren Zeitgenossen. Ich fliege nur ungern, mag mich keiner Achterbahn ausliefern und steuere das Auto am liebsten selbst. Ich gehe immer gleich vom Schlimmsten aus und entwickle viel Phantasie, wenn ich mir Katastrophenbilder ausmale. Zum Glück habe ich gelernt, damit umzugehen. Einen inneren Dialog zu führen, in dem ich wie eine Mutter mit mir spreche. Meine Angst annehme, statt sie wegzudrücken, mir dann aber  Mut mache, Fakten aufzähle und mich selbst an die Hand nehme, um trotz Ängste, das zu tun, was anliegt. Beim Fliegen denke ich immer an das Bordpersonal und die Piloten, die das Fliegen zu ihrem Beruf gemacht haben. Das würden sie sicherlich nicht tun, wenn sie in Gefahr wären, durch ihren Beruf ihr Leben zu verlieren.

Je mehr wir Dinge vermeiden, also aus Angst nicht tun, desto mächtiger wird die Angst. Die Angst, das ist das kleine Kind in uns, das sich nun statt Monster unter dem Bett Flugzeugabstürze oder Riesenblamagen ausmalt. Wer Kinder hat, weiß, dass man die Monster ernst nehmen muss, denn für das Kind sind sie real und lassen sich nicht weg reden. Man muss schon unter das Bett gucken und wenn die Angst bleibt, muss der mächtige Erwachsene ein Mittel finden, die Monster fernzuhalten. Ein Licht vielleicht oder ein Zauberspruch unter dem Bett. Wir müssen trotz Angst unsere Reisen machen, Herausforderungen annehmen, Vorträge halten. Geben wir der Angst nach, versäumen wir unser Leben.

Also, liebe Martina, solltest Du Dich dazu entschließen, in Chile zu bleiben, musst Du Dich auf einen Besuch von mir einstellen – trotz Flugangst 🙂

Liebe Grüße,

Deine Trina

 

Mein Leben als Ja-Sager

Ihr ahnt es sicher schon, ich habe irgendwann vor ganz vielen Jahren einmal eine Therapie gemacht. Die wichtigste Erkenntnis, die ich daraus gewonnen habe, ist, dass ich erst dann beginne, mich zu verändern, wenn ich aufhöre, mich für meine Schwächen fertig zu machen und diese zu bekämpfen. Solange ich mit meinen Schwächen ringe, mich jedes Mal abwerte, wenn ich einen Kampf verloren habe, ändere ich mich nicht, sondern sorge nur dafür, dass mein Selbstwertgefühl und meine Selbstachtung weiter sinken.

Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Glaubenssätze, die wir über Jahre verinnerlicht haben, legen wir nicht über Nacht ab.

Der erste und wichtigste Schritt nach der Selbsterkenntnis besteht darin, mich so anzunehmen, wie ich bin. Mir klar zu machen, dass ich genau so, wie ich bin, ein liebenswerter Mensch bin. Ein liebenswerter Mensch, der genau wie alle anderen Menschen Schwächen hat und an eigene Grenzen stößt. Nicht nur mir fällt das ‚Nein-Sagen‘ schwer, im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen kennen gelernt oder beobachtet, denen ein ‚Nein‘ nur schwer über die Lippen kommt. Ich bin mit meiner Schwäche nicht einzigartig.

Seit ich mich als  Ja-Sager oder Geber akzeptiere, geht es mir besser. Wenn ich ‚Ja‘ sage, obwohl ein ‚Nein‘ durchaus in meinem Interesse wäre, weiß ich, was ich da tue und warum. Ich mache es mir nicht zum Vorwurf, wenn ich ‚Ja‘ gesagt habe, obwohl ich mir eigentlich ein ‚Nein‘ vorgenommen hatte, sondern nehme einfach an, dass in diesem Moment meine Stärke nicht ausgereicht hat. Beim nächsten Mal werde ich es besser hinkriegen. Und dann gucke ich, wie ich das Beste aus der Situation, die ich durch mein ‚Ja‘ hervorgerufen habe, machen kann. Nachdem ich der Kollegin Vortritt beim Urlaub gelassen hatte, machte ich mir klar, wie schön es ist, an dem Tag nicht mit ihr arbeiten zu müssen und dann freute ich mich auf den freien Tag in der Woche darauf.

Wenn ich um der Harmonie willen ‚Ja‘ sage, sehe ich zu, einen Ausgleich zu finden.

Ich kann gut damit leben, nicht zu der Gattung der scheinbar so selbstbewussten Menschen zu gehören, die sich vermeintlich immer durchzusetzen, jeden Konflikt sofort ansprechen, und sagen, was ihnen nicht passt. Ich habe gelernt, ‚Nein‘ auf meine eigene Weise zu sagen.

Ich richte meine Aufmerksamkeit und Energie darauf, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich wohl fühle und mich gut entwickeln kann. Dazu gehört es, Menschen zu meiden, die mich ausnutzen möchten und Menschen zu meiden, die ich als anstrengend und unangenehm empfinde. Ich übe, mit mir selbst in Kontakt zu sein. Inne zu halten und in mich hineinzuhorchen, wie es mir geht, was ich brauche, wie ich mich fühle, was ich will. Ich nehme mir ganz bewusst Zeit für mich selbst, um diesen Kontakt zu halten und mir meiner-selbst-bewusst zu werden. Das ist so wichtig, weil Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückstellen, sich selbst in ihrer Rolle verlieren. Wenn ich erkenne, wo meine Grenzen sind, dann weiß ich auch, wann ein ‚Nein‘ angesagt ist.

Ich habe auch gelernt, mit Schuldgefühlen umzugehen. Das Gefühl, nicht nur gebraucht, sondern für das Wohlergehen anderer verantwortlich zu sein, ist eine Facette des Größenwahns. Die meisten Menschen können sehr gut auf sich selbst achten (Kinder sind hier ausgenommen!). Schuldgefühle können entstehen, wenn uns früh vermittelt wurde, dass unser Verhalten für die Wut, Trauer oder schlimme Ereignisse ursächlich ist. „Mama wird ganz traurig, wenn du nicht aufisst“ oder „ich trinke, weil Du mich so unter Druck setzt“.

Ich mache mir immer wieder deutlich, wofür ich verantwortlich bin, nämlich meine Gedanken, meine Gefühle und wie ich mit ihnen umgehe, also für mein Verhalten. Der andere wiederum ist für seine Gefühle, Gedanken und Handlungen verantwortlich. Häufig haben wir Angst vor einem ‚Nein‘, weil wir in Gedanken schon die Gefühle des anderen vorwegnehmen. Dabei entscheidet doch unser Gegenüber, wie er mit unserem ‚Nein‘ umgeht. Wie er mit seinen Gefühlen umgeht, ist sein Sache. Unsere Sache ist es, dafür zu sorgen, dass wir im Gleichgewicht sind, dass wir gut zu uns sind und gut für uns sorgen. Dann wächst unser Selbstwertgefühl und unser Selbstbewusstsein und das ‚Nein-Sagen‘ fällt uns immer leichter.

Wenn ein großes ‚Nein‘ ansteht, dann hilft es oft, sich das schlimmste auszumalen, das passieren kann. Wird der andere uns verlassen? Nie wieder mit uns sprechen? Schlecht über uns reden? Und wie will ich dann damit umgehen bzw. weiterleben.

Es sind unsere „Kinderängste“ die da sprechen, in der Realität passiert meist nichts dergleichen. Im schlimmsten Fall ist jemand ein bisschen verstimmt. Es ist unwahrscheinlich, dass andere Menschen uns ablehnen, weil wir ihre Wünsche oder Erwartungen nicht erfüllen können. Schließlich tun wir ihnen nichts Böses, wir vertreten lediglich unsere eigenen Interessen und das ist das Recht eines jenen.

Im Berufsleben übrigens, führt ein ‚Nein‘ oft dazu, dass wir mehr respektiert werden. Der andere weiß dann, dass wir uns nicht alles bieten lassen.

Ein ‚Nein‘ darf durchaus auch nett verpackt sein. „Ich würde dir da wirklich gern entgegenkommen, aber mein Schreibtisch ist schon übervoll, da kann ich Dir leider nicht helfen.“

Ansonsten gibt es nur eine Möglichkeit, das ‚Nein-Sagen‘ zu erlernen: üben, üben, üben. Die feuchten Hände und das Herzklopfen akzeptieren, die Angst überwinden und das Wort ‚Nein‘ oder seine Umschreibungen „das geht jetzt leider nicht“, „da kann ich leider nicht weiterhelfen“, „das passt mir leider grade gar nicht“  usw. äußern. Hinterher sich ganz doll für seinen Mut loben und sich dann erlauben, sich über den Erfolg von ganzem Herzen zu freuen.

Meistens klingen die ersten ‚Nein‘ ein wenig leise und zaghaft, aber es wird besser. Am besten übt man erst mal dort, wo es einem nicht ganz so schwer fällt und steigert dann die Schwierigkeitsstufe. Es braucht Zeit, das ‚Nein‘ sagen zu lernen, aber mit ständigem Üben wird es besser.

Und wenn es nicht geklappt hat? Der Drang ‚Ja‘ zu sagen, übermächtig war? Dann bloß nicht mit sich selbst schimpfen, sondern sich Mut machen: beim nächsten Mal wird es besser laufen. Dann, wenn möglich, gucken, wie man aus der Situation trotzdem das Beste machen kann oder, wenn es sehr schmerzt, sich hinterher etwas Gutes tun und liebevoll mit sich selbst umgehen.